Wirtschaft
anders denken.

Wie leben, wie arbeiten wir? Den Alltag politisieren.

Neben uns die Sintflut – Für den Konsum-Wohlstand hier zahlen andere: in Indien, Bangladesch, in Afrika. Ein Gespräch mit Kathrin Hartmann und Stephan Lessenich zum OXI-Schwerpunkt »Wer arbeitet für unseren Wohlstand?«.

06.05.2017
Foto: privat
Stephan Lessenich ist seit 2014 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist dort auch Direktor des Instituts für Soziologie. Zudem hat er den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie inne. Er arbeitet unter anderem über Wohlfahrtsstaat und gesellschaftliche Transformation. Kathrin Hartmann ist Journalistin und Buchautorin. Ihr jüngstes Buch »Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren« ist 2015 im Blessing-Verlag erschienen. Im Herbst 2016 wurde sie mit dem erstmals verliehenen Siegfried-Pater-Preis ausgezeichnet.

Gibt es Akteure, von denen Sie sagen, die könnten mehr helfen, um was zu verändern: Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbände?

Stephan Lessenich: Klar bin ich enttäuscht von den Gewerkschaften. Natürlich müssten die auf internationaler Ebene mehr tun, um faire Arbeitsbedingungen überhaupt zu einem Thema zu machen. Aber sie sind gemeinsam mit den Beschäftigten hierzulande eben auch selbst Gefangene dieser irrwitzigen Produktionsweise. Für die Kirchen gilt, die könnten sich viel deutlicher positionieren, denn die haben gar nichts zu verlieren. Das gilt übrigens auch für die europäische Sozialdemokratie und den verehrten Martin Schulz. Da ist von einer internationalistischen Agenda so gar nichts zu hören. Alle diese Organisationen schöpfen die Spielräume nicht aus, die ihnen zur Verfügung stehen. Aber das ist zugegebenermaßen zugleich auch ungerecht, wenn ich das alles so aufzähle. Denn ich bin ungleich enttäuschter über die vielen Unternehmen und deren Manager, die noch den letzten Cent Profit aus diesen Geschäften herausholen.

Kathrin Hartmann: Kirchliche Organisationen wie Misereor und Brot für die Welt und viele Nichtregierungsorganisationen machen eine tolle Arbeit. Vor allem dann, wenn sie emanzipatorische Bewegungen in diesen Südländern unterstützen. Allerdings gibt es auch große Nichtregierungsorganisationen, die stattdessen einen vermeintlich pragmatischen Weg gewählt haben und nicht mit der lokalen Bevölkerung arbeiten, sondern sich mit den Konzernen an einen Tisch setzen, um im Dialog dann nur sehr kleine Fortschritte zu erzielen. Das halte ich für kontraproduktiv: Wieso sollten die Zerstörer mit gut Zureden auf einmal unsere Retter werden? Am Ende stehen die Konzerne in der Öffentlichkeit gut da und verweisen darauf, sie seien mit wichtigen NGOs ja im guten Gespräch, sie können sich also quasi reinwaschen, ohne tatsächlich etwas zu ändern. NGOs werden in dem Fall dann zu Unternehmensberatern, anstatt öffentlich richtig Druck zu machen. Das ist eine bedenkliche Entwicklung.

Lessenich: Das ist das Dilemma: Macht man in Teilen mit, um wenigstens marginale Verbesserungen zu erreichen? Oder geht man in Fundamentalopposition? Wie erreicht man mehr?

Die Manager und Unternehmer werden jedoch auch argumentieren: Wir sind die Getriebenen des Systems, wir können nicht anders.

Lessenich: Wenn die gut arbeiten wollen, dann müssen sie in der Tat für ihre Eigentümer und Aktionäre jedes Jahr mehr Gewinn rausholen. Klar werden sie so argumentieren, wenn es überzeugte kapitalistische Manager unter Erfolgsdruck sind. Das ist ja das Problem.

Auf was setzen Sie? Wo ist da ein Einfallstor, das zu einer Wende führen kann?

Lessenich: Es sollten möglichst viele Menschen das Thema an sich heranlassen: bewusster leben und einkaufen, auch verzichten, allen voran auf Flugreisen, gute Projekte finanziell unterstützen. Oder auch mal nur ein T-Shirt im Jahr kaufen, aber dann eines, das teurer, aber unter halbwegs fairen Bedingungen produziert worden ist. Sie müssen sich nur bewusst sein: Auch wenn hunderttausende oder einige Millionen mitmachen, die Änderungen werden sichtbar werden und zugleich doch marginal bleiben. So führt am kollektiven Handeln letztlich kein Weg vorbei. Es geht um eine Politisierung des Alltagslebens: wie arbeiten, konsumieren und leben wir? Das steht an. Aber zu dieser Politisierung wird es erst kommen, wenn wir mit den Folgen konkret konfrontiert sind und mit den Menschen, die darunter leiden. Erst dann werden viele Millionen erkennen, dass die Zeit zu Ende ist, in der wir noch hoffen konnten, uns diese ganze Sache vom Hals zu halten.

Hartmann: Es gibt zum Beispiel eine wachsende Kleinbauern-Bewegung in fast allen Ländern, vor allem im Süden. Die versuchen auch, ihr Land wieder zurück zu bekommen. Es gibt solidarische Bewegungen in Griechenland, die versuchen, das Gesundheitswesen und die Lebensmittelversorgung anders zu organisieren. Es gibt auch die riesige TTIP-Bewegung, die gegen Handelsabkommen ist, von denen nur Konzerne profitieren würden. Solche sozialen Bewegungen, die auch die Interessen der Länder des Südens teilen, sind es, die globale Veränderung bewirken können.

Lessenich: Wenn sich diese Bewegungen, von denen Frau Hartmann spricht, erheblich verbreitern, wenn sie mehr Einfluss in ihren Ländern erhalten, dann hätte dies bei uns sehr konkrete Folgen: Die heute lückenlosen Ketten der Abwälzung von Kosten und Umweltschäden würden gestört oder gar zerstört werden. Mit der Folge: Wir müssten hier unser Leben wesentlich ändern. Dann gibt es keine Erdbeeren zu Weihnachten und keine Billig-Shrimps mehr, dann werden Energie und viele Produkte erheblich teurer.

Hartmann: Ja, genau. Aber ist das wirklich schlimm? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Aufstand gibt, wenn es im Winter keine Erdbeeren mehr gibt oder nicht alle paar Wochen eine neue Tütensuppen-Geschmacksrichtung.

Lessenich: Nein, gar nicht. Denn wir werden dann auch feststellen, dass vieles, was wir täglich haben wollen, völlig überflüssig ist und niemanden zufriedener macht. Aber ob das alle wissen, die sich für diese Bewegungen einsetzen, das wage ich zu bezweifeln. Und was ich mir in diesem Zusammenhang immer denke: Was gäbe es in Deutschland für politische Verhältnisse, wenn es Teilen der Bevölkerung auch nur ansatzweise so dreckig gehen würde wie der in Griechenland. In Griechenland gibt es auch eine faschistische Bewegung, aber die wächst nicht und ist angesichts der dort gegebenen Verhältnisse vergleichsweise klein. Wir haben hier in Deutschland – auf dem Höhepunkt des Wohlstandes für die große Mehrheit der Bevölkerung – bereits eine AfD mit zweistelligen Wahlerfolgen und darüber hinaus eine beklemmende Dominanz von rechten Deutungsmustern. Ich mag das gar nicht hochrechnen, was wäre, wenn es in Deutschland wirklich verbreitet soziales Elend gäbe.

Dieses Gespräch ist Teil des OXI-Schwerpunktes »Wer arbeitet für unseren Wohlstand?« in der Mai-Ausgabe 2017. Weitere Artikel zum Thema auf oxiblog.de: Externalisierungsgesellschaft – läuft die denn endlos?, Palmöl – Das Fett im Essen und im Tank, Systemfehler Nespresso – schädlich, teuer, begehrt und Feuchttücher und Feminismus

Literaturtipps zum Weiterlesen:

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Verlag Hanser, Berlin 2016, 224 Seiten, 20 Euro.

Stephan Lessenich: Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Verlag transcript, Bielefeld 2008, 172 Seiten, 18,80 Euro.

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Blessing-Verlag, München 2015, 448 Seiten, 18,99 Euro.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater