Wirtschaft
anders denken.

Ökonomisierung als Chance der Sozialen Arbeit

13.02.2018
Alice Salomonen:Trans-Ocean News Service CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Soziale Arbeit heute ist unvorstellbar ohne deren maßgebliche Vordenkerin Alice Salomon. Ihr Augenmerk galt der sinnvollen Verwaltung des sozialen Miteinanders und der sachverständigen Führung von Menschen durch Menschen. Der Nationalökonomin war die ungleiche Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit eine Dissertation wert.

Sozialreformen kosten, Soziale Arbeit kostet, der Wohlfahrtsstaat sowieso, und was an der Marktwirtschaft sozial sein soll, mag sich einem Empfänger oder einer Empfängerin von »Transferleistungen« nicht wirklich erschließen. Das war nicht immer so. Alice Salomon, die als Begründerin der Sozialen Arbeit in Deutschland gilt, war promovierte Volkswirtin und als solche sehr vertraut mit den Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft und sozialen Problemen der Gesellschaft. Dabei spielte der Kostenfaktor, der heute meist im Vordergrund steht, wenn Ökonomen wie Peter Hartz in einem Atemzug mit Sozialarbeit genannt werden, noch keine Rolle. Im Gegenteil. In einem Vortrag zu »Heimarbeit und Lohnfrage« meint Alice Salomon 1909, das Recht auf Existenz bedeute freilich nicht, »daß der Staat für die Bürger sorgen, ihnen Arbeitsgelegenheit schaffen und zuweisen soll«. Stattdessen habe der Staat beispielsweise »Gesundheitsschädigungen, die durch schlechte Arbeitsbedingungen entstehen«, zu verhüten. An anderer Stelle regt Salomon das Nachdenken über ein Konzept an, das erst über hundert Jahre später, nämlich 2015, eingeführt werden sollte: den gesetzlichen Mindestlohn. »Es wäre nur konsequent, wenn der Staat auch verhüten wollte, daß Menschen infolge von Hungerlöhnen allmählich zugrunde gehen, wenn die Unternehmer gezwungen würden, einer vollen Arbeitskraft wenigstens ein Existenzminimum an Lohn zu sichern«, schreibt sie.

Mehr Wohlstand für das Volk durch gerechte Entlohnung

Das Hauptaugenmerk Salomons galt der sinnvollen Verwaltung des sozialen Miteinanders und der sachverständigen Führung von Menschen durch Menschen. Dieses »rechte Haushalten« und die »pflegliche Verwaltung des sozialen Zusammenlebens« waren für sie deshalb von großer Bedeutung, weil sie einen engen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und den sozialen Problemen, insbesondere bei den Arbeiterinnen, sah. Alice Salomon befand sich in guter Gesellschaft. Ob Sozialdemokratie oder Bismarck’sche Sozialgesetzgebung: Das Elend der Arbeiterschaft war im Zuge der Industrialisierung unübersehbar zu dem gesellschaftlichen Thema schlechthin geworden. Salomon erkannte diese Bestrebungen durchaus auch an. Doch sie ging in ihren Forderungen weiter und stellte immer wieder die Rolle der Frau in den Mittelpunkt ihrer Thesen. Für Frauen, die keine Bildung genossen hatten, war der Weg in die Armut vorgezeichnet – erst recht, wenn ihnen im Laufe ihres Erwerbs- und Familienlebens der Ehemann abhandenkam. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, war ein Hauptanliegen Salomons. So unerreichbar »Wohlstand« für diese Frauen schien, so deutlich formulierte Salomon ihre Thesen zum »Wohlstand des Volkes«, der nicht auf einer Verbilligung der Produkte, sondern vor allem auf der Steigerung der Kaufkraft, also auch einer gerechten Entlohnung beruhen müsse. Zuletzt fand auch die Globalisierung bereits Berücksichtigung bei Salomon. So sei der wesentlichste Einwand gegen die Forderung einer staatlich regulierten Lohnpolitik die Furcht, dass »für bestimmte Industrien Deutschlands Stellung auf dem Weltmarkt erschwert« und dies »den deutschen Export gefährden würde«.

Kann man den Erfolg sozialer Arbeit messen?

Alice Salomon beließ es nicht bei Theorien und Forderungen. Zur Untermauerung ihrer Thesen begann sie, Maßnahmen der Sozialen Arbeit in ihren Einrichtungen zu evaluieren. So veröffentlichte sie regelmäßig Besucherinnenzahlen und reflektierte einzelne Methoden auf ihre Tauglichkeit hin. Den Erfolg am »lebenden Objekt« zu messen, hielt Salomon jedoch für unmöglich. Zu komplex sei das Leben der Menschen, um ein »gelungenes« Leben auf eine einzelne Maßnahme zurückführen zu können. Das Leben sei »wie Ebbe und Flut« und verlange eine sich dauernd verändernde Anpassung an »neue Beziehungen, neue Lagen und Verhältnisse«. Dadurch veränderten sich wiederum die Menschen und ihre Möglichkeiten für Glück und Unglück. Was beinahe schon poetisch klingt, zeigte vielleicht bereits vor einhundert Jahren die Grenzen heutiger Sozialhilfen auf: schematisch konstruierte, pedantisch verwaltete und statischen Paragrafen unterworfene Hilfe entsprach damals nicht den Bedürfnissen notleidender Menschen. In einer sich rasant verändernden Welt, in der wir mit weiteren Herausforderungen wie Flüchtlingen sowie einer Kultur- und Glaubensvielfalt konfrontiert sind, wird rasch deutlich, wie sehr eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Sozialen Arbeit und nicht zuletzt auf die Thesen Alice Salomons geboten wäre.

Zur Aktualität

Heute kennen wir eine Vielzahl Fächer, die ihren Ursprung in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit haben, wie Alice Salomon sie in Deutschland bekannt gemacht hat. Darunter beispielsweise Sozialrecht, Organisationslehre und die Empirische Sozialforschung. Das Thema von Alice Salomons Dissertation, »Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit«, ist wiederum eines, das nicht nur die Denkerin ein Leben lang begleitete, sondern das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

In ihrer Doktorarbeit untersuchte Alice Salomon die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männern und Frauen. Dabei gelang es Salomon, ein Problem zu thematisieren, das die Frauenbewegung bereits viele Jahre beschäftigte, es aber nicht auf die Agenda der Nationalökonomie geschafft hatte. So war ihr aufgefallen, dass keineswegs nur Arbeiterinnen einen geringeren Lohn bekamen als die Männer ihres Berufes, sondern auch Beamtinnen, Lehrerinnen und Handwerkerinnen. Für ihre Dissertation untersuchte Salomon Enquêten, Berichte der Gewerbeinspektion und statistisches Material aus Deutschland und Österreich. In allen Berufsgruppen war der Befund gleich: Die unterstellten niedrigen Bedürfnisse der Frauen hatten überall und klassenübergreifend zu einer geringeren Lohnhöhe geführt. Lohngruppen, so Salomon, richteten sich nach dem untersten Bedürfnis. Der Durchschnittslohn, und hier entsteht dann auch der Zusammenhang zum gesetzlichen Mindestlohn, werde durch den »kaufschwächsten Käufer und den tauschschwächsten Verkäufer« der Arbeitskraft bestimmt.

Leben und Werk

Sie gilt als Begründerin der Sozialen Arbeit in Deutschland: Alice Salomon. Geboren wurde sie am 19. April 1872 als viertes Kind einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin. Gerne wäre sie Lehrerin geworden. Doch nach dem frühen Tod des Vaters, der ihr noch Privatunterricht ermöglicht hatte, schien dieses Vorhaben aussichtslos. Es war schlicht nicht üblich, dass Mädchen und Frauen ihrer sozialen Schicht überhaupt einen Beruf ergriffen. Mit 21 Jahren nahm sie an der Gründungsversammlung der Berliner »Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit«, einer Art Wohlfahrtsverein, teil. Fortan widmete sich Salomon ehrenamtlich der Unterstützung alleinerziehender Arbeiterinnen und deren Kinder. 1908 wurde sie Mitbegründerin und Leiterin der reichsweit ersten Sozialen Frauenschule in Berlin, die sich zum Ziel gesetzt hatte, junge Mädchen für soziale Hilfstätigkeiten vorzubereiten. Die heutige Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist die Nachfolgeeinrichtung dieser damaligen Sozialen Frauenschule. Noch vor deren Gründung wurde Alice Salomon 1906 an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin in Nationalökonomie promoviert. Für Frauen war schon die Studienzulassung zu dieser Zeit ein Spießrutenlauf. Salomon schreibt dazu: »Wer einen Hörerschein haben wollte, musste die Erlaubnis des Ministers erwirken. Hierauf musste der Universitätsdirektor seine Zustimmung geben, und dann hing der Zutritt noch von der Einwilligung des Hochschullehrers ab, dessen Vorlesung man besuchen wollte. Die Erlaubnis konnte jederzeit zurückgezogen werden, und das geschah manchmal bei geringfügigen Zwischenfällen oder weil die Studenten gegen die Anwesenheit von Frauen protestierten.« Eine weitere Hürde für Alice Salomon: Sie hatte keine Hochschulreife vorzuweisen und wurde erst nach intensiver Prüfung aufgrund ihrer bereits veröffentlichten Aufsätze zugelassen.

Hatte sie zuvor die Sorgen und Nöte der Arbeiterinnen aus erster Hand kennengelernt, boten ihr Studium und Dissertation nun den theoretischen Hintergrund, um sich, auch international, für Arbeiterinnenschutz, Frauenrechte und Wohlfahrtspflege einzusetzen. 1925 gründete Salomon die »Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit«. Neben der Fortbildung von Führungskräften in Sozialer Arbeit wurde hier auch mit systematischer Forschung begonnen. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen Salomons, die bereits seit Jahren auch international Vorträge hielt. Im Jahr 1929 rief sie die International Association of Schools of Social Work (dt. »Internationale Vereinigung der Schulen für Sozialarbeit«) ins Leben, deren langjährige Vorsitzende sie ebenfalls war. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt, wurde 1932 der sechzigste Geburtstag von Alice Salomon gebührend öffentlich begangen. Vom Preußischen Staatsministerium erhielt sie aus diesem Anlass die Silberne Staatsmedaille, die Berliner Universität verlieh ihr die Ehrendoktorwürde, nachdem dies 1929 noch abgelehnt worden war. Doch bereits ein Jahr später wendete sich das Blatt. Die Nationalsozialisten drängten Salomon aus allen Ämtern. 1935 verlor sie die deutsche Staatsbürgerschaft und in der Folge wurden ihr 1937 beide Doktortitel aberkannt. Im gleichen Jahr emigrierte sie über England in die Vereinigten Staaten, wo sie jedoch nicht mehr Fuß fassen konnte. Sie starb einsam und mittellos 1948 in New York. Es sollte bis 1997 dauern, dass die Aberkennung ihrer Doktorwürden für nichtig erklärt wurde.

Dieser Artikel erschnien in der August2017-Ausgabe von OXI.

Geschrieben von:

Sonya Winterberg

freie Publizistin