Wirtschaft
anders denken.

Landkarte der Ermutigung

07.10.2018
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Solidarische Unternehmen, alternative Produzenten, kritische Verbraucher – nicht-kapitalistische Ansätze gibt es immer mehr. Die einst eher solitären Inseln des alternativen Wirtschaftens bauen immer mehr Beziehungen untereinander auf, der Grad der Vernetzung nimmt zu. Sie zu verbinden, wirft die Frage einer alternativen Infrastruktur auf.

Als 2017 das Buch »Kapitalismus aufbrechen« von John Holloway erschien, kam dies dem Versuch gleich, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob sich das System Kapitalismus sozusagen bei laufendem Motor abschaffen lässt. Angst vor Revolutionen, ein gewisses Unbehagen gegenüber dem opaken Begriff Transformation und ein durch jahrzehntelange Enttäuschung genährtes Misstrauen gegenüber Reformen entfachten die Neugier auf einen Ansatz, wie ihn Holloway vortrug. »Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen« hatte der Autor es bereits in einem vorherigen Buch genannt. »Kapitalismus aufbrechen« ist ein kluges Buch, dem man in vielem widersprechen kann, was der Tatsache keinen Abbruch tut, dass die Erzählung Fragen umkreist, die sich stellen, will man den Kapitalismus nicht als das Ende der Geschichte annehmen.

Eine dieser – oft einfach klingenden Fragen – formulierte Holloway so: »Wir besetzen eine Fabrik, und dann? Die Produkte, die wir da herstellen, wenn wir weiterarbeiten, müssen wir doch irgendwie verkaufen, den Kräften der Marktwirtschaft müssen wir uns doch beugen.«

Mal davon abgesehen, dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht das Gleiche sind, stellt sich bei allen guten und vernünftigen Ansätzen, anders zu wirtschaften, immer wieder die Frage, ob wir es dabei mit Inseln zu tun haben, die für sich genommen schön, in der Gesamtbetrachtung aber nicht systemrelevant sind. Einfach auch deshalb, weil sie – trotz aller Vernetzungsbemühungen – nicht über die Infrastruktur verfügen, die notwendig wäre, einen tatsächlichen Paradigmenwechsel zu bewirken.

»Halbinseln gegen den Strom«

Die Ökonomin Friederike Habermann fasste die Hoffnung, dass dies möglich ist, in den Titel ihres Buches »Halbinseln gegen den Strom«, das den Untertitel »Anders leben und wirtschaften im Alltag« trägt. Und tatsächlich lässt sich bereits aus dem Inhaltsverzeichnis ersehen, dass die anderen Ansätze des Wirtschaftens – »eher ohne Geld statt mit; eher ohne Tauschlogik statt ihr gemäß« bereits in sehr vielen Lebensbereichen zu finden sind: die Produktion, Verteilung, Verwertung von Nahrungsmitteln, Kleidung und anderen Gebrauchsgegenständen, die Erbringung von Dienstleistungen, das Wohnen, die Finanzen, Bildung, Gesundheit, Kommunikation.

Dissidente Praktiken im Produktions-, Verteilungs- und Konsumtionsbereich also, die schon lange nicht mehr nur Inseln sind, die irgendwie funktionieren, wie es seit jeher funktioniert hat: außerhalb des herrschenden Wirtschaftssystems etwas aufzubauen, das der herrschenden Logik von Produktion, Vertrieb und Konsumtion nicht folgt, aber auch keinen wesentlichen Einfluss auf die Umwelt gewinnt. Immer geduldet, als seien dies geschützte Werkstätten, und nicht groß wert, sich damit zu befassen, da sie das System weder stören noch angreifen, ihm ein weiteres Angebot in der Überfülle an Angeboten hinzufügen, das im Gegenteil vielleicht sogar stabilisierend wirkt.

Habermann weist nach, dass sich die Infrastruktur dieser einstigen Inseln zumindest dahingehend wandelt, dass der Grad der Vernetzung untereinander zunimmt, die Ausstrahlung in die Gesellschaft wächst, die einst solitären Inseln des Wirtschaftens Beziehungen untereinander aufbauen, die ihnen Handel und Vertrieb, Wissenstransfer und Marketing, veränderte Produktionsbedingungen und daraus erwachsende Veränderungen des Charakters der Arbeit ermöglichen. Ansätze alternativer Ökonomie sind längst nicht mehr belächelte – weil hübsch und so gesund und nachhaltig – Formen des Wirtschaftens. Stattdessen besetzen sie immer größer werdende Fehlstellen oder Problembereiche, die der Kapitalismus nicht mehr in der Lage scheint, zu füllen beziehungsweise aufzulösen: Die Vernichtung und zugleich immense Verschwendung von Nahrungsmitteln, die wachsenden externalisierten Kosten für die Produktion von Gebrauchsgegenständen, die Entgrenzung und Prekarisierung von Arbeit, die Finanzialisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Unwilligkeit und systembedingte Unfähigkeit, auszuhandeln, was weniger und was mehr werden soll, die Zerstörung des Ökosystems, die als Matrix unter allem liegt.

Nicht nur in kleinen Gemeinschaften möglich

Solidarisch zu wirtschaften bedeute, wie Habermann in ihrem Buch »Ecommony« schreibt, eben nicht, dass dies nur in kleinen Gemeinschaften möglich sei, »wo sich alle lieb haben müssen und fünfmal die Woche im Plenum zusammenfinden«.

Jeremy Rifkin (»Null-Grenzkosten-Gesellschaft«) hebt die globalen Potenziale commonsbasierten Wirtschaftens geradezu in den Himmel der Möglichkeiten, indem er auf den Umstand verweist, dass eine globale Hightech-Plattform entwickelt würde, mit deren Hilfe sich die jahrhundertealten Prinzipien der Commons optimieren und potenzieren ließen.

Die Praxis lässt diese Möglichkeiten vielleicht ahnen, aber unterlegt ist es noch nicht. Wer sich zum Beispiel die Mühen vergegenwärtigt, die der Aufbau von Plattformen wie imwandel.net mit sich bringt, ahnt, wie vergleichsweise einfach es heutzutage ist, anders zu wirtschaften, wie schwer jedoch die für eine stabile Gesamtkonstruktion notwendigen Produktions-, Verteilungs- und Verbrauchsbeziehungen herzustellen beziehungsweise zu vernetzen sind. Der vorhandenen Vielfalt, die auf solchen Webportalen sichtbar und somit nutzbar wird, steht das immer wieder und immer noch beschriebene Gefühl gegenüber, mit dem, was man tut, allein zu sein. Und tatsächlich war dies auch der Ausgangspunkt der Überlegung, eine solche Plattform zu schaffen. Sie soll eine Landkarte der Ermutigung sein, wie die Gründer der in Italien entstandenen Idee eines webbasierten Magazins namens »Italia Che Cambia« selber sagen.

Luca Asperius, einer der Gründer, beschreibt das so: »Die Kartierung der Projekte hat vielen gezeigt, dass sie nicht allein sind und dass alternative Projekte eine lange Geschichte haben, die auch eine Erfolgsgeschichte ist. Wir hatten auch schnell das Gefühl, dass in Italien viel mehr praktisch orientierte Projekte ausprobiert werden, die nicht unbedingt gegen, aber, man kann sagen, trotz der jeweiligen Regierungen funktionieren. Es gibt in Italien zum Beispiel viele gute Bürgermeister, zugleich viel Korruption. Es gibt ein Netzwerk von Dörfern und Städten, die gemeinsam im Sinne von Umweltschutz, Daseinsvorsorge, Commons Entscheidungen treffen. Noch vor Kurzem klang es ja wie ein großer Witz, wenn jemand von Postwachstum redete. Heute denken viele darüber nach.« So kam die Idee nach Deutschland und hier heißt sie »Im Wandel«.

Netzwerke sind nur ein Teil von Infrastruktur. Und vergleichsweise ohne große Investitionen herzustellen. Schwerer wird es, wenn über Energieautonomie, Zugang zu Vertriebs- und Transportwegen, Logistik, Produktionsmittel nachgedacht werden muss.

Marlis Cavallaro hat in dem noch heute sehr lesenswerten Buch »Solidarische Ökonomie«, herausgegeben von Sven Giegold und Dagmar Embshoff und 2008 erschienen bei VSA in Hamburg, geschrieben, dass solidarisches Wirtschaften zwar ohne Profitorientierung, aber nicht ohne wirtschaftlichen Erfolg funktioniere. Strukturen müssten für alle Bereiche des Wirtschaftens und des Soziallebens geschaffen werden. Giegold selbst wird nicht müde, über die Schaffung politischer Rahmenbedingungen für Solidarische Ökonomie zu reden und zu schreiben und meint damit auch die ökonomischen Rahmenbedingungen.

Wenn aber die ökonomischen Rahmenbedingungen im Rahmen des Systems und durch das System geschaffen werden, das es aufzubrechen gilt, steht mindestens die Frage im Raum, warum es dann möglich sein sollte, dass sich dieses System damit zugleich sein Totenleibchen näht.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin