Wirtschaft
anders denken.

Warum die Medien kaum über Reichtum berichten

Reiche könnten mit ihrem Geld zahlreiche Probleme lösen, ohne sich zu überanstrengen. Warum tun sie das nicht? Der Elitenforscher Michael Hartmann über wachsende Ungleichheit in Deutschland.

06.04.2016
Foto: Sven Ehlers
Michael Hartmann ist Eliten- und Reichtumsforscher. Bis 2014 war er Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Seine Studien zum Sozialprofil und zu den Karrierewegen der Eliten in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Justiz zeigen, wie exklusiv der Zugang in die oberen Etagen der deutschen Gesellschaft organisiert ist.

Seit Monaten schuften Bürgerinnen und Bürger, um Flüchtlingen zu helfen und die Defizite auszubügeln, die der Staatsapparat lässt. In solchen Zeiten könnten doch unsere Reichen, beispielsweise Frau Klatten, sagen: Hier habt Ihr von mir eine Milliarde Euro, das ist Menschen- und Christenpflicht zu helfen, und ich habe ja genug Geld. Warum passiert das nicht?

Hartmann: Da könnte ich auch nur Vermutungen anstellen, weil ich dazu keine wirklich soliden Erkenntnisse habe. Es gibt allerdings einen interessanten Fall, der vielleicht ein Schlaglicht auf diese Superreichen wirft, den des Heidelberger Milliardärs Wolfgang Marguerre. Er hat öffentlichkeitswirksam eine Million für die Flüchtlinge gespendet. Das ist lobenswert. Man muss dazu aber wissen, dass er mit ungefähr 2,5 Milliarden Euro Vermögen nicht nur einer der 100 reichsten Deutschen ist, sondern auch einer der 25 deutschen Milliardäre, die in der Schweiz wohnen. Dadurch spart er an Steuern jedes Jahr ein Vielfaches dessen, was er jetzt gespendet hat.

Wie reich sind die Reichen in Deutschland in den letzten zehn Jahren geworden?

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass das oberste Prozent der Bevölkerung ungefähr ein Drittel des Gesamtvermögens sein Eigen nennen kann. Die Werte schwanken, da es sich nach Aussetzung der Vermögenssteuer nur noch um Schätzungen handelt, zwischen 31 und 36 Prozent. In den internationalen Ranglisten über die Millionäre und Milliardäre teilt sich Deutschland hinter den stets führenden USA mit China immer die Plätze zwei und drei.

Warum hat sich diese Konzentration von soviel Reichtum in so wenigen Händen entwickelt?

Das hat in erster Linie zwei Ursachen. Erstens waren die Vermögen in Deutschland immer schon relativ ungleich verteilt, weil wir hier so viele große Familienunternehmen haben. Fast die Hälfte der 100 größten deutschen Konzerne gehört dazu. Das ist im internationalen Vergleich die Spitzenposition. In den USA ist der Prozentsatz halb so hoch, in Großbritannien liegt er sogar nur bei zehn Prozent. Diese Konzentration ist durch zahlreiche steuerliche Beschlüsse der Regierungen von Schröder und Merkel dann noch weiter verstärkt worden. Kapitalvermögen ist durch die Senkung der Körperschaftssteuer, die Einführung der Abgeltungssteuer, die weitgehende Verschonung von Firmenvermögen bei der Erbschaftsteuer enorm begünstigt worden. Heute liegt Deutschland bei der Vermögensungleichheit hinter den USA und der Schweiz auf Platz drei der Industriestaaten.

Warum gibt es keinen politischen und öffentlichen Druck, dass Reiche höhere Steuern zahlen müssen?

Dafür gibt es meines Erachtens vor allem zwei Gründe. Erstens wird dieses Thema in den Medien nur wenig thematisiert. Da spielt sicherlich auch eine Rolle, dass die privaten Medien durchweg reichen Familien gehören und diese Familien wie Mohn, Springer, Holtzbrinck oder Neven Dumont kein Interesse an einer Berichterstattung über Reichtum haben. Für Reiche ist es immer am besten, wenn über sie überhaupt nicht diskutiert wird, denn dann bleibt alles so, wie es ist. Zweitens muss man einräumen, dass bei aktuellen Thema Erbschaftssteuern auch die Mehrheit der normalen Bürger gegen eine höhere Besteuerung von Firmenvermögen ist, obwohl sie selbst davon gar nicht betroffen wären. Hier schlägt sich der tief verwurzelte Glaube nieder, dass das eigene Vermögen hart erarbeitet ist und deshalb auch an die Kinder steuerfrei vererbt werden muss. Dieser Glaube wäre allerdings bei besserer medialer Berichtserstattung durchaus zu erschüttern. Aber dazu siehe dann wieder Punkt eins.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater