Wirtschaft
anders denken.

Solidarische Landwirtschaft: Ernährungssouveränität selbst machen

02.05.2018
Solidarische Landwirtschaft

Die OXI-Serie zum solidarischen Handel. Teil drei: Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft als eine lokale Lösung für die globale Ernährungsfrage.

Es gibt ein großes Spektrum alternativer Wirtschaftsformen, die alle eint, dass sie menschliche Bedürfnisse ins Zentrum ihres Handelns stellen. Sie leisten einen Beitrag zum Lebensunterhalt, sind selbstverwaltet und verfügen über kollektives Eigentum, bauen auf Kooperation und solidarische Beziehung zur Gesellschaft. Manche sind eingebettet in den kapitalistischen Markt, andere grenzen sich von ihm ab und suchen eigene Wege, Produktion, Distribution und Verbrauch zu gestalten. Anderswo hat diese Art zu wirtschaften eine längere Tradition, als hierzulande, in Brasilien zum Beispiel gibt es seit 2003 ein Staatssekretariat, in Griechenland, aus der Krise geboren, ein Gesetz für Solidarische Ökonomie. oxiblog widmet eine ganze Serie einem wichtigen Bereich der solidarischen Wirtschaftsformen: dem solidarischen Handel.

Angesichts von weltweit knapp einer Milliarde Menschen, die unter schwerem Hunger leiden, ist die Ernährungsfrage eine der größten globalen Herausforderungen. Das Problem ist nicht der Mangel an Nahrungsmitteln, sondern die Frage, wie und durch wen diese produziert werden, und wer darüber entscheidet.

Bereits 2008 hatte der Weltagrarrat – der auf Initiative der Weltbank bei den Vereinten Nationen eingerichtet worden war – in seinem Weltagrarbericht festgestellt, dass nur eine kleinbäuerliche Landwirtschaft in der Lage sei, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Agrokonzerne mit ihrem Einsatz von Ackergiften seien dazu nicht in der Lage. Es reiche daher nicht aus, als politisches Ziel im Sinne einer Ernährungssicherung anzustreben, dass alle Menschen genug zu essen haben. Der Hunger auf der Welt könne nur besiegt werden, wenn alle – jede Gemeinschaft und jedes Land – selbst über die Produktion ihrer Nahrungsmittel entscheiden und diese selbst in die Hand nehmen können.

Weltweit setzt sich bereits seit Anfang der 1990er Jahre die Organisation von Kleinbäuer_innen und Landlosen, La Via Campesina (Der bäuerliche Weg), für eine solche Ernährungssouveränität ein. Die bundesweite Initiative »Meine Landwirtschaft« organisiert gemeinsam mit anderen im Januar jeden Jahres, parallel zur agroindustriell dominierten Grünen Woche, eine große Demonstration in Berlin unter dem Motto »Wir haben Agrarindustrie satt!« Für eine andere Versorgung mit Lebensmitteln gehören Proteste und landwirtschaftliche Alternativen zusammen.

Gemeinschaftlich landwirtschaften

So entstehen seit einigen Jahren immer mehr Gemeinschaften nach dem Muster der Community Supported Agriculture (CSA): Eine Gruppe von 50, 100 oder mehr Personen finanziert einen Landwirtschaftsbetrieb und übernimmt für ein Jahr dessen sämtliche Kosten. Wenn Saatgut und laufende Betriebskosten, Anschaffungen und auch die Löhne finanziell gesichert sind, können die Landwirt_innen ohne finanzielle Sorgen ihrer Arbeit nachgehen. Die Gruppe organisiert sich selbst und bekommt alles, was auf dem Hof produziert wird: Vor allem Gemüse, manchmal auch Kräuter, Obst und Getreide, oder Käse, Eier und Fleisch. Die Lebensmittel haben keinen Preis und werden keine Produkte am freien Markt, sondern die Gemeinschaft verteilt sie untereinander. Das Risiko eines Ernteausfalls tragen alle gemeinsam.

Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 180 solcher Gemeinschaften, viele von ihnen haben sich im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zusammen geschlossen. Der älteste von ihnen ist der Buschberghof, ein Demeter-Betrieb, der bereits Ende der 1960er Jahre auf anthroposophischer Grundlage von dem Landwirt Trauger Groh und dem Gründer der GLS-Bank, Wilhelm Ernst Barkhoff, gegründet wurde. Die meisten Solidarischen Landwirtschaftsbetriebe (SoLaWi) sind jedoch erst in den letzten Jahren entstanden.

Die Landwirt_innen liefern in der Regel wöchentlich an Abholstellen, die Produkte sind entweder portioniert, oder die Mitglieder entnehmen sie nach Bedarf und mit Augenmaß und Rücksicht auf die anderen. Auch die Kostenbeteiligung wird unterschiedlich gehandhabt. Wenn der Landwirtschaftsbetrieb ermittelt hat, wie viel Geld er für das kommende Jahr benötigt, setzen manche Gruppen einen festen monatlichen Beitrag pro Ernteeinheit fest, andere führen sogenannte Bieterrunden durch, in denen alle so lange sagen, wie viel sie bezahlen können, bis die Kosten gedeckt sind.

Neben der direkten Versorgung möchten diese SoLaWis auch den persönlichen Bezug der Konsument_innen zur Landwirtschaft fördern. Die Mithilfe auf dem Hof ist mitunter gern gesehen, in der Regel aber nicht verpflichtend. In der Solidarischen Landwirtschaft wird nach genossenschaftlichen Prinzipien für die Mitglieder produziert. Jedoch sind in den SoLaWis überwiegend Angehörige der Mittelschicht unter sich, was wohl vor allem auf die hohen Anforderungen an Kommunikation und Selbstorganisationsfähigkeit zurückzuführen ist.

Gemüse für alle

Ein anderes Beispiel für praktizierte Ernährungssouveränität ist die Genossenschaft Cecosesola im venezolanischen Barquisimeto. Deren Solidaritätsverständnis geht ausdrücklich über den Kreis der eigenen Mitglieder hinaus. Der 1967 gegründete Kooperativenverbund versorgt mit großen Gemüsemärkten etwa 50.000 Familien. Die Mitgliedsunternehmen sind überwiegend kleinbäuerliche Familienbetriebe, aber auch Kooperativen. Die Genossenschaft zahlt ihnen Preise, die sich nicht am Markt orientieren, sondern vorab anhand der kalkulierten Kosten vereinbart werden. Zusätzlich kauft Cecosesola weitere Produkte hinzu, so weit wie möglich ebenfalls direkt von Kleinbäuer_innen und ohne Zwischenhandel. In den genossenschaftlichen Gemüsemärkten wird alles zu einem Einheitspreis pro Kilo verkauft. Das vereinfacht die Arbeit im Verkauf, und unabhängig vom Preis können alle das essen, was sie gerne mögen.

Die Märkte sind soziale Treffpunkte, jedoch kommt es in den aktuellen Krisenzeiten, in denen es von allem zu wenig gibt, auch oft zu Konflikten. Cecosesola betreibt darüber hinaus ein Gesundheitszentrum und ein Bestattungsinstitut, deren Leistungen mit einer Art eigenem Versicherungssystem zu günstigen Konditionen in Anspruch genommen werden können. Etwa 1.000 Mitglieder arbeiten in der Genossenschaft, von denen die meisten nur eine geringe oder gar keine Ausbildung haben. Die Aufgaben rotieren, und alle bringen sich gegenseitig bei, was sie können.

Weltweit gibt es unzählige weitere Beispiele dafür, wie sich lokale Gemeinschaften direkt mit Lebensmitteln versorgen, und dass Ernährungssouveränität möglich ist.

Geschrieben von:

Elisabeth Voss

Publizistin