Wirtschaft
anders denken.

Neues vom Lieferkapitalismus: Die Löhne von Paketboten sinken

04.04.2018
Public DomainPaketaufkleber

Die Zahl der Zusteller wächst, ihr mittleres Einkommen schrumpft. Aktuelle Zahlen der Bundesregierung geben einen Eindruck vom »brutalen Wettbewerb« im Lieferkapitalismus. Der Begriff vermag die Veränderung der Verhältnisse besser zu treffen als die viel beschworene »Digitalisierung«.

Die Zahlen liegen schon eine Weile vor, jetzt hat das »Handelsblatt« die Geschichte aufgegriffen: Laut Angaben der Bundesregierung sind die mittleren nominalen Bruttomonatsverdienste von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten bei den Paketdiensten von Ende 2008 bis Ende 2016 um 15,5 Prozent auf 2.507 Euro gesunken. Der Abstand zum Medieneinkommen der Gesamtwirtschaft, das bei 3.133 Euro liegt, beträgt in der Branche 626 Euro. 31 Prozent der Paketzusteller sind laut den Zahlen Niedriglöhner, sie beziehen weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommen. Auch dies ist ein sehr hoher Anteil, in der Gesamtwirtschaft lag er Ende 2016 bei 20 Prozent. Regional sieht die Sache unter anderem im Osten und in Berlin noch gravierender aus.

Im »Handelsblatt« wird der Linkspartei-Abgeordnete Pascal Meiser mit den Worten zitiert: »Der brutale Wettbewerb um die Milliarden im Bereich der Kurier-, Express- und Paketdienste wird immer rücksichtsloser auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.« Wer etwas über diese Konkurrenz und wer daran verdient wissen will, dem sei beispielhaft folgende Meldung der Deutschen Presse-Agentur von Anfang März zitiert: »Der Boom im Online-Versandhandel und bei DHL Express soll die Deutsche Post nach 2017 auch im neuen Jahr weiter antreiben«, heißt es dort. »Im abgelaufenen Jahr steigerte der Dax-Konzern seinen operativen Gewinn (Ebit) um sieben Prozent auf 3,74 Milliarden Euro«. Und weiter: »Der Überschuss stieg wegen höherer Steuern um drei Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Den Aktionären winkt eine von 1,05 auf 1,15 Euro erhöhte Dividende.« 

Das schwächste Glied in einer langen Kette

Dieser Wettbewerb hat mehrere Dimensionen. Dazu gehört die starke Rolle von Subunternehmen. Das »Handelsblatt« formuliert es so: »Ein Grund für sinkende Löhne ist aus ihrer Sicht, dass Hermes, UPS, DHL und Co. ausschließlich oder teilweise mit Subunternehmern arbeiten, die oft ihrerseits wiederum Fremdfirmen beschäftigen. Der Zusteller sei dabei das schwächste Glied in einer langen Kette.« Aufgrund der Struktur der Auftragsketten sind tarifliche Regelungen eher selten.

Man braucht nur tagsüber in der Stadt aus dem Fenster zu schauen, um die vielen Lieferfahrzeuge zu sehen, die »im Auftrag« großer Logistiker oder von Plattformkonzernen wie Amazon fahren. Der Wettbewerb wird unter anderem über die Verkürzung von Lieferzeiten ausgetragen. Gesucht werden dann von Firmen wie Liefery unter anderem Werkstudenten, Nebenjobber, Subunternehmer als Zusteller – es gehe um »die Zukunft der letzten Meile im E-Commerce«, man wolle den Onlinehandel »als Same Day Delivery Plattform« revolutionieren.

Bei Liefery hat bereits der Branchenriese Hermes investiert und die Mehrheit der Anteile übernommen. Auch das Unternehmen Tiramizoo sieht sich als »Pioniere der letzten Meile«, hier ist die Daimler AG engagiert, auch der Deutsche Paketdienst. Das Versprechen: Gekaufte Ware wird »auf Wunsch binnen 90 Minuten nach Abholung Ihrem Kunden zugestellt«. Dafür sorgt eine Kooperation mit deutschlandweit »über 1.600 Kurieren«, die mittels einer speziellen Logistiksoftware koordiniert werden. Auch hier werden ständig Kurierpartner und Fahrer gesucht. Und das sind nur zwei Beispiele.

Zaubersprüche des Zustellgewerbes – und die Realität der letzten Meilen

Same Day Delivery und andere Zaubersprüche des Zustellgewerbes sind Aushängeschilder einer Branche, die wie kaum eine andere boomt und dabei auch das ist, was man gemeinhin als »Jobmotor« bezeichnet. Konzerne wie Amazon bieten Spezialdienste an, die eine Lieferung innerhalb kürzester Zeit ermöglicht – man fragt sich, wie die Leute überleben konnten, als ein Paket noch ein paar Tage unterwegs war. Freilich wird heute anderes geliefert – immer öfter werden auch Tagesbedürfnisse über Lieferdienste befriedigt, und das betrifft nicht etwa nur die vielen Pizzaboten und Burgerlieferanten. Hier geht es um das, was die offizielle Statistik die »Wirtschaftsabteilung Post-, Kurier- und Expressdienst« nennt.

In der waren im Sommer 2017 rund 152.000 sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte, 131.000 sozialversicherungspflichtige Teilzeitmitarbeiter und 182.000 geringfügige Beschäftigte tätig. Macht insgesamt 465.000 Beschäftigte. Man muss davon ausgehen, dass hier »Selbstständige«, also Fahrer, die von den Firmen als »Kurierpartner« angeworben werden, nicht mitgezählt sind.

Zum Vergleich: Im Sommer 2008 lag die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten in der Branche noch bei 105.000, rund 100.000 wurden als Teilzeitkräfte gezählt und 179.000 als geringfügige Beschäftigte – zusammen 384.000. Ein zweistelliger prozentualer Zuwachs, wobei zu berücksichtigen ist, dass vor allem die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs zugenommen hat, die stärkste Steigerung gab es bei den Vollzeitkräften. Allerdings: Wie oben beschrieben verzeichnen die in der Gesamtsicht sinkende Medianeinkommen.

Überlange Arbeitszeiten, Transferleistungen trotz Lieferjob

Die Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Linksfraktion bringt viele Zahlen hervor – unter anderem zur Zahl der Leiharbeiter, die in der Berufsgruppe »Lagerwirtschaft, Post und Zustellung, Güterumschlag« bundesweit rund 254.000 beträgt, wobei dies einer anderen Zuordnungslogik entspricht als die »Wirtschaftsabteilung Post-, Kurier- und Expressdienst«, in der zum Beispiel die Zahl der befristeten Jobs mit rund 31.000 im Jahr 2016 recht hoch ist – sie »entspricht 10,3 Prozent der Kernerwerbstätigen in der Wirtschaftsabteilung«, so die Bundesregierung.

Was erfährt man noch aus der Zusammenstellung der Zahlen? Unter anderem, dass im Jahr 2016 rund 10.000 Beschäftigte in der Branche »mit überlangen Arbeitszeiten« zu ringen hatten, dass seinerzeit auch »rund fünf Millionen Überstunden« von Normalbeschäftigten in der Wirtschaftsabteilung Post-, Kurier- und Expressdienst geleistet wurden und dass mit Stand Sommer 2017 rund 25.500 Beschäftigte »in der Wirtschaftsabteilung Post-, Kurier- und Expressdienst Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende« bezogen.

Linkspolitiker Meiser sieht laut »Handelsblatt« angesichts solcher Statistiken »erheblichen Handlungsbedarf« für die Bundesregierung. Die Zeitung schreibt dazu: »Diese habe der Deregulierung auf dem Markt für Postdienstleistungen viel zu lange zugesehen.« Allerdings ließe sich hinzufügen, dass die Deregulierung der Zustellbranche politisch gewollt war und nicht vom Deliveryhimmel fiel. Eine Eingriffsmöglichkeit wäre es, Tarifverträge für die Paketzusteller als allgemeinverbindlich zu erklären, so dass sie in der Branche für alle gelten.

Klassencluster des Lieferkapitalismus

Allerdings gehören zum Lieferkapitalismus noch weit mehr Beschäftigte, auch viele moderne Tagelöhner, Mitarbeiter anderer Branchen. Man könnte von einer Art Klassencluster sprechen, das Beschäftigte in der Logistik, Zusteller aber auch Lieferboten, Disponenten, die unsichtbaren Arbeitenden hinter den schicken Homepages der Plattformen und einen Teil der Werbeindustrie umfasst. Sie alle verbindet ein Moment kapitalistischer Entwicklung, das mit dem üblichen Begriff der »Digitalisierung« nicht gut erfasst wird, weshalb hier von »Lieferkapitalismus« gesprochen werden soll.

Gut auf den Nenner gebracht wurde das Phänomen von Philipp Staab, der in einem kleinen aber sehr lesenswerten Bändchen einen zentralen Punkt des Gegenwartskapitalismus beschreibt: »Der Kapitalismus der Gegenwart krankt an dem Umstand, dass die Entwicklung der Nachfrage nicht mit der Steigerung wirtschaftlicher Produktivität Schritt hält. Dieses Problem ist schon seit dem schleichenden Ende des Fordismus in den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts virulent. Technische und organisatorische Umstrukturierungen der Produktionsapparate haben das komplementäre Verhältnis zwischen Produktivitätsgewinnen und Nachfragewachstum, das den Fordismus prägte, nicht zurückbringen können.«

So sind sowohl »finanzpolitische Maßnahmen zur Stimulierung der Nachfrage, die globale Expansion von Absatzmärkten und die Finanzialisierung der Ökonomie« als Versuche zu beschreiben, das Konsumtionsproblem zu bearbeiten. Aus ihnen ging auch Treibstoff für den Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnologien hervor.  Staab: »So wurden die Rationalisierung der Produktions- und Verwaltungsapparate, die Globalisierung der Wertschöpfungsketten und Konsummärkte sowie die Suche nach neuen Finanzprodukten zu Inkubatoren eines digitalen Kapitalismus, dessen Gravitationszentren heute Leitunternehmen der Digitalisierung wie Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook und andere bilden.«

Digital stimulierter und gelenkter Konsum soll Wachstum schaffen

Im Kern dieser Digitalisierungsprozesse steht laut Staab »die umfassende Restrukturierung der Konsumtions- und Distributionsapparate«. Dabei werde vor allem auf die »Etablierung neuer Konsumtionsmodelle« gezielt, eben um das Konsumtionsproblem zu bearbeiten – durch Rationalisierung der Konsumtion, die wiederum die Nachfrage erhöhen soll, um das grundlegende Problem der postfordistischen Ära des Kapitalismus zu lösen. Oder, wie es an anderer Stelle heißt: »Digital stimulierter und gelenkter Konsum soll Wachstum schaffen, neue Bedürfnisse, Anwendungen und Abhängigkeiten generieren. Kann diese Rechnung aufgehen?«

Staab bezweifelt, »dass die Rationalisierung der Nachfrage jene Wachstumsimpulse im Bereich des privaten Konsums auslösen wird, die für eine Entschärfung des Konsumtionsproblems notwendig wären«. Vielmehr zeichnen sich bereits »spezifische Prozesse der Veränderung von Arbeits- und Wirtschaftsprozessen« ab. Was als digitale Dynamik beschrieben wird, berge »die Möglichkeit einer umfangreichen Abwertung von Arbeit in zahlreichen Bereichen, die sich in systematischen Kaufkraftverlusten niederschlagen könnte«. Womit wir wieder bei den Medianeinkommen der Kernbeschäftigten des Lieferkapitalismus wären. »Das Dilemma dieser Wirtschaftsform besteht folglich in dem Umstand, dass die hierzu implementierten Lösungen zu weiteren Kaufkrafteinbußen und damit einer weiteren Verschärfung des Konsumtionsproblems führen könnten.«

Philipp Staab: Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus, Hamburg 2016.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur