Wirtschaft
anders denken.

Konjunktur vor der Abkühlung, globale Risiken, nächste Krise: Wie dünn wird die Luft und wann?

19.04.2018
KonjunkturPix1861 / Pixabay

Erinnert sich noch jemand an Peter Altmaiers Wunderglauben in Sachen Konjunktur? Der neue Bundeswirtschaftsminister hatte unlängst erklärt, er »halte es für möglich, dass wir diesen Wachstumspfad noch für mindestens 15 bis 20 Jahre fortsetzen können«. In Wahrheit werden die Prognosen düsterer – und das könnte gravierende politische Folgen haben. Ein OXI-Überblick.

Am Donnerstag haben als »führend« bezeichnete Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose für die fortlaufende ökonomische Entwicklung abgegeben. Die »Frankfurter Allgemeine« berichtete schon am Morgen vorab, dass mit dem Frühjahrsgutachten die Vorhersage für den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes auf 2,2 Prozent korrigiert wurde – also ein bisschen nach oben. Im Jahr 2019 soll die Wirtschaft dann um 2 Prozent wachsen. Die Zahlen aus dem Herbstgutachten 2017 zum Vergleich: plus 2,0 für 2018 und plus 1,8 Prozent für 2019.

Soweit, so unspektakulär. Die Frage ist: Wie geht es danach weiter? Das geht unter anderem aus der Mittelung zur Frühjahrsprognose hervor: »Der Boom, in dem sich die deutsche Wirtschaft befindet, hält an. Allerdings wird die Luft dünner, da die noch verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten knapper werden«, sagt dort Timo Wollmershäuser vom ifo Institut. Daraus wird in der offiziellen Presseverlautbarung dann sogleich der Schluss gezogen, von der neuen Bundesregierung Ausgabenzurückhaltung einzufordern. »Gerade wenn Kassen voll sind, sollte die Finanzpolitik die Konsequenzen für die gesamtwirtschaftliche Stabilität und die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen im Blick haben.« Diesem Gedanken würden zum Beispiel die »vereinbarten Leistungsausweitungen in der Gesetzlichen Rentenversicherung« zuwiderlaufen.

Die Frage, welche wirtschafts- und finanzpolitischen Schlussfolgerungen aus dem Frühjahrsgutachten zu ziehen sind, soll hier zunächst nicht weiter verfolgt werden. Sondern es geht um die Frage, welche Aussichten mit Blick auf die globale Wirtschaft derzeit vorherrschen. Die Expansionsraten der Ökonomien haben »ihren Höhepunkt überschritten«, heißt es in der Prognose. »Zum einen scheinen in mehr und mehr Branchen und Ländern Kapazitätsgrenzen wirksam zu werden, ist doch der Beschäftigungsstand vielerorts inzwischen sehr hoch. Zum anderen hat sich die Stimmung bei den Unternehmen zuletzt spürbar eingetrübt, wohl auch als Reaktion auf die zunehmende Unsicherheit über die Wirtschaftspolitik in den USA.«

Zur Weltproduktion heißt es, diese werde 2018 noch »um 3,4 Prozent expandieren, und damit ähnlich kräftig wie im vergangenen Jahr. Im Vergleich zur Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2017 haben die Institute die Prognose für 2018 um 0,3 Prozentpunkte angehoben. Nicht zuletzt dürfte die Steuersenkung in den USA die dortige wirtschaftliche Aktivität anregen und auch auf andere Länder ausstrahlen.«

Doch auch hier setzen die Institute ein »Aber«: Die weltwirtschaftliche Dynamik werde sich allmählich abflachen. »Dies liegt zum einen am raueren handelspolitischen Klima, das weltweit das Investitionsklima belastet. Zum anderen fällt es angesichts niedriger Arbeitslosigkeit und hoch ausgelasteter Sachkapazitäten in vielen Ländern schwerer, die Produktion weiter im bisherigen Tempo auszuweiten.«

In Zahlen sieht das zunächst noch wenig beunruhigend aus: Man geht von einer Zuwachsrate der Weltproduktion im Jahresdurchschnitt von 3,1 Prozent in 2019 aus, das ist deutlich höher als der Durchschnitt der vergangenen Jahre. »Im Vergleich zur Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2017 haben die Institute damit die Prognose für 2019 um 0,2 Prozentpunkte angehoben.«

In der FAZ war am Morgen bereits daran erinnert worden, »dass einige Frühindikatoren gesunken sind«, dies könne bereits »Folge einer ›Normalisierung‹ sein«. Auf »eingetrübte Stimmung im Gewerbe deutet etwa der ifo-Geschäftsklimaindes seit drei Monaten hin«. Die Produktion sei im Februar um 1,6 Prozent im Monatsvergleich gefallen, auch wenn die Gründe hierfür umstritten sind, siehe unten. Die FAZ verweist auf Streiks.

Bereits vor ein paar Tagen hatte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung seinen IMK-Indikator für eine Rezessionsgefahr deutlich nach oben korrigiert. »Die wesentlich durch die amerikanische Handelspolitik ausgelöste Verunsicherung in der Wirtschaft und insbesondere auf den Finanzmärkten zeigt Wirkung«, heißt es bei den Ökonomen. » Für den Zeitraum von April bis Ende Juni weist das Frühwarninstrument, das die aktuellsten verfügbaren Daten über die Wirtschaftslage bündelt, eine mittlere Rezessionswahrscheinlichkeit von 32,4 Prozent aus. Im März hatte das Rezessionsrisiko bei lediglich 6,8 Prozent gelegen.« Ab 30 Prozent signalisiert der Indikator eine echte Rezessionswahrscheinlichkeit.

Wie kommt das? Das IMK verweist auf einen »Mix aus drei Faktoren: dem zuletzt merklichen Rückgang der Industrieproduktion, einer gestiegenen Volatilität an den Börsen und einer Verschlechterung von Stimmungsindikatoren. Während die Gründe für das Produktionsminus im Februar nicht ganz klar sind – möglicherweise spielte auch die Grippewelle eine Rolle –, führen die Konjunkturforscher die Negativ-Signale von den Finanzmärkten und die schlechtere Stimmung zum größten Teil auf den Konfrontationskurs zurück, den US-Präsident Donald Trump in der Handels- und Zollpolitik eingeschlagen hat.«

Zuletzt hatte auch der Internationale Währungsfonds vor einem bevorstehenden Abschwung gesprochen. In der »Welt« war von einer »düsteren Prognose« die Rede. Im neuesten World Economic Outlook schreibt der Währungsfonds, das weltweite Wachstum werde sich in ein paar Jahren abschwächen. Und: »Die meisten wohlhabenden Volkswirtschaften werden dann auf ein langfristiges Wirtschaftswachstum zurückgeworfen, das weit unter dem liegt, das sie vor dem Ausbruch der Finanzkrise gewohnt waren.«

In der »Welt« heißt es zusammenfassend: »Das langfristige Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft lag vor der Finanzkrise bei rund 1,4 Prozent – je nach Schätzung. Sollte sich die langfristige Entwicklung künftig tatsächlich ›weit‹ darunter einpendeln, wie vom IWF prognostiziert, müsste Deutschland mit Wachstumsraten um ein Prozent zurechtkommen.«

Zur Begründung wird auf die demografische Entwicklung verwiesen (alternde Bevölkerung, weniger Arbeitskräfte), sowie auf die stagnierende Produktivität. Was derzeit noch von der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken abgefedert werde, könne nach einer möglichen Zins-Kurswende dann nicht mehr kompensiert werden. Hinzu käme bei steigenden Zinsen die Belastung für die öffentlichen Hände aus dem Schuldendienst. Es drohten »Rückzahlungsprobleme, wenn sich die Zinspolitik der Notenbanken wieder normalisiert«, so der IWF. Das schlägt auf die Spielräume durch, mit denen politisch auf Krisen reagiert werden kann.

Derzeit geht der IWF noch davon aus, dass die Weltwirtschaft 2018 und 2019 um jeweils 3,9 Prozent wächst. Für die Ökonomie der Bundesrepublik gehen die Experten des Währungsfonds um Maurice Obstfeld von Steigerungsraten von 2,5 Prozent (2018) und 2 Prozent (2019) aus. Auch die Euro-Zone soll 2019 nur noch um zwei Prozent wachsen. Der IWF im O-Ton: »Für die meisten Länder werden die derzeit günstigen Wachstumsraten nicht von Dauer sein. Die Politik sollte diese Chance nutzen, um das Wachstum zu stärken, es nachhaltiger zu gestalten und ihre Regierungen besser für den nächsten Abschwung zu rüsten.«

Was als »besser« angesehen wird, ist freilich politisch umstritten. Angesichts der sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen in vielen Ländern, die sich in einem autoritären Rechtspopulismus Ausdruck verleihen, sind mit der Aussicht auf eine kommende Krisenperiode erhebliche politische Fragen verbunden.

Geschrieben von:

OXI Redaktion