Wirtschaft
anders denken.

Pandemie in der Planwirtschaft

18.04.2021
Zentraler Platz der DDR: Der leere Alexanderplatz bei NachtFoto: Leonhard Lenz , Lizenz: CC0Der leergefegte Alexanderplatz zu Silvester 2020/21

Wie wäre wohl die Corona-Pandemie in einer noch existierenden DDR verlaufen? Eine mögliche Szenario-Satire.

10. Februar 2020: ARD, ZDF und n-tv sowie die Aktuelle Kamera melden, dass es in Bayern erste Corona-Fälle gibt. Am nächstgelegenen Montag befasst sich Karl-Eduard von Schnitzler im Schwarzen Kanal damit, dass die Westmedien versuchen China die Schuld für den Virusausbruch zuzuschieben, um so davon abzulenken, dass der eigene Bevölkerungsschutz versagt hat, obwohl man seit Monaten von der sich ausbreitenden Pandemie-Gefahr wusste. Er hebt hervor, dass die Staatsgrenze der DDR zur BRD nun nicht nur ein antifaschistischer Schutzwall sei, sondern auch ein wirksames Bollwerk vor unkontrolliertem Viruszufluss.

28. Ende Februar: ARD und ZDF melden, dass die Infektionszahlen in Westdeutschland, als Folge von Ski-Urlauben in Österreich und Karnevalveranstaltungen in NRW, Bayern und Baden-Württemberg, allmählich außer Kontrolle geraten. Das Neue Deutschland veröffentlicht einen Leitartikel, der darstellt, dass die DDR sehr gut auf eine mögliche Pandemie vorbereitet ist, dass es noch keine Übertragungen gibt und dass die Wirtschaft auf die Erfüllung des laufenden Jahresplanes unter Pandemiebedingungen im Rahmen einer Tagung des ZK der SED mit den Generaldirektoren der Kombinate vorbereitet wurde.

23. April 2020: Die Aktuelle Kamera meldet mehrere Corona-Ausbrüche in der Hauptstadt der DDR und in den Bezirken Erfurt, Gera, Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden. Die Regierung der DDR hätte in Abstimmung mit dem Politbüro des ZK der SED den in den 70er Jahren entwickelten nationalen Pandemieplan in Kraft gesetzt. In einer einstündigen Ansprache des Generalsekretärs der SED und Vorsitzenden des Staatsrates sowie des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, Egon Krenz, erläutert dieser den Bürgerinnen und Bürger der DDR, dass subversive westliche Kräfte das Corona-Virus von West-Berlin aus in die DDR eingetragen hätten, dass aber die Sicherheitsorgane der DDR und die nationalen und bezirklichen Gesundheitsbehörden die notwendigen Maßnahmen zu deren Eindämmung ergriffen hätten. Er ruft zum gemeinsamen antiimperialistischen Kampf zur Verhinderung weiterer Einträge des Virus‘ auf. Einreisen aus dem kapitalistischen Ausland, insbesondere aus der BRD und West-Berlin werden ab sofort und für unbefristete Zeit unterbunden.

24. April 2020: Bundeskanzler Christian Lindner protestiert gegen den Bruch des Transitabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR durch die Regierung in Ost-Berlin. Er verfügt den sofortigen Stopp der Zahlungen der Transit-Pauschale. DDR-Außenminister Dr. Gregor Gysi verbittet sich im Namen der Regierung der DDR die Bonner Einmischungsversuche in innere Angelegenheiten der DDR, die zum Schutz der Bevölkerung ergriffen wurden. Er verweist auf das UN-verbriefte Recht des Schutzes vor Seuchen und auf vergleichbare Maßnahmen in Taiwan, Neuseeland und Australien. Zugleich fordert er Bundekanzler Lindner auf, endlich die erforderlichen Schutzmaßnahmen in der BRD einzuführen und sich nicht weiter hinter der föderalen Vielfalt der Meinungen und Kompetenzen zu verstecken, damit die BRD nicht in Kürze zu einem Gesundheitsrisiko für ihre Nachbarländer werde.

15. Mai 2020: Die Aktuelle Kamera meldet, dass nun auch in der DDR, trotz unermüdlicher Arbeit der zuständigen Organe der DDR in Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Kräften, sich die Corona-Pandemie weiter ausbreitet. Der Staatsrat und der Ministerrat hätten, in Abstimmung mit dem Politbüro des ZK der SED, strikte Maßnahmen zur Eindämmung beschlossen und einen Nationalen Pandemierat gegründet. Ab sofort und bis auf Widerruf seien Schulen, Kindergärten, Universitäten und Hochschulen sowie der Handel (mit Ausnahme des Lebensmittelhandels und der Apotheken), die Gastronomie und das gesamte gesellschaftliche Leben stillgelegt. Gleiches gelte für Teile der Produktion nicht lebenswichtiger Güter. Löhne und Gehälter würden in voller Höhe weitergezahlt. Das laufende Schuljahr würde komplett ausfallen. Eltern werden gebeten, in Abstimmung mit den Klassenlehrern der Kinder und Jugendlichen hilfsweise Hausschulstunden zu geben. Die Interessen der Kinder und Jugendlichen seien zu fördern.

Der Kampf um die Planerfüllung in der Landwirtschaft und in der Industrie wird nach den bestehenden Pandemie-Sonderplänen aufrechterhalten. Zugleich werden die Volkspolizei (ABV’s), die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, die FDJ und die Hausgemeinschaftsleitungen sowie die Parteigrundorganisationen gesonderte Anweisungen für deren Rolle bei der Unterstützung und Durchsetzung der Pandemie-Maßnahmen erhalten. Über die Hausgemeinschaftsleitungen, die FDJ und die Pionierorganisation Ernst Thälmann wird außerdem die Versorgung der Bürger in Quarantäne und der über 80-jährigen sichergestellt. Der Katastrophenschutz der DDR, die Gesellschaft für Sport und Technik, der Demokratische Frauenbund und die NVA bauen und betreuen Notlazarette in jeder der 15 Bezirkshauptstädten. Mit der Leitung dieser Aufgabe wird die Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes der DDR, Dr. Angela Merkel beauftragt.

Für alle als unabkömmlich in der Produktion eingestuften Beschäftigten werden Passierscheine ausgegeben. Bürgerinnen und Bürger ohne Passierschein dürfen ihre Wohnadresse nur im einem Umkreis von 500 Metern verlassen. Private Zusammenkünfte werden generell untersagt, die Durchsetzung und Überwachung dieser Maßnahmen erfolgt über die Hausgemeinschaftsleitungen und die Hausparteigruppen der SED.

Angesichts des im Fünfjahrplan und im Jahresplan nicht bilanzierten Zusatzbedarfs an Schutzmasken werden alle Bürger aufgerufen aus Bettwäsche Mund-Nasen-Schutzmasken selbst herzustellen. Die Jungpioniere verpflichten sich unter der Losung „Muttis Bettwäsche schützt Menschenleben“ 1 Million Masken zu basteln. Über die gesellschaftlichen Organisationen und in Sondersendungen des DDR-Fernsehens werden weitere Informationen zum Selbstschutz und zur pandemiegerechten Verhaltensweise gegeben. Die von der Industrie gefertigten Schutzmasken und die vorhandenen Desinfektionsmittel werden gemäß Pandemie-Sonderplan ausschließlich an die Einrichtungen des Gesundheitswesens verteilt.

Die Losung der SED für den Pandemiezeitraum lautet: „Wir bekämpfen die Pandemie entschlossen und beweisen die Überlegenheit des Sozialismus. Vorwärts zum 22. Parteitag der SED“.

16. Mai 2020: Die Aktuelle Kamera berichtet, dass in allen Bezirken der DDR die Umsetzung des Beschlüsse der Staats- und Parteiführung in vollem Gange ist.

17. Mai 2020: Die Aktuelle Kamera berichtet, dass nach nur zwei Tagen die in den Beschlüssen zur Eindämmung der Pandemie festgelegten Maßnahmen zu 95 % umgesetzt sind. Die Bevölkerung habe mit großem Engagement mitgearbeitet, wofür sich der Nationale Pandemierat bedanke.

15. Juni 2020: Das Neue Deutschland berichtet, dass die Produktion von Impf-Kanülen, dank der in Sonderschichten der Werktätigen in den herstellenden Betrieben möglichen 180-prozentigen Planerfüllung, mit dem bald steigenden Bedarf Schritt halten wird. Es wird bekannt gegeben, dass in Kooperation mit der Sowjetunion und Kuba in Kürze auch mit einem Impfstoff zu rechnen ist.

15. Juli 2020: Der Nationale Pandemierat stellt fest, dass die Covid-19-Inzidenz in der DDR aufgrund der strikten Maßnahmen auf 0 gesunken ist. Versuchsweise werden für den Sommer Lockerungen bei der Bewegungsfreiheit innerhalb der DDR genehmigt. Ab einer Inzidenz von 15 würden die strengeren Regeln aber erneut in Kraft treten.

10. Oktober 2020: Die Aktuelle Kamera meldet, dass trotz der zum Nationalfeiertag der DDR am 7. Oktober festgestellten Erfolge der Corona-Eindämmungspolitik sowie der aufopferungsvollen Arbeit von Millionen engagierter Bürgerinnen und Bürger, die nationale Inzidenz auf 16 gestiegen sei. Der Nationale Pandemierat hätte darum alle Eindämmungsmaßnahmen erneut republikweit aktiviert. Dieser Schritt sei mit spontanen Grußadressen der Werktätigen in Landwirtschaft und Industrie beantwortet worden. Die Kombinate der pharmazeutischen Industrie hätten angekündigt, dass ab November jeder Bürgerin und jedem Bürger fünf Selbst-Tests pro Woche zur Verfügung gestellt werden könnten. Aus Gründen der Knappheit an in Devisen zu zahlenden Rohstoffen und wegen voll ausgelasteter Produktionskapazitäten werde dafür die Produktion von Schwangerschafts-Tests vorübergehend eingestellt.

11. Oktober 2020: Das Zentralkomitee der SED gibt die Losung heraus „So wie wir uns heute testen, werden wir morgen leben“ und fordert die Bevölkerung auf, die ab November angebotenen Tests umfangreich zu nutzen.

15. November 2020: Die Aktuelle Kamera meldet, dass in Leipzig 20 Personen festgenommen wurden, die unter Berufung auf die westdeutsche Querdenker-Bewegung gegen die Maßnahmen des Nationalen Pandemierates der DDR demonstrierten. Sie werden nun wegen Sabotage gegen die Gesundheit der Bevölkerung angeklagt und den Gerichten zugeführt. Das Ministerium für Staatssicherheit wird beauftragt verstärkt aufzuklären, ob es noch andere aus der BRD gesteuerte Diversanten-Gruppen gibt und diese kurzfristig aufzulösen. ARD und ZDF protestieren gegen die Behinderung der Berichterstattung über die Leipziger Demonstration. Bundeskanzler Christian Lindner fordert die DDR-Führung auf, die festgenommenen Aktivisten sofort freizulassen. Es gehe nicht an, dass man mitten in Europa nicht gegen Covid-Eindämmungsmaßnahmen demonstrieren dürfe.

15. Dezember 2020: Angesichts einer nationalen Covid-19-Inzidenz von 30 teilt der Nationale Pandemierat der DDR mit, dass über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel verstärkte Schutzmaßnahmen in Kraft treten. Sämtliche Treffen, auch von Familienangehörigen, werden gemäß der seit Mai geltenden Eindämmungsmaßnahmen auch während der Feiertage nicht möglich sein. Ab sofort seien sämtliche Räumlichkeiten mit religiöser Nutzung für 30 Tage zu schließen.  Papst Franziskus protestiert gegen den Eingriff in die Religionsfreiheit. DDR-Außenminister Dr. Gregor Gysi bestellt den Botschafter des Vatikans ein und erläutert die Pandemiebekämpfung in der DDR. Er versichert, dass die Kirchen Mitte Januar wieder öffnen dürfen.

20. Dezember 2020: Die Aktuelle Kamera meldet, dass es seit Pandemiebeginn in der DDR 130 Tote gegeben habe, eine bedauerlich hohe Anzahl, die vom Generalsekretär des ZK der SED, Egon Krenz dennoch als großen Erfolg der sozialistischen Pandemiebekämpfung gewertet wird. Angesichts von zehntausenden Toten in Westdeutschland und anderen kapitalistischen Ländern zeige sich darin die Überlegenheit des Sozialismus. Er kündigt an, dass auf Beschluss des Politbüros des ZK der SED ab Januar die gesamte Bevölkerung der DDR mit dem sowjetischen Impfstoff Sputnik V immunisiert werde. Wie bei allen Impfkampagnen zuvor, würden die Bürgerinnen und Bürger gemäß Personenkennzahl und persönlichem Alter von den Behörden angeschrieben. Geimpft würde in den bekannten Impfzentralen und in Arztpraxen. Zusätzlich würden NVA-Ärzte und Sanitäter in Schulen impfen. Ziel sei die komplette Immunisierung der Bevölkerung bis zum 30. April 2021. Von der Impfpflicht seien nur Personen befreit, die ärztlicherseits freigestellt werden.

21. Dezember 2020: Die Bild-Zeitung meldet, dass die DDR-Corona-Sterbestatistik geschönt sei. Der SED-Staat bediene sich der chinesischen Zählmethode, die die Anzahl der an Covid-19 gestorbenen Personen geringer ausfallen ließe. In Wirklichkeit läge die Anzahl der Covid-19-Toten in der DDR um den Faktor 10 höher. Zwar seien 1.300 Tote ein im Vergleich mit der Bundesrepublik Deutschland sehr niedriger Wert, er zeige aber zugleich an, dass das autoritäre Regime in Ost-Berlin die bürgerlichen Freiheitsrechte mit Füßen trete. Karl-Eduard von Schnitzler tritt in einer Sondersendung des Schwarzen Kanals auf, die zugleich die kürzeste seines Lebens ist. Sie beschränkt sich auf den Satz „Lieber rot als tot“. ARD und ZDF strahlen Sondersendungen aus. Darin versuchen DDR-Experten zu ergründen, welche Botschaft die DDR-Regierung mit der Sondersendung des Schwarzen Kanals übermitteln wollte. Es gibt kein einheitliches Ergebnis.

2. Januar 2021: Die Aktuelle Kamera überträgt die Covid-19-Impfung von Egon Krenz und allen anderen Mitgliedern des Politbüros des ZK der SED live im Fernsehen. Mit ihrem Beispiel würden sie vorangehen und die Bevölkerung dazu aufrufen, den persönlich versendeten Impfaufforderungen zu folgen. Gehbehinderte würden von eigens berufenen Impf-Hilfsgruppen zur nächstgelegenen Impfstelle gefahren und auch wieder zurückgebracht.

18. Februar 2021: Im Rundfunk wird vermeldet, dass es einen Todesfall in zeitlicher Nähe zu einer Impfung gegeben habe. Bei bereits 3 Millionen geimpften Personen sei Sputnik V, trotz des bedauerlichen Vorfalls, mit Abstand die Impfung mit den wenigsten dramatischen Nebenwirkungen seit langer Zeit. Dies zeige die hohe Qualität des sowjetischen Impfstoffs.

30. März 2021: Der Nationale Pandemierat erklärt, dass nunmehr 12 Millionen Menschen in der DDR geimpft seien, das entspräche 75% der Bevölkerung. Insbesondere seien die über 40-jährigen und die Risikogruppen bei den jüngeren Bürgern durchgeimpft. Darum werden die Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen mit Wirkung zum 15. April aufgehoben. Bis Monatsende April erfolge der Übergang zum normalen Alltag. Schulen und Kindergärten würden sofort geöffnet. In den Schulen begänne die Vorbereitung auf das im September regulär beginnende Schuljahr, welches mit der Wiederholung des letzten Schuljahres erfolge. Die DDR-einheitlichen Lehrpläne seien inzwischen entsprechend umgestellt. Abschlussprüfungen fallen 2021 aus. Zwar würden nun Schüler einmalig 13 Jahre bis zum Abitur benötigen, statt der üblichen 12, dies sei aber zumutbar. Schließlich wären 13 Jahre bis zum Abitur – z.B. in der BRD – der Normalfall.

Geschrieben von:

Wolfram Morales

Diplomökonom