Wirtschaft
anders denken.

OXI als Produkt des Fortschritts

14.07.2017
Foto: OXIWer gegen digitale Technik ist, muss sagen, auf welchen Stand der Technik Arbeit zurückgedreht werden soll.

Wie viele Arbeitsplätze mussten verschwinden, damit ein Medienprojekt wie OXI möglich wurde? Eine kleine Zeitreise durch 40 Jahre digitale Technikrevolution.

Im OXI-Team wird gestritten. Auch um Fortschritt, Wachstum und die Digitalisierung als einen der Motoren globalen Wachstums. Ich gehöre zu den Befürwortern von Digitalisierung, wenn die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen dadurch besser werden. Ich bin in vordigitalen Zeiten groß geworden. Und fast alles, was ich seit einigen Jahrzehnten mache, privat und beruflich, ist ohne digitale Technik nicht möglich.

Vom Wässern, Wedeln und Rubbeln

Gehen wir gut 40 Jahre zurück. Als Oberstufenschüler habe ich für eines der ersten kostenlosen Anzeigenblätter in Deutschland gearbeitet. (Was damals noch nicht als verwerflich galt; es war für einen Schüler ein lehrreicher Job.) Das Blatt wurde von drei Personen produziert: einem Werbekaufmann, einer Grafikerin und mir. Ich machte nach der Schule Fotos von Kunden, natürlich analog, zog mich daraufhin stundenlang in eine Dunkelkammer zurück, wo ich zunächst die Filme entwickelte, fixierte, wässerte, trocknete, dann an einem Vergrößerungsgerät Fotopapier belichtete, abwedelte, entwickelte, fixierte, wässerte, trocknete. Mir war warm, es stank, die Haut meiner Finger war aufgequollen. Die Grafikerin skizzierte derweil das Seitenlayout auf einem Blatt Papier. Headlines wurden mit – analogen – Rubbelbuchstaben von Letraset aufs Papier gebracht (jedes Verschreiben oder Verziehen war teuer). Bilder wurden mit einer teuren, riesigen Reprokamera in das Rasterformat des Zeitungsdrucks gebracht und auf transparentem Film ausbelichtet, der wiederum, man kann es sich denken …

Heisses Blei, laute Maschinen

Die Texte mussten in der Druckerei zum Setzer gebracht werden, denn das analoge papierverschwendende Faxen wurde erst Anfang der 1980er Jahre in Deutschland heimisch. Dieser Setzer saß vor einem etagenhohen, tonnenschweren, heißen und scheppernden Monstrum: einer Bleisatzmaschine von Linotype (erfunden 1886). Ich bewunderte die Virtuosität seines Umgangs mit der Unmenge an Tasten (das Gerät verfügte über eine Vielzahl von Sonderzeichen). Die fertig gesetzten Zeilen rutschten als schmale bleierne Blöcke in eine Auffangwanne. Die griff sich dann der Metteur, ging an einen riesigen Tisch, auf dem Holzrahmen lagen. Jeder Rahmen sollte eine Seite werden. Und so füllte der Metteur den Rahmen mit bleiernem Text und allem anderen, was sonst noch auf die Seite sollte. Was ich sah, war natürlich spiegelverkehrt. Ich lernte nach einigen Ausgaben, Texte auch in dieser Weise zu lesen. Sicherer aber war ein Papierabzug, bei dem ich ein Blatt provisorisch per Hand bedruckte, um Korrektur zu lesen. Fand ich Fehler, ging es wieder zum Setzer an seiner Maschine. Irgendwann waren die Seiten dann fertig für den Druck.

Digitalisierung hat viele monotone, harte Arbeiten verschwinden lassen.

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Fast all diese Prozeduren sind verschwunden. Eine Vielzahl von Geräten gibt es nicht mehr. Menschen unter 40 Jahren werden sie überhaupt nicht kennen. Zulieferunternehmen der Druckindustrie sind deshalb Pleite gegangen. Und Zehntausende Arbeitsplätze existieren schon lange nicht mehr. Denn die Digitalisierung des Druckens begann bereits Mitte der 1980er Jahre, mit den ersten PCs, den ersten Seitengestaltungsprogrammen und digitalen Schriften, die seither nur noch aus winzigen Dateien bestehen, aus denen unendlich viele Texte setzbar sind. Heute muss kein Blei mehr energieaufwendig wieder eingeschmolzen werden. Heute müssen kleine Druckereien auch nicht zentnerweise teure Stahl-Lettern in Vorrat halten, mit denen der sogenannte Akzidenzdruck von der Visitenkarte bis zur Todesanzeige gestaltet wurde. (Aber heute gibt es auch kaum noch kleine Druckereien, sondern nur mehr große Online-Digitaldruckhäuser.)

Ein Rechner ersetzt Maschinen und Menschen

Ich sitze heute als Designer des OXI-Blattes vor zwei großen Monitoren (digital), die mit einem Rechner (digital) verbunden sind. An welchem Ort ich sitze, ist egal. Wichtig ist nur eine Verbindung mit dem (digitalen) Internet. Bilder, Texte, Illustrationen kommen (online und digital) von FotografInnen (die seit etwa 15 Jahren zunehmend digital fotografieren) und SchreiberInnen aus ganz Deutschland, dazu Österreich, der Schweiz und werden von mir zu digitalen Seiten zusammengesetzt. Digital aufgenommene Fotos bearbeite ich digital am Rechner, wobei auch ziemlich übel belichtete Bilder mit digitalen Bildbearbeitungsprogrammen druckfähig gemacht werden können. Ach ja, Interviews werden digital aufgenommen, mit einer digitalen Software grob in digitalen Text transkribiert, dann erst einmal automatisch digital korrigiert, bis sich zuletzt ein Mensch um die Feinheiten kümmert.

Die orthografischen Korrekturen werden wiederum digital von einer netten Dame, die fast alle der fast zahllosen Fehler findet, an einem ganz anderen Ort besorgt. Alles Material für die gedruckte Ausgabe und den Blog wird in einem digitalen »Aktenschrank«, der unkörperlich in der digitalen Cloud, also auf einem Server steht, gesammelt, korrigiert, umgearbeitet. Die Kommunikation läuft meist über das Internet, weil Redakteurinnen und Redakteure an unterschiedlichen Orten arbeiten. Aber gerade deshalb ist es erfreulich, wenn man und frau sich »physisch« zu Redaktionssitzungen treffen. (Wer gerade nicht vor Ort sein kann, strengt sich wenigstens an, virtuell, also wiederum digital, per Skype präsent zu sein.)

Sind die Seiten des Blattes »wasserdicht«, wandle ich sie in ein digitales Format um, bei dem digital berücksichtigt wird, wie die Druckmaschine mit unserem Papier und den Druckfarben umgehen soll. Anzeigen gibt es auch, wiederum von anderer Stelle und natürlich als Dateien. Und das druckreife Päckchen von 24 digitalen Seiten schicke ich natürlich online zu einem Server der Druckerei, was in wenigen Minuten erledigt ist, obwohl zwischen mir und dem Druckhaus etwa 500 Kilometer Luftlinie liegen.

OXI ohne Digitalisierung? Unmöglich

Es liegt auf der Hand: OXI wäre in vordigitalen Zeiten ein unendlich arbeitsaufwendiges, zeitaufwendiges, teures Projekt, mit viel weniger Flexibilität und Kreativität. Und weil das alles nicht machbar, weil nicht bezahlbar wäre, gäbe es OXI (und viele andere Blätter des linken und alternativen Spektrums) ohne Digitalisierung nicht.

Bleiben wir bei gedruckten Blättern, die übrigens nicht ausgestorben sind, obwohl Microsoft-Gründer Bill Gates das im Jahr 2000 bereits für das Jahr 2010 prognostiziert hatte – was nebenbei auch der Digitalisierung zu verdanken ist, die die Herstellung gedruckter Periodika deutlich günstiger gemacht hat. Was wird Digitalisierung für papierne Berichterstattung noch bringen? Mit Sicherheit das Verschwinden des bedruckten Papiers. Die Zeitung aber wird nicht verschwinden, sie verwandelt sich. Denn wir werden sie auf einer dünnen digital funktionierenden Folie lesen, die rollbar, faltbar, haltbar ist, auf der jeden Morgen, jede Woche oder jeden Monat eine neue Ausgabe unserer Lieblingsblätter digital erscheint.

Digital ist gut für die Umwelt

Die Druckindustrie hat seit zehn, 15 Jahren Angst vor dieser nächsten digitalen Killertechnologie, die die Displaybranche zum Jubeln, viele andere zum Trauern bringen wird. Auch die Grünen und andere ökologisch Bewegte sollten sich freuen. Denn mit benutzerfreundlichen digitalen Displays müssten 40 Prozent der 23 Millionen Tonnen Papier, die allein in Deutschland alljährlich hergestellt werden, nicht mehr die Umwelt belasten. Von den 40.000 Menschen, die in Deutschland noch in der Papierindustrie tätig sind, werden wegen dieses nächsten Schrittes der Digitalisierung etwa 15.000 Menschen arbeitslos werden. Weltweit könnten es sogar 250.000 sein – und die werden auch keine Jobs in der Displayproduktion bekommen, weil die immer weiter digitalisiert und automatisiert wird und daher selbst mit immer weniger Menschen auskommt.

Und nun? Dieser Text bietet keine Lösung, nur die persönliche Erfahrung mit etwa 40 Jahren Evolution des Digitalen. Wer will zurück zu vordigitalen Zeiten? Bitte sofort das Smartphone und den Laptop in die Tonne kloppen. Wer will an welcher Stelle welches Bremsmanöver einleiten, um den Zug der Digitalisierung auf welches Nebengleis zu schicken? Wer will das flexible Mediendisplay auf welche Weise »verbieten«, um 15.000 Arbeitsplätze zu retten? Deutlich sollte sein: Nicht die Digitalisierung ist die dämonische Kraft. Das Wirtschaftsprinzip, das Rationalisierungsgewinne nicht denen zukommen lässt, die dann zu Opfern der Rationalisierung werden, ist das Problem.

Dieser Artikel erschien in der Juni-Ausgabe von OXI.

Geschrieben von:

Jo Wüllner

freier Journalist