Wirtschaft
anders denken.

Ne travaillez jamais – Arbeit? Niemals!

22.12.2016
Ein Faultier hängt im BaumFoto: Alice / Flickr CC-BY-NC-ND 2.0 LizenzGute Arbeit? Ist immer noch Arbeit. Hochachtungsvoll, Ihr Faultier.

In meinem Arbeitszimmer hängt seit Jahren das Plakat einer Ausstellung des Tinguely-Museums in Bern zu den Anliegen und Aktivitäten der sogenannten Situationistischen Internationale. Der Titel: »ne travaillez jamais!« – frei übersetzt: »Arbeit? Niemals!«

Guy Debord (1931–1994), der diese Parole 1953 an eine Wand in der Rue de Seine von Paris gemalt hat (die Sprühtechnik heutiger Graffitis war damals noch nicht erfunden), war Marxist und Revolutionär, Künstler, Filmemacher, Essayist. Und eben Mitglied jener Gruppe von KünstlerInnen und Intellektuellen aus verschiedenen europäischen Ländern, die sich selbst als Situationisten bezeichneten. Für die Situationisten und Guy Debord war die Maxime »ne travaillez jamais« Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich an künstlerischer Selbstverwirklichung orientierte. Sie verstanden ihre Maxime aber zugleich auch als Aufruf zur Auflehnung gegen das tatsächliche Elend der Arbeit diesseits und jenseits künstlerischer Milieus, zum Aufstand gegen die in die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eingebauten, teils brutalen, teils sublimen Zwänge vielfältig zerteilter, geschundener und entfremdeter »Beschäftigung«.

Ähnlich wie das im 19. Jahrhundert von Paul Lafargue proklamierte Recht auf Faulheit, dem Lafargue mit einem Verbot von mehr als drei Stunden Arbeit pro Tag Nachdruck verleihen wollte, stellt auch die Maxime »ne travaillez jamais« eine gewollt provokante und utopisch aufgeladene Zuspitzung der Kritik dar: an den kapitalistischen Arbeitsgesellschaften, dem darin enthaltenen Arbeitsmythos und seiner Verinnerlichung durch die Arbeitenden selbst. Für mich fungiert das Graffiti von Guy Debord als freundlicher Gegenpol zu einem anderen Schriftzug, der mein Nachdenken über Arbeit und deren Zukunft schwer belastet: »Arbeit macht frei« – dieses immer noch unfassbare Signum des Grauens, das für alle Zeit als Warnung vor einem auf diese Weise instrumentalisierbaren Arbeitsmythos oder auch Arbeitsethos gelten muss.

Mehr als drei Stunden Arbeit pro Tag? Verbieten!

Zweifellos ist die Erinnerung an den Schriftzug über den Portalen zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern maßgeblich daran beteiligt, dass ausgerechnet in Deutschland, dem doch nicht zu Unrecht ein besonders ausgeprägter Arbeitseifer nachgesagt wird, die These vom Ende der Arbeit und das Plädoyer für den Ausstieg aus den Pathologien der modernen Arbeitsgesellschaften eine besondere Attraktivität entfaltet. In der Endphase der Bonner Republik mit ihren ganz eigenen Winds of Change, die sich allmählich gegen das bräsige Weiter-so! der Ära Kohl durchzusetzen schienen, avancierte die These vom Ende der Arbeit und ihrer Zentralität im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben sogar zur meistdiskutierten Leitidee der damaligen Debatten. Es ging damals um neue Perspektiven für den weiteren Fortgang des »unvollendeten Projekts der Moderne« (so der Sozialphilosoph Jürgen Habermas) jenseits seiner Fixierung auf Wachstum, Produktivität, Konsum, Leistung, Vollbeschäftigung und nicht zuletzt auch das Male-Breadwinner- beziehungsweise das Familienernährer-Modell des Sozialstaats.

Die Zweifel an der Zukunftsfähigkeit und an der emanzipatorischen Qualität der kapitalistisch-patriarchalen Arbeitskultur gingen dann in den 1990er Jahren mit deren Vereinigung mit ihrem realsozialistischen Pendant weitgehend unter. Bis heute wird die Frage nach der Zukunft der Arbeit nicht wieder mit dem gleichen Biss wie in den 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts diskutiert. Der DGB hat vor Kurzem eine Kommission einberufen. Aber die soll nicht mehr die Frage nach der Zukunft der Arbeit beantworten. Sondern umgekehrt die Arbeit der Zukunft diskutieren – so als ob alle Zweifel daran ausgeräumt wären, dass die modernen Gesellschaften ihren Zusammenhalt auch in Zukunft in der in ihnen geleisteten Arbeit finden können und sollen.

Zweifel an der kapitalistisch-patriarchalen Arbeitskultur

Tatsächlich überbieten sich aktuell Prognosen in der Vorhersage eines gigantischen Verlustes an Arbeitsplätzen im Zuge der sogenannten digitalen Revolution. Im schlimmsten Fall, so hat das jedenfalls bislang noch nicht für apokalyptische Szenarien bekannte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kürzlich berechnet, stünden in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern knapp die Hälfte aller zur Zeit noch existierenden Arbeitsplätze auf dem Spiel. Wie soll sich die Gesellschaft der Zukunft dann noch als Arbeitsgesellschaft verstehen können?

Und dennoch: Gerade unter den hier skizzierten Umständen verströmt die (mich und viele andere faszinierende) Maxime der Situationisten – »ne travaillez jamais« (ebenso wie die Lafargue‘sche Hymne an die Faulheit und die wissenschaftlich fundierte These vom Ende der Arbeit) – eher den fragwürdigen Charme einer hedonistischen Bohème, die sich der Pfründe gewiss ist, aus denen sie ihren Lebensunterhalt bestreitet, und die auch die Bewältigung ihres privaten Alltags an Ehefrauen oder Dienstboten delegiert hat. Als dass diese Maxime das Flair einer Revolte verströmt, in der sich Motive der Sozial- und Kulturkritik zur konkreten Utopie einer von entfremdeter Arbeit befreiten Gesellschaft verdichten.

Heute muss es um beides gehen: um eine »Befreiung in der Arbeit« und eine »Befreiung von der Arbeit«.

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Es geht nicht um die Abschaffung der Arbeit zugunsten künstlerischer Selbstverwirklichung für alle. Es geht auch nicht, wie mit Bezug auf Hannah Arendt oder Jürgen Habermas oft argumentiert wird, um die Ablösung der Arbeit als organisatorisches Zentrum der modernen Arbeitsgesellschaften durch kommunikatives, politisches Handeln als dem zentralen Modus einer modernen Zivilgesellschaft. Es geht vielmehr um die Erweiterung der Spielräume künstlerischer Selbstverwirklichung in der Arbeit. Und es geht um die Anverwandlung des Charakters und der Qualität von Arbeit an den Charakter und die Qualität autonomen Handelns. Weil aber Arbeit immer und unter allen Umständen ein Moment von Fremdbestimmtheit hat und auch in Zukunft jede Menge Tätigkeiten zu erledigen sein werden, um die sich niemand reißt, deshalb muss es heute um beides gehen: um eine »Befreiung in der Arbeit« und um eine »Befreiung von der Arbeit«. »Ne travaillez jamais« muss strömen und strahlen.

 

Der Text ist zuerst in der OXI-Novemberausgabe erschienen.

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Geschrieben von:

Ingrid Kurz-Scherf

Politikwissenschaftlerin