Wirtschaft
anders denken.

Rein-Raus Strategien

18.11.2020
Foto: pixabay

Das plötzliche Schutzbedürfnis der Wirtschaft, ein zitternder böser König und das deutsche Recht auf Spargel. Notizen aus dem Alltag einer Pandemie im April. Teil 2 des Corona-Tagebuchs. Kathrin Gerlof und Sigrun Matthiesen haben unter dem Eindruck der ersten Phase des Corona-Ausbruchs ein Tagebuch begonnen, das wir jetzt als Serie auf oxiblog veröffentlichen. Aktuelle Einträge werden folgen.

1.4. 2020

Deutschlandradio Kultur vermeldet, es gäbe eine Menge Corona-Tagebücher zu lesen. Das stimmt, so wie stimmt, dass es immer ausreichend Menschen gibt, die sofort „Krise als Chance“ rufen – was grundsätzlich richtig ist, aber so inflationär benutzt klingt wie der Spruch „es ist, wie es ist.“ Auch eine Wahrheit, der man sich nicht entgegenstellen kann. Es ist immer, wie es ist. Und wäre es anders, gälte es schon wieder.

Im »NewStatesman« (Großbritannien) ist zu lesen: „Der Bio-Überwachungsstaat dringt nicht nur in die Privatsphäre ein, er setzt auch Zwangsmaßnahmen durch. Die britischen Corona-Gesetze geben der Regierung die Macht, Häfen und Flughäfen zu schließen oder Wahlen und andere Großveranstaltungen abzusagen. In Taiwan werden diejenigen, deren Smartphone den Schluss nahelegen, dass sie ihre Quarantäne verletzen, sofort von der Polizei aufgesucht. Israels Notfallmaßnahmen erlauben die Anwendung verhältnismäßiger Gewalt, um Versammlungen aufzulösen. Frankreich erfordert von allen, die ihr Haus verlassen, eine Bescheinigung mit gültigen Gründen. In Polen fordert eine App Menschen unter Quarantäne auf, zu verschiedensten Uhrzeiten Selfies von sich mit genauer Ortung zu senden. Immer noch nicht überzeugt, dass sich quasi-chinesische Szenen in westlichen Städten abspielen können? Die belgische Polizei ließ kürzlich Drohnen über einen Park in Brüssel fliegen, um Spaziergänger nach Hause zu scheuchen.«

Auf dem Blog Postwachstum macht sich jemand kluge Gedanken darüber, ob die jetzigen Einschränkungen irgendeine Chance auf nachhaltige Suffizienz eröffnet: »Während die Menschen sich relativ vernünftig auf die aktuellen Einschränkungen in der Krise einzulassen scheinen, kann eine Explosion der Lebensfreude nach ihrem Überstehen eine nachholende Entwicklung mit erhöhten Verbräuchen und Emissionen bedeuten. Warum nicht den ausgefallenen Osterurlaub in der Karibik nachholen, den unfreiwilligen Verzicht während Corona im Shoppingrausch vergessen machen, Freunde und Familie auf einer Rundreise besuchen? Das würde zwar finanzielle Corona-Ausfälle bei Unternehmen ausgleichen – aber keinen Schritt in Richtung nachhaltiges Wirtschaften bedeuten.«

In Portugal erhalten Ausländer und Geflüchtete automatisch einen Aufenthaltstitel. Was ist mit Deutschland? Was, verdammt, ist mit Deutschland?

Die FAZ warnt vor einer Pandemie-Planwirtschaft. Klingt ein bisschen, als hätte die Marktwirtschaft, die großartige, weder Plan noch Wirtschaft, was ihr fürchterlich Unrecht tut. Aber gemeint ist ja, dass der Staat jetzt gerade an Hoheit gewinnt und sich möglicherweise ins Wirtschaften einmischt, ohne Exit-Absichten zu haben. Das wäre grauenvoll. Mit einer Rein-Raus-Strategie a la Finanzkrise 2008 allerdings können gegenwärtig auch die neoliberalsten Neoliberalen leben. Schutzschirm auf, viel Geld in viel Systeme pumpen, Gewinne privatisieren, Verluste möglichst gleichmäßig auf die vielen schwächeren Schultern verteilen (wenn es viele sind, bilden die ja trotzdem ein ordentliches Fundament), und wenn alles vorbei und vermeintlich überstanden ist, zurück ins Körbchen, lieber Staat. kg

1.4. 2020

Heute vor genau einem Jahr bin ich nach Italien gefahren, für drei Wochen Urlaub. Ein Privileg, auch schon vor Corona. Aber wie selbstverständlich und irgendwie auch schön sich all die zufälligen Menschenansammlungen auf Flughäfen und Bahngleisen damals angefühlt haben. Heute zucke ich schon zusammen, wenn ich im Fernsehkrimi sehe, wie sich zwei die Hand geben. Wird wohl eine Weile dauern, bis die Unbefangenheit gegenüber fremden Körpern zurückkehrt.
Was dafür nie weg war und jetzt wieder Hochkonjunktur hat ist die Selbsterhebung, für die Sascha Lobo schon vor zwei Wochen den schönen Begriff »Verantwortungspanik« geprägt hat. In Mexiko bekreuzigen sie sich, backen Kuchen in Form von Coronoa-Viren und hoffen, zusammen mit ein bisschen Hygiene-Handgel würde das als Schutz ausreichen, empört sich, in klassisch aufgeklärter Herablassung, die politisch eher links stehende San-Diego Tribune über die Zustände im benachbarten Tijuana. Klar, die Abergläubischen sind immer die anderen, nicht wir mit unserem Vertrauen in wahlweise Kurkuma oder Östrogen, Joggen und Mundschutz und natürlich in Rettungsschirme und Bazookas, die uns die Sache am Ende schon irgendwie vom Hals schaffen werden. Was aber könnte für einen Straßenhändler in Mexiko oder einen Tagelöhner in Lagos, der auch ohne Viren nie Zugang hat zu fließendem Wasser, realistischer und vernünftiger sein als Handgel, Kuchen und Gebete?
»Corona is a rich man’s desease« titelt die London Review of Books einen Bericht aus Nigeria und weist geduldig noch einmal darauf hin, dass Menschen, die dort zwei Tage nicht zur Arbeit gehen, vermutlich verhungern und ihre Familie gleich mit. Was nicht mehr explizit erwähnt wird: Wir, die von der Globalisierung privilegierten Reisenden sind diejenigen, die es geschafft haben, ein Virus aus einem Markt in China um die ganze Welt zu tragen. Sterben werden vor allem die Anderen. Diejenigen, die eigentlich immer schon zu Hause geblieben sind – ob sie wollten oder nicht. sim

3.4. 2020

Alexis Tsipras schreibt in einem Beitrag in der »LeMonde diplomatique« über das Verhalten der Europäischen Union in Fragen Eurobonds von einer Demonstration „extremer und unmoralischer Unnachgiebigkeit seitens der europäischen Führer.(…) Wenn der Bürokrat Klaus Regling, der Generaldirektor des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), den Italiener, den Spaniern und bald auch den Franzosen sagt, dass sie sicher Kredite aufnehmen können, wenn sie die Konditionalität und ein Wirtschaftsprogramm akzeptieren, dann ist klar, dass unabhängig vom wirtschaftlichen Kalkül in den Beziehungen zwischen den Mitgliedstaaten etwas gerissen ist. Denn im Leben geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um die Würde.«

Es ist gut, hin und wieder jemanden zu lesen, der mit diesem Vokabular arbeitet. Auch wenn es um harte ökonomische Dinge, wie eben Eurobonds geht. Deutschland und die Niederlande sind starke Gegner, Tsipras hält die Bonds auch ohne die beiden Länder für möglich, obwohl sie dann weitaus schwächer wären.

Die neue Ausgabe des Nachrichtenmagazins »Spiegel« wird mit dem Wort »Pleitevirus« titeln. Und die Welt dann wohl im Sinne des eigenen Verständnisses geraderücken. Pleitegeier, Pleitewelle, Pleitevirus. Kann eine Soloselbstständige pleitegehen oder geht die einfach nur in die Knie?

Ich finde im Glasmüll, den ich entsorgen will, eine volle Flasche »Sternburg Export«. Das ist ein bisschen seltsam, weil ich das Bier nie kaufe. Verschwörungstheorien ploppen auf und lassen sich nicht halten. Wahrscheinlich habe ich doch irgendwann mal danebengegriffen.

Das Finanzamt drückt mir einen Säumniszuschlag auf, weil ich die Einkommenssteuervorauszahlung vier Tage verspätet geleistet habe. Ich hatte gehofft, im Homeoffice der strengen Behörde gelten andere Algorithmen, aber ist ok.

Ich lese einen älteren Text über den Handabdruck, ein Konzept, das vom Centre for Environment Education (CEE) in Indien entwickelt wurde. Mit dem Handabdruck wird berechnet, was jemand bereits erreicht hat, welche ökologischen Fortschritte er/sie gemacht hat. Zum Beispiel bei der Reduktion von CO2. Da dürften wir gerade viele kleine und größere Erfolge verzeichnen. Und vielleicht ist das eine Variante, sich stimmungsmäßig ein bisschen zu tunen. Gerade jetzt, wo Händedruck gar nicht mehr gefragt ist. Völlig nebensächlich, aber beschäftig eine irgendwie, ob der Händedruck überhaupt überleben wird. Er ist ein guter Kandidat für die nächste Ausgabe des Lexikons der verlorengegangenen Dinge.

Auf Papua-Neuguinea streiken Krankenschwestern, weil sie ohne Ausrüstung die Seuche bekämpfen sollen. In Niger nutzt die Regierung den Ausnahmezustand, um Repressionen gegen Oppositionelle zu verstärken. Hungerrevolten im Libanon und in Honduras. In Polen wird versucht, Lohnsenkungen mit Corona zu begründen und durchzusetzen. Das Einreiseverbot für ausländische Erntehelfer und -helferinnen wird gelockert, Geflüchtete kommen weiterhin nicht rein. kg

4.4. 2020

Incroyable, haben sie wahrscheinlich gesagt gestern in Frankreich, als die USA auf einem Rollfeld mal schnell die dicke Brieftasche zückten um dem Chinesischen Lieferanten in letzter Minute für seine Atemschutzmasken ein Angebot zu machen, das er offenbar nicht ablehnen konnte. Bloß, incroyable ist das überhaupt nicht, – it’s capatalism baby. Wer den schon lange skandalös findet, hat jetzt gute Gelegenheit das System in Frage zu stellen. Oder zumindest Fragen ans System. Also zum Beispiel was eigentlich Gesundheit bedeutet, in deren Namen jetzt ja gerade fast alles angeordnet und verboten werden kann. Nur nicht, dass Limonaden mit viel Zucker eben nicht Lebensmittel sind, sondern Gift, da sei die CDU vor. Denn das ist Wirtschaft und die muss immer ein bisschen mehr geschützt werden als die Gesundheit. Vielleicht ist sie so schutzbedürftig, weil sie so, wie sie gegenwärtig ist, eigentlich niemand braucht. sim

5.4. 2020

Kleiner Dialog aus »Die Wurzeln des Lebens« von Richard Powers.

»Mir war nie klar, was für eine starke Droge andere Menschen sind.

Die stärkste überhaupt. Zumindest die am häufigsten missbrauchte.

Wie lange dauert es, bis man…davon loskommt?

Keiner ist jemals clean.«

Schöner Einstieg.

Außerdem bekomme ich heute einen Text über »Zuversichtsprosa«, die gerade im Kommen ist. Im Herbst, sagt darin eine Literaturagentin, werde es wohl auf dem Markt von Corona-Tagebüchern wimmeln. Das sollte uns eine Warnung sein. Erinnern wir uns daran, was Rettungssanitäter über Unfälle mit vielen Verletzten sagen: Zuerst um die kümmern, die ganz still sind. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass es denen am schlechtesten geht, ist groß.

Zu lesen ist aber auch: Die Corona-Krise könnte für Deutschland teurer werden, als die Wiedervereinigung. Was eine auf die absurde Idee bringt, man könne doch gleich jetzt eine Treuhandanstalt gründen und alle Unternehmen und Unternehmungen, die gerade ob der Krise ins Schwanken und Trudeln geraten, reingeben, um sie dann entweder zu filetieren, ganz platt zu machen, für wenig Geld an neue Eigner zu geben, die das Blaue vom Himmel versprechen, oder eben auch ganz ernsthaft versuchen, was draus zu machen. So eine Krisen-Treuhand. Alles auf Null stellen. Marktbereinigung, Deindustrialisierung, blühende Landschaften, Solizuschlag, ABM massenhaft, Umschulungen, Umschulungen, Umschulungen und diesmal nicht, um massenhaft Floristinnen auszubilden – der ganze Bohai nochmal.

Dazu die einmalige Vermögensabgabe. Ja gut, die ist gerade wieder raus aus der Debatte. Fast. Falscher Zeitpunkt. Was an die Klimakrise erinnert. Immer falscher Zeitpunkt, das Richtige zu tun. Wenn sich aber das Richtige auch noch mit dem richtigen Zeitpunkt paart, klingt das fast, wie eine Tautologie. Oder eben zu schön, um wahr zu sein. Vermögensabgabe, Reichtum besteuern, Erbschaftssteuer – wie oft haben wir denn darüber geredet und wer nicht alles hat sich bisher auf diesem Weg schon politisch den Hals gebrochen? Verständlich, wenn da manche sagen, den richtigen Zeitpunkt gäbe es gar nicht, eher sei möglich, dass wir doch auf einer Scheibenwelt leben.

Schlusswort aus »Die Wurzeln des Lebens«:

»Praktisch jedes noch so kleine Bedürfnis geht zurück auf eine reflexhafte, trügerische und demokratische Instanz, deren Aufgabe darin besteht, etwas, das in einer Saison als unverzichtbar gilt, im nächsten Jahr zu wertlosem Ramsch zu erklären.«

Oder anders: Es ist keine allzu große Heldentat, aus einem gewissen oder großen Überfluss heraus, jetzt an der einen und anderen Stelle festzustellen, worauf sich künftig – nach Corona – alles wird verzichten lassen. Das Vorhaben, sich bald und fürderhin mehr auf das Wesentliche konzentrieren zu wollen, setzt voraus, dass ausreichend von dem da ist, was man zum Leben nicht braucht. kg

6.4. 2020
93% aller Deutschen befürworten die derzeitigen Kontaktbeschränkungen, hat der ARD Deutschland-Trend herausgefunden. Wenn 93% der Deutschen einer Anordnung zustimmen ängstigt mich das. Sehr gespannt bin ich auch schon, wer von all denen, die jetzt voll hinter den Regierungsmaßnahmen stehen und sich berufen fühlen, andere auf den Vorteil von Masken und der wahren Länge von 1 Meter 50 hinzuweisen, später dann doch nur Mitläufer gewesen sein will. Unbedingt nicht vergessen möchte ich auch das Bild in der heutigen Tagesschau: Der Österreichische Kanzler Kurz tritt mit seinem Kabinett – alle mit dem kostbaren medizinischen Einmal-Mundschutz maskiert – an die im korrekten Abstand aufgestellten Mikrofone. Dann, als hätte es Pina Bausch choreographiert, legen alle synchron den Mundschutz ab. Just in dem Moment, als die Gefahr der Tröpfchen-Übertragung am größten ist, nämlich wenn sie anfangen zu sprechen.
Wilhelm Heitmeyer, der Soziologe und Konfliktforscher, erklärt die 93% mit Angst und Kontrollverlust bei Regierten wie Regierenden. Selbst er hält den Entzug von grundlegenden Freiheitsrechten aktuell für alternativlos, warnt aber auch davor, dass sich diese autoritären Strukturen verfestigen könnten, denn »Institutionen haben kein Gedächtnis«. Nur Masken. sim

8.4. 2020

Die Weltarbeitsorganisation Ilo vermeldet, dass inzwischen 2,7 Milliarden der insgesamt 3,3 Milliarden Arbeitskräfte von Betriebsschließungen, Einschränkungen im Betriebsablauf und anderen Unterbrechungen im Wirtschaftskreislauf betroffen sind. Sie fordert einen Schuldenerlass für die ärmsten Staaten und gezielte Interventionen, um die Volkswirtschaften zu stützen.

Die Antworten werden unbefriedigend ausfallen, denn in diesen Zeiten gewinnt der Begriff Solidarität eine schillernde Ambivalenz in bunten oder trüben Farben – je nachdem, um wen oder was es geht.

Vielleicht hat es schon damit angefangen, dass es keine Instrumente und Möglichkeiten gibt, dem Notstand ein anderes Beiwort als »national« zu geben. Der nationale Notstand macht mit uns das, was die US-Amerikaner »rally round the flag« nennen. Menschen mögen Führer, wenn die Krise da ist. Und wenn diese Führer sagen, dass jetzt die Nation Gegenstand und Ziel allen Handelns ist, dann mögen sie das auch.

Deutschland hat sich durchgerungen – nur um ein Zeichen zu setzen – 50 Kinder aus dem Lager Moria (Griechenland) aufzunehmen. In Worten: Fünfzig. Luxemburg nimmt 12. In Worten: Zwölf. Erst einmal. Sollen noch weitere folgen. Die Kinder müssen ein paar Bedingungen erfüllen. Entweder schwer erkrankt, oder unbegleitet und jünger als 14 Jahre. Ab 14 kann man schon ganz gut für sich selbst sorgen. Nennen wir es, auf Zeit spielen. Vielleicht kommt der Virus und macht die Lager auf ganz andere Art und Weise platt, als die europäischen Länder es durch reine Verzögerungstaktik schaffen. Dann ist das nicht schön, aber höhere Gewalt.

Wäre da nicht so eine glühende Sehnsucht nach dem, was mal die europäische Idee war, müsste man sagen: Leute, löst den Laden einfach auf, Europa ist ja inzwischen nicht mehr als eine Ansammlung nationaler Egoismen. Da lebt man doch besser in einer Singlewohnung als in dieser wirklich dysfunktionalen WG, in der niemand den Müll runterbringen und das Klo putzen will und die immer Gleichen die schönsten Zimmer und das größte Fach im Kühlschrank kriegen. Einfach, weil sie mehr Kohle und somit das Sagen haben.

Aber so geht es ja nicht. In Ermanglung anderer Vorschläge und Ideen muss das Ding namens Europäische Union weiterleben.

Die EU-Finanzminister haben sich nicht einigen können. Wie auch, wenn die nationalstaatlichen Interessen sozusagen oberste Priorität haben. Inzwischen ist so viel kluges Zeug über Eurobonds und deren hilfreiche Wirkung geschrieben worden. Aber Olaf Scholz und Mario Centeno haben andere Vorstellungen: Aus ihrer Sicht funktioniert das Sicherheitsnetz aus ESM, Garantiefonds für Unternehmenskredite der Europäischen Investitionsbank und Kurzarbeiter-Programm. Sie nennen es »Instrumente der Solidarität«. Wie konnte das Wort Solidarität nur dermaßen in Verruf geraten, dass jeder es im Munde führen darf? kg

8.4.2020
John Berger – Marxist, Kunstkritiker, Frauen-Verführer mit Worten, Bildern und Essen –schreibt in einem Text von 2004 über den Maler Francis Bacon. Von 1930 bis zu seinem Tod 1992 habe dieser stets das Bild einer Welt ohne Mitleid gemalt. Deshalb habe er, Berger, nie viel von Bacons Bildern gehalten. Nun aber sehe er sie zum ersten Mal als eine Art Prophezeiung, eine mysteriöse Vorsehung der nach 9/11 eingetretenen Krise der gesamten Zivilisation.
Reich an Mysterien, Mythen und symbolträchtigen Ereignissen ist auch diese Krise, die der 2017 verstorbene Berger leider nicht mehr analysieren kann. Das tagesaktuelle stammt aus Großbritannien und könnte als Märchen oder Gleichnis vom bösen König Boris erzählt werden. Eines Tages, für ein heute noch nicht geborenes Kind.
»Es war einmal ein böser König. Sein ganzes Leben lang hatte der immer nur auf seinen eigenen Vorteil geschaut. Immer musste er, und er allein, der Beste sein, gewinnen, Schlachten und Kriege. Frauen natürlich sowieso, die behandelte er immer wie ein Spielzeug, dass schnell langweilig war und deshalb durch ein anderes ersetzt werden muss. Stark und unverletzlich fand er sich. Alle die Unterstützung oder Hilfe brauchten, weil sie vielleicht ärmer waren, oder nicht auf teure Privatschulen gegangen waren, oder weil sie behindert waren oder krank, die verachtete er. Deshalb sparte er an allem, was Menschen brauchen, an öffentlichen Schulen, an bezahlbarem Wohnraum und vor allem am Gesundheitssystem. Irgendwann aber erfand eine der Frauen, die König Boris so schlecht behandelt hatte (sie war Biologin) eine Geheimwaffe. Die machte den König sehr krank. Natürlich wollte er das zuerst nicht wahrhaben und tat so als sein nichts. Dann aber musste er ins Krankenhaus und sogar auf die Intensivstation. Dort jammerte er sehr, weil es ihm so schlecht ging und er plötzlich große Angst hatte zu sterben. Die Krankenschwestern ignorierten ihn. Sie hörten ihn fluchen, dann schreien, und schließlich weinen. Schließlich gingen sie zu ihm, bildeten einen Kreis um ihn und sagten: Es gibt nur eines, was dich retten wird. Du musst erstens laut zugeben, dass du schwach und ängstlich bist, wie alle Menschen, wenn sie krank sind. Zweitens können dich weder dein Geld, noch deine tollen Kontakte jetzt retten, sondern nur wir. Wir aber tun das nur, wenn Du von nun an immer zuerst an die Schwäche und die Schmerzen denkst, bevor du irgendeine Entscheidung triffst!

Der zitternde und heulende böse König versprach all das. Die Krankenschwestern gaben ihm das Heilmittel, dass sie schon lange entwickelt hatten, aber vor den Ärzten geheim hielten. Nachdem er genesen war, wurde aus dem bösen ein guter König, der Krankenhäuser, Schulen und Wohnungen für alle bauen ließ.
Aber natürlich ist das nur ein Märchen. In Wirklichkeit behauptet Boris Johnson, er könne auch von der Intensivstation aus ein Land führen und sei überhaupt nur »zur Vorbeugung« dort. Währenddessen sitzt seine schwangere Freundin in einer anderen Wohnung in Quarantäne. sim

9.4. 2020

Gesundheitsminister Jens Spahn verspricht, nach Ostern über eine schrittweise Lockerung der Beschränkungen nachzudenken. Das hinge allerdings vom Wohlverhalten der Bürgerinnen und Bürger an den Osterfeiertagen ab. Man kann dem Mann nicht unterstellen, dass er bewusst auf schwarze Pädagogik setzt, aber anders lassen sich solche Aussagen nicht benennen. Stubenarrest und wenn man sich anständig verhält, darf man irgendwann raus. Der Ton wird immer altväterlicher und paternalistischer. Vielleicht ist es auch das, was viele wollen. Zumindest sagen die Umfragen das. Es gibt den verständlichen Wunsch, dass gesagt wird, was zu tun und was zu lassen ist.

Wenn wir uns nicht so verhalten, an diesen Feiertagen, wie Jens Spahn es gern hätte, wird er vielleicht nach Ostern sagen: »Ich bin nicht böse, ich bin nur enttäuscht.« So läuft das in der schwarzen Pädagogik, die kein Klassenprivileg ist, sondern ihre Heimat auch auf dem Kollwitzplatz in Berlin Prenzlauer Berg findet.

Die Berliner Polizei berichtet von vielen Bürgerinnen und Bürgern, die andere Bürgerinnen und Bürger anschwärzen oder sagen wir verpetzen. Meine Mitbewohnerin überlegt, ob sie mich bitten kann, sie im Garten zu besuchen. Wir wohnen zusammen, aber da müssten wir uns in der Kleingartenanlage auch ein Schild umhängen, auf dem steht. Wir wohnen zusammen.

In einer Massenunterkunft in Halberstadt (dieser Begriff Massenunterkunft ist eindeutig zugeordnet auf die Wohnverhältnisse von Geflüchteten. Wir schreiben 2020, die sogenannte Flüchtlingskrise ist einige Jahre her, es gibt immer noch Massenunterkünfte. Das müsste nicht so sein, es sei denn, es ist gewollt.) gab es Proteste. Geflüchtete warfen ihr geliefertes Essen auf den Boden, zerstörten Zäune, die Polizei rückte mit Mannschaftswagen an. 40 Bewohnerinnen und Bewohner (kann man die so nennen? Die wohnen ja nicht freiwillig dort. Wäre Insassen nicht besser?) sind am Virus erkrankt. Die Nerven liegen blank. Bei allen Beteiligten. Es gibt an verschiedenen Orten Corona-Ausbrüche in Erstaufnahmeeinrichtungen. Die Geflüchteten haben keine Möglichkeit, sich irgendwie zu isolieren, zu schützen. Sie sind den Umständen in einer Art und Weise ausgeliefert, wie wir es uns nicht vorstellen können. Und wenn Beatrix von Storch, diese grässliche Frau, gegen die Einschränkung von Bürgerrechten wettert, dann meint sie ganz gewiss nicht jene Einrichtungen, in denen es schon allein deshalb keine Bürgerrechte geben kann, weil dort keine Bürgerinnen und Bürger im hiesigen Verständnis leben.

So ein schöner, sonniger Tag heute. Über fast ganz Deutschland hat die Sonne gelacht. Die Klopapier-Krise scheint überwunden. Es gibt auch wieder H-Milch in den Supermärkten. Morgen wird es auch schön. Und übermorgen ebenfalls. Natürlich nicht für alle. Aber für alle hat es ja noch nie gereicht. kg

12.4 2020
Im ewigen Fluss der Zahlen und Befindlichkeiten, die jetzt die Nachrichten sind, kann ich nicht mehr sicher sagen, wie der Mann hieß und ob es Donnerstag war oder Karfreitag, als er morgens im Deutschlandfunk interviewt wurde. Sicher weiß ich aber, dass er ein FDP Politiker war und Arzt. Soweit schlüssig, was wäre je aus der FDP geworden ohne die Ärzte. Dieser aber nun forderte dringend, das öffentliche Gesundheitssystem, insbesondere die Gesundheitsämter, in Zukunft finanziell besser auszustatten. Es sei ja geradezu ein Skandal, so der FDP Arzt, dass die Kolleginnen und Kollegen dort deutlich schlechter verdienten als niedergelassene oder Klinik-Ärzte. Nein, der Interviewer hat nicht nachgefragt, wann und wie oft die FDP in den vergangen 35 Jahren nun genau solchen Sparmaßnahmen an der öffentlichen Daseinsfürsorge nicht nur zugestimmt hat, sondern sie überhaupt erst initiierte.
Nicht nur der Papst, sondern auch der Bundespräsident spricht dieses Ostern zu mir. Schwer mitanzusehen, wie er sich zwischen staatsmännischer Pose und sozialdemokratischem Herz hin und her windet. Er bittet um Geduld und Vertrauen. Als er dann davon spricht, dass wir uns nach dieser Krise nun unsere Verletzlichkeit eingestehen müssten, und das es eben nicht immer nur schneller höher weiter gehe reicht es. Wer muss sich hier was eingestehen? Mein Bruder sagt am Telefon er persönlich habe diese Erkenntnis mit 15 Jahren gehabt, als in der Ukraine ein Atomkraftwerk in die Luft flog. Wieso sollen wir jemandem vertrauen, der das erst jetzt kapiert? Vielleicht, Herr Bundespräsident, wäre es besser, ihr, die ihr nicht die Zivilgesellschaft seid, vertrautet ausnahmsweise mal uns. Oder in den Worten eines anderen Staatsoberhauptes, aber mit mehr Drohung in der Stimme ausgesprochen: We will meet again! sim

13.4. 2020

In diesen Wochen könnte in Vergessenheit geraten, dass Angela Merkel von einer marktgerechten Demokratie sprach. Das ist lange her und gilt immer noch. Wir haben eine marktgerechte Demokratie. Angela Merkel hat ihre Meinung nicht geändert, Friedrich Merz würde es wahrscheinlich etwas krasser ausdrücken (Demokratie ist dazu da, alle Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich der Kapitalismus ungehemmt und ohne Einschränkungen entfalten kann.).

Marktgerechte oder marktkonforme Demokratie hat es 2012 fast zum Unwort des Jahres gebracht. Ob die Wortschöpfung wirklich von der Kanzlerin stammt, ist nicht mal verbürgt. Aber sie hat sich gern darauf eingelassen und es klingt auch bestechend einfach. Vor allem dann, wenn man Marktwirtschaft mit Kapitalismus gleichsetzt. Was gemeinhin getan wird, auch wenn es falsch ist.

Auch die Post-Corona-Demokratie wird sicher sehr schnell wieder sehr marktkonform sein. Und was dann als systemrelevant angesehen wird, ist noch keine ausgemachte Sache, aber erwartbar. Die Autoindustrie – das Herzstück der deutschen Export-Wirtschaft zum Beispiel.

Wir schmieden ja gerade unseren eigenen »Patriot Act«, den wir später umbenennen können in »Freedom Act« oder so, jedenfalls weniger martialisch. Und die Freiheit wird unsere! Freiheit meinen, nicht die derjenigen, die auf Schlauchbooten sitzen oder mit Schlauchbooten ertrinken. Gestern erst wieder, heute Nacht, morgen wahrscheinlich auch. Aber das haben wir jetzt auch schon so oft geschrieben. Und es fühlt sich langsam wie ein sinnentleertes Mantra an. Die Flüchtlinge, die Flüchtenden, die Ertrinkenden, die Vergessenen, die Unwillkommenen. Es ist ja nun wahrlich kein mutiger Akt, es immer mal wieder zu erwähnen. Dass es die auch gibt. Das kostet uns nix. Es zu sagen und zu schreiben. kg

15.4. 2020

Jährlich kommen rund 300.000 Saisonarbeiterinnen und -arbeiter nach Deutschland, ein Teil von ihnen, um Ernten einzufahren. Sie pflücken, stechen, sammeln, für viele ist dies der Verdienst, mit dem sie ein ganzes Jahr lang ihre Familie ernähren. In Rumänien, Bulgarien, Polen. Wir sind daran gewöhnt, dass sie kommen und dann wieder gehen. Die uns liebsten Ausländer sind jene, die wieder verschwinden, wenn sie ihre Arbeit getan haben. Auf der Webseite lowerclassmag.com steht: »Die Liste der Branchen, in denen auf Wanderarbeiter*innen gesetzt wird, ist lang. Es sind dabei vor allem die – salopp gesagt – Drecksjobs. Über 30 Prozent der Reinigungskräfte, fast 30 Prozent in der Lebensmittelherstellung, über 20 Prozent in Lagerwirtschaft, Hochbau und Zustellung, fast 40 Prozent in der Systemgastronomie, errechnete das Bundesamt für Statistik für das Jahr 2017. Zum Vergleich: In den Bereichen Journalismus sind es etwas über 4 Prozent, im Justizwesen 3,7 Prozent, im Finanzwesen oder der Verwaltung um die 3 bzw. 2 Prozent.« Inzwischen ist der erste rumänische Erntehelfer an Corona gestorben. In seiner Unterkunft.

50 Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern und tausende Erntehelfer kommen nach Deutschland. Spargelstechen, sagen viele Bauern und Bäuerinnen, setze schon gewisse Fertigkeiten voraus, das Gemüse sei arg empfindlich und müsse pfleglich behandelt werden. Schon allein deshalb sollten es die gewohnten und gelernten Wanderarbeiter und -innen sein. Sie sind sehr nützliche Menschen. Was man jetzt von Kindern in Flüchtlingslagern nicht so sagen kann.

Inzwischen sind die Regeln für die kommenden Tage bekannt. Autohäuser dürfen wieder öffnen. Aber nicht nur die. kg

16.4. 2020
Besonders auffällig ist, wie wenig schamlos selbst denen die Macht vorenthalten wird, die gleichzeitig für systemrelevant erklärt werden. Nicht nur Spargelstecher. Auch Betreuerinnen aus Rumänien, die in Österreich alte Menschen rund um die Uhr zu Hause versorgen, werden eingeflogen. Darüber berichtet der Blog »Solidarisch gegen Corona«. Allerdings müssen die Betreuerinnen jetzt erst mal zwei Wochen in Quarantäne, selbstverständlich unbezahlt. Die Agenturen, über die sie vermittelt werden, fühlen sich für diesen Verdienstausfall genauso wenig zuständig wie für Schutzkleidung oder irgendeine andere Form der Unterstützung. Etwa wenn eine dieser 24-Stunden-Pflegerinnen nun wegen der geschlossenen Grenzen weit länger als den normalerweise vertraglich vereinbarten zwei Wochen Turnus bei der von ihr allein betreuten Person verbringt. Bis zu 400 € Provision kassiert die vermittelnde Agentur pro Monat dennoch. Mindestens 80.000 solche 24-Stunden Betreuerinnen gibt es allein in Österreich. Einige haben sich organisiert unter dem Namen »Gerechtigkeit für die Personen- und Betreuungsarbeit« und schon vor der Corona-Krise ein Manifest verfasst. Bislang hat das niemanden sonderlich interessiert. Wäre vermutlich anders, wenn all die unter diesem Begriff zu Subsumierenden tatsächlich auch nur 48 Stunden streiken würden. Am besten gemeinsam mit Krankenpflegerinnen, Erzieherinnen, homeschoolenden Alleinerziehenden und allen anderen, die nicht länger systemerhaltend sein möchten. Eine bessere Gelegenheit, Machtfragen zu stellen, wird sich so bald nicht finden. sim

17.4. 2020

Ja, über systemrelevant oder nicht wird gerade gestritten. Die Kesselflicker legen all ihre Argumente auf den Tisch. Da geht es aber nicht um 24-Stunden-Pflegerinnen aus Rumänien, stattdessen um den Markt. Der ist auch Corona-infiziert, obwohl er doch als Allheilmittel gilt. 800 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen für Verzerrung des Wettbewerbs. Das stimmt auch. Wenn die Kaufhäuser und riesigen Shoppingmeilen mit ihren gigantisch großen Läden (Come in and find out) nicht öffnen dürfen, stattdessen die Boutiquen und Papeterien, ist das eindeutig eine Wettbewerbsverzerrung. Vorher, als die Schlachtschiffe der Verkaufskultur – die Primarks und H&M, Saturns und Hugendubels sich anheischig gemacht hatten, jede innerstädtische Verkaufskultur mit weniger als 800 Quadratmetern nach und nach vom Markt zu drängen, war das fairer Wettbewerb. Jetzt sieht die Sache anders aus. Es ist unfair, dass diese Läden nun ein Zeitfenster zur Verfügung gestellt bekommen, um wettbewerbsverzerrt Umsatz machen können. Während die Großen…

Natürlich geht es bei der Debatte der Kesselflicker nicht um Geld, sondern um Menschen. Personal. Das muss ja auch von was leben. Frau ertappt sich bei dem geradezu idiotischen Wunsch, es möge künftig diese »ungeheure Warensammlung« (Karl Marx) nicht mehr geben. Weil Corona den Markt das Fürchten gelehrt hat. Was aber, wenn ich den Marx richtig verstehe, hieße, dass es keinen Kapitalismus mehr gibt. Also stellen wir das mal zurück. So viel Utopie trägt pathologische Züge. kg

19.4. 2020

Tagesschau vom Samstag, die für mich das Ende von Deutschland im Krisenmodus markiert: Ein Beitrag über Müllsammler in Ägypten, die auch sonst ohne Schutzmasken oder Handschuhe permanent verseuchte Dinge anfassen und sich der Gefahren, so der Sprecher der Müllsammler-Gewerkschaft, sehr wohl bewusst sind. Sie hoffen, die jahrelange Arbeit habe ihr Immunsystem gestärkt. Außerdem sagt der Gewerkschaftsmann, dessen Charisma Reiner Hoffman wirklich zu wünschen wäre, würde es ja noch mehr Menschen gefährden, ließen sie den kontaminierten Müll einfach liegen. Ob sie in den reichen Vierteln Kairos wohl auch applaudieren für diese systemrelevanten Arbeiterinnen und Arbeiter? Der immer ein wenig bubihaft wirkende Thorsten Schröder jedenfalls moderierte den Beitrag an mit dem Satz: »Die Menschen müssen arbeiten, um zu überleben.« So sieht‘s aus. Andere können derweil schon mal Pläne machen, wie sie den nächsten Urlaub ohne Fernreisen gestalten, oder wie ich die bange Fragen stellen, ob es denn irgendeine Hoffnung auf Öffnung des Prinzenbads geben kann in diesem Sommer, der ja auch wieder heiß zu werden verspricht. Also, alle wieder an ihrem Platz, alles wie immer – das neue Normal sieht aus wie das alte, nur mit Corona. sim

20.4. 2020

»Dies ist das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen und intensiver Gespräche mit unseren europäischen Partnern. Deutschland steht zu seiner Zusage. Wir setzen damit ein konkretes Zeichen europäischer Solidarität.« Daraus ließe sich ein Ratespiel machen. Gesagt hat es Horst Seehofer. Hat Deutschland nun doch für Eurobonds gestimmt? Ist ein Impfstoff gefunden worden, schneller, als erwartet? Wird das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt? Haben sich europäische Länder auf Initiative Deutschlands für eine Bürger*innenversicherung entschieden?

Nein, nein und nochmals nein. 47 – in Worten siebenundvierzig – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kamen am Samstag in Deutschland an. Wenn Deutschland dafür monatelange Vorbereitungen braucht, dann bekommt man vielleicht doch eine Ahnung von politischer Effizienz und dem Ausmaß des abrufbaren und vorhandenen Verantwortungsbewusstseins. Wir haben die Wahl zwischen Resignation, Gleichgültigkeit und Wut. Schön wäre, wir entschieden uns für Wut. Gleichgültigkeit gibt es ja schon genug und für Resignation ist immer noch Zeit.

Auf der Webseite des isw München (Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung) geht der Blick über den deutschen und europäischen Tellerrand: »Während Krankheit und Arbeitslosigkeit erst beginnen, sich in Slums und über Land auszubreiten, ist das internationale Kapital und sind die internationalen Märkte, die dominanten Marktakteure, um vieles schneller«, heißt es dort. Innerhalb eines Monats ab 21. Februar 2020 seien 70 Mrd. Dollar Anlagen und Kredite aus Schwellenländern abgezogen worden. In der Finanz-Weltwirtschaftskrise 2008 waren es innerhalb der ersten drei Monate 26 Mrd. Dollar. »Der Horror vor der Abwesenheit von Profit muss diesmal wohl ganz besonders ausgeprägt sein.« kg

21.4. 2020
Die Hoffnung das Krisen irgendwie magische Veränderer einer vorher stabilen Ordnung seien, ist bisher eigentlich immer enttäuscht worden. John Berger beschreibt 2005, unter dem Eindruck der Verheerungen die Hurrikan Katrina in New Orleans angerichtet hat, wie plötzlich für jeden sichtbar wurde, »dass es in den USA bitter und stetig zunehmende Armut gibt, dass Schwarze normalerweise als unerwünschte Bürger zweiter Klasse behandelt werden und dass die systematischen Kürzungen bei der Finanzierung öffentlicher Einrichtungen zu weitreichenden sozialen Verwerfungen geführt hat (40 Millionen Amerikaner haben keinerlei Unterstützung wenn sie krank werden oder einen Unfall haben), dass der sogenannte Krieg gegen den Terror nichts als Chaos anrichtet, und dass gegen all das deutlich und vernehmlicher protestiert wird.«
All dies, so Berger weiter, sei auch vor Katrina evident gewesen, jedenfalls für diejenigen, die es erdulden müssen, sowie für die, die es wissen wollten. Der einzige Unterschied sei gewesen, dass danke Katrina ausnahmsweise die Medien über das berichtet haben, was tatsächlich geschehe. Deren Aufmerksamkeitsspanne allerdings ist seit 2005 sicher nicht größer geworden – und ihr Selbstverständnis als kritische Instanz offenbar auch nicht.
Wenigstens auslachen hätten sie ihn sonst müssen. Den sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer, der bei Anne Will mit einem selbstgefälligen Dauergrinsen tatsächlich sagte: »Man sieht da wieder, das ist typisch deutsch, es gibt ein Problem, dann machen die Deutschen einen Plan, dann machen sie eine Strategie, dann fangen sie an das abzuarbeiten und am Ende läuft das wie ein Schnürchen. Und dass wir heute so viele Intensivbetten haben, anders als Italien, das ist Erfolg unserer gemeinsamen Anstrengung.« sim

22.4. 2020

Vielleicht, verspricht uns die Bundesregierung, leben Altenpflegerinnen und -pfleger künftig ein wenig besser. Eine Kommission hat den Vorschlag erarbeitet, den Mindestlohn für diese Berufsgruppe anzuheben. Von heute 10,85 Euro (Ost) und 11,35 Euro (West) – was wieder und wieder die Frage aufwirft, ob die Alten in den alten Bundesländern pflegeintensiver sind oder die Pflegenden in den alten Ländern besser – soll es ab Juli 2021 einen Mindestlohn für Fachkräfte Ost und West von 15 Euro geben. Hui, möchte man rufen und denkt an Leute (Namen werden nicht genannt), die für das Coaching einer Bundestagsabgeordneten 200 Euro die Stunde verdienen. Lohnspreizung ist ja an sich schon ein hässliches Wort. Unterlegt man das Wort mit Zahlen (zum Beispiel Stundenlöhnen), wird es richtig eklig. 15 Euro die Stunde für Menschen, die anderen Menschen dabei helfen, würdevoll durch den Alltag zu kommen, sei es in Pflegeheimen oder zu Hause. Am Ende bestimmt der Markt, was wer bereit ist, wofür zu bezahlen. So haben wir es gelernt.

Ein Apartment-Vermieter in Berlin wirbt: »Wählen Sie Ihre Traumwohnung und einen Service, der Ihren Bedürfnissen am besten entspricht. Wir glauben, dass eine Quarantäne-Wohnung einen passenden Service bieten sollte.« Man kann also den Rest der nervigen Familie abwählen und sich irgendwo anders einmieten und verwöhnen lassen. Natürlich geht das mit einem Stundenlohn von 15 Euro nicht. Zwei Zimmer in Kreuzberg mit Verwöhn-Service für 1900 Euro und drei Zimmer in Tiergarten 2900 Euro. Das könnte knapp werden. Zumal es auch nicht lohnt, sich so teuer einzumieten, wenn man sowieso den ganzen Tag auf Schicht ist. kg

23.4. 2020
Jeden Abend um 18 Uhr sehe ich meinen Nachbarn auf der gemeinschaftlichen Dachterrasse seine Runden gehen. Er trägt Handschuhe und seit heute auch einen Mundschutz. Aufgrund seines Alters und mehrerer Bypässe zählt er eindeutig zur Risikogruppe. Auf die Frage, ob er denn nun mit der Lockerung der Auflagen erwäge, vielleicht mal draußen spazieren zu gehen, verneint er vehement. Wie lange er das beibehalten will? So lange, bis es wieder sicher ist, lautet die Antwort. Er ist Akademiker und politisch bestens informiert, weiß also, dass es noch eine ganze Weile hin sein kann bis zu dieser Sicherheit. Monate, ein ganzer Sommer gar, in denen er das Haus nicht verlassen wird. Weil er seine Zukunft nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen will.
Das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung veröffentlicht heute gemeinsam mit der Körber- Stiftung eine repräsentative Studie über Wünsche und Ängste zum Lebensende. In der Presseerklärung heißt es: »In einigen deutschen Landkreisen dürften im Jahr 2035 statistisch auf eine Geburt vier Beerdigungen kommen – heute liegt das Verhältnis dort bei eins zu zwei. Was vielen Menschen als Privatangelegenheit erscheint, wird angesichts dieser Zunahme an Sterbefällen auch zu einem gesellschaftspolitischen Thema: Die Alterung der Bevölkerung fordert einen neuen Umgang mit dem Sterben«. sim

24.4. 2020

Die zweitjüngste Enkelin, dreieinhalb Jahre, beschäftigt sich gerade viel mit Sterben. Sie verkündet jeden Tag mindestens einmal, dass sie heute nicht »gesterbt« ist und auch nicht vorhat, es noch zu tun. Außerdem werden alle lebenden Dinge, einschließlich Ameisen, Bäume und Löwenzahn kritisch auf ihre Lebensdauer beäugt. Wann sterbt der, ist die Frage aller Fragen. Und die Erwachsenen lassen sich geduldig darauf ein, voraussichtliche Lebensspannen zu googeln, Vermutungen anzustellen, Beschwichtigungen (das wird noch lange dauern) auszusprechen und drei Mal am Tag das wunderbare Buch »Ente, Tod und Tulpe« von Wolf Erlbruch vorzulesen.

Markus Söder steigt in der Gunst der Bürgerinnen und Bürger steigt. Es gibt viele Kollateralschäden im Zusammenhang mit Corona, das ist aber einer der Schlimmeren.

Donald Trump will prüfen lassen, ob man Corona-Patienten Desinfektionsmittel spritzen oder sie mit Lichttherapie behandeln lassen kann. Möglicherweise schlägt der Mann als nächstes vor, dass die US-Amerikaner Haushaltsreiniger trinken sollen, um sich vor dem Virus zu schützen. Oder zehn Minuten bei 150 Grad in der Backröhre verbringen, sich danach in goldene Rettungsfolie kleiden und »God save America« singen. Doch, diese Krise kann auch zum Brüllen (komisch) sein. Der Bürgermeister Osakas empfiehlt Frauen, das mit dem Einkaufen zu lassen, weil die dafür immer so lange brauchen würden. Wie morgens im Bad und abends vor dem Spiegel. Es gibt noch keine belastbaren Studien darüber, ob Corona das Maß vorhandener Dummheit und Ignoranz erhöht, vielleicht, weil die letzten Abwehrmechanismen für andere Dinge gebraucht werden. Aber möglich ist es. Wahrscheinlich wird sich aber herausstellen, dass die Betreffenden schon vorher dumm, ignorant, sexistisch oder einfach nur fehl am Platz waren. Nur dass sie jetzt noch mehr zu Wort kommen.

Ich kann mich auch noch nicht dazu durchringen, den Vorschlag des einstigen Chef-Piraten Berlins, Christopher Lauer, Demonstrationen ins Netz zu verlagern und dafür eine digitale Plattform zu schaffen, wirklich gut zu finden. Kommt mir so vor, als ginge ich ein Restaurant, weil ich Hunger habe, und starre dann zwei Stunden den Koch an, um satt zu werden. Das soll aber nicht heißen, dass der Vorschlag unvernünftig ist. Demonstrationen mit einsfünfzig Abstand zwischen den Protestierenden machen wahrscheinlich auch niemandem Beine. kg

28.4. 2020
Gestern ist meine Mutter 80 geworden und niemand außer meinem Vater hat sie umarmt. Es entfielen allerdings auch die komplizierte Eventplanungen, die bei solchen Anlässen bis vor kurzem unumgänglich erschienen: Nur die Kernfamilie oder auch die zahlreichen Freundinnen? Am Tag selbst, oder doch lieber an einem Wochenende? Bootsfahrt oder Ausflugsrestaurant? Nicht zu anstrengend für die einen, kurzweilig genug für die andern? Kuchen vom Konditor oder muss noch immer selbst gebacken werden? Alles keine Fragen mehr: Eine Radtour über niederrheinische Felder zur Eisdiele im nächsten Dorf ist ein Wunsch, der erfüllt werden kann.
Es war, so sagte das Geburtstagskind am Abend, ein wirklich schöner Tag. Meine Eltern, drängt es weder in Shoppingmalls, noch zu Fußballspielen, Schützenfesten oder anderen Massenansammlungen. Aber sie würden gerne mit dem Enkelkind im Garten spielen. Meine Mutter möchte die Frauen wieder treffen, mit denen sie seit über 40 Jahren einmal pro Woche das Weltgeschehen aus Frauensicht diskutiert. Und gerne irgendwann auch den Chor. Der hatte zum Geburtstag eine Zweier-Abordnung geschickt. Sie weigerten sich selbstverständlich, das Haus zu betreten, sangen aber vor der Tür in sicherer Entfernung ihr Ständchen. Was wird in mehreren Monaten aus all den unberührten gesunden Körpern geworden sein? Wieso spielt das keine Rolle in den dichotomischen Debatten um Wirtschaft versus Gesundheit. Sagt Schäuble, es dürfe keine Rettung von Leben um jeden Preis geben, grätscht Walter-Borjans aus ebenso gutem Grund wie gutem politischen Instinkt dazwischen: Wer die schwarze Null um jeden Preis verteidigt hat, ist tatsächlich nicht besonders vertrauenswürdig beim Reden über Leben und Tod. Anderseits: Wer seit Jahrzehnten im Rollstuhl lebt, hat sich vermutlich ein paar Gedanken gemacht um Leben und Lebensqualität. Schade, und eben auch systemtypisch, dass er daraus nie Politik machen wollte.
Mein Verdacht: Wir stellen derzeit zu viele Fragen an die falschen Leute. Oder präziser: Die falschen Leute dürfen über die zu stellenden Fragen bestimmen, auf die sie dann Antworten geben, die sie immer schon viel zu schnell parat hatten. sim

29.4. 2020

In der Schule haben wir die Fabel von Buridans Esel durchgenommen, dieses Tier, das sich nicht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen entscheiden kann und dann verhungert. Das Buridansche Paradoxon ist in diesen Tagen gar nicht so weit hergeholt. Wir sind erwachsen, wir müssen und sollten in der Lage sein, aus Möglichkeiten auszuwählen und dabei nicht nur darauf zu warten, dass uns jemand die Entscheidung abnimmt. Aber wenn uns die Vor- und Nachteile nicht sofort ins Auge springen, die Abwägung eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten ist, die Folgenabschätzung kaum zu treffen, die tägliche Zahlenhuberei auch nicht mehr weiterhilft, weil die Interpretationen der Zahlen sich teilweise völlig widersprechen, ist das schwer. Und letztlich, da hat meine Kollegin völlig Recht, kann nur zählen, dass Menschen etwas in völligem Einverständnis miteinander tun und zugleich darin übereinkommen, ein möglicherweise bewusst eingegangenes Risiko nicht anderen aufzubürden.

Vor allem aber: Sich vor Ratgebern hüten, deren Eigeninteresse wie ein Elefant im Raum steht und normalerweise nicht zu übersehen ist. Was ist normal? Und warum werden manche Elefanten tatsächlich nicht gesehen?

Der US-amerikanische Vermögensverwalter BlackRock, für den Friedrich Merz Lobbyarbeit betreibt, ist an 57 namhaften deutschen Aktiengesellschaften beteiligt. Bevorzugt an deutschen Wohnungsbaugesellschaften. Die Bundesregierung führt hin und wieder Gespräche mit Vertretern von BlackRock zu, wie es heißt »aktuellen Finanzfragen«. Klingt ein bisschen, als spräche Mutter Geiß mit dem Wolf über die Notbetreuung ihrer Kinder. Noch kurioser wird es, wenn die EU BlackRock zum offiziellen Berater für Nachhaltigkeitskriterien macht. Nun lässt sich Nachhaltigkeit sehr unterschiedlich interpretieren. BlackRock hält Anteile an Stahl- und Rüstungsunternehmen. Und man könnte sehr wohl behaupten, es sei nachhaltig, Waffen in Krisengebiete zu exportieren, denn je eher der ganze Schlamassel in Grund und Boden geschossen wird, umso schneller lässt sich der Wiederaufbau organisieren. Und sieht man es so, kann es sehr sinnvoll erscheinen, dass BlackRock nun direkteren Einfluss auf europäische Gesetzgebung in Finanzfragen erhält. Es ist der kürzere Weg sozusagen. kg

29.04. 2020
»Wir alle unterstehen der deutschen Gesetzgebung und verstehen, dass es aktuell eine schwierige Zeit ist. Aber viele von uns leiden nun schon sechs bis zwölf Monate unter den Bedingungen hier. Alles was wir wollen ist eine Chance unser Leben frei und sicher zu gestalten.« Diese Zeilen stammen aus einem offenen Brief an die Leitung der Unterkunft für Geflüchtete im sächsischen Schneeberg. Sie beklagen darin auch, dass mit 500 Menschen, die eine Stunde Zeit haben, um im Speisesaal ihr unzulängliches Essen einzunehmen, kein Abstandsgebot einzuhalten ist. In Schneeberg also ist es, neben vielem andern, unerträglich voll. Zu viel Kontakt.

Die meisten Menschen die ich persönlich kenne dagegen, beklagen das Gegenteil. Der Streit über das richtige Maß beherrscht beinahe jedes Gespräch, die Nachrichten sowieso. Die Kollegin beschreibt gestern sehr richtig die Unmöglichkeit in der Unmenge der einander widersprechenden Aussagen sowas wie einen inneren Verantwortungskompass zu finden. Mely Kiyak, meine derzeit liebste Kolumnistin, beklagt zu Recht die zunehmende Schrillheit, mit der jede Meinung die nicht die eigene ist verdammt wird.

Könnte all das vielleicht damit zusammenhängen, das wir bestenfalls noch Dialoge führen, mit der einen uns gestatteten Person, mit der wir unterhalb des Mindestabstands verkehren dürfen? Denn um das zu tun, was Frau Kiyak fordert, nämlich die Einschätzung der anderen als Erweiterung der eigenen Perspektive auf ein unklares Geschehen zu begreifen, fehlt uns eine Form. Nicht erst seit der aktuellen Krise, aber jetzt umso mehr. Vielfältige Perspektiven auszuhalten, und ohne präventive Abwertung zu diskutieren, braucht gemeinsamen Raum.
Der Betreiber eines kleinen Restaurants in meiner Nachbarschaft weiß das und hält deshalb überhaupt nichts von der Idee, demnächst wieder zu öffnen. Jedenfalls nicht, wenn die Leute dann wieder nur zu zweit am Tisch sitzen dürfen: »Zu zweit waren jetzt alle lange genug!« Wohl wahr. Wie wäre es, wenn er stattdessen nur eine einzige große Tafel in die Mitte des kleinen Lokals stellte? Mit genug Platz für zehn Menschen im Sicherheitsabstand. Wer zuerst kommt, nimmt Platz. Inmitten von Fremden. Was wurde eigentlich überhaupt aus der Idee der runden Tische? Oder wenigstens Stuhlkreise. Platz genug ist ja, solange sie nicht in einer Unterkunft für Geflüchtete in Schneeberg stattfinden sollen. sim

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin

Sigrun Matthiesen

Journalistin