Wirtschaft
anders denken.

Die Früchte der Arbeit

19.03.2021
Viel Leistung: Der Motor eines TraktorsBild von RitaE auf PixabayViel Leistung: Der Motor eines Traktors

Ein zentrales politisches Versprechen lautet: Leistung muss sich lohnen. Geht das? Aus OXI 3/21.

Leistung sollte sich lohnen – das klingt fair. Leistung muss sich lohnen – das klingt schon eher nach FDP und Steuersenkung. »Jetzt gilt es, die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft zu erneuern. Leistung muss sich wieder lohnen«, forderte Helmut Kohl schon 1983 auf dem Parteitag der CDU, acht Monate nach seiner Wahl zum Bundeskanzler und der Abwahl der SPD-Regierung unter Helmut Schmidt. Mit der SPD sei der »Irrglaube des Sozialismus« gescheitert, formulierten CDU/CSU in ihrem Wahlprogramm im gleichen Jahr. Nun solle es wieder gerecht zugehen: »Wir garantieren die durch eigene Leistung erworbenen Ansprüche.«

Leistung muss sich lohnen – dies ist auch heute ein zentrales Postulat in der politischen Debatte, Union und FDP pochen darauf, auch im Grundsatzprogramm der SPD steht: »Gerecht ist eine der Leistung angemessene Verteilung von Einkommen und Vermögen.« Aufstieg durch Arbeitsleistung sei ein Kernversprechen der sozialen Marktwirtschaft, sagte Parteichef Kurt Beck 2007.

Wer mehr leistet, soll also mehr verdienen und eher aufsteigen. Aber was ist Leistung und ist dieses Kernversprechen in der Marktwirtschaft einzuhalten? Was beeinflusst die Höhe des Gehalts?

Leistung wird seit Jahrtausenden wertgeschätzt. Auch die Taten der römischen Gladiatoren galten als Leistung, unabhängig davon, ob sie eher dem Kult, dem Sport oder der Unterhaltung zugerechnet wurden, schreibt Klaus Arzberger in dem Buch »Krise der Leistungsgesellschaft?« von 1987. Mit der Herausbildung des Kapitalismus hat sich das Leistungspostulat immer stärker auf einen gesellschaftlichen Bereich verlagert: die Wirtschaft. Für die meisten Menschen bedeutet dies: Was vor allem zählt, ist ihre Erwerbstätigkeit.

In den 1970er Jahren gerät die Wirtschaft in Westdeutschland erstmals in der Nachkriegszeit in eine schwere Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt stark an. Als Ursache wird eine Krise der Leistungsgesellschaft ausgemacht, die Gründerin des Instituts für Demoskopie, Elisabeth Noelle-Neumann, beklagt etwa »Arbeitsunlust und ein Ausweichen von Anstrengung«.

Dann kommt Helmut Kohl, die CDU übernimmt das Regieren und erklärt: »Die Wirtschaft wächst, wenn die Menschen wissen, dass sich Leistung wieder lohnt […] und wenn der Staat sie nicht um die Früchte ihrer Arbeit bringt.« Die Leistungsideologie kam in dieser Zeit keineswegs fordernd und hart daher, vielmehr bettete die CDU sie ein in das Versprechen, wieder eine »Gesellschaft mit menschlichem Antlitz« zu schaffen, nachdem die SPD eine »kalte, durchbürokratisierte Gesellschaft« gefördert habe.

Konkret lautete das Konzept: Damit die Menschen wieder die »Früchte ihrer Arbeit« behalten können, müssen Steuern gesenkt und leider – wegen der SPD-Misswirtschaft – Sozialleistungen gekappt werden. Die Kohl-Regierungen haben erste Beschlüsse dazu gefasst, konsequenter umgesetzt wurde diese Strategie dann ausgerechnet von der Koalition aus SPD und Grünen ab 1998. Sie senkte Spitzen- und Unternehmenssteuern massiv und beschnitt mit der Agenda 2010 Mittel für Arbeitslose. »Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft«, befand SPD-Kanzler Gerhard Schröder 2001.

Betrachtet man die Einkommensentwicklung in den Jahren nach der Agenda 2010, schrumpfte für Millionen Menschen der Lohn für ihre Leistung. Ab 2004 sanken die durchschnittlichen realen Stundenverdienste über fünf Jahre – trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Die geringeren Gehälter sind nicht mit einem kollektiven Leistungsabfall der Erwerbstätigten zu erklären. Vielmehr förderte Rot-Grün prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit und Minijobs, gleichzeitig zwang Hartz IV Menschen dazu, nahezu jede Stelle anzunehmen.

Die Höhe des Gehalts wird also von den Machtverhältnissen beeinflusst. Millionen Menschen müssen erwerbstätig sein, um ihre Existenz zu sichern. Die meisten Männer und Frauen wollen auch arbeiten, sei es wegen der sozialen Kontakte, der gesellschaftlichen Anerkennung oder weil sie etwas Sinnvolles tun möchten.

Jobsuchende und Beschäftigte sind stärker auf Unternehmen angewiesen als umgekehrt. Das ist die Basis, auf der die Lohnhöhe ausgehandelt wird und die in der Leistungsideologie nicht vorkommt. Ist die Arbeitslosigkeit hoch und der Sozialschutz schwach, wie nach Inkrafttreten der Hartz-Gesetze, können Unternehmen niedrigere Gehälter durchsetzen.

Ein besserer Arbeitnehmerschutz kann die Entgelte erhöhen. Nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohns sind in Deutschland die Stundenlöhne von Geringverdienenden binnen zwei Jahren um 15 Prozent gestiegen. Wohl niemand würde behaupten, dies liege daran, dass die Menschen 15 Prozent mehr geleistet hätten.

Starke Gewerkschaften können die Machtposition von Beschäftigten ebenfalls verbessern. So haben in der Industrie Gewerkschaften durchgesetzt, dass Tätigkeiten, für die keine Ausbildung nötig ist, höher als anderswo vergütet werden. Für solche Arbeiten sind beispielsweise im Maschinenbau die Stundenentgelte 30 Prozent höher als in der Finanzbranche.

Trotz alldem ist denkbar, dass die individuelle Leistung unter den derzeit gegebenen Bedingungen die Entlohnung beeinflusst. Hier stellt sich zunächst die Frage, was Leistung ist. Wann leistet ein Versicherungsvertreter mehr: Wenn er viele Policen verkauft oder die Kundschaft gut berät? Auf Boni kann er eher im ersten Fall hoffen, weil er so die Einnahmen des Unternehmens steigert. Innerhalb eines Berufs können Beschäftigte also eher mit Aufstieg und mehr Geld rechnen, wenn sie die jeweiligen Anforderungen des Unternehmens erfüllen. Ob man diese als besonders wertvolle Leistung definiert, ist Ansichtssache.

Über Berufsgruppen hinweg fällt es noch schwerer, einen Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen zu entdecken. So wird das Herstellen von Lebensmitteln geringer vergütet als das Herstellen von Autos. Angestellte in Kitas verdienen weniger als in der Industrie. Weil sie sich weniger anstrengen?

Sozialwissenschaftler haben sechs Kriterien identifiziert, die bei der Gehaltshöhe eine wichtige Rolle spielen: Geschlecht, Ausbildungsniveau und Alter der Person, die Region und Branche, in der sie tätig ist sowie ihre Arbeitszeit (Vollzeit oder Teilzeit). Das individuelle Einkommen eines Menschen sei relativ gut vorherzusagen, wenn man diese Faktoren kennt, sagt der Direktor des sozio-oekonomischen Panels, Stefan Liebig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der sich mit Ungleichheit befasst. Die individuelle Leistung gehört nicht zum Kriterienkatalog, mit dem der Lohn einer Person vorherzusagen ist.

Aber inwiefern beeinflussen die sechs Faktoren das Gehalt und lässt sich irgendwo eine Leistungskomponente aufspüren? Hier einige Fakten und Erklärungsvorschläge.

Branche: Beim Statistischen Bundesamt kann man nachlesen, wie hoch zuletzt die Bruttolöhne für Tätigkeiten waren, die eine Berufsausbildung erfordern. Fachkräfte, die Autos herstellten, erhielten 2019 im Schnitt 36,21 Euro pro Stunde. Beschäftigte in der Nahrungsmittelindustrie bekamen 51 Prozent weniger – bei gleichem Ausbildungsniveau. Sie können sich noch so anstrengen, sie werden nicht so viel Geld erhalten wie das Personal bei Daimler.

In Autokonzernen sind Gewerkschaften eben stärker als in Schlachthöfen und können anständige Gehälter durchsetzen. Was noch wichtiger sein dürfte: Daimler und Co sind finanzstark, sie erzielen mit dem Verkauf von Fahrzeugen hohe Erlöse und Gewinne. In der Nahrungsmittelindustrie ist der Preisdruck hingegen enorm, den mächtige Einzelhandelskonzerne ausüben.

Damit die Berufstätigkeit anständig vergütet wird, genügt also nicht eine große Nachfrage – auch der Bedarf an Lebensmitteln ist beachtlich. Die Nachfragenden müssen auch zahlungswillig und -fähig sein. Darum verdienen übrigens auch Wirtschaftsanwälte mehr als Sozialanwälte, die Arbeitslose beraten.

Region: In Ostdeutschland ist das Lohnniveau niedriger als im Westen, Fachkräften am Bau wird im Schnitt 15 Prozent weniger ausgezahlt. Hierfür werden viele Gründe angeführt, von den Lebenshaltungskosten bis zur Betriebsgröße. Mit dem Fleiß der Menschen hat das nichts zu tun.

Arbeitszeit: Für Teilzeitbeschäftigte ist es oft schwierig, gut dotierte Stellen zu erhalten, ihr Stundenlohn liegt in Deutschland im Schnitt rund 20 Prozent unter dem Entgelt von Vollzeitkräften. Ihre Tätigkeiten außerhalb des Jobs – Kinder betreuen, Essen kochen, Wäsche waschen – sind meist Leistungen ohne Lohn.

Alter: Viele Tarifverträge sehen vor, dass das Gehalt mit den Berufsjahren steigt, was man gut oder schlecht finden kann, es gilt jedenfalls unabhängig vom Arbeitseinsatz der Jüngeren und Älteren.

Geschlecht: Dass Frauen rund 20 Prozent weniger verdienen als Männer, deswegen aber nicht weniger leisten, dürfte weitgehend unstrittig sein. Übrigens erhalten weibliche Führungskräfte laut Statistischem Bundesamt sogar 30 Prozent weniger als männliche. Auch »typische Frauenberufe« werden geringer vergütet: Für Facharbeit in der Altenpflege gibt es 19 Prozent weniger als in der Industrie.

All dies hat zu tun mit patriarchalen Traditionen – Mütter und Großmütter ziehen die Kinder zu Hause unentgeltlich auf –, mit gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern – wenn die Partnerin mehr verdient, ist das ein Thema, umgekehrt seltener –, und mit Realitäten – eine Hinzuverdienerin lässt sich eher auf einen geringen Lohn ein.

Der Bedarf an traditionellen Frauentätigkeiten wie Pflege ist seit Langem groß, doch die Mittel für ihre Entlohnung sind weiterhin knapp. Dafür sorgt zum Beispiel ein Teil der Gesellschaft, der jeden Anstieg der Sozialbeiträge, der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zum Problem definiert.

Wenn sich Pflegende noch mehr anstrengen, wird ihr Gehalt kaum steigen. Eher schon, wenn sie Druck machen können. Nach Monaten der Pandemie, in der ihre Arbeit sichtbarer geworden ist, haben im Herbst 2020 Beschäftigte zusammen mit der Gewerkschaft Verdi relativ hohe Lohnzuschläge für Pflegende durchgesetzt, erfahrene Fachkräfte erhalten in diesem Jahr 3,6 Prozent mehr Geld.

Ausbildung: Vollzeitbeschäftigte ohne Berufsabschluss haben zuletzt durchschnittlich 2.513 Euro brutto im Monat erhalten. Erwerbstätige mit Berufsausbildung bekamen laut Bundesagentur für Arbeit im Schnitt rund 700 Euro mehr. Eine Ausbildung zahlt sich also aus. Wobei es häufig noch wichtiger ist, in welcher Branche eine Person tätig ist. Für Facharbeit in der Metall- und Elektroindustrie gibt es pro Monat 1.300 Euro mehr als im Einzelhandel und 1.000 Euro mehr als am Bau, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts.

Bei Hochschulabsolventen ist der Gehaltssprung besonders groß: Sie verdienen im Schnitt mehr als doppelt so viel wie Ungelernte, nämlich 2700 Euro mehr pro Monat. Deshalb sollten alle die gleichen Bildungschancen haben, heißt es. Gerade die SPD macht sich dafür seit Jahrzehnten stark.

Tatsächlich ist es derzeit so: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 79 ein Hochschulstudium. Verfügt der Vater oder die Mutter »nur« über einen Berufsabschluss, sind es lediglich 24 von 100 Kindern und bei Eltern ohne Berufsabschluss gerade einmal 12. Das ergab 2018 eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Akademiker und Akademikerinnen verdienen mehr, ob sie auch mehr leisten, ist ebenfalls Ansichtssache. Ein Studium kann anstrengend und anregend sein, der anschließende Job ebenfalls. Anstrengend ist es in jedem Fall, den Straßenbelag mit dem Presslufthammer zu zertrümmern oder neun Kinder acht Stunden in der Kita zu betreuen.

Doch selbst wenn alle studieren, werden nicht alle Führungskräfte, Professorinnen oder Ärzte. Es wird weiter Tätigkeiten geben, die ebenfalls verrichtet werden müssen: Äpfel ernten, Pakete austragen und Alte pflegen zum Beispiel.

In der derzeitigen Marktwirtschaft werden solche Tätigkeiten gering vergütet, unabhängig vom Leistungswillen und der Ausbildung der Personen: 65 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland haben eine Berufsausbildung.

Mit Blick auf das andere Ende der Gehaltsskala wird in der politischen Debatte oft unterstellt: Besserverdienende leisten mehr. Dass sie mehr leisten, erkennt man demnach daran, dass sie mehr verdienen. Das Leistungspostulat schnurrt hier auf eine Rechtfertigung von Ungleichheit und finanzieller Macht zusammen. Irgendeine Legitimation braucht man dafür schließlich.

Die geringeren Gehälter sind nicht mit einem kollektiven Leistungsabfall der Erwerbstätigten zu erklären.

Geschrieben von:

Eva Roth