Wirtschaft
anders denken.

Nichts anders im Dezember

05.12.2020
Corona_Graffitiprivat

Sinkende Impfbereitschaft, praktische Helden, nervige Protzerei, kluge Gedanken. Notizen aus dem Alltag einer Pandemie in der 49sten Kalenderwoche, Teil 6 des Corona-Tagebuchs.

30.11. Dilemmata

Im Verlaufe der Pandemie habe die Impfbereitschaft der Bevölkerung abgenommen, besagen Erhebungen. Sie sei von 70 Prozent im April auf 61 Prozent im Juni und 54 Prozent im November gesunken. Parallel dazu wurden wir über jeden Schritt bei der Suche nach Impfstoffen gegen Corona fast im Überfluss informiert. Es war verwirrend und teilweise skurril, denkt man an die Bilder von Wladimir Putin, der sich einen Impfstoff namens „Sputnik” spritzen ließ. Nette Hausärzte, denen man nichts anderes, als solide Schulmedizin und Aufgeschlossenheit gegenüber Alternativen nachsagen kann, wiegen den Kopf, fragt man sie, ob es gut wäre, sich gleich anzustellen, wenn der neue Impfstoff verfügbar wäre. Auch sie haben keine Erfahrung, denn so ganz ohne Langzeitstudien lässt sich ja wenig sagen. Das Gedankenspiel könnte heißen, sich die schnelle Entwicklung eines Impfstoffes bei einem weitaus tödlicheren Virus, als es Covid 19 ist, vorzustellen und zu fragen, ob die Impfbereitschaft dann höher wäre. Einfach aus Angst. Angst jedoch, das haben wir gelernt, soll kein guter Ratgeber sein. Also wieder zurück auf Los.
Ein weiteres Schlachtfeld für familiäre und Diskussionen in Freundeskreisen ist aufgetan. Bloß nicht dran rühren oder Augen auf und durch. Schwierige Entscheidung.
Am Black Friday hatten sich die Warteschlangen auf dem Alexanderplatz auf DDR-Niveau verlängert. Vor Saturn die disziplinierte Hölle. Maskierte Menschen mit Mützen, Schals und Handschuhen starrten auf die Displays ihrer Endgeräte und hofften auf ein Schnäppchen, um ein neues zu erwerben. Oder gleich was ganz Großes. Die Papiertonnen in der Wohngenossenschaft zeigen, dass die finanziellen Reserven noch nicht aufgebraucht sind.
Um aus der Stadt rauszukommen und keine Regeln zu verletzen, braucht es nicht viel. U8 (nicht gut in Corona-Zeiten, weil irre voll), U7 (fährt ans Ende der Welt, nach Spandau), rein in den Britzer Garten, eine große Runde drehen, raus und auf fast waldigen Pfaden nach Gropiusstadt, einmal den gut gemeinten, dann misslungenen, später mühevoll aufgewerteten Versuch, möglichst viele Menschen zu sozialen Mieten unterzubringen, angeschaut, wieder auf waldige Pfade und schon ist man in Brandenburg. Steht auf einer einstigen Müllhalde und schaut auf den neuen Flughafen, auf Rieselfelder und die Stadt, die von oben natürlich fast immer weitaus hübscher aussieht, als sie eigentlich ist. Ein Paradies für freilaufende Hunde und Kinder, deren Kunststoffdrachen sich mühevoll in die Luft heben, um gleich wieder abzustürzen und ein infernalisches Geweine auslösen, das nur durch väterlichen Beistand und Kekse beendet werden kann. Die Väter etwas verlegen, wenn ihnen auch nicht mehr gelingt, als ein kamikazeähnlicher Sturzflug des Drachens. Zu wenig Wind, sagen sie und fragen sich wahrscheinlich, warum sie überhaupt auf die Idee gekommen sind.
Ein langes Gespräch mit einem Freund, der in der Altenpflege arbeitet über die Lohnunterschiede zwischen Leiharbeitskräften und festangestellten wirft die vorerst unlösbare Frage auf, welchen Sinn das aus ökonomischer Sicht gibt. Der Festangestellte verdient knapp 17 Euro die Stunde, die Leihkraft 23 und auch sie bekommt Überstunden, Feiertagszuschläge, Weihnachtsgeld und überhaupt. Die Leihkraft mit gesundem Verstand sagt, dass sie allein deshalb nie gegen eine Festanstellung tauschen würde. Lieber nähme sie in Kauf, mal hier und mal dort zu arbeiten. Denn schließlich sei es ihr so möglich, tatsächlich eine Familie zu ernähren. Mit den knapp 17 Euro würde es knapp. Warum, so fragt man sich, zahlen Arbeitgeber so viel Geld für ihre Leiharbeitskräfte, die sie ja nicht mehr nur brauchen, wenn Not an Mann und Frau ist, sondern ständig, weil immer Personal fehlt… warum zahlen die für Leiharbeit so viel Geld, anstatt die Löhne ihrer Angestellten attraktiv zu erhöhen, dass sie den „Geliehenen” mindestens gleichgestellt sind?
Wir kommen mit unseren Antworten auf keinen grünen Zweig und vertagen die Sache mit dem Satz: Da machen wir uns mal klug. Muss doch einen vernünftigen Grund geben, so zu handeln. Aber das ist auch so ein Irrtum. Das Kapital – siehe Klima – handelt nicht immer vernünftig. Und der Markt hat kein Gehirn. Das haben nur wir.
In Wien, wo die heterodoxe Lehre ein wenig zu Hause ist, gibt es den „Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM – ein lustig klingendes Akronym). Im Oktober verschickten die Sozialwissenschaftler*innen ein Kompendium zur Covid-Krise, darin ein Interview mit Peter Birke vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen unter der Überschrift „Das Virus unterscheidet nicht, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse”, in dem es um migrantische Beschäftigungsverhältnisse ging. Auf die Frage, ob die geplante und beschlossene Änderung im Werkvertragsystem dazu beitragen wird, dass die elendigen Ausbeutungsverhältnisse in der Fleischindustrie erschwert werden, antwortet der kluge Mann: „Ja, ich denke schon. Der Angriff auf das Werkvertragsystem ist ein wichtiger Schritt nach vorn. Aber er wird – selbst wenn das Verbot bestehen und sogar gerichtsfest bleibt – dennoch nicht ausreichen. Von Seiten der Kapitalist*innen werden neue Angriffe folgen, Befristungen, Neugründung ‚eigener’ Unternehmen mit ‚eigenen’ Belegschaften, etc.. Vor allem wird die Bedeutung des prekären Aufenthalts als Erpressungsmittel zunehmen, vielleicht mit einer partiellen Neuzusammensetzung der Beschäftigten, in der Unionsbürger*innen durch Menschen aus Drittstaaten ersetzt werden.”
So wird es kommen, egal, was sie uns gerade erzählen. Nach unten ist immer ausreichend Luft für Prekarisierung. Und oben – erinern wir uns noch an die Werbung einer Zockerbank? – ist nur Platz für wenige.
kg

03.12. Dauergrau

„Nach der Black Friday Week ist vor der Cyber Week! Starten Sie jetzt zu Ihrer nächsten Shopping-Tour und freuen Sie sich auf den satten 16%-Mehrwertsteuer-Rabatt bei ausgewählten Aktionsprodukten von Samsung, Microsoft und JBL. Viel Spaß beim Sparen wünscht Ihr Media-Markt Club-Team.“
Satt Rabatt ist das Angebot der Stunde. Und verträgt sich so gar nicht mit dem Wunsch von Peter Altmeier, wir mögen ein „entzerrtes Einkaufsverhalten“ an den Tag legen. Wie soll das gehen, wenn überall die Rabatte winken und locken? Allerdings arbeitet das Dauergrau, wie es im Wetterbericht genannt wird, Peter Altmeier vielleicht zu. Schnäppchenjagd macht bei Sonne viel mehr Spaß.
Die Frage einer Radio-Moderatorin, ob denn in Corona-Zeiten die Corona-Regeln über denen der Sozialen Marktwirtschaft stünden, in der Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden (was sie kaufen und verbrauchen) spricht für eine in diesen Zeiten auch noch sehr virale Vereinfachungs-Sehnsucht. Denn ob die Soziale Marktwirtschaft nun wirklich ihren Wesenskern darin hat, dass Verbraucher*innen entscheiden, was sie wie kaufen und verbrauchen, sei zumindest dahingestellt. Entzerrtes Einkaufsverhalten ist übrigens eher was für Bürger*innen mit einem gewissen Maß an Verantwortungsbewusstsein und weniger für Verbraucher*innen, die zwar mündig und clever sein können, dafür aber nicht verantwortungsbewusst sein müssen.
Gegenwärtig, das suggeriert ein Streit zwischen Bund und Ländern, sind die Länder mehr Verbraucher*innen, denn verantwortungsbewusst. Die Lastenverteilung sei in Schieflage geraten, der Bund zu viel, die Länder zu wenig. Dahinter verschwindet nachrichtentechnisch betrachtet ein wenig das mögliche Ausscheren Sachsen-Anhalts bei der Abstimmung über eine Erhöhung der Rundfunkgebühren. Die CDU im Land will nicht. Die AfD will auch nicht. Das haben die nicht abgesprochen und der CDU wäre auch lieber, sie müsste für ein möglicherweise gleiches Abstimmungsverhalten mit der AfD keine Erklärung zusammenbasteln, aber am Ende könnte es so kommen, dass sie fraternisieren. Hoffentlich bekommen sie dann aber auch ordentlich Hucke voll, wie man im Anhaltinischen sagt. „Das kann nich jutjehn.“ (ist auch anhaltinisch, beheimatet vor allem im Raum Halle/Saale)
Mal etwas größer betrachtet ließe sich sagen, dass es gerade weil es die AfD gibt, ziemlich schlimmen Mutes bedarf, gegen eine Erhöhung der Rundfunkgebühren zu stimmen. Aber so politisch ist die CDU in Sachsen-Anhalt dann auch wieder nicht. Man darf sie nicht überfordern.
Beim Digital-Gipfel der Bundesregierung hat die Kanzlerin gesagt, Deutschland dürfe beim digitalen Wandel nicht „Bummelletzter“ sein.
Es ist schwer, die Frau nicht auch zu mögen. Denn mit nur einem Wort versetzt sie eine in Kinderzeiten, nimmt dem Vorwurf jeden Stachel, geht auf Augenhöhe mit allen, denen das deutsche Bildungssystem harte Kante gezeigt hat, macht sich nicht gemein, aber stellt sich auf eine Stufe, lässt den Zeigestock in die Ecke, legt einer die Hand auf die Schulter und sagt: „Hej, das kannst du bestimmt besser.“
Slack – ein Mittel der Wahl, wenn man im Büro nicht mehr zusammenhocken darf – wird vom SAP-Konkurrenten Salesforce übernommen, dessen Chef das Ganze „eine Hochzeit im Himmel“ nennt. Weil Slack in der Krise um 50 Prozent gewachsen ist (sage noch jemand , es gäbe nicht ausreichend Pandemiegewinner) wird der Chat-Anbieter Slack auf fast 28 Milliarden Dollar geschätzt und soll auch für das Geld gekauft werden.
Im Übrigen steigen auch die Preise für Immobilien trotz Corona weiter an.
Auf Perlentaucher einen diskutierenswerten Text von Peter Mathews über den Maßnahmekatalog der Bundesregierung gegen Rechtsextremismus und Rassismus gelesen. Mehr als eine Milliarde Euro werden dafür zur Verfügung gestellt. Beim Lesen des Katalogs, so der Autor dränge sich der Verdacht auf, „dass es gar nicht so sehr um Rechtsextremismus geht als um die Rückgewinnung der Deutungsmacht über gesellschaftliche Prozesse“. Eine bestimmte Szenerie der Migrationsforschung und ein problematischer Begriff des Rassismus und Antirassismus würden dabei zur Staatsdoktrin erhoben. Sein Fazit: Das dahinterstehende Geschäftsmodell sei „Wir sind die Guten. Wir tun was.“.
In Leipzig darf kein Glühwein mehr ausgeschenkt werden. Auch nicht to Go. Das ist der Punkt, an dem ich auf die Weltoffenheit des Berliner Regierenden Bürgermeisters hoffe. Gestern einen Thüringer Glühwein getrunken (wusste gar nicht, dass es das gibt, die Bratwurst vernebelt einer noch den Verstand). War jedenfalls gut und als ich kaufte, stand ich auf dem Gehweg in zwei Meter Entfernung mit Maske vor dem Glühweinausschenker hinterm provisorischen Draußen-Tresen, ebenfalls maskiert. Geht alles irgendwie. Aber ganz ohne Glühwein… Nee Leute.
kg

03.12. Männer und Modelle

Was auch total nervt: All die Kerle, die immer noch glauben, es sei total zupackend-kompetent und irgendwie heldenhaft sich mit Varianten von „Warum geht das denn hier nicht zackiger“ ins Gespräch zu bringen. Hilft weder an der Supermarktkasse noch sonst irgendwo. Wer so rhetorisch fragt oder so offen pöbelt, wie heute Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, der (und da bleibe ich sehr bewusst bei der männlichen Form) hat entweder tatsächlich keine Ahnung von den Mühen der jeweiligen Ebene. Oder er kann sich eben darauf verlassen, dass die Erfahrungen derjenigen, die täglich die Ebene putzen, aufräumen oder anderweitig bearbeiten niemals das gleiche Gewicht bekommen, wie die großspurigen Worte der Machthaber.
Was ist schon ein erschöpfter Oberbürgermeister von Zittau gegen einen sächsischen Ministerpräsidenten. Der eine versucht irgendwie, die galoppierenden Infektionszahlen und die Wirtschaftsmisere, die Grenzlage und das menschliche Bedürfnis nach Pilsener Bier und Glühwein in ein verantwortbares Gleichgewicht zu bringen und merkt jeden Tag unmittelbar, wo ihm das wieder nicht gelingen konnte. Der andere dagegen kann je nach Lage der Umfragewerte im Frühsommer behaupten, alles liefe wie ein Schnürchen und heute unnachgiebige Härte fordern, ohne dass es für ihn spürbare Konsequenzen hätte. Genau wie es FDP-Funktionäre nur ein paar Minuten kostet, mal wieder öffentlich über Altenheime und Pflegekräfte zu räsonieren, und warum da denn jetzt die Infektionszahlen schon wieder so hoch gehen. Die Frau aber, die in jedem beliebigen Alten- oder Pflegeheim dieses reichen, an Pflegekräften jedoch armen Landes einen Dienstplan nicht nur schreiben, sondern dafür geradestehen muss, dass er funktioniert, könnte wahrscheinlich vieles sagen über die FP2 Masken, die fehlen. Und auch darüber, warum die Taktung und die körperliche Anstrengung der Arbeit eben auch manchmal verhindern, dass sie getragen werden. Fragt aber keiner, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
„Geld ist reichlich vorhanden, doch es fehlt den Akteuren an sozialer Fantasie, an industrie- und dienstleistungspolitischem Know-how“, schreibt der Soziologe Klaus Dörre in einem Beitrag des Berliner Journal für Soziologie. Der Text, der die Pandemie als Teil einer weit umfassenderen sozial-ökologischen Krise beschreibt, ist Teil einer Debatte über Corona und die Folgen, zu der außerdem Hartmut Rosa und Stephan Lessenich kluge und lesbar formulierte Gedanken beitragen. Während Rosa aus der Corona-bedingten Wiederentdeckung staatlicher Handlungsmöglichkeiten trotz aller Ungerechtigkeiten und Fehler Hoffnung schöpft, betont Lessenich die weltweite Begrenzung dieses Handelns auf die Wohlhabenden und problematisiert die „Individualisierung des Sozialen“ in den derzeit gebotene und praktizierten Formen der Corona-Solidarität. „Und dennoch, trotz alledem“, schreibt er: „In der erkennbaren Begrenztheit und Selbstbezüglichkeit der Corona-Solidarität scheint doch zugleich die Möglichkeit einer anderen, weitergehenden gesellschaftlichen Praxis auf. Die Ahnung davon, was Solidarität auch meinen könnte – und, wenn man für einen Moment die gewohnten Fesseln des Denkens in Alternativen ablegt, wie eine andere Form der Vergesellschaftung aussehen könnte. Dann nämlich sieht man ein öffentliches Gesundheitswesen, das auf die zuverlässige und frei zugängliche Sicherung der existenziellen Bedarfe der gesamten Bevölkerung hin ausgerichtet und ausgestattet ist; eine Wirtschaftspolitik, die systematisch nicht einer Ökonomie des Profitablen und Überflüssigen, sondern des Nötigen und Lebensnotwendigen den Vorzug gibt; schließlich eine Gesellschaftspolitik, die den Bürger*innen die sozialen Bedingungen und Bedingtheiten ihrer persönlichen Freiheiten in Erinnerung ruft und die institutionellen Voraussetzungen schafft für eine in das Wissen um die Bedarfe und Bedürfnisse der globalen Mitbürger*innenschaft eingebettete Solidarität unter Ungleichen.“
Genau, niemals und unter keinen Umständen darf sich das Prinzip Hoffnung in der Entdeckung von Impfstoffen erschöpfen. Wenn wir das zulassen, sind wir verloren. Deshalb mein Lichtblick des Tages: Der Rentner Alfred Broemme, der in Berlin den Aufbau von sechs Impfzentren koordiniert. Er hat zuvor nicht nur 15 Jahre das Technische Hilfswerk geleitet, er fährt jetzt auch mit dem Bus durch Berlin und baut sich seine Impfzentrums-Modelle aus Lego.
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Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin

Sigrun Matthiesen

Journalistin