Wirtschaft
anders denken.

Nach Wolfsburg muss man erst mal kommen

03.10.2018
Tama66/pixabay.com

Wird das Dorf verlassen oder bekommen wir Internet? Wie es sich anfühlt, in einer schrumpfenden Region wie der Altmark zu leben. Über Leerstand, Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Überalterung in Ostdeutschland – und was das mit den Menschen macht. Ein Text aus dem OXI-Schwerpunkt zur Infrastruktur aus dem September-Heft.

Das Dorf, in dem mein Vater aufwuchs, liegt in der Altmark. Es ist ein hübsches Dorf mit Fachwerkhäusern und großen Höfen. Am Rande des Dorfes, bevor der Weg zur Steigung wird, steht eine Hühnermastanlage, die hin und wieder ihren üblen Gestank über die Häuser weht. Dann riecht es im Dorf nach Tod. Die Leute nennen das Ende der Steigung Berg. Der Berg ist ein 80 Meter hoher Hügel, hinter dem vielleicht die Welt beginnt, die aber genauso ausschaut wie das Dorf. 

Es gibt einen Landgasthof, der lange nicht ins Laufen kam und nun, mithilfe vieler Förderungen und etwas skurriler Geschäftsfelder, zu funktionieren scheint. Aus großen, reichen Städten kommen Menschen mit großen, schweren Autos und Anhängern, die Pferde und Kutschen transportieren. Die Menschen geben ihre teuren Pferde zur Pflege und wenn sie Lust haben, kommen sie am Wochenende, um zu reiten oder eine Kutsche lenken zu lernen. 

Manche Kutschen sehen aus wie Streitwagen. Der Gasthofbesitzer hat dafür ein großes Stück Land zum Trainingsgelände umfunktioniert, in einigen Wäldern sind die Wege gefegt und für Reiter, die ihr Pferd gern auch mal springen lassen, hergerichtet. Der Landgasthof ist ein verheißungsvolles Zeichen dafür, dass es funktionieren könnte mit der Reanimation. Die Dorfbewohner aber gehen nur selten dahin, und in den Wald gehen sie auch fast nie. Ihre Kneipe ist das nicht, und die meisten sind zu alt für Wanderungen oder einfach nur Spaziergänge in der Natur.

An den großen Feldern rings um das Dorf lässt sich ablesen, wofür die Europäische Union gerade Fördergelder gibt. Wenn es für die Stilllegung rausgeschmissen wird, dann bleiben die Felder still, bringt Biomasse was, wird sie angebaut. Seit der Wende bestimmt die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, was mit dem Acker passiert. Mit der Natur und den Bedürfnissen des Bodens hat das nichts mehr zu tun. Sind Maiswüsten förderwürdig, wächst der Mais meterhoch. Und wenn es Raps ist, blüht der Raps. 

Mein Vater erzählt Geschichten

Die Altmark ist seit 2009 eine von bundesweit 25 Bioenergie-Regionen. Das klingt hochtrabend und tut der Landschaft nicht gut. In der Nähe von Stendal, wo zu DDR-Zeiten tatsächlich der Bau eines Kernkraftwerkes geplant war, steht heute ein Gewerbepark. Das altmärkische Erdgasvorkommen galt einmal als das zweitgrößte West- und Mitteleuropas, inzwischen lohnt die Förderung nicht mehr. Im Spitzenjahr 1983 waren es 12,5 Milliarden Kubikmeter. Mein Vater erzählt Geschichten aus Zeiten, in denen man beim Bohren eines Brunnens plötzlich auf Erdgas stieß, mit dem man so lange große Müllsäcke füllte, bis die Blase erschöpft war und Wasser kam. 

Vom kleinen Friedhof des Dorfes aus schaut man auf eine Biogasanlage. Der Friedhof ist immer geputzt, die Feldsteinkirche fast nie geöffnet, die Trauerhalle wird nur noch selten gebraucht. Knapp 80 Menschen leben im Dorf. Es war schon immer klein, jetzt droht es, wüst zu gehen. Eine ganze Reihe Häuser steht leer, alte Stallgebäude verfallen, da, wo Geld oder ausreichend Kreditfähigkeit ist, manifestiert sich dies in meterhohen, kunstvollen Metallzäunen und Aufsitzrasenmähern, in Landkäufen und Waldprivatisierung. Wo es ans Sterben geht und niemand nachfolgen wird, bescheiden sich die Häuser in würdevollem Niedergang. 

Der Schulbus hält noch, aber kaum jemand steigt ein oder aus. Die alte Bushaltestelle aus verwittertem Holz und gut abgeschirmt vor den Blicken anderer, in der sich Jugendliche abends trafen, um zu rauchen und zu schweigen, wurde durch eine gläserne Bushaltestelle vor der stillgelegten Viehwaage ersetzt. So selten, wie der Bus im Dorf hält, eine geradezu mutig verschwenderische Entscheidung. Vielleicht gab es Fördermittel, vielleicht hat das Geld der Gemeinde dafür gereicht. Und da es kaum noch Jugendliche im Dorf gibt, macht es auch nichts, dass die gläserne Haltestelle keine Geheimnisse zu wahren weiß.

Wie ein Fremdkörper

Vor einigen Jahren haben die Dorfbewohner Geld zusammengelegt und einen Bürgerpark gebaut, da, wo einst eine Grafenburg gestanden hat. Hin und wieder wird der Bürgerpark genutzt, die meiste Zeit ist er leer. Wie ein Fremdkörper wird er wahrscheinlich noch jahrelang wirken, Hunde dürfen ihn nicht betreten. Aber auf dem Dorf kommt sowieso niemand auf die Idee, mit dem Hofhund spazieren zu gehen.

Wer einkaufen will, muss in das nächste Dorf fahren, dort gibt es seit einigen Jahren einen Supermarkt. Man kann auch das Angebot nutzen, das unter der Woche ins Dorf rollt. Ein Fleischerauto, ein Lebensmittelauto, ein Getränkewagen, Bofrost liefert sowieso. Alle, die nicht mehr Auto fahren und auch nicht mehr aufs Fahrrad steigen können, die niemanden haben, der ihren Einkaufszettel mitnimmt in den Supermarkt, müssen sich damit begnügen und mehr Geld für die Waren des täglichen Bedarfs bezahlen. Wer zum Arzt muss, hat weit zu fahren, der Landarzt im Nachbardorf schloss vor vielen Jahren seine Praxis, ein Nachfolger ließ sich nicht finden. 

Hört man die Leute reden, klingt es, als sei dies alles eine Folge der Wende. Dem ist nicht so. Schon zu DDR-Zeiten verschwand der Konsum, wurde die Schule geschlossen. Die Mutter meines Vaters hatte in ihrem kleinen Haus noch lange soziale Infrastruktur vorgehalten. Im Flur richtete sie eine kleine Bibliothek ein, da sie mal Krankenschwester gewesen war, unterhielt sie eine Art Sanitätsstelle, die aus einem großen Sanikasten bestand und auf ihre Fähigkeit gründete, kleine Wunden und Wehwehchen zu versorgen. Sie betreute Kinder im Kindergarten und galt als Vertrauensperson. Gemeindedackel hat sie es selber manchmal genannt. 

Die dort müssen einen brauchen

Zu DDR-Zeiten gab es auch noch ein Kulturhaus, aber auch das schloss schon vor der Wende und heute steht dort ein großer Getreidespeicher. Das Dorf hatte also bereits vor 1989 Federn lassen müssen, aber nach der Wende verschwand erst einmal das, was ein soziales Gefüge wesentlich ausmacht: Arbeit. Auch wenn im nicht weit entfernten Wolfsburg neue Möglichkeiten hinzukamen. Doch nach Wolfsburg muss man erst einmal kommen, und die dort müssen einen brauchen. 

Im Altmarkkreis Salzwedel leben 37 Menschen auf einem Quadratkilometer, es ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Die Bevölkerungszahl sinkt und hört nicht auf, zu sinken. Vor allem junge Frauen verlassen die Region. Schulen werden geschlossen, Landarztpraxen nicht nachbesetzt, Feuerwehren sind kaum noch einsatzfähig, Sportanlagen und Einkaufsmöglichkeiten verschwinden, Dorfgemeinschaftshäuser werden nicht mehr unterhalten, Busse fahren nicht mehr oder nur noch selten. Weniger Menschen bedeuten weniger Einnahmen für die Gemeinden, in der Folge privatisieren sie die Leistungen der öffentlichen Vorsorge. Vor vielen Jahren schon wurden die Dorfbewohner angehalten, von nun an die Gullys vor ihrem Haus selbst zu reinigen. Wer die schweren, gusseisernen Gullys nicht heben, den meist mit Schlamm und Ernteabfällen gefüllten Auffangkorb nicht leeren kann, bekommt Mahnungen und Geldstrafen aufgebrummt. 

2013 entwickelte eine Projektgruppe des Bauhauses Dessau drei Szenarien dafür, wie Sachsen-Anhalt im Jahr 2050 aussehen könnte. Da war das Problem beschrieben und somit erkannt. Der Altmark wurde bis 2050 ein Bevölkerungsschwund von rund 50 Prozent prognostiziert.

Damals entstand die Idee mit den »Garantiezonen«, in denen es sich trotz allgemeinen Niedergangs weiterhin leben lässt. Dazu wurde die Idee von den »Selbstverantwortungszonen« gestellt, die den Menschen »individuell mehr Selbstverantwortung abverlangen« würden. 

Die Idee mit den »Garantiezonen«

In den Jahren 2004 bis 2009 sind in der Altmark 18 Grundschulen, 16 Sekundarschulen und fünf Gymnasien geschlossen worden. Dazu fallen einem außer Fahrgemeinschaften in weiter entfernte Schulen und der Gründung freier Schulen nicht viel mehr Möglichkeiten individueller Selbstverantwortung ein. Aber immerhin. 

Bereits 2003 war das Szenario beschrieben worden, dass durch Leerstand, Abwanderung, Arbeitslosigkeit und Überalterung aus der Altmark ein Acker-und Weidegebiet mit Fokus auf Biomasse und Massentierhaltung und Windparks werden würde. Nichts spricht gegenwärtig dagegen. Bereits in den ersten 15 Jahren nach der Wende verlor die Region 13 Prozent ihrer Bevölkerung, bis 2025 werden es rund 40 Prozent und rund 55 Prozent der Menschen werden älter als 55 Jahre sein. 

Wer heute von der Altmark ins nahegelegene Wendland und den einstigen Grenzstreifen überfährt, dem man noch immer ansieht, dass er zu DDR-Zeiten mit Unkrautvernichtungsmitteln möglichst überschaubar gehalten wurde, kommt in eine andere Welt. Fast nirgendwo sonst ist dieser Wechsel von Ost nach West rein äußerlich so eklatant. Ganz sicher hat dies etwas mit der Geschichte des Wendlands zu tun, in dem sich einst die Anti-AKW-Bewegung mit der eher konservativen Bauernschaft gegen einen gemeinsamen Gegner verbündete. 

Das erste Dorf im Westen, wie die Leute in der Altmark heute und bis in die nächste Ewigkeit sagen, grüßt mit Hofläden, kleinen Cafés, üppigen Gärten und verweist auf die nahe gelegene Kleinstadt Lüchow, in der es sogar ein Rolling-Stones-Museum gibt. 

Internet gibt es nur auf dem Berg

Vielleicht oder gewiss hat es auch etwas mit einem anderen Fakt zu tun: Um große Teile der Altmark macht das Internet einen Bogen. Meine Versuche, dem Haus meiner Großmutter eine Verbindung zur und in die Welt zu verpassen, sind kläglich gescheitert. Am Ende lief es lange Zeit darauf hinaus, dass ich mit meinem Laptop auf den Hügel lief, den die Leute Berg nennen, um dort, unter einem Funkmast, das langsame Internet herbeizulocken. Ich konnte – und kann noch heute – einen ganzen Strauß Feldblumen pflücken, während meine Suchmaschine sich wie eine alte, analoge Rechenmaschine auf den Weg macht, mir eine Karte aufzurufen oder eine Kombination von Suchbegriffen mit mehreren tausend Suchergebnissen zu unterlegen.

Trotzdem galt ich schnell bei meinen alten, alleinstehenden Nachbarinnen als die Frau, die das Internet hat. Und wenn sich bei deren seltenen Kaffeerunden ein paar Fragen auftaten, die sie auch mit kollektiver Erfahrung und Intelligenz nicht zu beantworten wussten, sagte eine von ihnen in der Regel: Da gehste mal zu Kathrin, die hat das Internet. 

Und so konnte ich ihnen, auf dem Hügel sitzend, den die Leute Berg nennen, Aufklärung verschaffen über die Frage, ob ein tipptopp gepflegter Wartburg nun endlich als Oldtimer angemeldet werden kann, wer überhaupt noch Nachtspeicheröfen produziert, wartet und pflegt und ob es wirklich stimmt, dass in Berlin mal ein Weihnachtsbaum im Wert von einer Million Euro gestanden hat. Ja zu eins, schwierig mit zwei und ja zu drei, dazu die Information, dass dieser Weihnachtsbaum Swarovskis Spendierlaune zu verdanken gewesen, aber auch nicht uneigennützig aufgestellt worden war, schließlich stand er im Hauptbahnhof Berlins und dort gebe es auch einen Swarovski-Laden, es sei also gute Werbung gewesen. Ich konnte sie, noch bevor die nächste »Superillu« ins Haus flatterte, mit Informationen über Florian Silbereisen und den Hauptdarsteller aus dem »Bergdoktor« versorgen, ihnen aber auch Informationen zuschanzen, wie viel Geld eine Bundeskanzlerin verdient und wie man eine Pflegestufe beantragt. 

Eine ziemlich toxische Mischung

Inzwischen sind die alten Frauen gestorben, die mir liebste von ihnen hat sich in ihrer Scheune erhängt, weil sie die Einsamkeit nicht mehr ertrug und ihren Kindern, die sich mühten und kümmerten, nicht zur Last fallen wollte. 

»Die ländlichen Räume Ostdeutschlands weisen ein großes Defizit an jungen Frauen auf, das selbst auf europäischer Ebene beispiellos ist«, war 2015 in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zu lesen. Darüber wurde dann einiges geschrieben und manches wurde versprochen. Das Problem ist geblieben. In der Altmark fehlen die jungen Frauen und das Internet fehlt auch. Beides zusammen scheint eine ziemlich toxische Mischung zu ergeben. 

Eigentlich ist es egal, ob Henne oder Ei zuerst da waren. Interessiert die Region Telekom und Co nicht, weil da kaum noch Menschen leben, oder leben da kaum noch Menschen, weil die fehlende Infrastruktur einem gar nicht erlaubte, eine zündende Idee zu haben und sie umzusetzen? 

In den vergangenen Jahren bildeten die Gemeinden Arneburg-Goldbeck, Osterburg und Bismark (11 Kilometer vom Dorf entfernt, drei Supermärkte, ein Getränkemarkt, Apotheke, Blumenladen, Geschenke-Buch-Laden, Drogerie, Bibliothek, Post und Raiffeisen-Markt) ehrenamtliche »Brachflächenscouts« aus, um den Leerstand zu erfassen. Rund 600 Wohnhäuser, landwirtschaftliche Gebäude und Gewerbeimmobilien in nur diesen drei Gemeinden (130 Ortsteile, 850 Quadratkilometer Fläche, rund 28.000 Einwohnerinnen und Einwohner). Manchmal wird ein Objekt im Internet versteigert oder auf anderem Weg an jemanden verkauft. 

Wie in dem Dorf, wo ein Schausteller ein verfallenes Haus samt Grundstück erwarb, um dort im Winter das Fahrgeschäft zu parken. Gekommen ist er nie. Und ob es den Leuten gefallen hätte, vielleicht eine verpackte Geisterbahn dort stehen zu haben, wo das Dorf doch selbst eine zu sein scheint, ist fraglich.

Von Kathrin Gerlof ist soeben ihr neuer Roman »Nenn mich November« im Aufbau Verlag erschienen, 350 Seiten, 20 Euro.

Foto: Tama66/pixabay.com

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin