Wirtschaft
anders denken.

Hierarchie der Gebrechen

27.02.2021
Leerstand in der Kleinstadt: Eine besprühte Wand mit Loch in der MitteBild von Peter H auf Pixabay

Kleinstadtbeobachtungen über Benimmregeln, Gartentrends und die friedliche Koexistenz von Skandal und Normalität. Teil 16 des Corona-Tagebuchs.

Ein zur Pendler-Kleinstadt mutiertes Dorf am Niederrhein: Kindheitsort, an dem jetzt die Eltern alt sind. Genau wie die Eltern vieler anderer, mit denen damals Jugend geteilt wurde. Deshalb kommt es zu Situationen, für die es keine Benimmregeln gibt. Begegnet ein Mann mit „Seniorenmobil“ auf einem zu schmalen Gehweg einer Frau mit Rollator. Wer lässt jetzt wen vor? Seine alte Schule sagt: Damen zuerst. Sie könnte denken: Alter vor Schönheit. Die Verkehrsregeln geben vor, dass Fußgänger auf dem Fußweg Vorrang haben, aber der normalmenschliche Anstand gebietet, dass nicht auch noch Rücksicht nehmen muss, wer das stärkere Handicap hat. Oder auch: Wer noch jemandem den Vortritt lassen kann, ist noch nicht ganz am Ende. Das liegt näher, als gemeinsam die Straße zu blockieren – und vielleicht noch eine strategische Allianz mit Kinderwagenschieberinnen, Rollerblade-Kids und Skateboarderinnen zu bilden. Die Hierarchie der Gebrechen zu taxieren, darin sind Seniorinnen und Senioren hier so versiert wie die FDP in der Neuerfindung und Naturalisierung von Privilegien. Geht es nach ihr, sind die Geimpften die neuen Besserverdienen. Blöd nur, dass aktuell vor allem Hochbetagte in Pflegeheimen geimpft sind, aber wer weiß, vielleicht hätten die ja mal Lust auf so eine richtige Sause im Borchert’s, falls es das Edelrestaurant noch gibt, oder mit dem Charterflieger all inklusive in einen Cluburlaub mit Bordellbesuch, so wie es vor Corona bei Leistungsträgern üblich war – und dank „freitesten“ und „Impfprivileg“ bestimmt bald auch wieder sein wird. Vorausgesetzt der „Impfstau“ löst sich auf, die „Impfstrategie“ wird verbessert und die „Impflinge“ hören endlich auf sich wie die wählerischen KonsumentInnen zu verhalten, zu denen Bürgerinnen und Bürger jahrzehntelang erzogen wurden. Angesichts der exponentiellen Vermehrung von Wörtern mit der Vorsilbe Impf- wäre ein wenig Sprachsensibilität vielleicht gut. Bevor noch weitere Unmenschen-Wörter entstehen, die dann erst wieder mühsam verlernt werden müssen, mit Hilfe einer noch nicht völlig abgestumpften neuen Generation.

Die, auch das lässt sich am Wohnort der Eltern beobachten, haben es jetzt auch übernommen, die Gärten des Grauens zu renaturieren. Zwischen die grauen Schieferkiesel, die abgesägten weiß lackierten Baumstümpfe, die zugeschotterten, maximal mit einem Bambus begrünten Vorgartenbeete werden in diesem verfrühten Frühjahr nun tatsächlich Gewächse gesetzt, denen der pandemieresistente Discounter das Label „bienenfreundlich“ verpasst hat. Musste aber auch erst wieder mit Schotter-Verbot gedroht werden. Weil ja Eigenheim und Garten zuerst nie groß genug sein können, um Freiheit vorzugaukeln. Dann aber immer in Arbeit ausarten, die irgendwann, wenn die Gebrechen des Alters zuschlagen, auch mit bezahlten Hilfskräften nicht mehr zu bewältigen ist. Spätestens dann, wenn die im riesigen Garten groß gezogenen Sprösslinge anderswo ihr Einfamilienhaus oder ein anderes Freiheits-Surrogat gefunden haben, könnte der Verdacht aufkeimen, dass soviel Platzbedarf vielleicht immer eine Anmaßung war. How dare you – dann doch lieber alles, was keimen will, zuschottern und wegrationalisieren, was als Arbeit nicht zu bewältigen ist.

Es klingt also wie eine gute Nachricht, dass selbst in dieser Kleinstadt jetzt Geschossbauten mit Balkonen gebaut werden, die hier natürlich „Mehrfamilienhäuser“ heißen. Gemeinschaftsgärten bleiben Utopie, bezahlbare Mieten mindestens ein frommer Wunsch. Vor allem für die am Ort dringend benötigten Altenpflegerinnen, denen die Katholische Caritas als mächtiger Arbeitgeber gerade einen höheren Mindestlohn und bundesweit gültigen Tarifvertrag verhindert hat. Während gleichzeitig dauererregt über Bischöfe und Kardinäle berichtet wird, und darüber, wie die Katholische Kirche sich durch angebliche Selbstaufklärung selbst zerstöre. Skandal und Normalität passen eben doch sehr gut zusammen, da hätte es also gar nicht erst Georg Nüsslein gebraucht, der sich durch Insider-Tipps bei Maskendeals mal eben um mindestens eine halbe Millionen Euro bereichert hat. Genug, um auch in Zukunft ein Eigenheim zu besitzen, beispielsweise am Niederrhein, wo der nächste CDU-Bürgermeisterkandidat aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammt.

 

Geschrieben von:

Sigrun Matthiesen

Journalistin