Wirtschaft
anders denken.

Was Friseure können, können nur Friseure

13.02.2021
Frisör im Lockdown: Die Rolladen sind geschlossen und mit Graffiti bemaltBild von Sarah Lötscher auf Pixabay

Bittere Wahrheiten über die alte Normalität, Menschenwürde und was die Kosten eines Lockdown mit dem Pflegenotstand zu tun haben könnten. Corona-Tagebuch Teil 14.

Mittlerweile hat das alles die Routine einer en-suite gespielten Boulevardtheater-Vorführung (dieser Vergleich muss sein, so lange wir uns noch erinnern, was Theatervorführungen sind): Ab Montag werden auf allen Kanälen Forderungen erhoben, Warnungen, Hoffnungen und Mutmaßungen angestellt. Darüber, was denn die Mittwoch tagende „Corona-Runde“ aus Bundeskanzlerin, Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen, die jetzt immer öfter einfach „Länderchefs“ heißen, beschließen. Weil, Krise ist nun mal Chefsache, da machste nix. Die Chefs und Chefinnen werden von einem „Experten-Gremium“ beraten, von dem immer mal eine oder einer kurzfristig in die Öffentlichkeit gezerrt wird, aber das ist auch bald langweilig. Dann ist Mittwochabend und es gibt ein ARD-Extra, das auch aus dem Vormonat stammen könnte. Anschließend klagen alle die ihnen qua Amt oder Beruf zustehenden Klagen, und dann ist auch schon wieder eine Lockdown-Woche rum. Geht doch.

Für Karnevalistinnen und Karnevalisten, und alle, denen es gerade besonders traurig zumute ist, hier die Kalauer der Woche: „35 ist die neue 50“ und „Was Friseure können, können nur Friseure“. Würde herstellen nämlich. Jedenfalls die von Markus Söder. Aber weil der ja als politischer Hoffnungsträger der Christsozialen gilt, ist das möglicherweise mehr als eine Privatmeinung. Das würde jedenfalls erklären, warum sein Parteifreund, der Innenminister, Abschiebeflüge nach Afghanistan für selbstverständlich mit der Menschenwürde vereinbar hält. Trotz Protesten von 96 Organisationen und entsprechender Urteile deutscher Gerichte wurden am 9. Februar insgesamt 26 Menschen aus der Bundesrepublik in ein Flugzeug gesetzt und in das laut Global Peace Index gefährlichste Land der Welt abgeschoben, das außerdem als Covid-19 Hochrisikogebiet eingestuft ist. Aber wer weiß, vielleicht haben die Friseure ja auf. Während meiner Schulhofzeiten gab es aus mir unerfindlichen Gründen die Drohung „Ich schlag dir gleich `nen Rundschnitt“.

Nein, Zynismus hilft auch keinem. Also lieber auf all die klugen Menschen schauen, die in der offiziellen Krisen-Routine nicht gehört werden. Kazim Erdoğan beispielsweise, Psychologe, Soziologe und engagierter Bürger aus Berlin Neukölln, der dort schon mit türkisch sprechenden Männern Gesprächskreise veranstaltet hat, als noch kaum jemand das Wort Migrationshintergrund benutzte. Jener freundliche ruhige Mann nimmt jetzt Videobotschaften in seiner Muttersprache auf, um Menschen, die in dieser Sprache zu Hause sind, von Verschwörungsmythen und Corona-leugnendem Leichtsinn abzubringen. Außerdem stellt er sich jede Woche gemeinsam mit sechs NeuköllnerInnen, die insgesamt 13 Sprachen beherrschen, auf den Hermannplatz und spricht mit Leuten, so erzählt ein Bericht im Deutschlandfunk. Darin sagt Kazim Erdoğan: „Wir haben ja das Problem, dass wir diese Menschen grundsätzlich noch nicht adäquat oder sach- und fachgemäß erreichen konnten. Das war auch vor der Coronazeit nicht anders. Wir haben über diese Menschen sehr viel geschrieben, sehr viel gesprochen. Aber wir haben nicht mit denen gesprochen. Auch diejenigen, die der deutschen Sprache mächtig sind, die hervorragend gut angekommen sind, sie haben das Gefühl, dass sie nicht dazugehören.“ Knapp 50 der Neuköllnerinnen, so weiß es die Statistik, haben eine Zuwanderungsgeschichte. Der zuständige Bürgermeister, Martin Hikel, SPD, schämt sich dennoch kein bisschen, dass seine Verwaltung sach- und fachgemäße Ansprache nicht schon seit März 2020 selbstverständlich als ihre ureigenste Aufgabe betrachtet. Stattdessen lobt er sich ordentlich selbst, dass es fünf Videos mit Multiplikatoren verschiedener Sprachen gibt. Seit einer Woche, wohlgemerkt.

Bittere und bedenkenswerte Wahrheiten finden sich auch in der Zero-Covid Erwiderung des Kollektivs feministischer Lockdown, die Tove Soiland im ND veröffentlicht hat. „In unserer Wahrnehmung ist es der Pflegenotstand, der die meisten Toten verursacht. Führen wir uns vor Augen, dass zwei Drittel aller im Zusammenhang mit Covid19 Verstorbenen auf die Pflegeheime entfallen und vergegenwärtigt man sich die desaströsen Arbeitsbedingungen sowohl in der Langzeitpflege wie in den Akutspitälern, so ist es unverständlich, warum eine seriöse Politik nicht vorrangig hier ansetzt: Es ist Stress, die permanente Unterversorgung an Personal, der moralische Druck dem eignen Team gegenüber, trotz Krankheit weiterzuarbeiten, Erschöpfung, die dazu führt, dass die für den Schutz der vulnerablen Personen notwendige Sorgfalt nicht mehr aufrechterhalten werden kann.“ Ihre Schlussfolgerung: „Ökonomisch gesehen lohnt es sich offenbar für die private Kapitalakkumulation, ab und zu einen Lockdown zu finanzieren, und dafür das öffentliche Gesundheitswesen weiterhin kaputtzusparen. Der nachhaltige Ausbau der Pflegeversorgung wäre viel teurer, da es sich um jährlich wiederkehrende Beträge handelt. Über diese Größenrelationen und den darin enthaltenen Konflikt – zwischen einer Wirtschaft, die arbeitsintensiv ist, aber dem Wohl der Bevölkerung dient, und einer Wirtschaft, die, wenn auch hochproduktiv, primär der privaten Kapitalakkumulation dient –, über das spannungsreiche Verhältnis zwischen diesen beiden Wirtschaftsweisen müssten wir diskutieren.“

Manchmal, während ich pflichtschuldig eine besonders ritualisierte Nachrichtensendung schaue, stelle ich mir in Kinderart die Welt vor aus Sicht der SARS Cov 19-Viren und ihrer mutierten Verwandten. Ob die wohl ein Parlament haben oder eher Räte? In jedem Fall scheinen sie permanent zu kommunizieren, zu wissen, wie man sich kollektiv organisiert, und stellen sich verdammt schnell auf neue Situationen ein. Vielleicht müsste das mal jemand der Landwirtschaftslobbyministerin Julia Klöckner erklären, bevor sie das nächste Mal behaupten kann, „Ohne Landwirtschaft gibt es keine Natur“.

Geschrieben von:

Sigrun Matthiesen

Journalistin