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Währung? Staatsanleihen? Schulden der Zukunft? Venezuela startet den Petro – der OXI-Überblick

21.02.2018
Logo des Petro

Venezuelas Regierung steht unter Druck: Wirtschaftskrise und Inflation, schwere Kritik am Kurs Maduros und die Blockade der USA. Eine Kryptowährung namens Petro soll Luft verschaffen. Aber handelt es sich überhaupt um »Geld«? Und wie lief der Start? Ein Überblick.

Die Regierung in Venezuela hat den Vorverkauf einer eigenen Kryptowährung gestartet. »Der Petro wurde geboren. Heute ist ein historischer Tag. Venezuela ist der erste Staat, die erste Nation, die eine durch ihre Bodenschätze gestützte Kryptowährung auf den Markt bringt«, wird der Vizepräsident Tareck El Aissami in Agenturen zitiert. Am ersten Vorverkaufstag seien 735 Millionen US-Dollar zusammengekommen.

Die Deutsche Presse-Agentur schreibt über die Beweggründe, »angesichts der Wirtschaftssanktionen der USA und des Devisenmangels will sich die venezolanische Regierung mit dem Petro wieder Zugang zu den internationalen Finanzmärkten verschaffen«. Ein White Paper der venezolanischen Regierung fasst das Konzept, das auch Hugo Chavez zurückgehen soll, zusammen.

Ratingagenturen haben Venezuela durch Abstufung unter Druck gesetzt, die Nationalwährung Bolívar  hat stark eingebüßt, die jüngste Abwertung ist erst ein paar Tage her. Es geht also im Grunde darum, in Zeiten starker Inflation, innenpolitischer Konflikte, einer Wirtschaftskrise und des eines relativ niedrigen Ölpreises, an Devisen zu gelangen, um Lebensmittel, Medikamente und andere Importgüter einzuführen.

Ein Petro entspricht dem Preis eines Barrels Rohöl

Man könnte in gewisser Weise von einer Form von Staatsanleihen sprechen, die durch Öl-Ressourcen gedeckt sind – »etwa 5,3 Milliarden Barrel Rohöl aus dem ersten Block Ayacucho im Orinoco-Becken bilden zunächst den Gegenwert der neu geschaffenen Währung«, schreibt das Portal amerika21.de.

Der Preis eines Petro entspricht dem eines Barrels Öl und wurde zunächst auf 60 Dollar festgelegt, soll sich aber Schwankungen anpassen. Diese wären sicher weit geringer als die Schwankungen des Bolívar, die zudem zuletzt nur eine Richtung kannten: nach unten. Später sollten auch Gas, Gold und Diamanten als Gegenwert eingesetzt werden.

In der ersten Runde geht es um 100 Millionen digitale Münzen zu jeweils etwa 60 US-Dollar. »Damit käme der Petro auf einen Gesamt-Börsenwert von sechs Milliarden Dollar und würde aus dem Stand in die Top Ten der Kryptowährungen einziehen«, heißt es bei der Nachrichtenagentur Reuters. Am 20. März sollen weitere 44 Millionen Petro in Umlauf gebracht werden. Zugleich sollen die Käufer aus der ersten Phase ihre Tokens dann in die echten Petros umtauschen können.

Token? Der Verkauf des Petro werde durch sogenannte Tokens erfolgen, die ähnlich wie Aktien oder Anteilsscheine genutzt und mit vergleichsweise relativ wenig technischem Aufwand auf Blockchains erzeugt werden können, schreibt das Portal weiter. Dabei werde der Kryptostandard ERC-20 angewandt. Einen Überblick zum Thema Bitcoin gibt es hier.

»Vertrauen bei potentiellen Anlegern schaffen«

Es gehe darum, »Vertrauen bei den potentiellen Anlegern zu schaffen«. Carlos Vargas, der Kryptowährungsaufseher Venezuelas, wird im »Handelsblatt« mit den Worten zitiert, der Petro werde Investoren aus Katar, der Türkei und anderen Staaten des Nahen Ostens sowie Europäer und Amerikaner anziehen. Der Bericht stützt sich auf eine Meldung von Telesurtv.net. »Die Grundidee ist gut und könnte anderen Staaten die Möglichkeit eröffnen, ihre Abhängigkeit von der Weltleitwährung Dollar zu reduzieren«, heißt es zudem unter Berufung auf einen namenlosen Börsianer.

Die Regierung der USA hat sogleich klargemacht, dass sie den Kauf von Petros als »Gewährung eines Kredits an die venezolanische Regierung« verstehen würde, und damit als einen Bruch der verhängten Sanktionen. Auch die rechte Opposition in Venezuela hat sich gegen die Emission der Petros ausgesprochen, da mit diesen Ressourcen des Landes »im Voraus veräußert« würden, was »neue Schulden für die Zukunft« bedeute. Eine weitere Kritik stellt darauf ab, dass mit dem Petro die Möglichkeit geschaffen werden könnte, die durch US-Sanktionen eingefrorenen Vermögen von Schlüsselfiguren der Regierung in Venezuela wieder zu bewegen.

Aber handelt es sich überhaupt um eine »Währung«?

In der Deutschen Welle wird der US-Wirtschaftsforscher Steve H. Hanke von der Johns Hopkins Universität in Baltimore mit den Worten wiedergegeben, er »glaube, dass es das auch irgendwann geben wird: Eine Kryptowährung mit konstanter Kaufkraft, die dadurch gesichert ist, dass sie in einen Korb von mehreren Rohstoffen konvertierbar ist«. Für Hanke könnten so konstruierte Kryptowährungen die drei Hauptfunktionen von Geld übernehmen: als Zahlungsmittel, zur Wertaufbewahrung und als Werteinheit.

Das wäre eine Weiterentwicklung von den bisherigen Kryptowährungen, die praktisch nur ein Spekulationsobjekt sind. Hanke glaubt aber nicht, dass der Petro schon ein solches Versprechen erfüllen kann. Die venezolanische Regierung sei nicht in der Lage, die versprochene Rohstoffsicherheit zu geben: »Sie haben überhaupt kein Gold, und sie haben keine Diamanten. Sie haben eine Menge Ölreserven, aber die Ölproduktion geht zurück.«

Einen markanten Unterschied zu anderen »Kryptowährungen« macht auch die Rolle des Staates aus. Im »neuen deutschland« berichtet Jürgen Voigt, die ersten Petros würden nicht per »Mining« entstehen, wie bei Bitcoins üblich, sondern von der Regierung ausländischen Investoren im Tausch gegen Devisen angeboten. »Das könnte sich ändern, sobald der Petro seine eigene Blockchain hat und es zu Änderungen der Ausgaberegeln kommt«, wird dort Jean-Paul Leidenz Font von der Agentur Ecoanalítica zitiert. Wer sich dann allerdings am »Mining« beteiligen wolle, müsse sich in ein staatliches Register eintragen. »Der Staat wird die vollständige Kontrolle über die Ausgabe haben«, sagt Staatschef Nicolas Maduro.

Bei heise.de heißt es,  in Venezuela würde der Bitcoin wegen des Verfalls des Bolívar »gerade unter jungen Leuten schon länger intensiv als Alternativwährung genutzt. Beim Petro ist aber völlig unklar, ob dieses recht einmalige Experiment eines Staates im Kampf gegen eine akute Zahlungsnot und Finanzkrise funktionieren kann«. Allerdings: Auch in anderen Staaten gibt es Überlegungen, sozusagen von oben so genannte Kryptowährungen einzuführen.

Geschrieben von:

OXI Redaktion