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Roboterbosse werden Roboterfabriken führen

Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani erklärt im Interview, warum die Digitalisierung den Kapitalismus nicht vernichtet, sondern ihn auf einen neuen Höhepunkt treibt.

07.12.2016
Foto: privat
Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Ayad Al-Ani lehrt am Institut für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government der Universität Potsdam und ist Professor an der School of Public Leadership der Universität Stellenbosch, Südafrika. Er beschäftigt sich als Zukunftsforscher mit dem digitalen Wandel und hat ein Beratungsunternehmen gegründet, das Unternehmen dabei hilft, die Chancen des digitalen Wandels zu nutzen.

Herr Al-Ani, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie sich unser Wirtschaftssystem wegen der Digitalisierung verändert. Verraten Sie uns, welche Antwort haben Sie gefunden?

Ayad Al-Ani (lacht): Es ist offen, wohin es geht. Die Gleichung einer Prognose hat zu viele Variablen, die sich in die eine oder andere Richtung entwickeln können. Vor einigen Jahren etwa gab es die Hoffnung, dass sich ein neuer Wirtschaftssektor mit der Open-Source-Bewegung entwickeln und langfristig auch etablieren würde, ein Peer-to-Peer-Sektor – also ein autarker Sektor der freien Produzenten. Dieser Sektor gab den von der Wirtschaft und Verwaltung ungenützten Talenten und Kapazitäten, dem sogenannten kognitiven Überschuss, eine Ausdrucksmöglichkeit. Anstatt passiv vor dem Fernseher zu sitzen, fingen die Menschen an, Software zu entwickeln und Enzyklopädien zu schreiben. Die Ergebnisse wurden unentgeltlich zur Verfügung gestellt, und die Peers verlangten kein Geld, sondern suchten vor allem Wertschätzung und Freude bei der Arbeit. Dieser Sektor hätte wohl auch autonom werden und den privaten und öffentlichen Sektor ergänzen können. Aber diese Hoffnung scheint sich nun nicht zu bewahrheiten.

Warum nicht? Immerhin sind in den letzten Jahren spannende Start-ups entstanden, die binnen kurzer Zeit rasant wuchsen – und die zumindest einen Share-Gedanken hatten.

Das stimmt. Aber diese Unternehmen mussten viele partizipative und selbstbestimmte Prinzipien der Peer-Plattformen schon der Ökonomisierung opfern, um an Kapital zu kommen. Die US-Unternehmen Uber und Airbnb hätten ja auch als Genossenschaften gegründet werden können. Genossenschaften bekommen aber kein Venture Capital, weil sie als zu schwerfällig und zu langsam gelten. Aus der Shared Economy wurde die Rental Economy.

Das marktwirtschaftliche System steht also nicht an einem Wendepunkt?

Doch. Das Unternehmen selbst ist in einer existenziellen Krise. Es ist – wie der Historiker Immanuel Wallerstein bemerkte – für den Kapitalisten zunehmend uninteressant, in den Kapitalismus zu investieren. Die Lohnkosten steigen – trotz aller Lohndrückerei – beständig, auch weil schon ganze Weltregionen, wie etwa China, von Billigarbeitern leergeräumt sind. Global betrachtet, wachsen auch Gewinne der Unternehmen langsamer und die Anzahl der Verlierer steigt. Die Finanzkrise wurde dann vor allem wegen dieser Blockade der Unternehmung ausgelöst: Es ist lohnender, in Immobilien zu investieren als in produktive Arbeit.

Sie bezeichnen dies als Zeiten der Transformation. Was meinen Sie damit?

Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich das Wirtschaftssystem. Das Unternehmen kann Krisen nicht überstehen, indem es noch mehr Kosten senkt. Dies geht immer zulasten der Innovationsfähigkeit, die dringend benötigt wird. Deshalb kooptiert die Unternehmung den kognitiven Überschuss der Peers und ahmt ihre Arbeitsweisen nach. Es kommt in den nächsten 15 bis 20 Jahren nun zu einem munteren Durcheinander und zu einer Parallelität von Organisationsprinzipien und Führungsstilen: vom Top-down-Ansatz der Hierarchie bis zur vernetzten Arbeitsweise der ehemaligen Peer-Kollaborationen und der jüngeren Generation.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Finanzsektor lagert heute fast sämtliche Innovationen aus. Banken kaufen Start-ups aus der Fin-Tech-Szene auf, weil sie selbst nicht mehr innovativ sein können. Sie müssen ja ihre gesamte Kraft in Compliance-Maßnahmen stecken. Sie können das, weil die jungen Unternehmen Kapital brauchen, um weiter wachsen zu können. So können auch potenziell disruptive Technologien, wie etwa Blockchain, wichtige Bankenfunktionen überflüssig machen, weil vertrauensvolle Transaktionen ohne diese Institutionen durchgeführt werden, entschärft werden. Der Kapitalismus benutzt den kognitiven Überschuss als Reparaturwerkstatt und versucht ihn unter Kontrolle zu bekommen.

Was hat das für Auswirkungen?

Dass sich die kapitalistischen Strukturen weiterhin durchsetzen. Zwar werden die traditionellen Unternehmen etwas plattformähnlicher. Aber die Plattformen müssen auch traditionelle Strukturen ausbilden, um überleben zu können.

Was passiert durch die Automatisierung?

Während die Sozialen Medien neue Kollaborationen ermöglichen, werden Roboter menschliche Arbeitskraft ersetzen. Der Roboter sollte ja nie den Menschen unterstützen, sondern substituieren. Der Gipfel wird die »Lights-out«-Fabrik sein, die schon heute in manchen Bereichen existiert und so automatisiert ist, dass Roboter das Licht ausschalten könnten, würden sie nicht 7 Tage 24 Stunden arbeiten. Der Roboterwissenschaftler Hans Moravec geht etwa davon aus, dass Roboter um 2050 autonom agieren, vielleicht sogar kreativ werden können und nicht mehr leicht vom Menschen unterscheidbar sind. Letztendlich werden Roboterfabriken auch von Robotern geführt werden. Das wird den Kapitalismus auf die Spitze treiben.

Der Roboterwissenschaftler Hans Moravec geht davon aus, dass Roboter um 2050 autonom agieren, vielleicht sogar kreativ werden können.

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Was heißt das?

Der Roboterboss entschärft das Dilemma, dass steigende Produktivitätsgewinne immer weiter steigen müssen, damit entgehender Profit durch billiger werdende Produkte kompensiert wird. Der Roboterboss wird nichts für sich selbst entnehmen, sondern alles für das Dasein des Unternehmens reinvestieren. Das Dasein wird wichtiger als der Profit.

Sie teilen die Auffassung, dass die Menschen in Zukunft nicht mehr notwendigerweise in Staaten zusammenleben, sondern neue Formen des Zusammenlebens finden?

Nach Moravec werden sich die Menschen zu Communitys oder Tribes, stammesartigen Gebilden, mit Gleichgesinnten zusammenschließen. Die Menschen finden sich über das Netz und wollen aber dann auch im Normalraum zusammenleben und der Tyrannei des Geburtsortes entgehen. Mit einer bewussten Migration könnten so ganze Städte und Länder entstehen, wie das Silicon-Valley-Beispiel zeigt. Paypal-Gründer Peter Thiel etwa hat schwimmende Städte für eine digitale Community gefordert. Dahinter steckt der Wunsch, eigene geografische Plätze zu schaffen, in denen sich virtuelle Beziehungen real verfestigen und Freiräume für gesellschaftliche und technologische Gegenentwürfe verwirklichen lassen. Diese Tribes werden nun versuchen müssen, Roboterfabriken anzusiedeln, damit sie Steueraufkommen erzeugen und so ihren Mitgliedern ein Grundeinkommen zahlen.

Wie passen große, weltumspannende Unternehmen, die es heute schon gibt, in diese Vision? Beispielsweise Google und Facebook?

Monopolisierung wird im Wirtschaftssystem der Zukunft zu einer großen Herausforderung. Das beobachten wir schon heute, wo das wirtschaftliche Handeln ja zunehmend über Plattformen abläuft. Diese funktionieren dann am besten, wenn sie möglichst monopolistisch agieren können. Nur so finden sie viele Nutzer. Beispielsweise werden die Automobilhersteller künftig Mobilitätsplattformen anbieten. Aber wie viele wird es auf der Welt dann geben? Für jede Marke eine oder vielleicht doch eher eine Plattform für alle? Der Nutzer würde sicherlich eine einzige Plattform präferieren, auf der alle Angebote zu finden sind. Es könnte also eine Hand voll weltumspannender Unternehmen geben, die gut reguliert und kontrolliert werden müssen, wenn dies dann noch geht.

Aber ist der Wegfall von Vielfalt nicht fatal?

Doch. Die neomarxistische These von Michael Hardt und Antonio Negri, dass die Gesellschaft eine »Multitude« aus Individuen sei, die nicht auf Klassen und Schichten reduziert werden kann, widerstandsfähig sei und Alternativen aufbaue, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Das zeigen uns die Beispiele von Wikileaks und Edward Snowden: Trotz aller Enthüllungen schafft es die Multitude nicht, diese Fehler zu korrigieren. Im Gegenteil, die Menschen sind mit den Plattformen und Technologien so verwoben, dass ihnen Kritik schwerfällt, sie kritisierten sich sonst ja auch selbst. Außerdem ermöglichen die neuen Technologien nach wie vor eine gewisse Freiheit und Kreativität. Dass diese Möglichkeiten im Hintergrund gesteuert werden, muss zunächst nicht auffallen oder stören.

Die Menschen sind mit den Plattformen und Technologien so verwoben, dass ihnen Kritik schwerfällt.

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Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach tun?

Sie müsste aktiver den digitalen Wandel gestalten. Aber die Politik hat sich zurückgezogen auf eine Position, in der nur noch regulierend auf Prozesse reagiert wird. Leider tun das auch viele wichtige Akteure wie die Gewerkschaften. Crowdworker einerseits, aber auch genossenschaftliche, nachhaltige und ökologische Start-ups und Plattformen etwa bräuchten jetzt Unterstützung, da sie kein Kapital bekommen. Es käme heute darauf an, eine arbeitnehmerfreundliche Organisation zu bauen. Gewerkschaften haben oft versucht, die Zukunft der Arbeit durch abstrakte Zukunftsstrategien, Studien, Gutachten, Seminare, Lobbyarbeit oder ähnliches in den Griff zu bekommen. Aber das reicht nicht. Es braucht konkrete Ideen, wie man doch noch einen Sektor der Peers aufbauen will: To resist is to create!

Was bleibt vom Aufbruch der Peers?

Vielleicht eine etwas andere Art der Arbeit. Weltweit wollen Menschen eine Tätigkeit ausüben, die ihnen sinnvoll erscheint und auf die sie Lust haben. Sie fordern auch eine größere Zeitsouveränität ein. Es könnte insofern eine Welt entstehen, in der der Einzelne seinen Talenten und Neigungen folgen kann. Wenn heute schon die Weichen für soziale Absicherungsmaßnahmen etwa durch eine Automatisierungsabgabe oder Robotersteuer getroffen werden, kann die Arbeitswelt von morgen vielleicht sogar eine moderatere sein. Künftig könnte es einfacher sein, Experimente auszuprobieren und Innovationen hervorzubringen – und mit vielen Gleichgesinnten zu entwickeln. Das ist für das Individuum die Chance auf Anerkennung und Wertschätzung.

 

Das Interview erschien in der OXI Novemberausgabe.

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Das Interview führte:

Tina Groll