Wirtschaft
anders denken.

Brahmin Left, Kommunitarier, Rechtsruck in überalterten Regionen

22.02.2018
Marco Verch / CC BY 2.0

Wie hängen ökonomische Ungleichheit, globale und regionale kapitalistische Trends und das politische Denken, vor allem: der Rechtsruck zusammen? Es gibt Neues dazu von Thomas Piketty, Andreas Reckwitz und dem DIW. Ein Lektürehinweis.

Wie hängen ökonomische Ungleichheit, globale und regionale ökonomische Trends und das politische Denken zusammen? Man wird das später einmal die große Frage der Jahre nach 2015 nennen – das Feld ist weit, die Probleme sind recht kompliziert. Auf einfache Sätze wie »Linke haben die Arbeiter vernachlässigt« oder »Abstiegsangst führt zu AfD-Wahl« wird man das Ganze nicht bringen können. Und es scheint auch so, dass es für die großen Synthesen, in denen empirische Erkenntnisse und theoretische Erklärungsansätze verdichtet und verallgemeinert werden, auch noch nicht gekommen ist.

Zwei Dinge lassen sich aber durchaus schon sagen. Erstens: Es gibt so etwas wie eine Renaissance der Soziologie zu Lasten der langjährigen Deutungsdominanz der Ökonomen, die zudem noch einseitig von martkorientierten Vorstellungen geprägt war. Heinz Bude hat das einmal auf den Punkt gebracht: »Die Soziologie hat sich lange nicht von der Idee erholt, dass es so etwas wie Gesellschaft gar nicht gibt, sondern nur Individuen, die rationale Übereinkünfte treffen.« Nun aber hat sich der Wind gedreht: »Die Klassenfrage und die Frage der Ungleichheit sind zurückgekommen. Die Soziologie muss auch theoretisch umstellen, um diese Fragen auf interessante Weise zu beantworten.«

Dazu gehört, zweitens, die enge Verknüpfung von ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Erklärungen. Dies zeigt sich auch darin, dass zu den Großerklärern der politischen Verwerfungen dieser Zeiten – vom Brexit über Trump zum Rechtsruck in Europa und anderswo – derzeit Forscher wie Thomas Piketty und Branko Milanovic gehören. Also Leute, die auf Fragen der Verteilung von Einkommen und Vermögen spezialisiert sind, und damit der Diskussion über die Folgen von Ungleichheit das Fundament gießen.

Drei Lektürehinweise dazu an dieser Stelle. Erstens: Es gibt etwas Neues von Thomas Piketty. »Brahmin Left vs Merchant Right: Rising Inequality and the Changing Structure of Political Conflict« ist die gut 90-seitige Präsentation von Daten überschrieben, die Untersuchungsergebnisse aus Frankreich, Großbritannien und den USA  zusammenträgt. Es geht auch hier darum, dass die Ungleichheit auf die politische Konfliktlage durchschlägt, politische Milieus neu zusammensetzt und Widerspruchslinien neu zieht.

Piketty nutzt für eine linke (Kultur-)Elite hier einen Begriff, der ursprünglich eine Priester- und Lehrerklasse im Hinduismus beschreibt – womit der vor allem durch Bildung gelungene Aufstieg bestimmter Schichten adressiert ist. Ihr gegenüber stehe eine Art »Kaufmanns-Rechte«, deren Elitenposition auf ökonomischem Reichtum beruht. Der Schweizer »Tagesanzeiger« fasst die Pointe des Papiers aus seiner Sicht so zusammen: »Die linke Wählerschaft rekrutierte sich seither immer mehr aus Personen mit einem höheren Bildungsgrad. Entstanden ist laut Piketty daher ein ›Multi-Eliten-Parteiensystem, in dem die Hochgebildeten links wählen und die Elite mit hohen Einkommen und Vermögen rechts, die anderen Gruppen fühlen sich im Stich gelassen‹.«

Basis dieser Schlussfolgerungen sind historische Datenreihen von den späten 1940er Jahren bis 2017. »Diese zeigen, dass noch in den 1950er- und 1960er-Jahren die Wähler der Sozialisten in Frankreich und der Demokraten in den USA überwiegend nicht nur aus wenig verdienenden, sondern auch aus weniger gebildeten Schichten stammten.« Vor allem seit den 1960er-Jahren habe sich die linke Wählerschaft dann aber »immer mehr aus Personen mit einem höheren Bildungsgrad« rekrutiert.  Auch die »New York Times« hat sich mit dem Papier von Piketty bereits befasst.

Dazu passt, zweiter Lektürehinweis, was der Kultursoziologe Andreas Reckwitz in der »Zeit« noch einmal das zusammenfasst, manchen gilt das bereits als die neue zentrale »Konfliktlinien«: die zwischen »Kosmopolitismus und einem nationalen Kommunitarismus«.

Seine Argumentation: »Die Transformation von einer vergleichsweise homogenen und egalitären industriellen Moderne zu einer postindustriellen Spätmoderne, die sozial und kulturell deutlich polarisierter und mobiler aufgebaut ist«, führt zum Aufstieg einer neuen Mittelklasse, die einen »neuen Liberalismus« vertritt, »der wahlweise stärker linksliberal oder stärker wirtschaftsliberal akzentuiert werden kann, der aber die alte Links-rechts-Achse grundsätzlich kreuzt«. Auf Seiten der »Kommunitarier«, wo sich »vor allem Segmente der alten Mittelklasse und neuen Unterklasse« finden, sei man dagegen »deutlich skeptischer gegenüber der Globalisierung. Die Öffnung nimmt man als bedrohliche Auflösung wahr. So fordert man etwa (national)staatliche Regulierungen des Sozialen und Wirtschaftlichen, kulturell häufig eine stärkere kollektive Identität.«

(Eine Anmerkung nebenbei: Der »Kosmopolitismus« war schon Kampfvokabel rechter und antiwestlich-antimodernistischer Kräfte – und hatte dann eine Renaissance in einer Debatte über Weltbürgerrechte im Gefolge von Kant Anfang der 1990er Jahre. Und unter Kommunitarismus sind in den 1980er Jahren vor allem in den USA Theorien diskutiert worden, die die Verantwortung des Einzelnen gegenüber seiner Umgebung betonten und lokaler Gemeinschaftsbildung das Wort redeten; während man in Frankreich darunter die Rechte von sprachlichen, ethnischen oder religiösen Gemeinschaften gegenüber dem Staat versteht. Man fragt sich mitunter, ob da nicht heute bisweilen zu schnell ein Begriffsinstrumentarium als »So ist es« herumgereicht wird.)

Dritter Lektürehinweis, der ebenfalls eine Reihe von Aspekten der Debatte der vergangenen Monaten noch einmal unter ein Brennglas schiebt: Der neue Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat untersucht, warum die AfD in dünn besiedelten Räumen mit Überalterungsproblemen stärker abschneidet. Es gebe bei der Analyse regionaler Wahlergebnisse »kaum Zusammenhänge zwischen Arbeitslosenquote, Bildung und Ausländeranteil und der Variation der AfD-Ergebnisse«. Was man aber festgestellt hat: »In Westdeutschland korrelieren vor allem niedrige Haushaltseinkommen und überproportional viele Beschäftigte in der Industrie mit Zuspruch für die AfD« und in Ostdeutschland steche ein »Zusammenhang mit hohem Anteil an älteren Menschen und mit hoher Dichte von Handwerksbetrieben heraus«

In den Worten des DIW: »Der Zuspruch für die AfD war in Wahlkreisen relativ hoch, in denen überdurchschnittlich viele Handwerksunternehmen angesiedelt, überproportional viele Erwerbstätige im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt sind, sowie – das gilt eher für die westdeutschen Wahlkreise – die verfügbaren Haushaltseinkommen unter dem Bundesdurch­schnitt liegen. Überdies wird häufig in solchen Wahlkreisen für die AfD gestimmt, in denen überdurchschnittlich viele Ältere leben. Eine Korrelation mit der Arbeitslosenquote besteht dagegen kaum. Generell schneidet die AfD in weniger verdichteten Regionen mit ungünstiger demografischer Entwicklung vergleichsweise gut ab – ein Phänomen, das in ostdeutschen Wahlkreisen häufiger auftritt als in westdeutschen. Diese Beob­achtung lässt die Vermutung zu, dass die demografische Entwicklung in den weniger verdichteten Räumen auch ein Gefühl der Perspektivlosigkeit mit sich bringt, wodurch Vertrauen in etablierte Parteien zu erodieren droht.«

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur