Wirtschaft
anders denken.

Kritik im Handgemenge: Engels und »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«

14.01.2018
Karl Girardet / GemeinfreiVisiting the poor, 1844

Friedrich Engels’ »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« ist der Klassiker unter den Anklageschriften gegen den Kapitalismus. Für die Arbeiterbewegung markierte er eine Wende. Ein Beitrag aus der Januarausgabe von OXI.

Er sei seines Wissens nach der erste Deutsche gewesen, der die »von der modernen großen Industrie geschaffenen Gesellschaftszustände« beschrieben und damit »dem damals entstehenden, in hohlen Phrasen herumfahrenden deutschen Sozialismus eine tatsächliche Unterlage« gegeben habe, hielt sich der im Gegensatz zu seinem kongenialen Partner Karl Marx eher uneitle Friedrich Engels noch fast 30 Jahre nach Erscheinen seines Buches über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« zugute.

Und tatsächlich lässt sich diese Pionierarbeit, 1845 in deutscher Sprache erschienen und erst fast ein halbes Jahrhundert später ins Englische übersetzt, als Ausgangspunkt eines auf dem Klassenantagonismus begründeten Kommunismus begreifen. »Ich war in Manchester mit der Nase darauf gestoßen worden«, resümierte der westfälische Industriellensohn 40 Jahre später in einer kurzen Darstellung über die ersten Jahre seiner und Marx’ gemeinsamer Tätigkeit im Bund der Kommunisten, »daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende geschichtliche Macht sind; daß sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heutigen Klassengegensätze; daß diese Klassengegensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich voll entwickelt haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der politischen Parteibildung, der Parteikämpfe und damit der gesamten politischen Geschichte sind.«

Nun war der kaum 22-jährige Engels, als er 1842 zur Lehre in die zum Familienunternehmen gehörende Baumwollspinnerei Ermen & Engels aus dem heimatlichen Barmen in die damals symbolträchtigste Stadt des expandierenden britischen Industriekapitalismus geschickt wurde, kein völliger politischer Neuling, der erst mit der Nase auf die Kritik der Verhältnisse seiner Zeit gestoßen werden musste.

Das unfassbare Elend

Seine Besuche in der Redaktion der von Marx redigierten »Rheinischen Zeitung« und, wichtiger noch, beim Pionier des deutschen Sozialismus, Moses Heß, lassen die Studien mehr als eine Art Auftragsarbeit seitens des revolutionären Milieus und seiner Protagonisten erscheinen. Und zweifellos stimmte der »allereifrigste Kommunist«, als den Heß den jungen Mann nach seinem Besuch bezeichnete, mit den sich seit Sommer 1842 aus den Linkshegelianern formierenden späteren kommunistischen Bundesgenossen bereits zu diesem Zeitpunkt darin überein, »daß politische Veränderungen unzureichend seien« und »eine soziale Revolution auf Grundlage des Gemeineigentums« anzustreben sei. Deren Zentrum müsse und werde im Mutterland des Kapitalismus liegen, wie er nur kurz nach seinem Eintreffen in Manchester schrieb.

Worauf Engels dagegen zunächst stieß, war das unfassbare Elend der englischen und vor allem irischen Textilarbeiterfamilien, das er zwar auch aus der Heimat kannte, aber dessen Verallgemeinerung ihn ganz offensichtlich erschreckte.

Engels’ Beschreibungen der »Schock-City der industriellen Revolution« (Tristram Hunt) sind so zunächst geprägt von der Abscheu gegenüber der »tiefsten Erniedrigung der Menschheit«. Geführt von sozialistischen Bekannten, wie etwa George Julian Harney oder James Leach, und vor allem seiner ersten großen Liebe Mary Burns, einer Baumwollspinnerin, zog der Fabrikantensohn durch die Betriebe, Wohnquartiere und politischen Veranstaltungen, um Material zu sammeln, das er häufig genug aus Gesprächen gewann.

Geschichte der Industrialisierung Englands

Neben der Geschichte der Industrialisierung Englands und der politischen und sozialen Verhältnisse in dem Land sind es vor allem die Darstellungen der elenden Wohn- und Arbeitsverhältnisse, die dem Buch einige Aufmerksamkeit bescherten. Überall präge »barbarische Gleichgültigkeit, egoistische Härte« und »namenloses Elend« den Alltag der »entmenschlichten Kreaturen«, heißt es dort. Seine Studien hätten ihm gezeigt, »wie in letzter Instanz das Privateigentum den Menschen zu einer Ware gemacht hat, deren Erzeugung und Vernichtung auch nur von der Nachfrage abhängt«, heißt es in einem die Untersuchungen begleitenden theoretischen Artikel für die »Rheinische Zeitung«.

Mit diesen Beobachtungen stand der deutsche Sozialist alles andere als alleine da. Bereits zehn Jahre zuvor hatte Alexis de Tocqueville über »Cottonville« geschrieben, dass aus jedem Abwasserkanal »pures Gold« fließe, das die Reichen aus der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft zögen. Und die Schriftstellerei über die Lebensbedingungen nahmen in den 1830er und 1840er Jahren geradezu Ausmaße eines Elendstourismus an.

Neben Charles Dickens’ »Oliver Twist« und »Harte Zeiten« entstanden nicht nur Dutzende Romane über Elend und Pauperismus der englischen Arbeiter – auch das als Roman verkleidete politische Manifest des späteren konservativen Premierministers Benjamin Disraeli, »Sybil oder die beiden Nationen«, ist dazu zu rechnen –, sondern auch mehrere Handvoll Studien, etwa von dem liberalen französischen Journalisten Léon Faucher, seinem Landsmann und Ökonomen Eugène Buret oder dem Engländer Peter Gaskell, die Engels allesamt rezipierte.

»Unheilbar durch den Eigennutz verderbt«

Was den Sozialisten von ihnen unterschied, war zunächst der unversöhnliche Ton der Anklage, nicht gegen einzelne Personen, sondern die herrschende Klasse des Inselreiches als Ganzes und die sozialen Verhältnisse, auf denen sie nunmehr ihre Macht begründete.

»Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie«, schreibt Engels. Und weiter: »Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren.«

Demgegenüber bleibe dem einzelnen Proletarier keine andere Wahl, »als die Bedingungen, die ihm die Bourgeoisie stellt, zu unterschreiben oder – zu verhungern, zu erfrieren, sich nackt bei den Tieren des Waldes zu betten«. Als »sozialen Mord« an ihnen bezeichnet Engels das Verhältnis zwischen den beiden Klassen, das einige Jahre später im »Manifest der Kommunistischen Partei« von ihm und Marx genauer analysiert werden sollte.

»Making of« der britischen Arbeiterklasse

Neben all dem und wichtiger noch waren die Erfahrungen aus den Klassenkämpfen der Zeit, die E.P. Thompson später als Prozess der Selbstkonstituierung, als »Making of« der britischen Arbeiterklasse bezeichnet hat, die Engels neue Perspektiven eröffneten und seine Studie einzigartig machten. Er war der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Gerade waren in Manchester die »Plug-Plot«-Unruhen der rebellischsten Arbeiter und der anschließende Generalstreik blutig und unter einem bis dahin kaum gekannten Aufmarsch der Staatsmacht niedergeworfen worden. In der Folge konstituierten sich Zehntausende auch in Lancashire unter der Fahne des Chartismus zur ersten eigenständigen Arbeiterbewegung, um nun mit Hilfe des allgemeinen Männerwahlrechts und häufig genug auch durch Streiks ihre Forderungen durchsetzen zu können.

Vor allem die Hoffnungen, die Engels auf die Vereinigung der Arbeiter und ihre Kraft setzte, die er auch aus den chartistischen Versammlungen bezog, unterscheiden das Buch von fast allen anderen Sozialstudien – bis heute. Je mehr sich die Spaltung der Gesellschaft zuspitze, desto deutlicher werde dem Proletariat als Klasse, »wie leicht es (…) wäre, die bestehende soziale Macht zu stürzen, und dann folgt eine Revolution«, heißt es zum Abschluss des Buches. Auch insofern war die »Lage der arbeitenden Klasse in England« eine »Kritik im Handgemenge« (Karl Marx), deren eindeutige Parteinahme für die »Sklaven der Industrie« sich in der Widmung des Buches gar gleich zu Beginn findet.

Aufhebung »der ganzen alten Scheiße«

Noch war der jugendliche Revolutionär geprägt von den »Spuren der Abstammung des modernen Sozialismus von einem seiner Vorfahren – der klassischen deutschen Philosophie«, wie er selbstkritisch in einem 1892 verfassten Vorwort zur Neuausgabe einräumte. Gemeint waren Formulierungen wie diese: »Der Kommunismus steht seinem Prinzipe nach über dem Zwiespalt zwischen Bourgeoisie und Proletariat«, weil er »eben eine Sache der Menschheit, nicht bloß der Arbeiter« sei. Dem stellten er und Marx später die »Selbstbefreiung der Arbeiterklasse« zur Aufhebung »der ganzen alten Scheiße« entgegen.

Aber für die Entwicklung dessen, was man später – auch unter tätiger Mithilfe von Engels – Marxismus nennen sollte, waren Engels’ Studien gerade in diesem Sinne prägend, weil ab diesem Zeitpunkt die Hinwendung zu den Klassenkämpfen nach und nach fast alle revolutionären Strömungen prägen sollte. In einem Brief an den alten Freund aus dem Jahre 1863 resümierte Marx nochmals, wie zentral die Schrift gewesen und »wie frisch, leidenschaftlich, kühn vorausgreifend und ohne gelehrte und wissenschaftliche Bedenken (…) hier noch die Sache gefasst« worden sei.

Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat…

Kaum noch haben Wissenschaftler oder Sozialrevolutionäre – von den empirischen Sozialforschern und ihrer leidenschaftslosen Methodik ganz zu schweigen – ähnliche Versuche unternommen, sieht man von den wenigen Ausnahmen etwa der italienischen Zeitschrift »Quaderni Rossi« in den 1960er Jahren oder einigen Schriften der französischen Soziologie ab.

Und ob Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«, das breit rezipiert wurde und in vielerlei Hinsicht – allerdings gerade nicht bezüglich der radikalen Aufhebungsperspektive – an die »Lage der arbeitenden Klasse in England« erinnert, in die großen Fußstapfen wird treten können, darf bezweifelt werden.

Die zentrale Maxime des Buches, ein Zitat von Jean-Paul Sartre, hätte sicherlich aber auch Engels gefallen: »Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.«

Geschrieben von:

Axel Berger