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Kolumbianische Kleinbauern für Frieden und Schokolade

15.04.2017
Kolumbianische KleinbauernFoto: Knut HenkelKolumbianische Kleinbauern aus San José de Apratadó beim Verpacken des Kakaos für Deutschland.

San José de Apartadó, ein kleines Dorf in Kolumbien, erklärte sich zur Friedensgemeinde und begann mit nachhaltigem Anbau von Kakao und faieren Arbeitsverhältnissen für Kleinbauern. Eine kleine Erfolgsgeschichte über fairen Handel.

An der Schotterpiste, die zur nächsten Kreisstadt führt, stehen vier große Holztische. Auf einem von ihnen wendet ein Mann mit einem großen Schieber Kakaobohnen, die hier in der Sonne trocknen, nachdem sie aus dem Fruchtfleisch der Schote gelöst wurden. Anschließend werden sie in der kleinen Lagerhalle nebenan sortiert und in Jutesäcke verpackt. Einen davon verschnürt Arley Tuberquia gerade mit einem dicken gelben Faden: »Fertig für den Container nach Deutschland!« Tuberquia koordiniert die Kakaoernte von San José de Apartadó und ist außerdem einer der Sprecher dieser Gemeinde, die in einer der konfliktreichsten Gegenden Kolumbiens liegt.

Seit über zwanzig Jahren streiten Paramilitärs, staatliche Sicherheitskräfte und die Guerillaorganisation FARC um die Macht in einer Region, die reich an Bodenschätzen wie Öl, Erz und Kohle ist und deren fruchtbarer Boden sich für den Anbau von Bananen, Kakao und Yuka eignet. Zudem verläuft hier eine wichtige Transportroute für den Drogenhandel Richtung Zentralamerika. Doch die rund 900 Bewohner von San José de Apartadó erklärten ihren Ort 1997 zur Friedensgemeinde und forderten alle Akteure der bewaffneten Konflikte dazu auf, sich von ihren Feldern und Wohngebieten fernzuhalten. Parallel zur Absage an den Bürgerkrieg haben die Kleinbauern damit begonnen, nachhaltig zu produzieren, und sind seit mehreren Jahren ökologisch zertifiziert. Das und die fairen Arbeitsverhältnisse haben es ermöglicht seit 2008 Kakao an das Fairtrade-Importunternehmen GEPA in Wuppertal zu exportieren. Die Friedensgemeinde erhält von der GEPA einen Preis, der über dem vom Verband Fairtrade International (FLO) festgesetzten Mindestpreis liegt. Dazu kommen die Fairtrade-Prämie sowie ein Qualitätszuschlag. Geld, mit dem die Friedensgemeinde in San José de Apartadó kalkulieren kann.

Gemeinsam heißt die Maxime der Kakaobauern, nicht nur weil das leichter ist, sondern auch weil das sicherer ist.

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Zu ihr gehören mehrere kleine Dörfer und Weiler, die schwer zugänglich in den Bergen liegen. »Hier wird alles mit dem Muli, der Bestia, transportiert«, erklärt ein Mann, der gerade von der Ernte gekommen ist und zwei 60-Kilo-Säcke Kakao bei Arley Tuberquia abgegeben hat. Sämtliche Kakaobohnen auf den insgesamt rund einhundert Hektar zertifizierter Fläche werden kollektiv angebaut und geerntet. »Gemeinsam« heißt die Maxime der Bauern, nicht nur weil das leichter ist, sondern auch weil das sicherer ist. Denn trotz oder gerade wegen des kürzlich unterzeichneten Friedensvertrages zwischen Kolumbiens Regierung und der größten Guerillaorganisation des Landes, der FARC, machen gerade wieder Paramilitärs und andere bewaffnete Gruppen die Region unsicher. »Erst vor ein paar Wochen haben sie Parolen auf die Bodega, wo der Kakao lagert, geschmiert«, sagt Arley Tuberquia und deutet auf verblassende Schmierereien an einer Wand des Lagerhauses.

Fairer Anbau, fairer Handel: Kolumbianische Kleinbauern für Frieden und Schokolade.

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Über dreihundert Opfer hat die Friedensgemeinde seit ihrer Gründung vor 20 Jahren zu beklagen. Deren Neutralität wurde von den Bürgerkriegsakteuren, staatlichen wie illegalen, nie wirklich respektiert. Umso wichtiger ist es Arley Tuberquia, dass die GEPA darauf hinweist, woher die Fairtrade-Schokolade kommt, und unter welchen Bedingungen die rund 25 Tonnen Kakaobohnen geerntet werden, die sein Kollektiv in diesem Jahr nach Deutschland schickt. Internationale Aufmerksamkeit ist überlebenswichtig – deshalb touren gerade wieder zwei Vertreter der Gemeinde durch Europa und informieren über den anhaltenden Terror rund um San José de Apartadó.

Dieser Beitrag erschien in der OXI-Printausgabe 4/2017.

Geschrieben von:

Knut Henkel

Politikwissenschaftler