Wirtschaft
anders denken.

Plastikbesteck verbieten? Der letzte oder der erste Strohhalm

28.05.2018
Horia Varlan / CC BY 2.0

Plastikteller oder Strohhalme werden besonders oft an Stränden angespült. Deswegen plant die EU-Kommission nun, diese Wegwerf-Gegenstände zu verbieten. Über einen Vorstoß, der in aller Albernheit vielleicht ja doch die richtige Diskussion anstößt.

Die Diskussion darüber, ob ein Verbot von Wegwerfware aus Plastik etwas zur Rettung der Welt beitragen wird oder nicht, ist in vollem Gange. Dass man in der EU-Kommission bei Wegwerfware zuerst auf Plastikteller und Strohhalme kommt, macht unfreiwillig klar, wie hilflos die Politik und die Regulierungsbehörden national und international dem Müllproblem gegenüberstehen.

Strohhalme. Man muss nicht am Stammtisch sitzen, um sich die Frage zu stellen, ob das ein Witz sein soll oder dahinter ernsthaft der Glaube steckt, dies könnte ein großer Schritt in die richtige Richtung sein. Unsere Fähigkeit zum Selbstbetrug macht sich schon allein daran fest, dass wir die Plastikdinger bis heute »Strohhalme« nennen. Das klingt in etwa so verharmlosend, wie der Markenname »Wiesenhof« (vier Hähnchen für zehn Euro). Stroh ist Natur, Wiesenhof ist Bauernidylle. Und wenn wir im Friedrichshain nicht mehr mit Plastiktellern und -besteck hantieren, stattdessen mit Pappe, wird das – ja was eigentlich?

Wird es das Umdenken befördern, ernsthaft etwas an unserer desaströsen Umweltbilanz ändern (am 1. Mai 2018 konnten wir den »Welterschöpfungstag« feiern, seitdem leben wir bis zum Ende des Jahres auf Pump)? Wird uns das Plastiktellerverbot dazu ermutigen, den Supermärkten solange den ganzen Verpackungsmüll zu überlassen, den wir immer so brav zu Hause in die gelbe Tonne entsorgen, bis die anfangen, umzudenken und den Druck an die Produzenten weitergeben? Wer mal versucht hat, die 26 Premium-Spezialitäten von Ferrero aus der Decke zu schlagen, weiß, wovon die Rede ist. Und natürlich ist es eine schöne Vorstellung, die ganzen Verpackungen vor dem Supermarkt zu stapeln, bis das aktuelle Sonderangebot – ein Kilo Schnitzelfleisch für nur 3,99 – nicht mehr zu sehen ist.

Wie der Plastikmüllberg gefördert wird

Aber nur dann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Plastikmüll nicht verschwindet, nur, weil man ihn woanders liegen lässt. In der EU entstehen jährlich rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll, weniger als 30 Prozent davon werden für die Wiederverwertung gesammelt. Der Rest landet in der Umwelt und auf Müllkippen. Deutschland ist EU-weit der zweitgrößte Produzent von Hausmüll.

Im Auftrag der Grünen verfasste das Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft – kurz: FÖS – im Jahr 2017 eine Studie über die steuerliche Subventionierung von Kunststoffen. 2013 wurde demnach die stoffliche Verwendung von Rohöl mit rund drei Milliarden Euro subventioniert. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck verwies darauf, dass der Staat die jährliche Plastikflut mit mindestens 780 Millionen Euro jährlich fördere. Eine Hochrechnung US-amerikanischer Forscher besagt, dass die Menschheit seit den 1950er Jahren 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hergestellt – und nur ein Bruchteil davon recycelt hat.

Den Produktionsbereich mitdenken

Es geht also – das verwundert nun gar nicht – darum, den Produktionsbereich mitzudenken, ihn vielleicht sogar an die erste Stelle zu setzen. Wir wissen aber nicht erst seit der Erfindung des Emissionshandels, dass die Politik den Unternehmen eher Ablasshandel und nicht Verbot anbietet. Zwischen 2005 und 2012 war dieser ein Segen für die Stromversorger. Die erhielten ihre Kohlendioxid-Zertifikate kostenlos und legten den Marktwert der Emissionsgutschriften auf den Strompreis um, was ihnen leistungslose Milliardengewinne verschaffte. Die größten Gewinne konnten die Betreiber von Atomkraftwerken verbuchen.

Natürlich ist es trotzdem denkbar, um mal auf die Plastiksteuer oder das Verbot von Plastikprodukten zurückzukommen, sozusagen am anderen Ende der »Nahrungskette« Wegwerfprodukte aus Kunststoff zu besteuern. Um einen Ausgleich zu schaffen.

Damit bei Strohhalmen und Plastikgeschirr zu beginnen klingt ein wenig, als würde man Krebs im ersten Schritt mit einer neuen Hautcreme bekämpfen wollen. Also komisch.

Was sind eigentlich Wegwerfprodukte?

Überhaupt wäre mal die Frage zu stellen, wie die Definition für Wegwerfprodukt eigentlich lautet, worauf man sich da auf EU-Ebene geeinigt hat. Einmaliger Gebrauch und weg? Wegwerfen statt reparieren, wenn das Produkt kaputt ist? (Die Autorin erinnert sich an Zeiten in einem verschwundenen Land, da Strohhalme Mangelware gewesen sind, also so oft wiederverwendet wurden, bis sie zur Unkenntlichkeit zerkaut waren.) Produkte wegwerfen, weil Überfluss herrscht und reparieren teurer käme, als neu kaufen? Sind nur Einwegprodukte Wegwerfprodukte? Was sind die Kriterien? Immerhin findet man im Internet den Versuch einer Definition für Wegwerfgesellschaft. Ist die Plastiktüte vielleicht doch ökologischer, vorausgesetzt, man benutzt sie solange wie möglich?

Schließlich sieht die Ökobilanz einer Papiertüte, auf der die Supermarktkette fettgedruckt verkündet »Papier rettet Meer«, bei der Produktion schlechter aus, als die einer Plastiktüte. Es ist alles so vertrackt. Aber nicht unmöglich, eine Sache von allen Seiten zu betrachten und dann zu überlegen, was nun Not tut.

Und vielleicht ist es auch gut, dass die EU nun einen solchen Vorstoß macht, der in aller Albernheit doch immerhin eine Diskussion anstößt. Wenn diese Debatte zum Beispiel auch eine über Selbstbetrug wird und dazu führt, dass sich die Grünen dabei daran erinnern, wo sie herkommen. Und wenn Robert Habeck das Wort »Lenkungswirkung« in den Raum stellt, die er einer Steuer auf Wegwerfprodukte aus Kunststoff zubilligt – und damit liegt er wahrscheinlich richtig –, dann wäre der nächste Schritt, sich über Instrumente Gedanken zu machen, die eine Lenkungswirkung auf unternehmerisches Handeln ausüben.

Kinder und Kapuzineraffen

Nachtrag: Amerikanische Psychologen wollen schon vor Jahren bewiesen haben, dass die Fähigkeit zum oder die Lust am Selbstbetrug angeboren sind. Vierjährige Kinder und Kapuzineraffen – beide Testgruppen stehen nicht unter Verdacht, bereits hoffnungslos indoktriniert und konditioniert zu sein, traten nach Meinung der Wissenschaftler*innen den Beweis an, dass immer das am schönsten ist, was man sicher in den Händen hält. Auf höherer Ebene: Wofür sich jemand einmal entschieden hat, das gilt als richtig, gerecht, vernünftig, auch wenn sich zu einem späteren Zeitpunkt Alternativen auftun. Um nicht vollends zu verzweifeln, sollte aber nicht vergessen werden, dass auch die Fähigkeit, zu Erkenntnissen zu gelangen, angeboren ist.

Foto: Horia Varlan / CC BY 2.0

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin