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Kultur und Tradition machen den Unterschied

29.03.2017
Das Theater der Stadt mit einem Springbrunnen davor.Foto: Anne SchindlerDas Teatro Municipale von Reggio Emilia.

Warum gibt es beispielsweise im Baskenland und der Reggio dell’Emilia sehr viele und sehr große Genossenschaften? Und anderswo gar keine. Was macht den Unterschied aus?

Wer nach Italien reist, fährt meist dran vorbei: Zu unbedeutend mutet die zwischen Parma und Modena gelegene Stadt Reggio dell’Emilia an, mit ihren rund 170.000 EinwohnerInnen. Und zu unscheinbar wirkt die gleichnamige Provinz mit ihren etwa 500.000 Einwohnern, die sich vom Po bis zum Apennin erstreckt – trotz des Parmigiano-Reggiano, der hier (und nicht in Parma) gekäst wird, trotz ihrer Geschichte, trotz der ehrwürdigen Altstadt. Und so bekommen auch nur wenige den Hauptplatz von Reggio mit seinen vielen Denkmälern zu sehen, darunter auch eine Büste von Camillo Prampolini.

Von der Apotheke bis zum Schlachthof

Prampolini (1859-1930) war lebenslang Sozialist gewesen, der wie kaum ein anderer italienischer Politiker seiner Zeit das Konzept einer – unter Handwerkern bereits praktizierten – alternativen Ökonomie vorantrieb: Die Arbeiterselbstverwaltung habe den Zweck, »die Bevölkerung auf ein ökonomisches, intellektuelles und moralisches Niveau zu heben, um so die siegreiche Revolution vorzubereiten, ohne das Proletariat in ein Massaker und in die Niederlage zu führen«, schrieb er 1889 in der von ihm gegründeten Zeitung La Giustizia. Reform und Revolution – nach diesem Motto vergesellschaftete damals die Stadtverwaltung von Reggio Gas-, Strom- und Wasserversorgung. Sie kommunalisierte Bäckereien und Schlachthöfe und gründete im Jahr 1900 kommunale Apotheken, die nicht nur die Armen mit billigen Medikamenten versorgten, sondern auch selbst Arzneimittel herstellten. Noch heute erwirtschaften die Farmacie Comunali einen Überschuss, der städtischen Sozialprojekten zugute kommt.

Demokratisch, autonom, unabhängig

Zu Beginn der Arbeiterbewegung hatte es überall solche Ansätze gegeben. Bereits während der industriellen Revolution entstanden – angeregt von frühsozialistischen Visionären wie Charles Fourier oder Robert Owen (siehe OXI Mai 2016) – die ersten modernen Genossenschaften. 1844 etwa gründeten Weber im nordenglischen Rochdale einen Konsumverein und formulierten jene Prinzipien, die heute noch für Kooperativen gelten: offene Mitgliedschaft, keine Diskriminierung, basisdemokratische Kontrolle, Autonomie und Unabhängigkeit.

Nach den Verbrauchergenossenschaften entwickelten sich bald in vielen Staaten auch Produktionsgemeinschaften; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs das Genossenschaftswesen zu einer breiten Bewegung heran. Vielerorts scheiterten sie jedoch – nicht zuletzt an einer politischen Linken, die ganz große Ziele im Sinn hatte. Die sozialistischen (später auch kommunistischen) Parteien setzten damals entweder auf die Revolution, nach der sich sowieso alles ändern werde, oder auf staatliche Reformen. Die Verhältnisse mit dem Aufbau von Kooperativen zu verbessern? Das erschien vielen als zu mühsam, zu kleinbürgerlich, zu wenig radikal, werde doch so der Unterschied zwischen den Klassen verwischt.

Warum viele Genossenschaften scheiterten

So kam es, dass in Industriegebieten mit zentralistisch organisierten Gewerkschaften und Parteien die Genossenschaftsidee nur in Form von Konsumvereinen überlebte. In ländlichen Regionen wie in Reggio Emilia oder im Baskenland gab es jedoch weder solche zentralistisch geformten politischen Organisationen noch einen starken bürgerlichen Staat. Hier ging es den Menschen vor allem darum, ihre Lebensgrundlagen zu sichern. So waren in dieser norditalienischen Provinz LandarbeiterInnen und Pächter die treibende Kraft. Während im italienischen Süden oder in der Region um Mailand Großgrundbesitzer Heerscharen von TagelöhnerInnen kontrollierten, wirtschafteten die Pachtbauern auf nahe beieinanderliegenden Gehöften – und halfen sich gegenseitig. Der nächste Hof war zu Fuß zu erreichen, man teilte sich die Werkzeuge, sprang in Notfällen ein. Und kämpfte oft gemeinsam gegen die Gutsbesitzer. Eine vergleichbare soziale Topografie wies übrigens das Baskenland auf, wo Zusammenhalten und -arbeiten bereits Tradition hatten, als in den 1950er Jahren zwischen verstreuten Höfen und Weilern die erste Mondragón-Kooperative entstand.

So manche Partisanen sahen nach der Befreiung in Kooperativen das Gegenkonzept zu Kapitalismus und Faschismus

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Staatsferne und andere Gemeinsamkeiten

Auffällig ist: die Staatsferne. Im Baskenland wurde und wird der (spanische) Staat vor allem als Repressionsagentur wahrgenommen und abgelehnt. Groß ist so der Wunsch nach Selbstständigkeit und Autonomie; die Gründung von Mondragón ist ein Ausdruck davon. Und: Wie in der Reggio dell’Emilia mit Prampolini spielte auch im Baskenland in der Gründungsphase eine Führungsfigur eine entscheidende Rolle, der sozial denkende Pater Jose Maria Arizmendiarrieta. In Norditalien hingegen musste sich zwischen der Staatsgründung 1861 und dem Ersten Weltkrieg niemand vom Staat distanzieren – er bestand zwar, hatte aber nicht die Kraft, eine öffentliche Daseinsvorsorge aufzubauen. So war Selbsthilfe angesagt: Die Menschen befestigten gemeinsam Straßen, gründeten Eisenbahn-Kooperativen, schaufelten Dämme gegen die Hochwasser des Po, errichteten Volkshäuser mit Bibliotheken, Versammlungsräumen und Theatersälen. Nach Nazibesatzung und Zweitem Weltkrieg blühte die lokale Genossenschaftsbewegung wieder auf: So manche Partisanen sahen nach der Befreiung in Kooperativen das Gegenkonzept zu Kapitalismus und Faschismus.

Genossenschaftshochburg in Südenindien

So kann auch die Existenz einer weiteren Kooperativen-Hochburg erklärt werden: Sherthala im südindischen Bundesstaat Kerala. Der lange Kampf der Bevölkerung gegen die britischen Kolonialherren hatte dort einen Selbstbehauptungswillen entstehen lassen, der nach der Unabhängigkeit nicht einfach verschwand: Privatinvestoren machten einen großen Bogen um das Gebiet. Und so blieb den Fischern, Textilarbeiterinnen, Kokospflückern und Dienstleistungsbeschäftigten (darunter die Kellner des Indian Coffee House) nur die Alternative, sich selber zu organisieren.

Und in der Pfalz und Chemnitz

Verantwortung übernehmen, eigenständig denken, solidarisch handeln und gemeinsam in Kooperativen dem renditegetriebenen Kapitalismus Paroli bieten – im Prinzip können das alle, überall. Dafür gibt es viele Beispiele. Doch nicht immer gelingt der Sprung in die kollektive Selbstständigkeit. Weil Gesetze das verhindern. Oder weil die Kultur dafür fehlt: Selbst streikerfahrene LohnarbeiterInnen und Gewerkschafter sind nicht unbedingt auch (gerne) engagierte und unternehmerisch denkende Mitglieder einer Genossenschaft. So übernahmen beispielsweise die Belegschaften der Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik Union und der Flugzeugwerke Pfalz 1996 und 1997 ihre kriselnden und von Schließung bedrohten Betriebe. Als die Firmen ein paar Jahre später wieder profitabel waren, verkauften die Beschäftigten ihre Anteile.

Dieser Beitrag ist zuerst in der Märzausgabe 2017 von OXI erschienen.

Geschrieben von:

Pit Wuhrer

freier Journalist