Wirtschaft
anders denken.

Radikale Verkürzung der Arbeitszeit als Beitrag zum Klimaschutz

25.05.2019
Illustration: Marie Geissler

Sollen die Klimaschutz-Ziele noch erreicht werden, müssen radikale Lösungen gefunden werden. Philipp Frey plädiert für »eine beispiellose Verringerung der Wirtschaftstätigkeit«. Der Paul Lafargue entlehnte Gedanke von der »Notwendigkeit, faul zu sein«, erhält im Lichte der ökologischen Krise und der ökonomischen Gründe dafür eine ganz neue Relevanz. 

In der Debatte um wirksamen Klimaschutz in Zeiten der globalen ökologischen Krise ist viel von der notwendigen Veränderungen des privaten Konsums, von Modellen der Emissionsbesteuerung, der alternativen Mobilität und der Energiewende die Rede. Viel ist angesichts von Hunderttausenden, die bei »Fridays for Future« auf die Straße gehen und in Youtube-Videos millionenfach gesehene kollektive Wahlempfehlungen abgeben auch von Moral, wissenschaftlicher Begründetheit und Konflikten zwischen Generationen die Rede. Auffällig wenig dagegen wird über eine Frage gesprochen, die in Gesellschaften ganz zentral ist, in welchen die gesellschaftliche Reichtumsproduktion über Lohnarbeit läuft: Welchen Einfluss hat die Arbeitszeit auf die klimaschädigenden Emissionen, wie kann mit Strategien einer radikalen Verkürzung dagegengehalten werden?

Ein Szenario hat jetzt Philipp Frey vom Zentrum emanzipatorische Technikforschung vorgelegt – es ist ein alarmierender Blick auf den Zusammenhang von Arbeitszeitverkürzungen und ökologischer Nachhaltigkeit. Zusammen mit dem britischen Autonomy Thinktank hat Frey sich die Emissionsintensität verschiedener Volkswirtschaften im Verhältnis zu den jeweils entsprechend der Ziele des Pariser Klimaabkommens verbleibenden Budgets der Kohlendioxid-Ausstoßes angeschaut. Und Frey hat dann den Faktor Arbeitszeit in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse der Kurzstudie basieren auf OECD- und UN-Daten über die Treibhausgasemissionen pro Branche in drei Ländern. Frey bezieht sich zudem auf frühere Untersuchungen, laut denen eine Verringerung der Arbeitszeit um 1 Prozent zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen um 0,8 Prozent führen könnten.

Unterstellt man, das das Zwei-Grad-Ziel, also die Begrenzung der Erderwärmung bis 2100 auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung, würde ausschließlich über Arbeitsverkürzungen zu realisieren sein, müsste die durchschnittliche Arbeitswoche in der Bundesrepublik auf 6 Stunden gedrosselt werden, im schon jetzt vergleichsweise ausstoßarm wirtschaftenden Schweden auf 12 Stunden pro Woche und in Großbritannien auf 9 Stunden.

Auch wenn es zur Minderung von Treibhausgas-Emissionen und zur Erreichung anderer Klimaschutzziele noch viele andere Wege gibt, zeigt Freys Rechenbeispiel, welche Rolle ganz grundsätzlich das Volumen der Wirtschaftstätigkeit spielt. Er sieht es angesichts der Klimakrise als erforderlich an, »eine beispiellose Verringerung der Wirtschaftstätigkeit« anzustreben. Das wirft weitere Fragen auf, etwa die nach den gesellschaftlich akzeptierten Zielen ökonomischen Handelns, die nach der Bedeutung von Gebrauchswerten gegenüber Tauschwerten, die nach individuellen Sinnfragen. Nicht »immer mehr«, sondern »immer besser«. Und »immer besser« wäre dann vor allem eine Frage des Zeitwohlstands, was in Zeiten ubiquitärer materieller Normative eine ziemlich revolutionäre Veränderung darstellen würde.

Frey knüpft hier auch an Gedanken an, die aus der Vor- und Frühzeit der Industrialisierung stammen – und immer noch oder gerade jetzt aktuell sind. Der Paul Lafargue entlehnte Gedanke von der »Notwendigkeit, faul zu sein«, erhalte im Lichte der ökologischen Krise und der ökonomischen Gründe dafür eine ganz neue Relevanz. Auch die bei John Maynard Keynes schon vorgeschlagene Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf Dreistundenschichten und eine 15-Stunden-Woche wird noch einmal zitiert. 

Bedenkt man den seit der Niederschrift solcher Ideen kumulierten Produktivitätsfortschritt, rechnet man die Verteilungsprobleme dazu, die aus den ungleichen Chancen resultieren, Lohnarbeit nachzugehen und Einkommen daraus zu erzielen, bezieht man drittens die ökologische Dimension mit ein, bekommt man eine Ahnung von der Rolle, die Arbeitszeitverkürzung spielen kann und wohl auch muss. Frey plädiert keineswegs für einen isolierten Politikansatz, allein Zeitersparnis wird nicht ausreichen. Ohne »einen radikalen wirtschaftlichen Wandel«, heißt es in dem Papier, unter anderem durch »die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Bereichen wie dem verarbeitenden Gewerbe und der Gewinnung fossiler Brennstoffe in Richtung Beschäftigung in Dienstleistungsberufen und grüne Arbeitsplätze«, werden weder die Klimaziele noch eine grundlegende Änderung im Mensch-Natur-Verhältnis erreicht. 

In Großbritannien hat das Papier von Frey inzwischen Schlagzeilen gemacht. Der »Independent« zitiert Emma Williams von der britischen »Four Day Week Kampagne«, die sich von radikaler Arbeitszeitverkürzung »neben der Verbesserung des Wohlbefindens, der Verbesserung der Gleichstellung der Geschlechter und der Steigerung der Produktivität« einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels verspricht. Mat Lawrence vom »Common Wealth Think Tanks« sieht in Freys Papier »ein Gedankenexperiment, das Politikern, Aktivisten und Aktivisten mehr Gewicht für ihre Argumente geben kann, dass ein Green New Deal absolut notwendig ist«. Im »Guardian« kommt Will Stronge zu Wort, der Direktor des britischen Autonomy Thinktanks, einer Einrichtung, die Analysen, Vorschläge und Lösungen für die sich wandelnde Realität der Arbeitswelt erarbeitet. »Eine grüne, nachhaltige Gesellschaft zu werden, erfordert eine Reihe von Strategien – eine kürzere Arbeitswoche ist nur eine davon«, so Stronge in dem Blatt. 

In der Bundesrepublik engagiert sich unter anderem eine Arbeitsgruppe des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac für deutliche Arbeitszeitverkürzung. Diese sei »keine rein tarifpolitische Aufgabe mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt«. Eine »faire Teilung der Arbeit trägt sowohl den Interessen der Beschäftigten, als auch der Arbeitslosen gleichermaßen Rechnung. Mit Hinblick auf ihre Wirkung, endlich die Vereinbarung zwischen Familie und Beruf möglich zu machen, ist sie auch ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung und eine sinnvolle familienpolitische Maßnahme.« Und eine ökologische.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur