Wirtschaft
anders denken.

»Mietenwahnsinn« und kein Ende: Zur politischen Ökonomie der Wohnung

13.04.2018
Loic Djim/Unsplash

Was sind die Ursachen für die Probleme der Wohnungsversorgung? In Zeiten besonderer Zuspitzung zeigt sich, dass sie in ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu suchen sind, denen die Wohnung als Ware und als sich verwertendes Kapital unterliegt. Eine Erinnerung an zwei über 40 Jahre alte Bücher.

Am Beispiel der prekären Wohnungsfrage, die neben der oft kritisierten Einkommensungleichheit einer der aktuell am meisten beklagten sozialen Zustände hierzulande ist, lässt sich die Zeitdimension von Politik ganz gut schildern. Was ist gemeint? Dass zwischen der Analyse, etwas könne so nicht weitergehen, und einer gesellschaftlich wirksamen Lösung, ziemlich viele Jahre vergehen können. Mitunter zeigt sich nach Dekaden sogar, dass alle inzwischen eingeschlagenen Wege der Problemlösung ohne das erhoffte Ergebnis geblieben sind.

»Die Mieten in der Bundesrepublik haben, auch im sozialen Wohnungsbau, eine Höhe erreicht, welche die Zahlungsfähigkeit eines großen Teils der lohn-, gehalts- und rentenabhängigen Bevölkerung übersteigt.« Diese Satz steht nicht etwa in einem aktuellen Aufruf zu Protesten gegen »Verdrängung und Mietenwahnsinn«, wie jener am 14. April in Berlin. Er gehört auch nicht zur Veröffentlichung neuester Zahlen über die Mangelversorgung mit leistbaren Wohnungen vor allem in Großstädten, wie sie nun abermals in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie anschaulich dargelegt sind.

Das Zitat stammt aus einem kleinen Büchlein von 1975 – und schon damals blickten die Autoren auf eine Zeit der letzten Endes fruchtlosen Debatten und politischen Schritte zurück. »Die Wohnungsversorgung ist eine ›soziale Frage‹, der schon viele Reformbemühungen gegolten haben. Allerdings lässt sich an den Überlegungen zur Lösung dieser Frage eine frappierende Monotonie beobachten, mit der bestimmte Maßnahmen propagiert werden und praktizierte Problemlösungsversuche an die Grenzen ihrer Wirksamkeit stoßen«, schrieben seinerzeit Helmut Brede, Bernhard Kohaupt und Hans-Joachim Kujath. »Die Versorgung der Bevölkerung mit Wohnraum stand während der letzten hundert Jahre im Brennpunkt öffentlicher Diskussionen, was bereits äußerlich an der großen Zahl der Veröffentlichungen und Dokumentationen zu diesem Thema deutlich wird.«

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Die Zahl ist in den über 40 Jahren, die seither vergangen sind, weiter und weiter gewachsen. Was nicht gleichermaßen »mitwuchs«, waren allerdings praktische Lösungen, die sich in durchschlagender Weise als Antwort auf die »Wohnungsfrage« bewiesen hätten. Man spricht heute vielleicht etwas anders über das Phänomen, von Gentrifizierung und Verdrängung ist öfter die Rede.

Zuletzt ist auch (wieder) die Frage mehr ins Zentrum gerückt worden, »ob der Boden zur öffentlichen Daseinsvorsorge gehören sollte und ob nicht privaten Verwertungsinteressen gegenüber sozialen Bedürfnissen viel öfter Einhalt geboten werden müsste«, wie es der Sozialexperte Stefan Sell gerade formuliert hat. Aber über lobbyistische Bündnisse zur Ankurbelung der Wohnungsbautätigkeit, eine weithin umstrittene Mietpreisbremse und die Fortentwicklung sekundärer Verteilungsmechanismen, die zur »Leistbarkeit« von Wohnungen bei geringen Einkommen beitragen sollen, ist der Zug der Veränderung kaum hinausgekommen.

… im Warencharakter der Wohnung angelegt

»Die offensichtlich schmale Basis für Chancen, durch Reformprogramme die sozialen und ökonomischen Bedingungen zu ändern, die auf die Wohnungsversorgung Einfluss nehmen, ist im Warencharakter der Wohnung angelegt und muss auf Bedingungen ihrer Produktion und Verwertung im Kapitalismus zurückgeführt werden«, so damals das Urteil in der besagten Studie über »ökonomische und politische Determinanten der Wohnungsversorgung«. Hervorgegangen waren die in Buchform gebrachten Überlegungen aus einem bis Ende 1974 laufenden Forschungsprojekt am Institut »Wohnen und Umwelt« in Darmstadt.

Die 1971 gegründete Einrichtung hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse gerade seinen Kurs verändert – in einer Folgestudie, erschienen 1976, wiesen die Autoren darauf hin, dass aufgrund der »inhaltlich veränderten Orientierung des in kritischer Absicht gegründeten Instituts« das längerfristig geplante Forschungsvorhaben »nicht abgeschlossen werden konnte, weil seine Mitarbeiter nicht weiter beschäftigt wurden«. Auch das gehört zur Geschichte der Debatte, unter dem neuen Kurs sollten weit stärker verwertbare und durchsetzbare Vorschläge erarbeitet werden. Wobei diese Korrektur Richtung Pragmatismus ja schon selbst auf den Widerspruch verweist, der im Ergebnis sichtbar wird: Man kann an der Wohnungsfrage herumlaborieren, aber eine gesellschaftliche Lösung in kritischer Absicht erscheint nicht durchsetzbar, weshalb die Reparaturarbeiten am System zum Ziel gemacht werden.

Als 1976 der Folgeband bei Suhrkamp unter dem Titel »Politische Ökonomie des Bodens und Wohnungsfrage« erschien, ist auf »vielfältige Verständigungsschwierigkeiten« und »sehr konfliktreiche Grundsatzdebatten« innerhalb des Instituts hingewiesen worden. Die Einrichtung antwortete auch auf die Kontroverse, man sah es als »diskussionswürdig« an, dass die Autoren »alle gegenwärtig zur Debatte stehenden Reformvorschläge als ›Befriedungsversuche‹« kritisierten. Die Autoren wiederum gingen in einer ebenfalls mitveröffentlichten Replik auf »den Vorwurf der prinzipiellen Reformfeindlichkeit« ein – unter anderem mit dem Hinweis, dass das Forschungsprojekt ja gerade auch Versuche untersucht hatte, Mietpreise staatlich zu begrenzen und die Wohnungsfrage durch öffentliche Bauförderung zu lösen. Die Autoren pochten darauf, dass »dass es sich bei der vorliegenden Arbeit um einen Versuch zur Klärung des Zusammenhangs von städtischer Grundrente und Wohnungsfrage« doch gerade handele.

Eine historische Debatte, die sehr aktuell ist

Der inzwischen historisch anmutenden Kontroverse wohnt (!) also eine politische Aktualität inne, denn auch heute existiert ein Riss in der Debatte zwischen denen, die auf kurzfristig realisierbare Reformen setzen, und jenen, die mit grundsätzlichen Argumenten auf die Unlösbarkeit der Wohnungsfrage innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse verweisen.

Umgekehrt soll hier der entstandene Eindruck nicht verschwiegen werden, dass die Wohnungsdebatte der 1970er Jahre, jedenfalls die hier in Erinnerung gerufenen Beiträge dazu, auf einem anderen ökonomiekritischen Niveau ablief als manche heute ausgerufene Kampagne gegen den »Mietenwahnsinn«. Denn um einen solchen handelt es sich mitnichten, es ist keine Abweichung zu beklagen, sondern wir schauen auf das Ergebnis rationaler kapitalistischer Praxis. Hinzu tritt, dass der Fokus seinerzeit stärker auf den ökonomischen Logiken lag, die vor der Frage liegen, ob eine Wohnung für jemanden zu teuer ist oder nicht.

Die Wohnungsfrage, so seinerzeit die Autoren, »scheint, seit die Abhängigkeit des Wohnraumangebots von der zahlungsfähigen Nachfrage immer deutlicher wird, ausschließlich eine ›Einkommensfrage‹ zu sein. Eine Ursache für die Probleme der Wohnungsversorgung ist sicherlich in der begrenzten Zahlungsfähigkeit breiter Schichten der Bevölkerung zu sehen; aber in Zeiten besonderer Zuspitzung der Probleme zeigt sich, dass die Ursachen in objektiven ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zu suchen sind, denen die Wohnung als Ware und als sich verwertendes Kapital unterliegt.« Wird von hieraus weitergedacht, rücken auch stärker andere Probleme und Widersprüche in den Blick, man könnte auch sagen, es ging damals stärker als heute um das gesellschaftliche Gesamtensemble der Wohnungsfrage und nicht nur um den Teil, der sich um Miethöhe, Einkommen und die damit zusammenhängenden politischen und sozialen Fragen dreht.

Vorrangig eine Baukosten-, Boden- und Finanzierungsfrage

»Sieht man die Wohnungsvermietung als das, was sie ökonomisch ist: als Prozess der Kapitalverwertung, so heben sich drei Bereiche ab, die das Mietpreisniveau im Wesentlichen bestimmen, voneinander ab: 1. der Produktionsprozess der Wohnung (also die Höhe der Baukosten in Abhängigkeit von der Bauindustrie, insbesondere von deren technologischem Niveau), 2. der Zirkulationsprozess der Wohnung (also der Zins auf das vorgeschossene Kapital, d.h. das Vermieten der Wohnung als Leihkapital in Warenform) und 3. der Boden als besondere Produktionsvoraussetzung der Wohnung (also der Bodenpreis als kapitalisierte Grundrente)«, schreiben Brede, Kohaupt und Kujath 1975.

Und weiter: »Da die Wohnungsversorgung unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen stets mit Rücksicht auf das sich in den Sphären der Produktion und Zirkulation verwertende Kapital sowie das Rente ziehende Monopol an Grund und Boden erfolgt, bilden die Amortisation der Baukosten, der Zins auf das vorgeschossene Kapital und die Grundrente die ausschlaggebenden Bestandteile des Mietpreises. Diese Faktoren sind das ökonomische Fundament der Wohnungswirtschaft, gleichgültig, ob diese ausschließlich Marktgesetzen gehorcht oder mit Hilfe wirtschaftspolitischer Mittel Modifikationen unterworfen ist. Folglich ist die Wohnungsfrage nicht nur eine Einkommens-, sondern auch und vorrangig eine Baukosten-, eine Boden- und eine Finanzierungsfrage.«

Angesichts der explodierenden Kosten bei der Wohnungsproduktion, die auch für städtische Gesellschaften zu einem Problem wird; angesichts der Diskussionen über eine Reform der Grundsteuer, über die Begrenzung von leistungslosen Bodenrenten und die verschiedenen Forderungen, Hunderttausende neue Wohnungen zu bauen, die aber aus politischen Gründen zu bestimmten Mietzinsen angeboten werden sollen, könnte eine Relektüre der hier genannten Bücher hilfreich sein.

Helmut Brede, Bernhard Kohaupt, Hans-Joachim Kujath: Ökonomische und politische Determinanten den Wohnungsversorgung. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1975.

Helmut Brede, Barbara Dietrich, Bernhard Kohaupt: Politische Ökonomie des Bodens und Wohnungsfrage, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1976. 

(Danke an Horst Kahrs für die Bibliotheksleihgabe.)

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur