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»Renditegelüsten geopfert«: Finanzinvestoren drängen in den Gesundheitsbereich – ein OXI-Überblick

09.11.2018
Foto: pixabay/CC0 Creative Commons

Finanzinvestoren drängen immer stärker in den Gesundheitsbereich und wollen mit Pflegeheimen, Zahnarztpraxen und Versorgungszentren Profit machen. Mediziner und andere Experten sehen die Entwicklung mit Sorge. Ein OXI-Überblick.

»Wer Geld anlegen will, bekommt heutzutage kaum noch Zinsen. Aber eine gute Rendite kann ganz einfach gehen: durch Pflegeheime. Clevere Investoren haben Pflegebedürftigkeit als Geldanlage entdeckt. Doch kann es gut gehen, Pflegeunternehmen nicht aus einer Kultur der Nächstenliebe und der gesellschaftlichen Notwendigkeit zu betreiben, sondern allein, um möglichst viel Gewinn zu erzielen?«, fragte am Donnerstagabend das ARD-Magazin Plusminus. Nein, sagen Kritiker und beklagen »eine Verschlechterung der Pflege nach Übernahmen von Heimen durch Pflegekonzerne«, die bereits dazu führten, dass Behörden eingreifen mussten. Ein Problem: »Durch die Gewinnabführung bleibt bei gewinnorientierten Unternehmen weniger für die Pflege als bei nicht-gewinnorientierten.«

Der Run der Finanzinvestoren im Gesundheitsbereich ist aber nicht nur in der Pflege zu verzeichnen, sondern auch bei Zahnärzten und den Medizinischen Versorgungszentren. »Seit 2004 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit, Medizinische Versorgungszentren zu betreiben. MVZ wurden als Möglichkeit gesehen, Kooperation im ärztlichen Bereich zu fördern«, heißt es hier in einer aktuellen Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, die sich für »Kapitalinteressen bei der Übernahme von Medizinischen Versorgungszentren« interessiert. Da Großinvestoren nicht direkt ein MVZ betreiben dürfen, würden verschiedene Umgehungsstrategien entwickelt.

In ihrer Antwort formuliert auch die Bundesregierung Bedenken. »In jüngster Vergangenheit wird zunehmend von Fällen berichtet, in denen sowohl ärztliche als auch zahnärztliche MVZ von Investoren gegründet werden, die allein Kapitalinteressen verfolgen und keinen fachlichen Bezug zur medizinischen Versorgung haben.« Im Bereich der nichtärztlichen Dialyseleistungserbringer habe man auch schon etwas dagegen unternommen. Ansonsten heißt es aber lediglich: »Die Bundesregierung beobachtet die Entwicklung der Übernahme von MVZ durch Finanzinvestoren sehr sorgfältig und prüft, inwieweit es weiterer Maßnahmen bedarf

Nach Ansicht von Kritikern ist das längst der Fall. »Die Bundesregierung sieht der Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Großinvestoren tatenlos zu«, sagte der Obmann der Linksfraktion im Gesundheitsausschuss, Achim Kessler, der »Ärzte Zeitung«. Schon vor über einem Jahr äußerten sich zahlreiche Vertreter der Gesundheitsbranche sehr kritisch, es wurde unter anderem davor gewarnt, »dass beim Einstieg von Fremdkapitalgebern die Gewinninteressen gegenüber den medizinischen Anforderungen in den Vordergrund treten«.

Die Gewerkschaft ver.di hat hier einen kleinen Hintergrund zu der Entwicklung veröffentlicht. Der Autor Rainer Bobsin geht in einer Veröffentlichung davon aus, dass von den bislang rund 2.800 Medizinischen Versorgungszentren etwa 420 in den Händen von Private Equity-Gesellschaften seien, also von nicht börsennotierten Kapitalgebern. »Seit der Übernahme des Pflegeheimbetreibers Casa Reha 1998 durch die ECM Equity Capital Management GmbH wurden immer mehr Einrichtungen übernommen – verstärkt in den letzten drei bis vier Jahren mit einem vorläufigen Höhepunkt 2017«, heißt es da unter anderem. Und weiter: »Eine Auseinandersetzung über die Folgen für die Arbeitsbedingungen, die Behandlungsqualität oder Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitswesen fand eher zaghaft statt oder erreichte nur eine kleine Öffentlichkeit. Außerhalb der Investmentbranche blieb das ›Marktgeschehen‹ in seiner Gesamtheit bisher unbeobachtet.«

Im Mai berichtete Spiegel online über die Entwicklung im Zahnarztbereich – der Tenor: »mehr Großpraxen und Ketten. Im besten Fall steigt die Qualität, im schlechtesten geht es um schnelle Rendite«. Im September blickte die »Süddeutsche Zeitung« darauf, wie Finanzinvestoren die Zahnarztbranche umkrempeln. 

Erst im August hatte die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung gefordert, »die rasant fortschreitende Übernahme zahnärztlicher Versorgung durch Großinvestoren und Private Equity-Fonds zu stoppen«. Es dürfe nicht zugelassen werden, »dass Großinvestoren und Private Equity-Fonds über den Erwerb von zumeist maroden Krankenhäusern, die keinerlei fachlichen oder räumlichen Bezug zur zahnmedizinischen Versorgung aufweisen, in großem Stil und ungehindert Zahnarzt-MVZ aufkaufen oder gründen können. Die ausgezeichnete Versorgung in Deutschland darf nicht einfach irgendwelchen Renditegelüsten geopfert werden«.

Bis dato hätten »sich bundesweit mehr als 600 arztgruppengleiche MVZ – auch reine Zahnarzt-MVZ genannt – etabliert. Häufig finden sich solche Einrichtungen in Großstädten, Ballungsräumen und in einkommensstarken ländlichen Gebieten. Die Dynamik dieser, besonders für die Versorgung im ländlichen, strukturschwachen Raum schädlichen Entwicklung ist ungebrochen.«

Auch hierzu gibt es eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage, diesmal eine der Grünen-Fraktion. Nach Auskunft der Kassenzahnärztlichen Vereinigung sollen derzeit rund 70 Zahnarzt-MVZ mit Finanzinvestoren verbunden sein. Auf die Frage der Grünen, ob die Bundesregierung die kritische Einschätzung der Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung über den zunehmenden Einfluss von Finanzinvestoren teile, antwortet das Gesundheitsministerium lapidar: Sie gehe »davon aus, dass Unternehmerinnen und Unternehmer, unabhängig davon, ob es sich bei dem von ihnen betriebenen Unternehmen um ein kleines, mittleres oder großes Unternehmen handelt, in der Regel an einem angemessenen Gewinn interessiert sind«.

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Geschrieben von:

OXI Redaktion