Wirtschaft
anders denken.

Jobbeschreibungen statt Berufsethos

13.03.2021
Foto: pixabay

Von der Mackerisierung der Politik, verfehlten Traumberufen und ignorierten Expertinnen: Teil 18 des Corona-Tagebuchs.

Einen Verhaltenskodex für die Bundestagsfraktion verordnet sich die CDU als Gegenmittel zu ihrem aktuellen Masken-Korruptionsskandal. Den allerdings, darauf weist Campact hin, gibt es schon seit 2013 und „Nüßlein hat es nicht geschert“. Weswegen vielleicht doch etwas grundsätzlicher nach Jobbeschreibung und Berufsverständnis insbesondere in dieser Partei gefragt werden muss. Offensichtlich gelten Mitgliedschaft und Amtsausübung vielen dieser sich immer sehr selbstbewußt, dynamisch und zupackend gerierenden jungen bis mittelalten Herren genauso viel wie etwa im Rotary- Segel-Tennisclub, in studentischen Verbindungen oder bei linked-in. Alles Networking zum eigenen Vorteil und geräuschlosen Vorwärtskommen. Es wird zukünftig sicher erhellend, zu beobachten, was die nächsten Karriereschritte des Georg Nüßlein und Nikolas Löbel sein werden. Externer Berater, Diplomatischer Dienst, Vorstandstätigkeit in einem börsennotierten Unternehmen, aber auch FDP-Führungsriege sollte auf jeden Fall drin sein. Alles ja legale Berufswünsche, die man aber auch verwirklichen könnte, ohne dabei das fragile Ansehen von Parlamentarismus und Politik immer weiter zu beschädigen.

Vielleicht doch noch mal nachlesen was Max Weber schon 1911 in „Politik als Beruf“ dazu zu sagen hatte. Nämlich – stark verkürzt –, dass Gesinnungsethik und Verantwortungsethik gefordert, sachliche Leidenschaft und ein distanziertes Augenmaß die drei wichtigsten Qualitäten eines Politikers sind, und Eitelkeit von Übel ist. Dies als Richtschnur genommen, läßt sich auch fragen, warum Martin Hickel, SPD Bezirksbürgermeister von Berlin Neukölln, sich für das RTL 2 Format „Kiez Knallhart“ als Rambo in 4-Blocks-Manier hergibt. Oder warum sein Parteikollege, Innensenator Andreas Geisel, eine Polizeiarmada in den Görlitzer Park schickt, um ein Dutzend Männer schwarzer Hautfarbe boulevardmedien-tauglich zu verhaften und vor eine, durch nichts und niemanden legitimierte Kommission aus Staatsbürgern des Landes Guinea zu schleppen, auf dass diese die Staatsbürgerschaft der Verhafteten bestätigen möge. Vielleicht haben auch diese beiden Herren ihre wahre Berufung bislang geleugnet und träumen heimlich von einer Schauspielerkarriere a la Clint Eastwood?

Diese seit Beginn der Pandemie um sich greifende Mackerisierung von Politik richtet sich in guter alter Schulhof-Tradition immer nur gegen Schwache. Ansonsten könnte ja mal einer zur mit Milliarden aufgepäppelten Lufthansa marschieren, 10 Flugzeuge verlangen, sie nach Griechenland fliegen lassen und die immer noch in Lagern zusammengepferchten Menschen dort rausholen. Oder allen, die nicht im Homeoffice arbeiten können Taxifahrten für den Arbeitsweg spendieren. Susan Sarandon, übernehmen sie!

Fataler als die Zerstörung des Politiker:innenberufs durch diejenigen, die ihn ausüben, ist die Verunmöglichung der Pflege durch die Gesellschaft, die ihrer bedarf. Anders formuliert: die systemische wie systematische Abschaffung der systemrelevanten Berufe. Seit Beginn der Covid-19 Pandemie steigt die Zahl der Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger, die erwägen, aus dem Beruf auszuscheiden, so eine Untersuchung des Weltbundes der Krankenschwestern und Krankenpfleger. Massenhafte Traumatisierung, ungenügende Ausstattung und eine nicht mehr zu bewältigende Arbeitsüberlastung sind die Hauptgründe. Dazu kommt möglicherweise auch noch das berechtigte Gefühl, dass die berufliche Expertise von den öffentlich sichtbaren Krisenmanagern selten bis nie anerkannt oder nachgefragt wird. Die der Krankenpflegerinnen nicht, die der Hausärztinnen, die geradezu darum betteln müssen, auch impfen zu dürfen, ja offenbar auch nicht. Obwohl sie ja alle einen hippokratischen Eid geschworen haben, also über ein klares Berufsethos verfügen. „Wir kennen unsere Patient:innen und wissen, wer die Impfung am dringendsten braucht“, sagte eine selbstbewusste Arzthelferin aus einem Stadtteil armer Menschen in den USA in eine Tagesthemen-Kamera. Woher kommt bloß das hochfahrendes Mißtrauen, das hierzulande bei den politisch Verantwortlichen vorherrscht gegen die Praxis-Expert:innen dieser Pandemie?

„Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Dieser Satz, mit dem sich Jens Spahn kurzfristig fast zum Hoffnungsträger gemacht hätte, ist mittlerweile beinahe ein Jahr alt. „Seitdem warte ich darauf, dass wir damit anfangen“, sagt die Freundin, die ihr gesamtes Berufsleben in der Behindertenhilfe verbracht hat. Doch so wie die Dinge inzwischen liegen, reicht es höchstens für eine Task Force.

Geschrieben von:

Sigrun Matthiesen

Journalistin