Wirtschaft
anders denken.

Hätte, müsste, sollte – die Kritik der Neoklassik

21.06.2016
Ein Bild von Karl MarxFoto: ms.akr / Flickr CC-BY 2.0 LizenzGehört an die ökonomischen Fakultäten, meinen die einen. Nein!!, sagen die anderen.

Nach Jahrzehnten der neoklassischen Dominanz wird an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten die Forderung nach Pluralismus wieder lauter. Doch der lässt sich nicht herbeiwünschen.

Vom Nobelpreisträger und Autor des wohl wirkungsmächtigsten VWL-Lehrbuchs, Paul A. Samuelson, ist der Satz überliefert, dass es ihm egal sei, wer die nationalen Gesetze formuliere, wenn er die Ökonomielehrbücher schreiben könne. Ein selbstbewusster Satz, der den Gestaltungs- und Machtanspruch des ökonomietheoretischen Mainstreams, der Neoklassik, zum Ausdruck bringt, sozusagen die Software des Neoliberalismus. Der Neoklassik hat auch die Weltwirtschaftskrise nichts anhaben können, wie Philip Mirowski in seinem jüngsten Buch nachzeichnet: Untote leben länger. Auch wenn es – etwa von Studierenden vor zwei Jahren – den Ruf nach mehr Pluralität in der Hochschullehre gibt. Aber was ist das, Pluralität in den Wissenschaften?

Ökonomische Theorien sind wie eine Art Brille, durch die Wirklichkeit betrachtet, ja als Gegenstand des Denkens – etwa in Form von Begriffen – überhaupt erst konstruiert wird. Sie liefern die Kriterien, um zu beurteilen, was wichtig und was unwichtig ist, und definieren, wo man ökonomische Zusammenhänge sieht. Nur wenn man zum Beispiel – wie die Neoklassik – davon ausgeht, dass die Lohnhöhe unmittelbar das Beschäftigungsvolumen bestimmt, ergibt die arbeitspolitische Forderung nach niedrigen Löhnen und einer Deregulierung des Arbeitsmarkts Sinn. Geht man hingegen wie der britische Ökonom John Maynard Keynes von anderen Vermittlungsprozessen aus, votiert man auch für andere wirtschaftspolitische Entscheidungen.

Dominanz der Neoklassik

Die ökonomischen Theorien der Neoklassik und von Keynes sind in politischen Auseinandersetzungen immer präsent und prägen ihre Richtung vor. Doch nur selten sind die theorieimmanenten Gründe für wirtschaftspolitische Entscheidungen (also welche Brille getragen wird) transparent. Und seit Jahrzehnten ist vor allem die neoklassische Brille in Mode, nahezu »Uniform« an den Hochschulen – ein Problem. Deshalb der Ruf nach Pluralität. Marx ging mit seiner Kritik noch weiter und stellte die kategorialen Voraussetzung der politischen Ökonomie infrage, mit denen die Ökonomen von Adam Smith bis Keynes alle so selbstverständlich ihre unterschiedlichen Theorien verfolgen. Deshalb ist der Ökonomiekritiker Marx – wenn überhaupt – nur als Negativfolie an den Wirtschaftsfakultäten präsent.

Arne Heise, Professor an der Universität Hamburg, hat sich jüngst in einer Studie für die Böckler-Stiftung um »Klärungen eines umstrittenen Konzepts« bemüht. Er stellt fest, dass die Forderung nach Pluralismus seit bald vier Jahrzehnten erfolglos formuliert wird. In seiner Studie, die im Rahmen eines breiter angelegten Projekts entstand, betrachtet er vor allem den Pluralismusbegriff genauer. Dabei geht er den wissenschaftlichen Selbstverständnissen nach und kommt zum Schluss, dass ein »Paradigmenpluralismus«, also einer, der unterschiedliche Paradigmen der Ökonomietheorie anerkennt, »als einzig adäquates Erkenntnismodell der Wirtschaftswissenschaften« angemessen ist und »jede Einschränkung dieses Pluralismus … als Verstoß gegen die Wissenschaftlichkeit und Wissenschaftsfreiheit zurückgewiesen werden« müsste.

Dieser Pluralismus dürfe »aber nicht als ethisch motivierte Fairness- oder Toleranznorm missverstanden werden«, sondern sei »wissenschaftstheoretischer Imperativ«. Und weiter: »Es wäre eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit, dass sich Vertreter der verschiedenen Paradigmen gegenseitig akzeptieren, miteinander kommunizieren, einander kritisieren und, als Voraussetzung, den Zugang zu jenen Ressourcen ermöglichen, die eine Positionierung im wissenschaftlichen Feld ermöglichen.« Heise appelliert also an das »wissenschaftliche Gewissen«, Pluralität zuzulassen.

Warum sollte der Appell für Pluralismus Gehör finden?

Warum aber sollte dieser Appell Gehör finden? Die Wirtschaftswissenschaften sind vor allem deshalb in Erklärungsnot geraten, weil sie die Krise nicht vorhergesehen haben bzw. einigen kritischen ZeitgenossInnen aufgefallen ist, dass Krisen im ökonomietheoretischen Mainstream gar nicht vorgesehen sind. Eine bekannte wirtschaftswissenschaftliche »Selbstkritik« lieferte der Ökonom Paul Krugman im NYTMagazine, wobei der Historiker und Ökonom Philip Mirowski bestreitet, dass eine ernsthafte Selbstkritik stattgefunden habe. (Eine unvollständige Liste zur Debatte um die »Krise der Wirtschaftswissenschaften« findet sich hier.)

Aber auch in den wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten, egal ob es um Griechenland oder Vermögensungleichheit geht, wird schnell offensichtlich, dass jedes Argument mit wirtschaftstheoretischen Prämissen einhergeht, eine politische Forderung also nicht nur politisch beurteilt werden kann, sondern immer auch gefragt werden muss: Stimmen die wissenschaftstheoretischen Prämissen, unter denen argumentiert wird? Dafür ist eine gewisse Kenntnis der unterschiedlichen ökonomietheoretischen Paradigmen und Kritikfähigkeit nötig, die an den Hochschulen eben kaum (mehr) vermittelt wird.

Heise äußert deshalb Zweifel, »dass die Ökonomik die notwendige Pluralisierung aus der Mitte ihrer Wissenschaftlergemeinschaft heraus selbst leisten kann«, und folgert, dass es »äußerer Eingriffe« bedarf. Leider lässt er die LeserInnen der Studie etwas ratlos zurück, wenn er selbst damit schließt: »Hier ist nicht der Ort, die genauen Formen eines derartigen ›regulierten Pluralismus‹ und dessen Durchsetzung herauszuarbeiten – dies muss weiterer Forschungsarbeit überlassen bleiben.«

Wie eine andere Wirtschaftswissenschaft durchsetzen?

Was, wenn nicht die Frage der Durchsetzung müsste nach 40 Jahren vergeblichem Appell im Vordergrund stehen? Oder anders gefragt: Was verhindert seit Jahrzehnten einen solchen Pluralismus?

Bereits vor über 20 Jahren hat David M. Gordon festgehalten, dass es, um die Homogenität des ökonomischen Mainstreams zu erklären, nicht ausreiche, der Ökonomenzunft mangelnde Integrität vorzuwerfen oder sie für korrupt zu erklären. Gordon schreibt: »Um dem Erklärungsproblem gerecht zu werden, müsste man unglücklicherweise einige recht subtile und intensive Forschungen anstellen, darunter eingehende Analysen des substantiellen und symbolischen Gehalts des vom Mainstream vertretenen politischen Diskurses und sorgfältige Untersuchung der Kanäle, durch die ökonomische Ideen ihren Weg in politische Debatten finden.« Seit 20 Jahren ist es bei diesem »müsste« geblieben.

Bleibt zu hoffen, dass nicht nur weitere kritische Forschung folgt, sondern dass die Studierenden nicht länger bei »Aufrufen« stehen bleiben. Aber wahrscheinlich muss man wirklich auf »äußere Eingriffe« (Heise) ins Wissensfeld der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften warten. Erst mit 1968 ertönte der Ruf »Marx an die Uni!«, der auch einige Veränderungen zeitigte, wie Heise und Sebastian Thieme in einem anderen Papier nachzeichnen. Was aber, wenn die Universitäten als institutioneller Filter für kritische Wissenschaft selbst Teil des Problems sind?

Geschrieben von:

Ingo Stützle

Redakteur prokla