Wirtschaft
anders denken.

Gekauft, zu früh kaputt, Skandal? Könnten die Waren sprechen

26.12.2017
MikroLogika / CC BY-SA 3.0

Wie lange hält mein neues Smartphone? Und was steckt dahinter, wenn es schon früh kaputt geht? Die Kritik an durch Unternehmen »geplante Obsoleszenz« geht von einer nachhaltigen Produktverantwortung der Hersteller aus. Das ist ein Irrtum. Ein Beitrag aus dem OXI-Schwerpunkt zum Müll aus der Ausgabe 12/2018.

»Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹«, so beginnt Karl Marx sein »Kapital«. Das Buch ist vor 150 Jahren erschienen und »funktioniert immer noch recht gut. Man kann aus ihm zum Beispiel etwas über ein Missverständnis der heutigen Konsumkritik lernen. Es geht um die »geplante Obsoleszenz«, einen Skandal, der einer ist – und zugleich ganz und gar keiner: Verringern Hersteller im Kapitalismus absichtlich die Lebensdauer ihrer Produkte?

Mit der Frage kann man sich aus ganz verschiedenen Blickwinkeln befassen. Der Verbraucherschützer wird den möglichen Bruch des Qualitätsversprechens durch den Anbieter beklagen und so auf eine Art Herstellermoral zielen: Ihr habt was anderes versprochen!

Die Umweltschützerin könnte auf die wachsenden Müllberge verweisen, die wegen immer kurzlebigerer und nicht reparierbarer Produkte immer schneller in die Höhe wachsen: Längere Haltbarkeit ist ökologischer!

Der Konsumkritiker würde womöglich seinen Blick darauf lenken, wie »geplante Obsoleszenz« den Einzelnen verändert, ihn dazu bringt, nicht mehr aus Notwendigkeit oder wegen der Gebrauchswerte der Dinge, sondern aus purer Gewohnheit zu konsumieren: Schon wieder ein neues Handy? Das muss ich haben!

Der Techniker könnte sich in die Debatte mit dem Argument einmischen, dass die kurzen Zyklen bei der Entwicklung neuer, leistungsfähiger Anwendungen automatisch einen Einfluss auf die Lebensdauer der bisherigen Produkte hat: Oder wollen Sie lieber weiter in einen Röhrenfernseher schauen?

Obsoleszenz als Antikrisenpolitik

Und was sagt der Ökonom? Das hängt davon ab.

Er könnte zum Beispiel so reden wie Bernard London, der schon 1932 den Begriff »geplante Obsoleszenz« nutzte – und das nicht etwa, um Kritik an verkürzter Lebensdauer von Produkten zu äußern. Sondern weil er diese im Gegenteil als sinnvoll ansah, ja geradezu als notwendig: Der Immobilieninvestor forderte eine verbindliche Reduktion der Haltbarkeit von käuflichen Waren, um so die von der großen Krise seit 1929 immer noch geschwächte Wirtschaft wieder anzukurbeln: »Ending the Depression Through Planned Obsolescence«.

Ob London, wie es heute oft heißt, den Begriff als erster prägte oder ob es eine Idee war, die, wie der kanadische Autor Giles Slade meint, damals »bereits in der New Yorker Geschäftswelt zirkulierte«, lässt sich nicht mehr aufklären. Was man aber sagen kann: Londons Überlegungen zur Lebensdauer von Produkten haben ein keynesianisches Gesicht. Es geht um die Frage, wie sich durch staatlichen Eingriff die Nachfrage erhöhen und so die Wirtschaft beleben lässt.

»Wäre es nicht gewinnbringend, eine Summe von etwa zwei Milliarden Dollar auszugeben, um sofort veraltete und nutzlose Gebäude, Maschinen, Automobile und anderen ausgedienten Müll aufzukaufen und an ihrer Stelle Arbeit im Baubereich und in der Fabrik im Wert von zwanzig bis dreißig Milliarden Dollar zu schaffen?«, fragt London in seinem Aufsatz.

Londons Idee erinnert durchaus an aktuelle Konzepte wie die »Abwrackprämie«. Die war 2008 von der Autoherstellerlobby als Investitionsanreiz ins Spiel gebracht worden, politisch umgesetzt als »Umweltprämie« hatte sie einen einzigen Zweck: der Nachfrage der durch die Auswirkungen der seit 2007 laufenden Finanzkrise angeschlagenen Autokonzerne auf die Sprünge zu helfen. Wenn man so will: Aus konjunkturpolitischen Motiven wurde die Lebensdauer von bereits zuvor verkauften Kraftfahrzeugen staatlich verkürzt.

»Früher hielten die Sachen aber länger«

Aber zurück zu dem nur wenige Seiten umfassenden »Ending the Depression Through Planned Obsolescence« von Bernard London. Der Aufsatz gibt einen, vielleicht den entscheidenden Hinweis: Man muss die Antwort auf die Frage nach der Lebensdauer von Produkten in der Weise suchen, in der diese hergestellt und gehandelt werden. Und, so beklagenswert das sein mag, nicht in der Nützlichkeit der Sachen. Um es mit dem eingangs schon erwähnten Karl Marx zu sagen: »Könnten die Waren sprechen, so würden sie sagen, unser Gebrauchswert mag den Menschen interessieren. Er kommt uns nicht als Dingen zu. Was uns aber dinglich zukommt, ist unser Wert. Unser eigner Verkehr als Warendinge beweist das.«

Solange es um diesen »Verkehr« geht und darum, dabei Geld zu machen, wird immer einmal ein Hersteller auf die Idee kommen, die Lebensdauer seiner Produkte absichtlich einzuschränken. Weil man dann mehr verkaufen kann. Doch auch solches Gebaren ist älter als es manche heutige Klage ahnen lässt. »Früher hielten die Sachen aber länger«, wird zur Kritik der »geplanten Obsoleszenz« oft vorgebracht. Man könnte genauso gut sagen, schon früher wurde darauf gesetzt, dass sie dies eben nicht tun.

Einer der ersten wirklich dokumentierten Fälle von »geplanter Obsoleszenz« war gleich ein globaler Wirtschaftskrimi: 1924 verschworen sich Hersteller von Glühbirnen, es ging um Marktaufteilung – und um die Verkürzung der Lebenszeit der Leuchtkörper auf 1.000 Stunden, was damals etwa eine Halbierung bedeutete. Das Kartell funktionierte fast zwei Jahrzehnte, bis 1942 die US-Regierung General Electric deswegen anklagte.

»Unser großer Job ist es, die Veralterung zu beschleunigen.«

Eine anderes historisches Beispiel für die durchaus bewusste Verkürzung der Lebenszeit eines Produktes hat auch wieder etwas mit Mobilität zu tun: In den 1920er Jahren gewann General Motors vom bisherigen Platzhirschen Ford enorme Marktanteile, indem der Hersteller auf schnelle Produktzyklen setzte, nicht so sehr auf Langlebigkeit wie Ford noch bei seinem berühmten »Model T«. Der Autodesigner und Vorstandsvize von General Motors, Harley Earl, fasste das in die Worte: »Unser großer Job ist es, die Veralterung zu beschleunigen.« Nur war das eben nicht eine Abweichung von der »guten Normalität«, sondern eine kapitalistische Weiterentwicklung.

Das Beispiel von General Motors findet sich in einer Studie über »geplante Obsoleszenz«, die Stefan Schridde, Christian Kreiß und Janis Winzer 2013 im Auftrag der Grünen vorgelegt haben. Auf 100 Seiten werden Beispiele genannt – vom frühzeitigen Kabelbruch bei teuren Kopfhörern aufgrund minderwertiger Verbindungselemente über den kaputten Türgriff der Waschmaschine, der sich nicht separat reparieren lässt, bis zu Elektrolytkondensatoren, die den Geist aufgeben, weil sie zu nahe an Wärmequellen eingebaut wurden.

Studienautor Schridde merkt dazu generell an, »dass der beschriebene Schaden zum Ende oder kurz nach Ablauf der Gewährleistungszeit aufgetreten ist«. Der Betreiber eines Blogs für »nachhaltige Produktverantwortung der Hersteller« sammelt seit Jahren Beispiele für »geplante Obsoleszenz« und ist einer der vernehmbarsten Kritiker des Kaputtalismus. Motto: »Wir wollen Produkte ohne Murks.«

100 Milliarden Euro Schaden im Jahr?

Die Studie geht von einem volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als 100 Milliarden Euro jährlich aus, »der durch geplante Obsoleszenz verursacht wird«. Doch die versprochenen vielen Belege sind, je nach Bewertung, alles andere als glasklare Beweise für vorsätzlichen Verschleiß. Einer der Autoren, Christian Kreiß, nennt es auch »nur sehr schwer nachweisbar«, ob »bewusster Vorsatz oder eine mildere Form von geplantem Verschleiß vorliegt oder keines von beiden«.

2016 legte das Freiburger Öko-Institut ebenfalls eine Studie zum Thema vor. In der heißt es über »das Phänomen Obsoleszenz«, dieses sei »nicht so eindimensional« wie »oft in den Medien und der Öffentlichkeit« dargestellt. »Eine von Herstellern mit Absicht verkürzte Produktlebensdauer im Sinne einer Designmanipulation« könne »nicht nachgewiesen werden«.

Das heißt keineswegs, dass alles in Ordnung ist. Die Freiburger Studie, die vom Umweltbundesamt in Auftrag gegeben worden war, bestätigte, »dass die Erst-Nutzungsdauer von den meisten untersuchten Produktgruppen in den letzten Jahren abgenommen hat«. So hat sich die Lebensdauer von großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen und Kühlschränken zwischen 2004 und 2012 im Schnitt von 14,1 auf 13 Jahre verkürzt. Bei Notebooks schrumpfte die Lebensdauer zwischen 2005 und 2012 von 6 auf 5,1 Jahre.

So lange wie nötig und nicht so lange wie möglich

Die Studie zeigt auch, »dass mehr Elektro- und Elektronikgeräte ersetzt werden, obwohl sie noch gut funktionieren«. Ein »beträchtlicher Anteil« von Produkten werde sogar weggeschmissen, noch bevor fünf Jahre seit der Herstellung vergangen sind. »Das Kernprinzip lautet«, schreiben die Freiburger Forscher mit Blick auf die »Motive« der Unternehmen, »Produkte so zu gestalten, dass sie so lange wie nötig und nicht so lange wie möglich halten«.

Die Frage, was »nötig« ist, führt aber weg vom schlagzeilenträchtigen Verdacht, gemeine Manager planten Betrug am Kunden. Selbstverständlich wird auch im Kapitalismus geplant und also auch die Lebensdauer von Produkten. Ob dabei etwas »Gutes« oder »Schlechtes« herauskommt, ist eine Frage der Sichtweise. Wenn mehr Kopfhörer verkauft werden, weil die schnell kaputtgehen, wächst zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt, es werden Steuern gezahlt und so weiter. Gleichzeitig werden die zu schnell alt gewordenen Kopfhörer weggeworfen, das macht Müll und ist ein Umweltproblem.

Aber das liegt nicht zwingend in der Planung der Lebensdauer eines Dings durch den Hersteller. Das Öko-Institut meint, eine »technische Auslegung von Produkten auf eine – unter ökologischen und ökonomischen Aspekten – sinnvolle Lebensdauer« könnte man genauso gut »als geplante Obsoleszenz« bezeichnen. Allerdings hätte der Begriff dann eine ganz andere Aussagekraft »als der populäre Mediendiskurs zu diesem Thema«.

Verschiedene Formen der Obsoleszenz

Die Sache ist, darauf wollen die Freiburger hinaus, komplizierter, als es zunächst scheint. Während die Grünen-Studie von Schridde und Kollegen unter anderem in »bauteilbezogene Vorgehensweisen« und »Einflussnahme auf kundenseitige Entscheidungen zur Nutzungsverlängerung« unterscheidet, wo sie »geplante Obsoleszenz« vermutet, schlagen die Freiburger eine andere Kategorisierung vor: Sie sprechen von werkstofflicher Obsoleszenz, wo es um die mangelnde Leistungsfähigkeit von Materialien und Komponenten geht – die unter anderem eine Frage des Kostendrucks durch Wettbewerb sein kann: Vorprodukte werden billig eingekauft, auch wenn sie weniger haltbar sind.

Als zweite Variante nennt das Öko-Institut die »funktionale Obsoleszenz« – hier beeinflussen sich rasch verändernde technische und funktionale Anforderungen an ein Produkt die Lebensdauer. Davon unterschieden wird noch eine »psychologische Obsoleszenz«, also der »Austausch von funktionsfähigen Produkten aufgrund von Moden, neuen technischen Trends und Konsummustern«. Das wirft das Problem zum Teil auf den Konsumenten zurück, man müsste aber ebenso kritischer darüber sprechen, wie heute »Bedürfnisse produziert werden«, etwa durch Werbung. Zugleich stimmt: Selbst alternative Kultur bringt immer wieder neue, akzeptierte Moden hervor, die dann eine Nachfrage nach bestimmten, wechselnden Produkten erzeugen.

Und schließlich die »ökonomische Obsoleszenz«, die den Verfall der Gebrauchseigenschaften eines Produktes beschreibt, »weil der Einsatz produktbezogener Ressourcen, nötige Instandsetzungen und Instandhaltung aus Kostengründen ausbleiben und der Abstand zu den alternativen Kosten für Neuprodukte zu gering ist«. Statt eine relativ teure Reparatur zu bezahlen wird gleich ein neues Produkt gekauft.

»Ein Artikel, der nicht verschleißt, ist eine Tragödie fürs Geschäft«

Wegwerfkritiker Schridde pocht dennoch darauf, »dass sowohl geplante Obsoleszenz wie auch gewollte Unterlassungen zu Produkten führen, deren Nutzungsphase entgegen der berechtigten Kundenerwartungen und den Anforderungen einer nachhaltigen Gesellschaft verkürzt wird«. Die »produzentenseitigen Vorgehensweisen« seien dabei »regelmäßig nicht an Kundenanforderungen ausgerichtet«. All dies werde »mit dem vermuteten Ziel« verfolgt, »seitens der kaufenden Gesellschaft Entscheidungen zugunsten eines Neukaufs zu beschleunigen«.

So richtig es ist, auf die »berechtigten Kundenerwartungen« zu verweisen, so wichtig wäre es aber auch, deren Ort in einer warenproduzierenden Ökonomie genauer zu markieren: Wenn etwas »zu früh« kaputt geht, mindert das gravierend den Gebrauchswert eines Dinges, der aber mit seinem Tauschwert nicht so viel zu tun hat, wie oft geglaubt wird. Selbst wenn ein einzelner Firmengründer ein »gutes«, ja sogar ein nachhaltiges Produkt herstellen möchte, auf der Ebene der gesellschaftlichen Verhältnisse ist sein persönliches Motiv nicht relevant – sondern das Geschäft, das er damit machen kann und muss, setzt die Regeln. Auch das ist keine Neuigkeit. Schon das US-Werbemagazin »Printers’ Ink« soll 1928 geschrieben haben: »Ein Artikel, der nicht verschleißt, ist eine Tragödie fürs Geschäft.«

Es geht auch anders herum – und damit ist nicht unbedingt eine echte Alternative zur Konsumökonomie gemeint. Wie die Angebote von Händlern wie das zur Otto-Gruppe gehörende Edelkaufhaus Manufactum zeigen, kann auch mit der (behaupteten) Langlebigkeit von Produkten recht einträglich gewirtschaftet werden. »Es gibt sie noch, die guten Dinge«, macht sich die Firma die Kritik an der Wegwerfgesellschaft als Werbespruch zu eigen – und damit 2016 einen Nettoumsatz von immerhin 92 Millionen Euro.

Bundesamt verlangt mehr Transparenz über die Haltbarkeit

Zurück zu den Dingen, die vielleicht »gut« sein mögen, aber nicht solange halten. Bei der Vorstellung der Studie des Öko-Instituts vor einem Jahr hat die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, mehr Transparenz über die Haltbarkeit von Produkten verlangt. »Konzerne sollten, soweit möglich, die voraussichtliche Lebensdauer eines Geräts angeben«, so die Forderung.

Ihr Amt hatte bereits zuvor erforschen lassen, »ob und inwieweit durch Zivil- und öffentliches Recht nachhaltiger Konsum in der Kauf- und Nutzungsphase von Produkten gefördert werden« könne. Ein Ergebnis: Die Informations-, Gewährleistungs- und Klagerechte sollten ergänzt werden. Eine ökonomische Wirksamkeitsanalyse habe gezeigt, dass so »nachhaltiger Konsum« gestärkt werden kann.

Das ist sinnvoll, hebelt aber nicht den ökonomischen Mechanismus aus, der die Produzenten praktisch dazu verdammt, statt einer hundert Jahre funktionierenden Glühbirne eine anzubieten, die eine viel geringere Lebensdauer hat. »Wir stellen gute Produkte her, wir bringen Menschen dazu, sie zu kaufen, und im nächsten Jahr führen wir absichtlich etwas ein, das diese Produkte altmodisch, veraltet und überholt macht«, so hat das der Industriedesigner Brooks Stevens schon Ende der 1950er Jahre formuliert. »Wir tun das aus dem vernünftigsten Grund: um Geld zu verdienen.«

Ob das wirklich ein »vernünftiger« Grund sein kann, steht auf einem anderen Blatt.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur