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Der Menschheit das Beste des Jahres 1867

25.02.2017
Foto: Dierk Schaefer / Flickr CC-BY 2.0 LizenzGuter Anlass für westliche Selbstbespiegelung anno 2017.

Der Jahresbeginn ist ein beliebter Anlass westlicher Selbstbespiegelung. Wer Marx und seine These über die Lernfähigkeit von Gesellschaften nicht ignoriert, versteht Zusammenhänge zwischen 1867 und 2017

Der Jahreswechsel ist ein beliebter Anlass westlicher Selbstbespiegelung. Die großen Bösewichter und Katastrophen werden in feinen Bildchen und Textchen gegen das Glück der Gewinner, der Guten und Tüchtigen abgewogen. Warum nicht einen historischen Spiegel bauen, mit dem man weiter zurückschauen kann? Sagen wir bis zu den Wirren der Industrialisierung im 19. Jahrhundert: Karl Marx und Friedrich Engels waren es, die damals voraussagten, dass der Kapitalismus in ökonomische Konzentrationsprozesse münden werde, in der immer größer werdende Unternehmen um immer mehr Macht ringen. Wenn wir unseren gesellschaftlich-historischen Spiegel blank putzen, erblicken wir darin heute die Herrschaft von 1300 Unternehmen, die 80 Prozent der globalen Wertschöpfung auf sich vereinen. Die Visionen von Marx und Engels scheinen sich zu bestätigen.

Marktwirtschaftler würden nun empört entgegenhalten: »Aber wir haben doch die Soziale Marktwirtschaft und die Umverteilung!« Damit haben sie teilweise recht. Aber in unserem Jahrhundert-Spiegel scheint es so, als habe sich der Kapitalismus in seiner schädlichsten Form als Gesellschaftssystem bloß eine kurze Ruhephase gegönnt, in der er sich durch den Sozialstaat drosseln ließ. Dieses Erbe der Reformer in Schweden, Deutschland und Österreich wurde ab 1990 langsam zurückgebaut.

Marx und Engels sagten voraus, dass der Kapitalismus in ökonomische Konzentrationsprozesse münden werde.

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Der ideologische Konkurrent war mit dem Unter­gang der Sowjetunion verlorengegangen und mit dem Gegner hatte man gleich auch die Selbstkritik versenkt, die den Kapitalismus lern- und anpassungsfähig gemacht hatte. So verursachte der Verlust des Konkurrenten auf der Seite der »Gewinner« eine leere Uniformität des ökonomischen, politischen und philosophischen Denkens. Ihrer Einöde entsprechend feierte diese Welt mit Francis Fukuyama schon Das Ende der Geschichte.

In unserem Spiegel war dieser Festakt letztlich der Beginn eines geistigen Leidensweges. Der Triumph der niederen Instinkte gegen das Sublime erreichte mit der Bankenrettung, der Austeritätspolitik, dem Brexit und den US-Wahlen erste Höhe- oder besser Tiefpunkte. Tatsächlich scheint sich die Vision des düsteren Kinoblockbusters The Hunger Games zu bewahrheiten. Die Realität der Menschen wird gefüllt mit Kämpfen und Hassprojekten: Sie laufen in unserer Realität unter den Schlagzeilen Flüchtlinge, Eliten, Sozialschmarotzer, Griechen, Schlepper, China, Mexiko etc… Und während sich die Menschen an diesen Geschichten aufreiben, vollendet das Kapital jenseits der Illusionen von Gut und Böse sein Verteilungswerk – und vielleicht sind sich die Kapitalisten dessen selbst nicht einmal bewusst.

Die Realität der Menschen wird gefüllt mit Kämpfen und Hassprojekten.

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Der Historiker Helmut Reinalter hat eine ähnliche Entwicklung in der Zeit der Industriellen Revolution ausgemacht. Auch damals standen einander Zukunftshoffnung und Pessimismus samt Verschwörungsdenken gegenüber. Erst diese Gemengelage, so Reinalter, führte zu den Krisen des 20. Jahrhunderts. Wenn die These von jahrzehntelangen historischen Prozessen, die in Krieg und Zerstörung münden, zutrifft, könnte einem an der Schwelle zum Digitalzeitalter schon einmal mulmig werden. Nicht vor den realen Gefahren, sondern vor jenen Krisen, die aus dem Irrationalen unserer Angst-Politik und der Enttäuschung über eine FortschrittsiIllusion entstehen.

An der Schwelle zu diesem neuen Jahr könnte die Erkenntnis stehen, dass sich das System und seine Proponenten in einer Art »Vorwärtspanik« befinden, in der die Weitsicht zum Tunnelblick wird und der nächstliegende Moment, die nächste Sekunde zur alles entscheidenden Zukunft geadelt wird, auf die hin sämtliche Entscheidungen getroffen werden. Im Zeitalter des digitalen Materialismus wird das System allerdings nicht, wie von Marx und Engels vorausgesehen, die Chance zu Sozialismus und Kommu­nismus haben. Diese Chance wird in den Katastrophen des Klimawandels untergegangen sein. Aber gerade diese katastrophalen Aussichten vermitteln Hoff­nung: dass sich der Mensch im Blick des historischen Spiegels nicht auslöschen wird, weil er weit in der Vergangenheit bereits die Zukunft gesehen hat und entsprechend handeln wird. Im Kapital schreibt Marx über die Lernfähigkeit von Gesellschaften. Eine Nation könne Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. »Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.« In diesem Sinne kann man der Menschheit das Beste des Jahres 1867 für 2017 wünschen.

Diese Kolumne erschien in OXI 1/2017.

Geschrieben von:

Oliver Tanzer

Wirtschaftsautor