Wirtschaft
anders denken.

Planwirtschaft? Was nicht benannt wird, gibt es nicht

02.12.2017
Bundesarchiv, Bild 183-E0506-0004-012 / CC-BY-SA 3.0Atomkraftwerk Rheinsberg: die Blockwarte

Der Kapitalismus hat es natürlich nicht nötig, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, indem er auch noch verrät, er plane, seine Menschen zu allseits entwickelten kapitalistischen Persönlichkeiten heranzubilden. Gedanken zur Planwirtschaft damals und heute – und zu einem durch Missbrauch untauglich gewordenen Begriff.

Ein guter Begriff löste viele falsche Probleme und ließe stattdessen andere, reale Probleme, hervortreten. Ein guter Begriff sperre sich ganz von selbst gegen seine Reduktion, schrieb Pierre Bourdieu in »Soziologische Fragen«. So betrachtet war und ist Planwirtschaft ein guter Begriff. Er löst das Problem, andauernd so zu tun, als gäbe es sie gar nicht, und zwingt zugleich, sich der Frage zu stellen, was Planwirtschaft uns und unserem Planeten alles antut.

Wer in einem Gesellschaftssystem aufwuchs, das Begriffe so lange ideologisch aufpumpte, bis sie nicht mehr aussprechbar waren, ohne dabei Ekel zu empfinden, hat es schwer, die Worte wieder ihrer Bestimmung zuzuführen. Planwirtschaft ist ein solcher Begriff. Er ist durch Missbrauch untauglich geworden.

»Um Wörter ins Schwarze treffen, sich auszahlen, ihre Wirkung tun zu lassen, muss man Wörter benutzen, die nicht nur grammatisch korrekt, sondern auch sozial akzeptabel sind.« Bourdieu hilft gerade nicht weiter, auch wenn ihm zuzustimmen ist. Ich bin in der Lehre und im Leben großgeworden mit der behaupteten Dichotomie Planwirtschaft-Marktwirtschaft. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Fürchterlich einfach.

Demzufolge war klar, dass ich 1989 von A nach B wechselte und dass A und B zwei verschiedene Dinge waren, ich also in B niemals A auch nur in Spurenelementen finden werde. Ein Zweifel an dieser einfachen Wahrheit nährte sich aus einem Zitat, das ich schon viele Jahre vorher auf meiner alten Schreibmaschine abgeschrieben und an die Wand gehängt hatte. Es stammt aus Andrei Arsenjewitsch Tarkowskis Film »Stalker« und lautet: »Zu jedem Dreieck A, B, C gibt es ein kongruentes Dreieck A’, B’, C’. Ahnen Sie, wie viel Traurigkeit in diesem Satz liegt?« Todtraurig, wohl wahr.

Die Tatsache, dass ein Gesellschaftssystem untergehen kann ohne Pauken und Trompeten, obwohl es in allen Bereichen für die Ewigkeit geplant hatte, zerstörte längst brüchige Gewissheiten und ermöglichte die ganz praktische Erfahrung, dass Systeme eben nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Diese Erfahrung nährte zugleich den Glauben, nie wieder auch nur Spurenelemente einer Planwirtschaft vorzufinden.

In den Händen eines planenden Staates

Sehr schnell kamen eine Menge Menschen und Unternehmen, deren Erfolgsmodell auf diesem Glauben baute, und die mir Dinge verkauften oder verkaufen wollten, die zwei vermeintliche Wahrheiten suggerierten: Wenn es überhaupt einen Plan gibt, muss ich ihn selber machen, und: Ich werde nie wieder zur Planerfüllung herangezogen, alles liegt in meiner Hand, ich bin frei.

Demzufolge schloss ich gegen meine Ängste (Unfall, Berufsunfähigkeit, selbstverschuldeter Auffahrunfall, Rechtsstreit mit einem Vermieter, Tod) Versicherungen ab und dazu noch Versicherungen für meine Kinder, weil deren Zukunft ja nicht mehr in den Händen eines planenden Staates und einer auf Fünf-Jahres-Rhythmen getrimmten Wirtschaft lag.

Ich selbst hatte ein Studium absolviert, für das der Staat jährlich nur 120 Studienplätze zur Verfügung stellte, im Wissen darum, dass mehr Journalistinnen und Journalisten nicht gebraucht würden. Dass er mehr gar nicht haben wollte, denn die überschaubare Medienlandschaft lag ganz und gar in seinem und dem Gusto seiner Ein-Partei. Und so sollte es für die Ewigkeit bleiben.

Meine Kinder aber würden nun – vorausgesetzt, sie erbrachten die notwendigen Leistungen – lernen oder studieren können, was immer sie wollten. Und wenn sie dann später nicht gebraucht würden mit dem, was sie können, würden sie eben scheitern oder von vorn anfangen.

Gefolgschaft einer Planwirtschaft, die sich so nicht nannte

Ich war für kurze Zeit, bis mir finanziell die Puste ausging, versicherungstechnisch und überhaupt dermaßen durchgeplant, wie ich es in vorangegangenen Zeiten nie gewesen bin. Was ich gelernt hatte und was mir gesagt wurde, nahm ich ernst: Ich bin frei und das bedeutet, ich muss selber alle Pläne machen, niemand anderes tut das für mich.

Ich lernte jedoch zugleich einen Staat kennen, der sich Haushaltspläne gab und eine Kohorte Wirtschaftsweiser leistete, die ihm die Zukunft voraussagten. Mit diesen Voraussagen plante der Staat, was er tun will und was er unterlassen wird, immer in Gefolgschaft einer Planwirtschaft, die sich so nicht nannte, stattdessen des Adjektivs frei und des Substantivs Markt bediente.

Ich lernte eine Bürokratie kennen, die ich in meinem schlimmsten Träumen nicht hätte imaginieren können. Ein scheinbar völlig eigenständiges Wesen, das mich mit Vorgangsnummern versah, mir regelmäßig Rentenbescheide schickte, Antragsformulare erhielt, die allen Kreisen der Hölle entsprungen schienen, und mir eine Ämterflut vorhielt, die ich bis heute nicht durchschaue.

Bürokratie als Herrschaftsmittel war mir natürlich bekannt, aber dass ein Staat sich dermaßen effizient den Bürger und die Bürgerin vom Leib halten kann, indem er ein gewaltiges Beschäftigungsprogramm zur Lösung vermeintlich privater Probleme auflegt, hatte doch eine neue Qualität. Es gab für alles eine Zuständigkeit, eine vermeintliche Lösung und ein Formular. Nichts von all dem ließ die Sehnsucht nach der verdorbenen Schlichtheit des Vorangegangenen aufkommen, aber ich hängte mir statt des Satzes von Stalker, den ersten Satz aus dem Roman »Stiller« von Max Frisch an die Wand. »Ich bin nicht Stiller!«

Wir sind nicht Planwirtschaft. Nun ja.

Ich arbeitete freiberuflich für Unternehmen, die mit ihren Mitarbeitern Zielvereinbarungen abschlossen, die auf langfristig angelegten Plänen beruhten und, wie in der Planwirtschaft, einzig und allein auf Wachstum orientiert waren. Natürlich hat der Kapitalismus es nicht nötig, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, indem er auch noch verrät, er plane, seine Menschen zu allseits entwickelten kapitalistischen Persönlichkeiten heranzubilden. Diese Hybris des untergegangenen Systems, das in Fünf-Jahres-Rhythmen wirtschaftete und an die Ewigkeit glaubte, ist nicht nötig. Das funktioniert von allein. Und wer ausbricht, ist Extremistin oder einfach nur niedlich, wie er oder sie da in einem kleinen Wirtschaftskreislauf das Ende des Wachstums probt.

Die Wirtschaft plant. Sie plant mehr, als die Planwirtschaft es je getan hat. Ihre Unternehmen zwingen mir Zweijahresverträge auf, wohlwissend, dass eine wie ich übermorgen schon den Dispokredit ausgereizt haben und zahlungsunfähig sein kann. Die Bank hat einen Plan, wie ich da wieder rauskomme, und lädt mich einmal im Jahr ein, um mir meine Rentenlücke zu erklären und einen Vorschlag zu unterbreiten, wie ich die langfristig schließen kann. Die Europäische Zentralbank wiederum macht einen Strich durch die Rechnung meiner Bank, weil selbst ich klug genug bin zu wissen, dass beim derzeitigen Zinsniveau Altersvorsorge auch in einem stabilen Baumwollstrumpf funktioniert. Eher aber gar nicht.

Die digitale Inkarnation der Planwirtschaft

Die digitale Inkarnation der Planwirtschaft, wie wir sie haben, sind Programme wie Excel oder ein Unternehmen wie SAP, das aus mir, die ich mal Mieterin war, eine Mietsache macht. Ein Freund, der 1993 in einem damals noch ziemlich abgeranzten Mietshaus in Berlin-Friedrichshain wohnte, traf eines Morgens, als er den Müll wegbrachte, einen Mann auf dem Hof, der ihn mit Handschlag und den Worten begrüßte: »Guten Tag, ich bin ihr neuer Besitzer.« Von da ab war mein Freund eine Mietsache und Teil der Planung eines Immobilienbesitzers, in die er nicht passte, weshalb er schnell ausziehen musste.

Kippte dieses Gesellschaftssystem, also die marktkonforme Demokratie, in welche Richtung auch immer, könnte Excel das Pendant zur einstigen Rampe werden. Ein Planungsinstrument, das für jede Lebenslage geeignet ist und mit dem sich wahlweise Dinge vereinfachen oder Menschen vernichten lassen.

Die Planwirtschaft des Kapitalismus hat mit der Digitalisierung ihre vorläufig und auf lange Sicht genialsten Instrumente in die Hand bekommen. Ebenso die Planwirtschaft des Staates, der nur viel langsamer ist, sich all der Überwachungs-, Kontroll-, Systematisierungs-, Vereinheitlichungs- und weiteren Verbürokratisierungsmöglichkeiten zu bedienen, die ihm die neuen Techniken bieten.

Aber das wird noch. Jedoch wird auch dann das, was wir haben, nicht heißen, wie es heißen müsste.

Dieser Text erschien in der Printausgabe von OXI im Oktober.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin