Wirtschaft
anders denken.

Metallunternehmen sprinten für Deutschland

27.04.2016
Foto: ScreenshotAlles voller Hürden. Die Welt aus der Sicht der deutschen Metallarbeitgeber.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat ein Video über seine Befürchtungen zum deutschen Tarifsystem produziert. Der bizarre Clip offenbart ein krudes Selbstbild der deutschen Metallarbeitgeber. Ein paar Nachfragen.

Nicht nur im Öffentlichen Dienst wird über Löhne und Co. verhandelt, auch in der Metall- und Elektroindustrie. Die Metallarbeitgeber bzw. ihr Lobbyverband Gesamtmetall verbreitet dieser Tage ein Video zur emotionalen Einstimmung auf die Tarifrunde.

Zu sehen sind acht 100-Meter-Sprinter. Ein polnischer Athlet ist dabei, ein Slowake, ein Italiener, ein Franzose, ein Brite, ein chinesischer und ein US-Sprinter – und natürlich ein Deutscher. Er gehört zu den Favoriten, neben dem chinesischen und dem US-Läufer. Es ist das Finale im »internationalen Wettbewerb«, das Stadion ist gut gefüllt, die Athleten sind hoch motiviert und in Topform.

Doch als sie sich gerade zum Start bereit machen, tritt ein weiterer Akteur auf den Plan. Mehrere Stadionhilfen in roten IG-Metall-Plastikleibchen (Aufschrift »Wir für mehr«) schleppen Hürden heran und platzieren sie auf der Bahn des deutschen Läufers. Daumen hoch vom Obergewerkschafter – super, es kann losgehen.

Ein IG Metaller schleppt Hürden herbei.

Ein IG Metaller schleppt Hürden herbei.

Als der deutsche 100-Meter-Kandidat aufblickt: Fassungslosigkeit. Shit, Hürden. Nur für ihn. Das ist natürlich Mist, seine Chancen sind gerade rapide gesunken, eigentlich kann er gleich einpacken. Bei seinen Kontrahenten aus China und Großbritannien dagegen steigt die Stimmung. Haha, dieses Problem haben sie nicht.

Dann in der Totale das Stadion aus der Luft: Man hört den Startschuss (man kann sich denken, wie das Rennen ausgeht) – und liest und hört »Wettbewerb muss fair sein. Falsche Zeit für Höhenflüge in der Tarifrunde 2016«. Ein letztes Bild, nochmal zurück ins Stadion: zwei Gewerkschafter an der Seitenlinie, einer stößt seinen Nebenmann an und zeigt zufrieden auf die Uhr: »Nachtzuschlag.« Auch das noch.

Aha. Ein paar Nachfragen

So nehmen deutsche Metallarbeitgeber also die Tarifrunde wahr. Das ist ja ganz interessant. Wir hätten da ein paar Nachfragen:

  • Das Trikot des durch Hürden behinderten Läufers trägt die Aufschrift »Deutschland«. Gehen wir recht in der Annahme, dass die Konzernlobbyisten der Metallbranche sich selbst meinen, wenn sie »Deutschland« sagen – während die Gewerkschaften, die dem Läufer die Hürden in den Weg stellen, nicht zu »Deutschland« gehören?

    Alles voller Hürden!

    Alles voller Hürden!

  • Wäre dem »deutschen Sieg« am besten gedient, wenn es keine Gewerkschaften gäbe? Mit diesem Konzept gibt es in Deutschland ja durchaus Erfahrungen. Oder wollte der Verband Gesamtmetall einfach nur mal sagen, wie gemein es ist, dass er mit Hindernissen wie Tarifverhandlungen und Gewerkschaften zu kämpfen hat – während etwa chinesische Unternehmen so viele Freiheiten genießen?
  • Beim Wettrennen geht es um den Sieg. Wären die Firmenlobbyisten zufrieden, wenn alle anderen Läufer Hürden bekämen, damit Deutschland (aka die »Metallarbeitgeber«) gewinnt? Widerspräche das nicht der deutschen Klage, die Ausländer (Südeuropa!) wären nicht wettbewerbsfähig und hätten viel zu hohe Löhne, weswegen »wir« sie immerzu retten müssen?

    Hürden auf einer 100-Meter-Bahn in einem vollbesetzten Stadion

    Die Metallindustrie versteht die Welt nicht mehr.

  • Anders gefragt: Damit »Deutschland« siegt und die anderen dennoch nicht verlieren – was »uns« immerfort zu lästigen Rettungsaktionen zwingt –, müssten dazu nicht alle Läufer gleichzeitig durchs Ziel laufen, sprich gewinnen? Wie wäre das zu bewerkstelligen?
  • Die Hürden für »Deutschland«, das sind offensichtlich die Lohnforderungen der Gewerkschaft. Ist es angemessen, die Löhne derjenigen, die den Sport betreiben – also die Waren und Dienstleistungen der Metallbranche produzieren – als Hindernisse darzustellen? Wenn die Einkommen der allermeisten Menschen ein Hindernis für den wirtschaftlichen Erfolg sind, wie passt das zu dem volkswirtschaftlichen Diktum, Ziel allen Wirtschaftens sei die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen? Oder ist das eigentliche Ziel ein anderes, etwa die Profitvermehrung deutscher Metallunternehmen auf Kosten der Beschäftigten und des »Auslands«?
  • Nehmen wir mal an, die IG Metall und ihre Mitglieder lassen sich durch den Spot überzeugen und bauen die Hürden ab, verzichten also auf Lohnerhöhungen. »Deutschland« gewinnt das Rennen. Wer bekommt dann die Medaille?

Gespannt auf Ihre Antworten: die anonymen OXI-Autoren.

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