Wirtschaft
anders denken.

Müde Heldinnen: Wie wurden ökonomische Verhältnisse in der DDR-Literatur verhandelt?

23.06.2019
Vera Stark (Katscherowski) Bundesarchiv, CC-BY-SA Literatur-Festivals der Berliner Jugend, DDR 1968

Auf eine lähmend stille Art leiden alle und leben doch irgendwie nach vorn, ohne dass erkennbar wird, was denn vorn Begehrenswertes sein könnte. Über die Literatur in der DDR als Spiegel der ökonomischen Verhältnisse und das Lesen zwischen den Zeilen – wo man sich finden konnte oder nicht. Ein Text aus der gedruckten OXI, April 2019.

Die ökonomischen Verhältnisse im eigenen Land zu verhandeln war wenig Sache der DDR-Literatur. Nur spärlich finden sich, nachdem in den Anfangsjahren die Helden und Heldinnen der Arbeit, der Aufbau des Sozialismus, Subjekte und Gegenstand von Literatur waren, in den späteren Jahrzehnten Romane, die explizit darauf abstellten, sich mit jenen Beziehungen auseinanderzusetzen, die wir Produktionsverhältnisse nennen und die Frage zu stellen, wie krank und fragil das Wirtschaftssystem ist, dem offiziell Überlegenheit bescheinigt wurde. 

Sehr wohl aber ging es in vielen Romanen um Menschen, die in ihrer, mit ihrer, trotz ihrer Arbeit Fremde, Grenz- und Untergehende, Resignierte, Enttäuschte, sich Verweigernde waren. Menschen, die sich zurückziehen, in Nischen abtauchen, in kleineren sozialen Gefügen jenes Gemeinschaftsgefühl versuchen herzustellen, das zwar ideologisch verordnet, aber einfach nicht herbeizuwünschen war. Diese Bücher wiederum gaben den Zwischen-den-Zeilen-Lesenden genügend Diskussionsstoff über all das, was sich hinter der Bühne befindet und jenseits des Gesagten gedacht werden kann. Zwischen den Zeilen lesen war eine Disziplin, in der viele Menschen in der DDR gut bewandert waren.

Wie viel Claudia steckt in uns allen?

1982 erschien die Novelle »Der fremde Freund« von Christoph Hein. Das in der Ich-Form erzählte Leben der Ärztin Claudia war geeignet, sich an langen Abenden mit eher schlechtem Rotwein und pappigen Salzstangen in kleinen Kreisen den Kopf darüber zu zerbrechen, was noch alles zwischen den Zeilen mitzulesen und weiterzudenken war. Eine dermaßen distanzierte, in sich vergrabene und desillusionierte Figur, die sich kompromisslos verweigert und scheinbar leidenschaftslos ein nicht unkomfortables, aber trauriges Leben zwischen Hochhaus-Single-Wohnung, Arbeit und ihrem Hobby, der Fotografie (menschenleere Landschaften, immer nur menschenleer), führt, schien geeignet, zwei große Fragen zu stellen: Warum konnte dieser Roman, dem es durchweg an positiven Helden oder Heldinnen, wie sie gewünscht und gewollt waren, fehlte, erscheinen? Und wie viel Claudia steckt in uns allen – ist Claudia eine Ausnahme oder das logische Ergebnis eines völlig fehlgeschlagenen gesellschaftlichen Versuchs?

Denn vermeintlich hat sie vieles, diese noch junge Medizinerin, deren Name von »claudere« (lateinisch verschließen oder absichern) abgeleitet sein könnte. Es mangelt ihr nicht an Geld. Fährt sie Weihnachten zu ihren Eltern, kauft sie vorher lieblose, doch teure Geschenke in Feinkostläden. Ihr Verhältnis mit einem Mann, der ebenfalls im Hochhaus wohnt, getrennt von Frau und Kindern und ebenso erwartungslos, introvertiert und desillusioniert scheinend wie Claudia, kommt ihrem Bedürfnis nach Privatheit und einem Leben möglichst frei von emotionalen Verwerfungen weit entgegen. Henry bleibt bis zu seinem sinnfreien Tod (er wird vor einer Kneipe von einem 16-Jährigen erschlagen) der fremde Freund, dem Claudia nicht verpflichtet ist. Schon gar nicht dazu, von Liebe zu sprechen. Sie lebt in einem Land, das den meisten seiner Menschen – so sie sich bescheiden und keine Sehnsucht nach der Ferne entwickeln – im Gegenzug keine existenziellen Sorgen aufbürdet. Ein ambivalenter Deal, der am Ende in die politische und wirtschaftliche Katastrophe führen wird. In einem friedhofsstillen Land, dessen Tragödien sich hinter verschlossenen Türen abspielen, und wo das Aufbegehren bis zum Exzess privatisiert wird. 

In einer Rückblende erinnert sich Claudia an das Jahr 1968 in ihrer Heimatstadt, als sie im Klassenzimmer das mahlende, klirrende Geräusch der Panzerketten hört und am Nachmittag auf dem Marktplatz einen einzigen Panzer stehen sieht, das mit einem Futteral überzogene Kanonenrohr auf das alte Kriegerdenkmal gerichtet. »Wir standen mit anderen Leuten auf dem Bürgersteig und betrachteten den Panzer. Es tat sich nichts … Es blieb ruhig und ich langweilte mich. Wir gingen nach Hause.«

Niemand in Christoph Heins Novelle scheint als Subjekt noch eine Verbindung zum historischen Prozess, zum Großen und Ganzen zu haben. Auf eine lähmend stille Art leiden alle und leben doch irgendwie nach vorn, ohne dass erkennbar wird, was denn vorn Begehrenswertes sein könnte. 

Der süße Sekt mit Dosenmandarinen aus dem Feinkostladen schmeckte

1982, als das Buch erschien, war die DDR fast zahlungsunfähig, Fünfjahrespläne mussten still und leise nach unten korrigiert werden, die Rohstoffpreise stiegen, die Schuldenlast wuchs. Ein Jahr später schaffte Schalck-Golodkowski einen Milliardenkredit bundesdeutscher Banken ran. Das Leben auf Pump ging weiter und der süße Sekt mit Dosenmandarinen aus dem Feinkostladen schmeckte oder machte wenigstens trunken genug, sich nicht ganz der Melancholie zu ergeben.

Claudia hält es wie viele: »Meine undurchlässige Haut ist meine feste Burg.« Und denkt beim Anblick ihrer menschenleeren Fotos: »Es sind Ausschnitte, die nichts begriffen haben. Ihnen fehlt der Horizont, ihnen fehlt das Verwelken, Vergehen und damit die Hoffnung. Trotzdem werde ich nicht aufhören, diese Bilder herzustellen.«

Man unterstellt Kunstwerken oft und gern im Nachhinein eine Weitsicht, die vielleicht etwas kleiner als großes Unbehagen des Künstlers oder der Künstlerin beschrieben wäre. Claudia hat ihre Hoffnung auf das Machbare geschrumpft. »Ich hoffe, immer genügend Geld zu verdienen, um mich nicht einschränken zu müssen. Meine Bedürfnisse sind bescheiden, doch ich will sie mir erfüllen können.« Damit war sie einer von sehr vielen Menschen in dem Land, das ökonomisch schon längst auf Grund gelaufen war, sich eines großen Teils seiner künstlerischen Elite durch Gängelei, Kleinmut und Schikane entledigt hatte, seine Bürgerinnen und Bürger überwachen ließ und mit dem Begriff Freiheit nicht allzu viel anfangen konnte.

Die Unfähigkeit zu handeln als Schuld

Sieben Jahre später,1989, erschien Christa Wolfs »Sommerstück«, an dem sie bereits Ende der 1970er Jahre begonnen hatte, zu arbeiten. Die Erzählung beschreibt einen Sommer auf dem mecklenburgischen Land, trägt stark autobiografische Züge und basiert auf dem Material, das die besessene Tagebuchschreiberin Christa Wolf in jenem Sommer des Rückzugs, der Resignation, des Sterbens und der Sinnsuche notiert hat. Hinter den Figuren der Erzählung stehen Menschen wie Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Helga Schubert, Maxie Wander und deren Familien.

Es ist ein Stück über Abschied. Von etwas nicht Benanntem – einer Vorstellung, wie das Leben sein könnte, was eine Gesellschaft mit sich anfangen könnte. Es sei doch klar, sagt Irene (Helga Schubert) an einem Abend in die Runde, dass »diese alten Bauernhäuser überall im Land besetzt würden von den Ausweichlern der vorigen Generation, die vor sich selber flohen. Denen die Bewegung das Ziel ersetzen müsse, das sie verloren hätten. Das sie, die Nächstjüngeren, ja nie gehabt hätten. Zurück zur Natur – sei das nicht eine Losung vor einer Revolution. Was bedeute es denn aber, wenn diejenigen, die sich einst der Veränderung verschrieben hätten, nun schlicht aufs Land gingen? Kapitulation?«

So könne man es auch sehen, schreibt die Erzählerin Christa Wolf. »Die Unfähigkeit zu handeln als Schuld. Schuld, daß sie ihre Pläne, Entwürfe, da man sie ihnen mit mehr oder weniger Aufwand, mehr oder weniger plump abgeschmettert hatte, einen nach dem anderen zurückgezogen, beiseite gelegt hatten. Auf kleiner Flamme kochen nannte man das wohl. Sich in eine Umgebung zurückziehn, die einem nicht mehr melden konnte, wie weit man sich durch Selbstaufgabe verfehlte.«

Ende der 1970er Jahre fängt Wolf mit »Sommerstück« an, 1982 erscheint Heins »Der fremde Freund«. Nur sieben Jahre später bricht das System DDR zusammen. Weder Christa Wolf noch Christoph Hein nennen in diesen Stücken die Dinge ganz beim Namen. Das blieb jenen überlassen, die sie lasen und sich zwischen den Zeilen finden oder nicht entdecken konnten. Und so war es vielleicht auch gedacht. 

Kathrin Gerlof hat viele Jahre als Redakteurin bei Tageszeitungen gearbeitet und ist seit 1995 freiberuflich als Filmemacherin, Autorin und Journalistin tätig. Ihre Romane werden bei Auf- bau verlegt, zuletzt erschien im Herbst 2018 »Nenn mich November«. Foto: Vera Stark (Katscherowski) Bundesarchiv, CC-BY-SA

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin