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Zwischen Idealismus und Selbstausbeutung – Kontext TV

04.06.2016
Ein Mann sitzt an einem Tisch und verliest die Nachrichten. Vor ihm eine Kamera. Das ganze ist im Studio von Kontext TV.Foto: Kontext TVKontext TV berichtet unabhängig über Gegenwarts- und Zukunftsthemen.

Kontext TV – in der Krise gegründet, setzt es auf Unabhängigkeit, freien Zugang zu Informationen und Aufklärung. Der Alternativlosigkeit von too big to fail will das Fernsehmagazin etwas entgegensetzen.

Der Autor und Journalist Fabian Scheidler hat 2009 zusammen mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV gegründet – inspiriert vom US-amerikanischen unabhängigen Politikmagazin Democracy now. Kontext TV geht es um globale Gerechtigkeit – ein Begriff, der gegenwärtig nur Theorie beschreibt. Wie alle Projekte, die auf Unabhängigkeit und Aufklärung setzen, ist auch Kontext TV mit viel Idealismus und Selbstausbeutung verbunden. Es wurde gegründet, als die Finanzkrise in aller Munde war, aber fast nur in einer Lesart über sie gesprochen und geschrieben wurde: Wir müssen Banken retten, damit das System nicht zusammenbricht – too big to fail. Geld wurde verbrannt und Schutzschirme wurden über seine Institute errichtet. Kontext TV wollte der Erzählung der Alternativlosigkeit etwas entgegensetzen. Die Pilotsendung wurde im Studio von Alex-TV zum Thema Klimagipfel produziert.

Demokratie funktioniert nur dann gut, wenn der freie Zugang zu Informationen gewährleistet ist. Vor allem aber, wenn es unabhängige und möglichst viele Informations- und Nachrichtenquellen gibt. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat im Bereich der Medien ein ungeheurer Konzentrationsprozess stattgefunden, in dessen Folge aus den großen Medienimperien heraus eine solche Unabhängigkeit nicht mehr garantiert werden kann. Gleichschaltung, sinkendes Niveau, Redundanz, Vermischung von Meinungs- und Nachrichtenjournalismus, sich ständig verschlechternde Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten haben dazu geführt, dass sich hinter einer vermeintlichen Vielfalt gefährliche Eintönigkeit und Gleichschaltung verbergen.Immer wieder versuchen Menschen, die sich das nicht länger ansehen und anhören möchten, mit neuen, unabhängigen Medien gegenzusteuern.

Es gab und gibt viele, die begeistert sind, von der Idee Kontext TV und es gibt Skeptiker, die sagen: Wer soll solche langen Sendungen denn anschauen, die Menschen sind auf Formate in der Länge von 2.30 konditioniert? Richtig ist, für die langen Formate braucht man Zeit und vor dem Computer neigt der Mensch dazu, noch zappliger und ungeduldiger zu sein. Unsere Aufmerksamkeitsdefizite sind inzwischen legendär. Trotzdem will Kontext TV nicht weg von den langen Formaten, in denen ein Thema entwickelt werden kann. Sie werden jedoch durch kürzere Formate ergänzt.

Zwischen 2011 und 2014 produzierte Kontext TV monatlich eine Sendung, gerade funktioniert es in einem freieren Rhythmus. Zu den Gästen zählen Journalisten und Aktivisten wie Noam Chomsky, Vandana Shiva, Harald Schumann und viele andere. Mit jeder Sendung werden zwischen 30.000 und 100.000 Menschen erreicht. Finanziert wird das werbefreie Programm vor allem durch Fördermitglieder, doch Geld für den Ausbau des Angebotes fehlt noch immer. Kontext TV sendet über das Internet und nicht-kommerzielle Fernseh- und Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Vernetzen und auf breitere Schultern verteilen, darin liegt die Chance. »Angesichts der zunehmenden Konzentration von Medienmacht in den Händen einiger Milliardärsfamilien werden alternative Medien immer wichtiger«, sagt Fabian Scheidler. Aber er sagt auch, dass die meisten Menschen, die an solche Projekten denken, an den Grenzen ihrer eigenen Kapazität arbeiten.

Vernetzen koste ungeheuer viel Kraft und Zeit. Das Sendenetz von Kontext TV soll nach und nach vergrößert werden. Man versuche seit Herbst vergangenen Jahres, eine europäische Alternative aufzubauen, denn Europa brauche dringend eine alternative Öffentlichkeit, sagt Scheidler. Daran ist nicht zu zweifeln, denn Aufklärung verträgt sich schlecht mit zunehmender Boulevardisierung und schon gar nicht mit hohen Renditen und Konzentration von Medienmacht in wenigen Händen.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin