Wirtschaft
anders denken.

Eine Quadratmeile pure Wirtschaftskraft

04.04.2023
Wolkenkratzer der City of LondonFoto: João BarbosaHier wird die britische Ökonomie aufgebaut.

Die Finanzdienstleister in der City of London strukturieren die britische Ökonomie intern wie extern. Aus OXI 3/23.

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Zweikommaneun Quadratkilometer geben den Ton an: Die City of London im 243.610 Quadratmeter großen Vereinigten Königreich gilt als weltweiter Knotenpunkt des Finanzsystems. Im globalen Finanzzentren-Index steht sie auf Platz 2 direkt hinter New York. Die Bank of England hat hier ihren Sitz, auf dem Parkett der Londoner Börse handeln Tausende Banken, Versicherungsunternehmen und Investor:innen. Dafür legte die Politik schon früh die Grundlage: Die britische Krone verlieh der Gebietskörperschaft über die Jahrhunderte immer mehr Privilegien, spätestens Margaret Thatchers Deregulierung der Finanzindustrie Mitte der 1980er machte sie als entsprechendes globales Zentrum attraktiv. Heute regieren die Finanzunternehmen die City of London. Sogar buchstäblich: Die eigenständige Regierung der »Square Mile«, wie sie mit Blick auf ihre Größe auch genannt wird, besteht zur Mehrheit nicht aus britischen Bürger:innen, sondern ansässigen Unternehmen und Körperschaften, und verfügt unter anderem über eine eigene Polizeibehörde.

Diese politische Besonderheit hängt mit der ökonomischen Position der City of London im Vereinigten Königreich zusammen: Mit der großflächigen Deindustrialisierung des Landes im Zuge von Thatchers neoliberalem Feldzug und der Verlagerung ökonomischer Aktivität in den Dienstleistungssektor gewann das traditionsreiche Zentrum der Weltmacht Großbritannien noch einmal an Bedeutung. Diesen Prozess der Agglomeration um die nationale Hauptstadt kann man in beinahe allen europäischen Ökonomien und sogar weltweit beobachten. Paris stellt beispielsweise unangefochten das wirtschaftliche Zentrum Frankreichs dar. In der Bundesrepublik hingegen wurde der Prozess, der sich auch hierzulande vor den beiden Weltkriegen abzeichnete, durch diese und die nachfolgende Teilung unterbrochen.

Wirtschaftsgeografische Theorien der Agglomeration sehen zwei Kräfte wirken: Agglomerationskräfte, welche einen ökonomischen Kern herausbilden, und Dispersionskräfte, welche eine gleichmäßige Verteilung begünstigen und der Agglomeration entgegenwirken. Von den leidigen Faktoren in geografischen Zentren haben die meisten schon gehört: Mieter:innen protestieren gegen höhere Mieten, die von eine hohen Nachfrage getrieben werden, während auch in anderen Bereichen das Leben in der Großstadt einfach teurer ist. Das Gleiche gilt auch für Unternehmen. Diese müssen sich in Wirtschaftszentren gegen eine größere Konkurrenz durchsetzen, was weniger konkurrenzfähige Firmen dazu verleitet in die Peripherie abzuwandern. Auf der anderen Seite sprechen jedoch Nachfrage- und Kostenvorteile für die Agglomeration. Bei steigendem Anteil an Unternehmen und Arbeiter:innen an einem Ort vergrößert sich auch der lokale Markt, was wiederum neue Firmen anzieht, da sie so nah wie möglich an den größtmöglichen Märkten sein möchten. Der Prozess verstärkt sich selbst. Zudem sinken auch die Kosten bei einer größeren Ansammlung von Unternehmen. Transportwege werden kurzer, die Auswahlmöglichkeiten an Zwischenprodukten nehmen zu. Das lohnt sich.

Dieser Prozess zeigt sich beispielhaft am Großraum London. Zwischen 1995 und 2005 stieg der Anteil der Metropole am gesamten Bruttoinlandsprodukt des Vereinigten Königreichs um 0,3 Prozent, während er in den nördlichen Regionen abnahm. Zeitgleich lässt sich eine Landflucht aus dem Norden in die Großstadt beobachten.

Doch welche Rolle spielt darin die wiederum kleine City of London mit ihren etlichen Finanzdienstleistern? Sie ist das Tor zur Welt, verbindet den wirtschaftlichen Großraum der Metropole mit den internationalen Finanzmärkten und strukturiert so neben der internen Agglomeration, deren finanzialisierter Wasserkopf sie ist, die britische Wirtschaft auch nach außen. Nur durch die massiven Zahlungszuflüsse in die City of London kann das Vereinigte Königreich seinen Importüberschuss finanzieren. Die Brit:innen geben anders als die Deutschen mehr aus, als sie produzieren. Das resultiert aus einer schwachen Produktion im Land und dem Import grundlegender Waren aus dem Ausland. Der wirtschaftliche Fokus liegt auf dem Dienstleistungssektor, im Besonderen auf den Finanzdienstleistern. Das ist das Ergebnis von Thatchers Vorstoß gegen die keynesianische Industriepolitik, der bis heute nachwirkt. Somit ist das Vereinigte Königreich abhängig vom Rest der Welt und anfälliger für Schwankungen. Nicht ohne Grund entfaltete die sogenannte »Cost of Living«-Krise vor allen anderen europäischen Ländern in Großbritannien ihre Wirkung. Eine industriepolitische Antwort auf diese Krise, wie sie beispielsweise der in London lehrende Ökonom Costas Lapavitsas jüngst mit ähnlicher Argumentation begründet, würde Produktion im Inland stärken, die Handelsbilanz ausgleichen und grün investieren. Doch das wäre ein Angriff auf grundlegende Struktur der britischen Wirtschaft: Ein Angriff auf die City of London und ihre Finanzdienstleister.

Geschrieben von:

Philip Blees

OXI-Redakteur

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