Wirtschaft
anders denken.

Kochfest statt reizend: Wenn Kostendisziplin Kuscheln verhindert

19.09.2019
inkje / Photocase

Begehren verschwindet nicht mit dem Alter, Bedürfnisse regen sich bis zuletzt. Doch im durch-kapitalisierten Pflegesystem ist für Sexualität kaum Platz. Ein Beitrag aus dem OXI-Schwerpunkt der Augustausgabe: »Sex«.

Unterstützung bei Ausscheidungen: 2,80 Euro. Ganzkörperwäsche (Dusche inklusive Mund- und Zahnpflege): 20,68 Euro. Aufsuchen/Verlassen des Bettes: 14,53 Euro. Begleitung bei Aktivitäten (Zeittakt 15 Minuten): 8,39 Euro. Umfangreiche Hilfe und Unterstützung bei Ausscheidungen: 8,39 Euro. Hilfe bei der Nahrungsaufnahme einfach: 5,59 Euro. Hilfestellung beim Aufstehen oder Zubettgehen: 5,59 Euro. (Unverbindliche Preisempfehlung, auch auf diesem Markt herrscht Konkurrenz, können die Preise variieren.)

Niemandem kann vorgeworfen werden, dass in einer Leistungsgesellschaft die Leistung am pflegebedürftigen Körper in Cluster zerlegt wird, bis sie sich preislich darstellen und in eine Excel-Tabelle einfügen lässt. Rund 3,5 Millionen Menschen in Deutschland bedürfen dieser getakteten, gerasterten, in Geld darstellbaren Pflege. Ambulant oder stationär. Knapp 14.500 stationäre Pflegeeinrichtungen gibt es, dazu kommen etwas mehr als 14.000 ambulante Pflegedienste. Die da arbeiten, verdienen höchsten Respekt und noch immer viel zu wenig Geld. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Körper, der alte oder behinderte oder durch Krankheit frühzeitig pflegebedürftige Körper, hat sich den angebotenen Leistungen und deren zeitlicher Taktung zu beugen. Wenn die Aktivitäten in 15 Minuten nicht erledigt sind: schlecht.

Ist Sex eine Aktivität? Auf jeden Fall. Ein Bedürfnis? Ja. Auch wenn man alt oder dement ist? Schon. Wird das eingepreist in den Wirtschaftszweig Pflege? Nein. Wie soll so etwas auch gehen? In Ruhe fummeln dürfen: 7,86 Euro. Beischlaf im Pflegeheim, ohne gestört zu werden: 28,53 Euro. Streicheln, Hautkontakt, nebeneinander liegen: 32,64 Euro. Geht nicht. Geht alles überhaupt nicht. Besser ist, so zu tun, als sei Sex im Alter gar kein Thema. 

Dieser Umgang trifft auf den überwiegenden Teil der Pflegeeinrichtungen zu. Auch wenn, das ist ein großer Fortschritt, seit 2018 für Pflegeheime eine Einzelzimmerquote von 80 Prozent gilt. Die Quote ist längst nicht erreicht, aber es gibt sie. Und damit zumindest theoretisch die Möglichkeit für Menschen, die in einem Pflegeheim leben müssen (den wenigsten ist dies ein Wunsch), über ein gewisses Maß an Intimsphäre zu verfügen. Vorausgesetzt, zwischen Anklopfen an der Tür und Reinkommen ins Zimmer vergeht ein wenig Zeit. Und vorausgesetzt, das Pflegepersonal sieht sexuelle Kontakte zwischen Bewohner*innen der Einrichtung zumindest nicht ungern, lässt also wenigstens gewähren. 

Inzwischen gibt es ausreichend Studien und Erkenntnisse darüber, dass Sexualität mit dem Alter nicht verschwindet und sexuelle Bedürfnisse bis zum letzten Atemzug bestehen können. 1982 gab es die erste verlässliche Untersuchung dazu. Wer zur Altenpflegerin oder zum Altenpfleger ausgebildet wird, bekommt beim Thema Alterssoziologie davon zu hören. Immerhin. 

Sex mindert nachweislich Schmerzen und körperliche Beschwerden, ist nicht anstrengender als Treppensteigen (zumindest im Regelfall), trägt unabhängig vom Alter zum Wohlbefinden und zur Zufriedenheit bei. Das klingt alles nach Binsenweisheit. Ist es inzwischen auch. 

Aber bei der Pflegeanamnese werden zwar die Vorlieben beim Essen und Trinken abgefragt, jedoch ganz gewiss nicht die sexuellen Bedürfnisse. Denn ist ein Bedürfnis erst einmal in einem Fragebogen erfasst worden, müsste sich ja (siehe Leistungsgesellschaft) dann auch dessen ambulante oder stationäre Befriedigung, beziehungsweise die Bereitstellung aller notwendigen Voraussetzungen dafür, das Bedürfnis befriedigen zu können, mit einem Preis unterlegen lassen. Das ist schwierig. Zimmer in Pflegeeinrichtungen sind Ware. Wie sollte ein Raum für »Schäferstündchen« eingepreist werden? 

Aber es ist möglich, wie man an der Dienstleistung Sexualbegleitung im Pflegeheim sehen kann. Menschen, die das anbieten und machen, tun es nicht ehrenamtlich. Eine Stunde kann 150 Euro und mehr kosten. Es ist wunderbar, dass es diese Möglichkeit und Leute gibt, die diese Dienstleistung anbieten. Und klar ist auch: Sexuelle Bedürfnisse richten sich nicht nach sozialen und Einkommensverhältnissen, sie im hohen Alter noch befriedigen zu können, hängt dann aber oft genau davon ab. Und zwar nur noch davon. Das macht es schlimm. 

Bleibt also die Möglichkeit, den ganzen Alterssex aus allen Kostenerwägungen rauszunehmen und außerhalb der Preislisten Bedingungen dafür zu schaffen, dass in Pflegeheimen Sexualität ausgelebt werden kann. Die Sache mit den Einzelzimmern ist da schon mal ein guter Anfang. Reicht aber nicht, wenn das ganze Thema weiterhin ein Tabu ist und überfordertes Pflegepersonal selbst mit bestem Willen und großer Empathie kaum in die Lage versetzt wird, die sexuellen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen angemessen zu berücksichtigen. 

Das fängt bei der Pflegeanamnese an, geht mit der sogenannten gegengeschlechtlichen Pflege weiter (Mann pflegt Frau, Frau pflegt Mann) und endet bei der Frage, was eine Pflegekraft mit einem dementen Mann anfangen soll, der aller Schamgrenzen entledigt ist und übergriffig wird, weil ihm etwas fehlt. Es passiert nicht selten, dass dann Psychopharmaka zum Einsatz kommen. Außer Rand und Band lässt sich eben auch nicht in den Pflegealltag integrieren. Wie auch? Satt, sauber, ruhig ist immer noch der kostengünstigste Klient.

Zugleich wird – aufgrund der Taktung, des Zeitdrucks, der räumlichen Bedingungen – Intimsphäre in der Pflege laufend verletzt. Bei der Körperpflege, wenn Menschen unnötig lange entblößt und kaum bekleidet über den Flur ins Badezimmer geschoben werden. Bei der notwendigen Routine während der Körperpflege, die Hautkontakt zwar zwingend erforderlich macht, sie aber auf ein gerade noch notwendiges Minimum reduziert. In Doppelzimmern, wo die Pflegebedürftigen den Blicken eines anderen Menschen ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst Befriedigung verschaffen wollen. In dem Gefühl, das institutionelle Pflegeeinrichtungen vermitteln, für die eigenen Belange und Wünsche nicht mehr zuständig zu sein. Wenn die schöne Unterwäsche, die man einst trug, weil sie der Haut wohltat und einfach »reizend« war, gegen kochfeste Unterwäsche getauscht ist, die ohne finanziellen Mehraufwand in die Wäscherei gegeben werden kann, ist es schwierig, anders zu denken. Dann denken andere für eine.

In den meisten Leitbildern der Pflegeeinrichtungen kommt Sexualität nicht vor. Die Diskussion darüber wird seit Jahrzehnten geführt. Und inzwischen kommen Generationen in Pflegeeinrichtungen, die nicht mehr mit der extremen Tabuisierung von Sexualität groß geworden sind, die nicht mehr (wie viele Frauen aus den Kriegsgenerationen) Erfahrungen mit sexueller Gewalt in Kriegen oder in der Ehe gemacht haben, die in ihren gesunden und selbstbestimmten Zeiten einen unbeschwerten, freieren Umgang mit Sexualität leben konnten und nicht verdrängen, dass ihnen mit der Gebrechlichkeit nicht das Bedürfnis nach Nähe, Körper, Berührung, Aufregung, Stimulierung abhanden gekommen ist. 

Aber noch immer wird Roger Whittacker, »Abschied ist ein scharfes Schwert«, beim Tanztee gespielt und die Rolling Stones bleiben draußen. 

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin