Wirtschaft
anders denken.

Russland fern fernOst: Innovations- und Denkenklave

28.08.2017
Skolkovo Gruppe interessierter Unternehmerinnen und INvestorenFoto: Skolkovo Foundation SkolkovoDay 2017: Werben um UNternehmerinnen und INvestoren für das russische Silicon Valley

Russland – ein Sehnsuchtsort, den kaum jemand besucht. Ist er es am Ende genau deshalb? Russland – so weit und doch so nah. Russland – Energie- und Großmacht. Stimmt das überhaupt? Russland – das größte Land der Erde. Die Föderation besteht aus neuerdings 84 plus eins Subjekten und tatsächlich mehr als zwei Städten. Russland – reich und arm. Die durch die verheerende Wirtschaftslage und Korruptionsvorwürfe ausgelösten Demonstrationen haben bisher kein Ausmaß erreicht, das die Kremlelite einschüchtern würde. Russland – erklärungsbedürftig.

In dieser Artikelserie sollen einige Schlaglichter auf verschiedene gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Phänomene und Entwicklungen in der Russländischen Föderation geworfen werden. Die Serie versucht nicht, eine Antwort auf die ewige Frage Quo vadis? zu geben, wohl aber einige Hintergründe zu beleuchten.

Teil 4

Das russische Silicon Valley Skolkovo

Wenig wird zu Skolkovo (Sk) – dem Lieblingsprojekt des unter Korruptionsvorwürfen stehenden Ex-Präsidenten Medvedev – berichtet. Selbst in russischen Medien wie der oppositionellen Nowaja Gazeta wird zum Teil jahrelang nichts über das als russisches Silicon Valley apostrophierte Innovationszentrum Sk geschrieben. Werden der Technopark, der Hypercube und weitere inzwischen am westlichen Stadtrand von Moskau raumschiffgleich gelandete bunte Würfel nicht ernst genommen? Tut sich in der vom russischen Oligarchen und Schweizer Investor Viktor Vekselberg geführten Innograd tatsächlich nichts, über das man informieren könnte? Was geschieht in dieser selbsternannten Open City, die bei Streetview nicht zugänglich und sechs Jahre nach Baubeginn noch von Baustellen übersäht ist?

Zumindest ist die Planung üppig und alljährlich werden aufwändig gestaltete Jahresberichte veröffentlicht. Skolkovo präsentiert sich modern, weltgewandt und global bestens vernetzt. Schon der Co-Präsident ist mit Craig Barrett ein Amerikaner und Ex-Intel-CEO. Partnerschaften unterhält die Forschungsoase mit internationalen und nationalen Größen aus Wirtschaft und Wissenschaft: Boeing, Cisco, Microsoft, Siemens, TNK-BP, Rosatom, IBM, Intel, Lukoil, Nokia, Sberbank. Die Liste grundsätzlich Interessierter ließe sich fortführen. In fünf Klustern soll innoviert werden: Biotech, Energieversorgung, Kernenergie, IT, Telekommunikation und Raumfahrt. Dabei soll laut offizieller Website die russische Wirtschaft diversifiziert, ein nachhaltiges Ökosystem von Entrepreneurship und Innovation kreiert und somit eine Start-up-Kultur und Venture Capitalism ermöglicht werden.

Die Investitionsakquise, die durch die Stiftung Skolkovo vorangetrieben werden soll, verläuft allerdings schleppend. Andreas Rossbach verglich für ZEIT ONLINE die Skolkover Start-ups für das Jahr 2015 mit jenen des großen Vorbilds Silicon Valley. Zwischen San Francisco und San Jose seien 25,7 Milliarden Euro investiert worden. In die aus 850 Firmen bestehende Start-up-Gemeinschaft im Moskauer Vorort flossen derweil bescheidene 18,7 Millionen Euro. Das räumlich etwa fünfzehnmal kleinere Skolkovo erreicht somit 0,073 Prozent des kalifornischen Investitionsvolumens. Zum Vergleich: Nach dem Deutschen Start-up-Monitor 2016 von KPMG wurde 2015 in Deutschland eine gute Milliarde Euro in die gesamte Start-up-Branche gepumpt. Skolkovo steht erst am Anfang. Viktor Vekselberg verkündete vor kurzem in Davos nichtsdestotrotz gegenüber dem russischen Staatsfernsehen, die größte Innovationsstadt in Europa stehe unmittelbar vor dem Durchbruch.

Viel Image und ein paar Hoffnungen

Was tatsächlich auf dem Gelände geschieht, durch das Besucher mit E-Autos kutschiert werden, ist schwierig zu bewerten. Ob die vom Innovationszentrum einige hundert Meter weit abgelegene Management-Universität Skolkovo ihr pompös-futuristisches Gebäude und den klangvollen Namen rechtfertigen kann, wird sich zeigen. Sie wirbt mit einer Start-up-Akademie und Business-Administration-Studiengängen sowie einem Alumninetzwerk in spe. An der Hochschule wie im Innovationspark finden regelmäßig Veranstaltungen wie Skolkovo Robotics, Skolkovo Cyberday, Projekt- und Ideenwettbewerbe wie Startup-Village usw. statt.

Am greifbarsten sind bereits entwickelte Produkte einiger in Sk ansässiger Start-ups: Ein Blindenhundroboter von Oriense steht offenbar vor der Massenproduktion. Apis Cor druckte unlängst für 10.000 US-Dollar ein Haus. Ein Roboter von Promobot ist in der Lage, Moskauer Metropassagiere zu unterhalten; vierzig werden sogar in die Türkei verkauft. Eventuell zieht das erste ausländische Start-up aus Südkorea demnächst nach Innograd. Und derlei Beachtliches, aber nicht Umwerfendes mehr.

Risiken für Investoren und Unternehmen

Skolkovo ist bestenfalls Zukunftsmusik. Ob es ein Kassenschlager wird, entscheiden vor allem die Dirigenten der russländischen Wirtschaftspolitik. Sk – nicht nur eine Stadt, sondern eine Ideologie, wie der wissenschaftliche Leiter und Physiknobelpreisträger Žores Alferov philosophiert – steht dem postmodernen System Putin, das Boris Schumatsky in Der Untertan mit einer »Straßenschlägerei« vergleicht, unvereinbar gegenüber. Die Demokratie für überwunden haltend, frönt die Putin-Elite der praktizierten Neuauflage einer Nomenklatura. Ihre sowjetischen Vorgänger überbietet sie in ungeahntem Ausmaß. Die schachernde und hungrige Elitenkoalition habe kein Interesse an Innovation, meint Diplom-Ökonom Janis Kluge. Selbst ausländische Investitionen bergen über kurz oder lang zu große Risiken. In seinem Aufsatz Beschränkter Zugang beschreibt Kluge die großen politischen Risiken für Investoren und Unternehmen in der Russländischen Föderation und beklagt die fehlende Gewaltenteilung.

Auch die russische Spielart von feindlichen Übernahmen – ob staatlich, privat oder im Zusammenspiel – bringt das Investitionsklima dem Gefrierpunkt nahe, meinen die HSE-Forscher Rochlitz, Kazun und Jakovlev im denkwürdigen Artikel Unter Räubern. Diese als Rejderstvo bezeichneten Enteignungsschauspiele und die damit verbundene Rechtsunsicherheit seien die Hauptgründe für die Kapitalknappheit und die geringe Zahl an Firmenneugründungen. Zwar überführten die Akteure bisher vor allem Rohstoffe und Medien in staatliche Strukturen. Jedoch waren ebenso Telekommunikationsbetriebe betroffen. Und ist es nicht programmiert, dass andere Sparten ins Blickfeld geraten, wenn die Rohstoffrenditen zur Neige gehen? Die schwachen bzw. kastrierten Institutionen würden nach heutigem Stand kein Gegengewicht bilden, wenn etwa zukünftige Wind- und Solarindustrie beschlagnahmt würden. Zudem lässt die Außenpolitik die Wirtschaft im Allgemeinen und das inländische Geschäftsklima im Besonderen in den Hintergrund treten. Skolkovo ist ein Fremdkörper. Das Unterfangen erscheint aussichtslos – ja, um es mit Schumatsky zu sagen – »wie eine Lüge«.

Appetithäppchen in Skolkovo

Sk erinnert an die Gesellschaftskammer. Die Zivilgesellschaft sollte in dieses »von Putin ersonnene willfährige Beratungsorgan aus Stars und Sternchen«, wie es von Benjamin Bidder in Generation Putin zugespitzt formuliert ist, eingepfercht und kontrolliert werden. Sk soll nun Innovation, Managementkompetenz, kreative Köpfe und ihr freies Denken auf wenigen hundert Hektar bündeln und als Häppchenteller fungieren. Der Staat übernimmt bis zu 50 Prozent der anfallenden Kosten. Beabsichtigt ist damit die Integration der wissenschaftlichen Hochkaräter sowie der jungen, gebildeten Mittelschicht in die Vertikale der Macht. Die Renditesuchenden werden sich die schmackhaftesten »amuse gueules« vom Silbertablett picken.

Ein prominentes Beispiel ist Pawel Durovs vkontakte. Über das Facebookpendant hatten sich während der Schneerevolution 2011 Oppositionelle organisiert. Durov verweigerte die Kooperation mit dem FSB, wurde ein Rejderstvo-Opfer und emigrierte. Inzwischen schickt er sich mit dem Messenger Telegram und seinen rund 100 Millionen Nutzern an, Whatsapp Konkurrenz zu machen. Genauso wie er floh, setzt sich ein Großteil der gutausgebildeten russischen Jugend seit Jahren in die USA, nach Deutschland oder Israel ab. Auch diesem Trend soll Sk – bisher erfolglos – entgegenwirken. Das Anwerben ausländischer Spezialisten wird von den beschriebenen Risiken ebenso vereitelt.

Staatskapitalismus versus Innovationsschub

Das Innovationszentrum entspringt also der dem Kreml angenehmen, aber irren Vision, Kreativität, Erfindungsreichtum, Talent und das freie Denken kontrollierbar im Moskauer Umland zu verdichten und buchstäblich aus dem Boden zu stampfen. Die Zivilgesellschaft, wie unlängst bei den Antikorruptionsdemonstrationen in allen großen russländischen Städten gesehen, konnte trotz erheblicher Einschränkung der Versammlungsfreiheit nicht gebändigt werden. Das innovative Russland wird sich ebenso wenig einkerkern lassen. Eine patriotische Eingliederung von Start-ups ins System Putin zur Stärkung der Größe Vaterland ist zum Scheitern verurteilt. Skolkovo braucht tatsächlich freie Hand und Investitionen. Dem steht das staatskapitalistische Wirtschaftssystem auf Jahre entgegen.

Weiterführend:

Benjamin Bidder: Generation Putin. Das neue Russland verstehen. Schriftenreihe (Bd. 10008) Bundeszentrale für politische Bildung 2017, 336 Seiten

Skolkovo Community (auch auf Englisch)

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Geschrieben von:

Felix Eick

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