Wirtschaft
anders denken.

„… schlagen in Fesseln derselben um“

25.12.2019
ADN-ZB Lehmann. Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-027 / CC-BY-SA 3.0Demo auf dem Alex am 4.11.1989

Das „globale 1989“ und die Produktionsweise: Wie lässt sich das Schwellenjahr mit der Ökonomie erklären? Über Arbeitsproduktivität, Weltmarkt und das realsozialistische Scheitern im Zeitalter eines „Hightech-Kapitalismus“. Ein Beitrag aus dem Auslandsjournal „maldekstra“.

Ein kritischer Rückblick auf das „globale 1989“ sollte sich von zwei Verengungen frei machen: Erstens lässt sich die gesamte Dimension dieses „Schwellenjahres“ (Georg Fülberth) kaum begreifen, wenn man darunter vor allem oder gar nur den politischen Kollaps der sich sozialistisch nennenden Staaten versteht. Schon diesem – in seinen Ausprägungen vielgestaltigen – Umbruch liegt nicht nur das Drängen nach Demokratie, freier Entfaltung, pluralistischer Öffentlichkeit zugrunde. Zusammengebrochen sind damals nicht nur autoritäre Regime, sondern auch defekte, entwicklungsgehemmte Ökonomien. Der Verlust der Legitimation der jeweiligen Staatsparteien im Osten hatte ganz vordergründig auch damit zu tun. 

Eine zweite Verengung wäre es, das „globale 1989“ auf den osteuropäischen oder realsozialistischen Kontext und die weltweiten Auswirkungen der gravierenden Veränderungen dort zu beschränken. Erstens waren die osteuropäischen Staaten in eine schon damals immer globaler werdende kapitalistische Gesamtrealität eingebettet. Zweitens existierte ja bereits zu der Zeit auch der „globale Westen“, gespalten in einen „Süden“ und einen „Norden“ – und auch dort traten tiefgreifende, vielfältige politische Veränderungen an die Oberfläche. 

So liegt also die Frage nach einer gemeinsamen, politökonomischen Triebkraft dieser Entwicklungen nahe. „Bereits auf der Ebene der internationalen Ordnung könnten die Veränderungen kaum dramatischer sein. Wenn die UdSSR aus der Geschichte ausgeschieden ist, wenn im Gefolge ihres Untergangs die staatlichen Formierungen nationaler Befreiung und Entwicklung fast durchgängig zusammengebrochen sind, wenn die Volksrepublik China diesem Schicksal dadurch entgangen ist, dass sie in jähem Kurswechsel zu einer passiven Revolution kapitalistischer Entwicklung bei kommunistischer Parteiherrschaft übergegangen ist, wenn der fast alternativlose Kapitalismus sich globalisiert hat – all diese Erdbeben in den politisch-sozialen Regionen sind Auswirkungen der untergründigen Kontinentaldrift der Produktionsweise, deren Folgen wiederum unmittelbar als neue Voraussetzungen wirken“, so hat Wolfgang Fritz Haug diesen Gedanken einmal auf den Punkt gebracht.

Angeknüpft wird dabei an Karl Marx, der 1859 in seinem Vorwort zu „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ notiert hatte: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen“, woraufhin diese dann nicht länger „Entwicklungsformen der Produktivkräfte“ sind, sondern „in Fesseln derselben“ umschlagen. Diese werden schließlich gesprengt, „mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um“. Christof Ohm hat daran erinnert, dass Marx den hierin liegenden Begriff der Produktionsweise nicht nur auf die Gesellschaftsform insgesamt bezogen hat, sondern ihn auch zur innerkapitalistischen Differenzierung nutzt. 

Was hat das nun alles mit 1989 zu tun? Die Länder des Realen Sozialismus konnten in der Systemauseinandersetzung auf einem entscheidenden Feld nicht mithalten: „in der Entwicklung der Arbeitsproduktivität durch die Nutzung der wissenschaftlichen-technischen Revolution, vor allem in der Mikroelektronik und in der Biotechnologie“, so hat Georg Fülberth es einmal formuliert. „Hier gewann der Westen einen entscheidenden Vorsprung und manövrierte über den Weltmarkt die sozialistischen Länder aus. Der neue Produktionstyp, der mit dem Vordringen der Informationstechnologie zur Geltung kam, war offensichtlich mit den bisher in den RGW-Staaten angewandten nahezu ausschließlich zentralen Steuerungsmethoden nicht mehr vereinbar.“

Dass die „rigide-staatlichen Produktionsverhältnisse sowjetischen Musters sich allen programmatischen Reden von wissenschaftlich-technischem Fortschritt zum Trotz als unvereinbar mit der breiten Durchsetzung des Computers als neuer Leitproduktivkraft erwiesen“, ist für Haug „eine bitter-ironische Demonstration“ von Marx’ oben zitierten Gedanken. 

Doch diese „Kontinentaldrift“ machte sich natürlich nicht nur in Osteuropa bemerkbar. Von Haug als „hochtechnologische Produktionsweise“ oder „Hightech-Kapitalismus“ bezeichnet, greift sie auch im „Westen“ durch: „Die Grenzen der Nationalökonomien werden ebenso durchlässig, wie, auf andere Weise, bestimmte Grenzen zwischen transnationalen Unternehmen oder, auf der Ebene der Arbeitskräfte, die Grenzen zwischen Männer- und Frauenarbeit, zwischen Fremd- und Selbststeuerung, Arbeit und Lernen, Arbeitszeit und Freizeit.“ Träger dieser neuen Produktionsweise wird mehr und mehr „das transnationale Kapital, dessen Interessen maßgeblich sind für die neoliberale Globalisierungspolitik“, so ergänzt Frigga Haug. Im Zuge ihrer Ausbreitung wälzt die hochtechnologische Produktionsweise „die Arbeitsteilung im globalen Maßstab ebenso“ um „wie die eingespielten Teilungen im Inneren der ‚alten‘ industrialisierten Zentren“. 

Angetrieben wird dieser Prozess im kapitalistischen „Westen“ schon seit Mitte der 1970er Jahre: Hier zeigen sich verlangsamte „Akkumulation bei durchaus stabilen Profiten“ und eine „relativ geringe Beschäftigungswirksamkeit der Investitionen“, weil ein erheblicher Teil in Rationalisierungen geht, was auch technologisch – Automation, Computerisierung – den Druck auf die Seite der Arbeit erhöht und den Machthebel auf Seiten des Kapitals verlängert. Fülberth spricht hier von einem Produktivkrafttyp, die von ihm so genannte „fünfte Periode kapitalistischer Entwicklung“ ist auch von „der Niederlage der sozialistischen Länder in der Systemauseinandersetzung“ geprägt. 

Entscheidend für die Frage nach dem Erklärungswert erscheint in unserem speziellen Fall die der gegenseitigen Durchdringung. Das im „Westen“ immer mehr anwachsende Anlagekapital wanderte nicht nur – auch das ein Signum dieser „Kontinentaldrift“ – an die nun mehr und mehr entfesselten internationalen Finanzmärkte. „Eine Anlagesphäre für ‚freies Kapital‘ wurde seit den 1970er Jahren zunehmend die Kreditvergabe an Entwicklungsländer und an Staaten des Realen Sozialismus“, so Fülberth. Diese konnten die Ziele, die sie mit dieser Kreditaufnahme verbanden, oftmals nicht erreichen, wurden aber zugleich den Sanierungsvorschriften der Gläubiger unterworfen, was neue Formen der Abhängigkeit und soziale Folgen hervorbrachte.

An anderer Stelle hat Fülberth dies, mit Überlegungen von David Harvey verknüpft, als „neue ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet. Eine solche ist kein einmaliges historisches Ereignis, sondern findet wieder und wieder statt – seit dem Jahr 1989 etwa „durch die Privatisierung des staatlichen Eigentums“, einerseits in den realsozialistischen Staaten, andererseits durch Privatisierung bisher öffentlichen Eigentums im kapitalistischen „Westen“. Man kann hier von einer Nivellierung, Anpassung und Verflechtung von bisher strukturellen Klassenunterschieden der sogenannten Ersten, Zweiten und Dritten Welt sprechen. 

Eine weitere „neue ursprüngliche Akkumulation“ ist mit der Durchsetzung der hochtechnologischen Produktionsweise verbunden: Hier öffnet Wissenschaft „vorher unzugängliche Realitätsdimensionen“ und schafft dabei zusätzliche Akkumulationsbedingungen. In ganz anderer Weise, als es Angela Merkel einmal ungeschickt ausdrückte, wird die Rede vom Internet, das „Neuland“ sei, hier wahr – das Internet, von Tim Berners-Lee um das Jahr 1989 am CERN entwickelt und kurz darauf für kommerzielle Zwecke nutzbar, war „Neuland“ fürs Kapital.

Was oft als Digitalisierung bezeichnet wird, hat in seinen frühen Phasen erheblich zu dem beigetragen, was man meist Globalisierung nennt: Produktionen ließen sich ins Ausland verlagern, globale Wertschöpfungsketten wurden geknüpft, die Sphäre des Kapitals wurde internationalisiert. Karl Heinz Roth hat in diesem Zusammenhang auf eine weitere Folge der „Kontinentaldrift“ hingewiesen – er nennt sie die „Wiederkehr der Proletarität“. 

Mit anderer Betonung hat Stephan Kaufmann das Einreißen „der geografischen Schranken der Marktwirtschaft“ als Signum des „globalen 1989“ beschrieben: „Durch die Öffnung erst Osteuropas, dann Chinas und Indiens verdoppelte sich die global verfügbare Arbeitsbevölkerung“, schreibt er unter Berufung auf Berechnungen des Internationalen Währungsfonds. „Gegenüber 1980 hatte sie sich damit vervierfacht. Es war ein ‚massiver exogener Schock‘, der Machtverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit dauerhaft verschoben hat.“ 

Mario Candeias hat die Frage aufgeworfen, wann die hier beschriebene Phase einsetzt – „mit der Regierungsübernahme der neoliberalen Regierungen Thatcher und Reagan 1979/80 oder mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des ‚realexistierenden Sozialismus‘ ab 1989/90“? Ist eine solche Terminierung überhaupt sinnvoll, oder „fungiert Periodisierung nicht besser als analytische Kategorie jenseits einer Chronologie“? 

Darüber lässt sich ebenso trefflich diskutieren wie über die vielen Begriffe, die für diese neue Phase schon gefunden wurden. Dass sich um das „globale 1989“ herum etwas ökonomisch durchgesetzt hat, auf das die Fragen auch heute noch in kritischer Absicht zielen sollten, wäre damit ja nicht hinweggefegt. Man muss nicht von „der untergründigen Kontinentaldrift“ einer neuen „hochtechnologischen Produktionsweise“ sprechen, um den Blick dafür (wieder) zu schärfen, dass die Veränderungen jener weltweiten Umbruchzeit, die wir zu oft als isolierte Ereignisse wahrnehmen, doch miteinander zusammenhängen.

Foto: ADN-ZB Lehmann. Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-027 / CC-BY-SA 3.0

Dieser Text ist zuerst im Auslandsjournal „maldekstra“ erschienen, das die common eG in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgibt. Mehr Infos und Bezugsmöglichkeiten finden sich hier.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur