Wirtschaft
anders denken.

Runter von der Couch

Der Verlust von Grundsicherheit und die Freiheit der Selbstausbeutung bestimmen immer mehr die neue Arbeitswelt, sagt der Sozialpsychologe Heiner Keupp. Es leiden auch die Quellen des Widerstands.

09.12.2016
Foto: privat
Heiner Keupp ist ein deutscher Sozialpsychologe und emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forschte vor allem zu Problemen der individuellen und kollektiven Identitätsbildung. Sein Begriff der »Patchwork-Identität« wurde durch breite Medienberichterstattung populär.

Zum Thema Arbeit und Gefühl fällt einem als erstes Taylorismus ein, als Zeichen der Moderne und der Industriegesellschaft. Und Taylorismus als stupides durchgetaktetes Arbeiten kam dem Abschied von allen Gefühlen gleich. Vertragen sich Arbeit und Gefühl nicht?

Keupp: Arbeit war ja nicht immer Industriearbeit gewesen. Viele Handwerker hatten und haben eine riesengroße Freude bei dem, was sie schaffen. Wenn sie den Menschen eigene schöne Produkte anbieten können. Ich habe das sogar noch bei den Porzellanarbeitern erlebt. Ihren ungeheuren Stolz, wenn dann ein Rosenthal-Geschirr im Schaufenster stand. Da sagte mir einer, der am Ofen gearbeitet hatte: Das haben wir gemacht. Da war noch so etwas wie ein Produzentenstolz. Arbeit war also nicht immer und notgedrungen entfremdete Arbeit. Auch in der Lohnarbeit des Kapitalismus konnten Arbeiter immer wieder ihre Fähigkeiten und ihre Wünsche nach einer guten Arbeit unterbringen. Obwohl die Arbeitsbedingungen diese Freude dann schon erheblich eingeschränkt haben.

Wie haben die Menschen auf diese Einschränkungen reagiert?

Es entstand eine Zweiteilung: Arbeit ist das eine, sie ist notwendig, um das Leben, die Familie zu finanzieren. Aber die Menschen begrenzten sich freiwillig und sagten sich, wir dürfen nicht erwarten, dass wir da unsere inneren tiefen Wünsche und Gefühle verwirklichen können. Dieses andere macht man dann in der Freizeit, wenn man denn welche hatte, und in der Familie. Wenn wir uns erinnern: Arbeit war zu Beginn der Industrialisierung – also lange vor der Stechuhr – mit Zwang, Druck, Überwachung, Drill, auch Bestrafung verbunden. Und noch früher wurden die Menschen in Arbeitshäusern zum Arbeiten buchstäblich abgerichtet. Weil die Menschen nicht zehn, zwölf Stunden an einem Ort verbringen wollten, den sie sich nicht ausgesucht hatten, um dort eine Arbeit zu verrichten, die sie sich auch nicht ausgesucht hatten. Als Gefühle gab es dort natürlich nur Hass, Wut, Frust. Die Insel in diesem Hass war die eigene Qualifikation: Ich habe hier gut gearbeitet, ein gutes Produkt hergestellt. Diese Insel schrumpfte natürlich mit der Zeit, je kleinteiliger die Produktion zerlegt wurde – siehe unser Stichwort: Taylorismus –, und der Beschäftigte die Herstellung des Produktes dann gar nicht mehr überschauen konnte.

Gefühle gab es also auf der Seite des Protestes gegen die Arbeitsbedingungen. Auf der Seite der effektiven Produktion waren die kühle Kalkulation, der Drill. Erst heute ist den Unternehmen der ganz große Schritt gelungen: die Gefühle für die Produktion zu mobilisieren.

Das ist richtig. Aber darf ich, bevor wir hier weitermachen, noch auf eine Form der Arbeit aufmerksam machen, die immer sehr nahe an den Gefühlen ist: die Arbeit mit Menschen wie Pflegearbeit oder Jugendarbeit. Oder die Arbeit der Stewardessen, der Bankangestellten am Schalter, die von ihren Unternehmen alle gezwungen werden, nicht nur höflich, sondern gewinnend, nett, freundlich und zugewandt zu den Kunden zu sein. Auch zu denen, die man unmöglich und unfreundlich empfindet, die vielleicht im Flugzeug einfach ihren Dreck liegen lassen, weil sie wissen, die räumt das schon weg. Wenn man das einen ganzen Tag machen muss, entsteht Überforderung. Das ist eine Entfremdung ganz besonderer Art. Und das ist im Zweifel psychisch anstrengender als eine auch sehr belastende Fließbandarbeit, denn ich muss meine Gefühle optimal den ganzen Tag für das Unternehmen produktiv einbringen.

Macht es überhaupt Sinn zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kognition und Emotion so strikt zu unterscheiden, wie wir dies tun?

Ursprünglich waren dies in der Psychologie tatsächlich getrennte Sphären. Bis es dann zu immer mehr Brückenschlägen zwischen diesen beiden Bereichen kam beziehungsweise diese erkannt wurden. Denken Sie an die emotionale Intelligenz oder an den Alltagsspruch, ich habe nach meinem Gefühl entschieden. An Entscheidungen knüpfen wir den Anspruch, sie werden nach rationalen Vernunftsüberlegungen gefällt. Mein Psychologie-Lehrer Alexander Mitscherlich sprach immer von der Logik der Gefühle. So bin ich auch schon lange der Meinung, diese Trennung zwischen Logos und Emotion, die stimmt so nicht.

Man sagt doch oft jungen Leuten vor der Berufswahl, Du kannst das nicht rational entscheiden, es muss für Dich stimmen. Und stimmen heißt: Das ist eine Mischung aus Kognition und Emotion. Gefühle spielen bei Entscheidungen eine Rolle und wenn sie auch nur das Vorflimmern einer rationalen Entscheidung sind. In Fragen der Liebe und der Partnerschaft sowieso, aber auch in der Politik.

Ich bin schon lange der Meinung, diese Trennung zwischen Logos und Emotion, die stimmt so nicht.

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Brauchen Entscheidungen nicht unbedingt Gefühle? Denn wenn ich alle Gründe zu Ende prüfe und es käme dann nichts mehr, dann bräuchte ich doch gar nicht mehr entscheiden – die Prüfung und Berechnung wäre die Entscheidung. Also muss ja noch etwas kommen, das die Entscheidung ausmacht, und das ist doch etwas Irrationales. Oder?

Ja. Nur würde ich das nicht irrational nennen. Aber unsere kulturelle und soziale Prägung führt uns quasi zu Entscheidungen und spielt bei ihnen oft eine ausschlaggebende Rolle. Ich werde beim selben Thema vermutlich andere Entscheidungen treffen als Sie, weil ich anders aufgewachsen und erzogen worden bin. Das macht eine moderne Existenz aus. Deshalb können wir die beiden Bereiche Vernunft und Emotion letztlich gar nicht strikt trennen, sie gehen ständig ineinander.

Zurück zu unserer Dimension der Arbeit: Wir hatten bis in die achtziger Jahre einen Wohlfahrtsstaat und eine Aufstiegsgesellschaft und seit den neunziger Jahren den Neoliberalismus verbunden mit einer Abstiegsgesellschaft, wie das Oliver Nachtwey nennt. Was hat das mit den Gefühlen gemacht?

Wir müssen noch eine Zwischenetappe festhalten. Die Menschen wissen heute, sie müssen sich mit allen Fähigkeiten und allem Engagement in die Arbeitswelt einbringen. Du sollst Dich einbringen, das wird von den Beschäftigten verlangt. Und zwar wird dieser Anspruch bewusst so allgemein formuliert, damit die Menschen von vornherein alles mobilisieren, was sie zu bieten haben, und nicht nur einen Teil. Die Welt des Taylorismus, in der nach Direktiven gehandelt wurde, in der vorgegebene Schritte vollzogen wurden, die ist beendet. Vorgegebenes und Angefordertes zu erledigen, das reicht schon lange nicht mehr. Das ist zum einen für die Beschäftigten ein attraktives Angebot, weil das Freude machen kann. Es ist aber ebenso eine große Falle, weil die Arbeit einen so verschlingen kann. Daraus entsteht, wie wir heute auch wissen, eine neue Form von Ausbeutung. Du weißt ja nie: Wann habe ich genug von mir hergegeben, reicht es jetzt oder doch noch nicht. Und dann kommen von der Seite des Unternehmens die Angebote: Hier kannst Du Dich noch selbstoptimieren, hier kannst Du lernen, wie Du Dein Team noch optimaler leiten kannst. Das prägt das neoliberale Grundmodell der Arbeitswelt. In dem stecken beide Seiten: Ich kann meine Kreativitäten einbringen, bin dadurch zufrieden und zugleich ist dies eine neue Art der Ausbeutung, die mich in die Erschöpfung treiben kann. Entscheidend ist: ich bin nicht nur Opfer, wie bisher vielleicht, Opfer bestimmter Umstände und von bösen Kapitalisten, ich bin jetzt auch Täter. Täter, wenn ich über die Grenzen meiner Belastung hinausgehe. Denn es ist ja meine eigene Motivation, die mich zur Grenzüberschreitung getrieben hat.

Was macht ein solcher Neoliberalismus mit den Gefühlen der Menschen? Und zum Vergleich: Wie ist es in einem klassischen Wohlfahrtsstaat um die Gefühle bestellt?

Es gibt den Begriff von der Ruhe des Wohlfahrtsstaates. Er gibt Dir ein Gefühl, Du bist sicher, Du kannst nicht abstürzen, Du bist gegen existenzielle Risiken zuverlässig gesichert. Die Menschen ruhen mehr in sich. Sie arbeiten vermutlich in einer solchen Atmosphäre auch produktiver, weil sie nicht von destruktiven Ängsten getrieben sind. Das war bis vor etwa 25 Jahren die prägende Gefühlswelt und seither nicht mehr. Jeder weiß heute, er kann auch ganz abstürzen, alle Sicherungssysteme sind löchriger geworden. Den Menschen ist mehrheitlich das Gefühl einer Grundsicherheit verloren gegangen. Abgesehen man ist Beamter, Lehrer, Hochschullehrer und damit unkündbar oder hat auf eine andere Art und Weise, etwa wegen einer hohen Erbschaft, eine materielle Sicherheit, die einem dann auch eine psychische Sicherheit verleihen kann.

Warum akzeptieren denn viele Menschen hier bei uns, dass es diese Unsicherheiten gibt, an denen viele Junge und Alte, Frauen und Männer ja sichtbar scheitern? Wir haben gerade in Deutschland so viele materielle Güter, dass solche Unsicherheiten recht schnell in sichere Verhältnisse umgebaut werden könnten.

Wir haben schon so etwas wie eine >Gehirnwäsche< hinter uns. Das muss man so hart sagen. Die hat natürlich im engen Sinne so nie stattgefunden. Aber es gab über Jahrzehnte eine systematische ideologische Engführung unserer Wert- und Weltvorstellungen. Und dazu gehört die feste Überzeugung bei den meisten Menschen: Wenn heute einer oder eine aus dem System herausrutscht, dann muss der oder die etwas falsch gemacht haben. Wenn über Arbeitslosigkeit debattiert oder von Medien berichtet wird, dann wird doch stark psychologisiert: Ja, der hat sicher sein Leben nicht im Griff, hat sich nicht genug angestrengt. Es ist ähnlich wie bei denen, die eine Arbeit haben und die sich unaufhörlich einbringen sollen: Es entsteht im Menschen ein Bild von Anforderung, es ist nie genug, und wenn es am Ende nicht gelingt, entweder das Projekt im Unternehmen mit Erfolg zu Ende zu bringen oder im anderen Fall endlich wieder eine Arbeitsstelle zu bekommen, dann war es doch der Einzelne, der allein die Schuld trägt. Das ist in beiden Fällen schon eine teuflische Falle.

Es gab über Jahrzehnte eine systematische ideologische Engführung unserer Wert- und Weltvorstellungen.

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Schauen wir auf die Familie: Da hat es einen Prozess der Monetarisierung gegeben, Sie sprechen sogar von einer Verbetriebswirtschaftlichung. Was macht das mit den Gefühlen?

Familie ist erst einmal für die meisten Menschen etwas Besonderes. Dort sollen die echten Gefühle herrschen. Im Gegensatz zu den öffentlichen Räumen, wo wir fast allen unterstellen, nicht nur den Politikern, es gehe ihnen allein um ihre Selbst-Inszenierung, also sich zur Schau zu stellen. Das ist übrigens kein neues Phänomen. Forscher haben bereits im 17. Jahrhundert darüber gearbeitet und dabei auf den Meeresgott Proteus aus der griechischen Mythologie verwiesen, der nicht nur die Gabe prophetischen Wissens besaß, sondern auch die sprichwörtlich gewordene Fähigkeit zur spontanen, polymorphen Gestaltverwandlung. Weil er sein prophetisches Wissen nicht weitergeben wollte, versuchte er allen Fragen zu entkommen, indem er verschiedene Gestalten annahm. Das machte ihn zu einem Meister der Verwandlung. Er war also letztlich auch eine tragische Figur.

Welche Rolle spielt diese Figur denn heute, in der Welt der Inszenierung?

Heute wird diese Figur, auch als sogenannte proteische Karriere, aufgenommen, da sie gut illustriert, was von den Menschen im Arbeits- und Wirtschaftsleben verlangt wird. Sie sollen viele Rollen einnehmen, sich permanent auf neue Situationen einstellen und sich dafür immer wieder verwandeln. Dieses Sich-Ständig-Neu-Erfinden-Müssen, das ja oft als positive Fertigkeit dargestellt wird – mit Hochachtung in der Stimme wird davon gesprochen, wie sich ein Politiker oder Wirtschaftsmanager >neu erfunden< habe -, birgt ein hohes Depressions-Potenzial in sich. Denn so geht den Menschen nach und nach das eigene Koordinatensystem verloren. Sie wissen dann buchstäblich nicht mehr, wer sie wirklich sind.

Im Unterschied dazu: Menschen, die von sich ein klares eigenes Bild haben, die wissen, was sie von ihrem Leben wollen, die sind sehr schnell draußen, wenn da eine Arbeitswelt ist, die immer will, dass man sich umstellt, neu erfindet. Denn die Leute mit einem klaren Bild von sich – man könnte auch sagen: mit einer Haltung –, können sich nur in dieser Welt behaupten, wenn ihr Bild und das, was das Unternehmen gerade will, wenn das zusammenpasst. Oder sie können vielleicht noch überleben, weil ihnen eine Ecke zugewiesen wird, in der sie nicht weiter stören. Deshalb können Menschen, die gleich gar kein eigenes Bild von sich haben, viel leichter Karriere machen oder sich gut in der Arbeitswelt halten. Und das lernen die Menschen, dass diese enormen ständigen Anpassungen geleistet werden müssen. Sie verinnerlichen es, das muss von ihnen gar nicht mehr erzwungen werden. Die Menschen wollen sich und den anderen zeigen, das kann ich. In dem Sinne geben sie sich selbst zugunsten der geforderten Rollen auf, um entweder Karriere zu machen oder wenigstens nicht ausgegrenzt und isoliert zu werden. Und das bezeichne ich als das neoliberale Subjektregime.

Und wenn ich meine Haltung nicht anpasse, das sogar verinnerliche: Dann muss ich doch in Widerstand zu diesen Erwartungen gehen. Oder?

Ich habe lange in der Psychiatrie gearbeitet. Da haben sie es mit Menschen zu tun, die von der sogenannten Normalwelt als >Verrückte< oder >Spinnerte< bezeichnet werden. Dabei sind das oft Menschen, die einfach nur bestimmten Erwartungen nicht entsprechen und sich in ihrem Widerstand gegen diese Erwartungen nicht beirren lassen. Die Frage der Identität ist deshalb heute mehr denn je entscheidend. Wie gehe ich mit Erwartungen an mich um? Junge Menschen sind oft stark daran orientiert, Erwartungen, die an sie gerichtet werden, zu erfüllen. Das ist dann die lobend erwähnte pragmatische Jugend. Und diejenigen, die für sich eine eigene Identität entwickelt haben, auf der er und sie auch beharren, die können sehr schnell isoliert sein, werden als deviant und therapiebedürftig bezeichnet …, und das registrieren die anderen wiederum sehr genau, aha, also so darf ich nicht werden … .

Man wird Nobelpreisträger oder Psychiatrie-Insasse…

Genau. Und wer den Erwartungen von außen entspricht, der wird vielleicht beruflich lange erfolgreich sein, aber dieser Mensch ist über kurz oder lang gar nicht mehr in sich zuhause. Wer aber alle Erwartungen seiner Umwelt ignoriert und sich in seinen eigenen Ideen einkapselt, verliert Kontakt und Anerkennung seiner Lebenswelt. Es geht immer um die Herstellung einer Balance von innerer und äußerer Welt. Das ist die Aufgabe unserer alltäglichen Identitätsarbeit. Es ist richtige Arbeit, eine gut ausbalancierte Identität zu finden. In meiner Familie gab es viele Theologen. Ich sollte auch einer werden. Ich hatte schon als Zweijähriger von meinem Großvater einen Talar angelegt bekommen. Ich wollte das nicht und so waren diese Erwartungen eine große Last für mich. Damals gab es eben vorgegebene starke Identitätsmuster, von den Kindern wurde verlangt, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Das gab Dir Identität, Sicherheit, aber alles basierte auf Zwang. Das hat sich wesentlich geändert, weshalb bei jedem die Arbeit hängen bleibt: Was passt zu mir? Das muss und darf jeder und jede für sich klären. Das ist eine Freiheit und kann eine Last sein. Heute taucht diese Frage immer wieder auf, Identitätsarbeit begleitet uns ein Leben lang.

Dann können ja die Menschen glücklich sein, die die Möglichkeit haben, sich gemeinsam mit anderen gegen Verhältnisse und Erwartungen aufzulehnen, und die ihre Identitätsarbeit nicht alleine leisten müssen.

Früher war beispielsweise die 1968er Studentenbewegung für viele ein kollektiver Befreiungsweg. Damals zeigten viele, die sich einzeln schwach fühlten, gemeinsam großen Autoritäten, was sie wollten und dass sie etwas anderes wollten. Eine große Leistung. Und wer dabei war, hatte das Gefühl, es geht auch anders. Wieder ein wichtiges Gefühl.

Dann müssen also für Widerstand zwei Gefühle zusammenkommen: Es geht anders und ich bin nicht alleine.

Und: Wir können es schaffen. Also die Fähigkeit zu haben, an eine Utopie zu glauben, nicht von vornherein zu sagen, ach, das wird doch nichts. Und richtig: sich zusammenschließen. Vermutlich dieses Trio.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Zunahme persönlicher Depressionen und der Depression, in der sich diese Gesellschaft befindet, weil sie nicht mehr weiß, wohin sie will?

Da ist ein enger Zusammenhang. Die Erschöpfung der Subjekte kommt auch daher, weil sie sich durch einen für sie oft undurchsichtigen Alltag nur noch durchwursteln und keine Utopie mehr haben: keine für sich, aber sie sehen auch keine für diese Gesellschaft oder eine, die diese Gesellschaft hat. Im Alltag zu überleben, ist das oberste Prinzip geworden. Nicht nur für den Einzelnen gilt das, sondern auch für ganze Systeme wie die Wirtschaft und die Politik. Die schwätzen zwar alle über Werte, Ethik und Weltbilder, aber das ist nur Gesummse einerseits und zeigt andererseits, dass dies alles eben fehlt. Es gibt nirgends eine große Idee einer besseren Gesellschaft, um die man sich sammeln und Energie mobilisieren kann.

Es gibt nirgends eine große Idee einer besseren Gesellschaft, um die man sich sammeln und Energie mobilisieren kann.

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Ideen einer anderen Gesellschaft scheinen momentan nur Rechtspopulisten zu entwickeln. Sind Emotionen eher rechts?

Nein, auf keinen Fall. Aber auf jeden Fall haben die Rechten eine sehr konkrete Vorstellung, was sie nicht wollen. Hierzulande wollen sie keine Nicht-Deutschen. Sie mobilisieren Gefühle, wenn auch nur negative, nämlich das Gefühl betrogen zu sein und von der falschen Elite regiert zu werden. Und sie schließen sich zusammen und fühlen sich deshalb stark.

Ein zu großes Thema, kommen wir wieder zur Familie zurück.

Adorno hat bereits davor gewarnt, die Freizeit, die ja oft auch Familienzeit ist, als Freiheit zu sehen. Denn die Menschen schleppen natürlich ihre Erfahrungen aus der Arbeit und anderen Bereichen in ihre Freizeit mit. Familie gilt als das enge, vertrauensvoll gewebte Verhältnis von Menschen. Und das ist schon historisch falsch. Wenn Jugendliche heute in den Shell-Studien angeben, dass ihnen Freunde und Familie das wichtigste sind, dann sagen Konservative, ja, so ist es, die Familie ist eben unverändert die Keimzelle der Gesellschaft. Dabei wertschätzen die Menschen heute die Familie aus ganz anderen Gründen als in den fünfziger Jahren. Damals war das Norm. Wer keine Familie hatte, mit dem stimmte etwas nicht. Der verkappte Schwule, der Blaustrumpf, der Hagestolz. Das hat sich sehr verändert. Es gibt einerseits Alternativen zur Familie und die Familie selbst hat sich sehr verändert. Heute ist Familie der Ort, von dem alle hoffen, dass die Beziehungen dort nicht entfremdet sind. Die Erfahrung zeigt jedoch: Die Familie ist nicht die große Alternative zum >anderen Leben<, denn die Prinzipien des Kapitalverhältnisses sind inzwischen in alle Beziehungen eingedrungen. Man achtet, nicht nur, aber auch in der Familie auf den eigenen Nutzen, man wägt seine Worte ab und ist nicht vorbehaltlos offen. Familie ist heute ein Verhandlungs-Haushalt geworden, in dem verschiedene Interessen ausgehandelt werden. Familie ist heute eine Option und keine Zwangsgemeinschaft mehr, sie kann gelingen oder scheitern. Alle müssen ihre eigenen Arrangements finden. Die dauerhafte Gemeinschaft kann es gar nicht mehr geben.

Fördert diese Familie eher die Anpassung an die Verhältnisse in Gesellschaft und Wirtschaft? Oder eher das Rebellische und Widerständige?

Wie Erich Fromm das schön beschrieben hat, die Familie ist immer auch eine Agentur der Gesellschaft. Also Erwartungen der Gesellschaft werden über die Eltern an das Kind weitergegeben. In den oft subtilen Prozessen, in denen Kindern vermittelt wird, was sich Eltern wünschen, wird die Verinnerlichung von bestehenden Normalitäten gefördert. Das ist die Regel, denke ich. Wir kommen nicht mit biologisch festgelegten Handlungsmustern zur Welt. In uns steckt auch das Potential für ein eigenständig-kritisches Weltverhältnis. Die Familie hat also immer die Option, auch Ort des Widerständigen zu sein. Klar. Diese Option liegt auch in den Händen der Eltern. Eltern wissen ja, welche Herausforderungen rebellische Kinder darstellen. Aber nicht nur Gehorsam von ihnen zu verlangen, sondern auch deren eigenen Kopf und Eigenwilligkeit wertzuschätzen. Mir ist noch ein anderer Gedanke wichtig, den ich meinem Frankfurter Lehrer Max Horkheimer verdanke. Er fragte sich, woher wir überhaupt die Vorstellung haben, dass es eine nicht-entfremdete bessere Welt geben könnte, die immer die Utopien der Menschheit ermöglicht hat. Er sieht dafür den Ursprung in der frühen Kindheit, in der Menschen von ihren Eltern in ihrem Sosein uneingeschränkt akzeptiert und meist auch geliebt werden. In diesen frühen Jahren können Hoffnungen und Befürchtungen noch nicht an gesellschaftlichen Normen gemessen werden. Bald danach greifen dann Erwartungen an das älter werdende Kind in seine Entwicklung ein.

Selbstbewusste Menschen können auch nur egozentrisch sein. Deshalb: Wie entwickelt sich Widerstandskraft aus Selbstbewusstsein?

Menschen, die in der Lage sind, ihre Probleme und Grenzerfahrungen mit anderen zu teilen, sind danach in der Lage, sich mit ihnen und anderen zusammenzuschließen und gemeinsam zu etwas Nein zu sagen. Alleine ist man schnell isoliert oder wird depressiv oder wird das zweite, weil man das erste ist. Das ist ja auch ein Teil des alltäglichen Neoliberalismus: Auch wir erzählen uns meist unsere Siegergeschichten, die Erfolge und nicht die Niederlagen. Ich will jetzt nicht übertreiben: Aber am Montag in der Münchner U-Bahn frühmorgens sehe ich zu viele unzufriedene oder gar unglückliche Gesichter, vermutlich nicht nur, weil sie jetzt zur Arbeit müssen, sondern weil das Wochenende doch nicht so toll war. Aber sie werden davon niemandem erzählen. Weil wir unter uns Scheitern gegenseitig nicht anerkennen und uns lieber die Siegergeschichten erzählen, allein das hindert uns schon daran, Widerständiges zu entwickeln. Das gilt für uns als Personen, das gilt aber auch für Organisationen. Auch Gewerkschaften, Parteien, Verbände leben von Siegergeschichten, dafür haben sie ihre PR-Abteilungen. Mit diesen Abteilungen wollen sie gut dastehen und stark werden. Das Gegenteil ist der Fall: So lähmen sie sich. Weil jeder und jede ahnt, das stimmt nicht.

Auch wir erzählen uns meist unsere Siegergeschichten, die Erfolge und nicht die Niederlagen.

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Was stiftet Ihnen Hoffnung?

In meinem beruflichen Umfeld, in den Fachgesellschaften nimmt das Gefühl zu, dass es nicht mehr reicht, sich um die kaputte Seele zu kümmern. Es wächst das Bedürfnis, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum gibt es inzwischen so viele kaputte Seelen. Das ist mir ein Anliegen, dass wir, die Psychologen und Psychotherapeuten, schärfer darüber reden, was das mit unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. Das heißt, auch wir Psychologen müssen wieder runter von der Couch und uns um die politischen Umstände kümmern. Bei uns bewegt sich da gerade was. Und es gibt eine zweite Quelle der Hoffnung: Nicht nur in der Willkommenskultur für Geflüchtete, die ich in München im vergangenen Jahr und bis heute erlebe, sondern auch in dem gewachsenen Potential zivilgesellschaftlichen Engagements. Das wirkt sich nicht nur in handlungsmächtigen Antworten auf Pegida oder TTIP aus, sondern in vielfältigen Initiativen zur Bewältigung von Alltagsproblemen, die oft von der Politik noch gar nicht verstanden werden.

Eine Kurzfassung des Interviews finden sie in der Dezemberausgabe von OXI zum Thema Wirtschaft und Gefühle.

Das Interview führte:

Hans-Jürgen Arlt

Professor für strategische Organisationskommunikation