Wirtschaft
anders denken.

Solidarische Oliven

17.04.2018
solidarisches Olivenöl

Die OXI-Serie zum solidarischen Handel. Teil zwei: Solidarität mit Griechenland durch den Direkthandel mit Olivenöl von griechischen Kooperativen auf Kreta, Lesbos und in Peloponnes.

Es gibt ein großes Spektrum alternativer Wirtschaftsformen, die alle eint, dass sie menschliche Bedürfnisse ins Zentrum ihres Handelns stellen. Sie leisten einen Beitrag zum Lebensunterhalt, sind selbstverwaltet und verfügen über kollektives Eigentum, bauen auf Kooperation und solidarische Beziehung zur Gesellschaft. Manche sind eingebettet in den kapitalistischen Markt, andere grenzen sich von ihm ab und suchen eigene Wege, Produktion, Distribution und Verbrauch zu gestalten. Anderswo hat diese Art zu wirtschaften eine längere Tradition, als hierzulande, in Brasilien zum Beispiel gibt es seit 2003 ein Staatssekretariat, in Griechenland, aus der Krise geboren, ein Gesetz für Solidarische Ökonomie. oxiblog widmet eine ganze Serie einem wichtigen Bereich der solidarischen Wirtschaftsformen: dem solidarischen Handel.

Auf die Folgen der Krise reagierten viele Menschen in Griechenland mit wirtschaftlicher Selbsthilfe. In der No-Middleman-Bewegung verkauften ProduzentInnen Lebensmittel direkt an die VerbraucherInnen. Durch das Ausschalten des Zwischenhandels bekommen sie für ihre Produkte mehr, obwohl sie preiswerter angeboten werden können. Diesen Direkthandel nutzen nun auch Soligruppen, um Genossenschaften zu unterstützen, sowie politische Projekte zu ermöglichen, die sich aus eigenen Mitteln nicht finanzieren könnten. Manche besinnen sich beispielsweise darauf, dass Öl aus griechischen Oliven mehr sein kann als ein preiswerter Rohstoff, der exportiert und wundersamerweise zu »italienischem« Olivenöl weiterverarbeitet wird.

BeCollective auf Kreta

Eine Gruppe junger AktivistInnen auf Kreta erntet brachliegende Olivenfelder ab, um mit den Erlösen aus dem Direktverkauf des daraus gepressten Olivenöls politische Kampagnen und Prozesskosten für politische Gefangene zu finanzieren. Von mehr als 20 verschiedenen Feldern rund um Heraklion konnte das BeCollective in der aktuellen Saison etwa 2.500 Liter Öl gewinnen. Die LandeigentümerInnen bekommen die Hälfte davon, das BeCollective kauft ihnen das Öl für einen Euro über dem üblichen Preis wieder ab.

Das Kollektiv legt großen Wert auf gleichberechtigte Zusammenarbeit und umweltschonenden Umgang mit den Olivenfeldern. Für ihre Arbeit bei der Ernte und rund um die Produktion zahlen sich die derzeit etwa 15 Mitglieder des informell organisierten BeCollective wenigstens für einige Wochen einen bescheidenen Lohn aus. Seit 2011 vertreiben sie ihr Olivenöl auch in Deutschland. Etwa die Hälfte geht direkt an Hausprojekte, Food Coops und Infoläden. Die andere wird über den solidarischen Kaffeehandel vertrieben, und kann bei Aroma Zapatista, Café Libertad und El Rojito bestellt, oder in Berlin direkt bei der Schnittstelle abgeholt werden. Mit dem größten Teil der Überschüsse unterstützt das BeCollective mittlerweile selbstverwaltete Strukturen im nordsyrischen Rojava.

SoliOli in Berlin

Auf dem Solikon-Kongress für Solidarische Ökonomie in Berlin 2015 stellte Solidarity4All eine Kampagne zum Direktimport von Produkten griechischer Kooperativen vor. Die Syriza nahestehende griechische Organisation zur Vernetzung von Selbsthilfestrukturen arbeitete bereits in Belgien mit der Gruppe Climaxi zusammen. Auch in Berlin fanden sich MitstreiterInnen. SoliOli organisiert sich um einen kleinen, nicht eingetragenen Verein auf Basis unbezahlter Arbeit. Mittlerweile ist Dock der griechische Kooperationspartner, eine gemeinnützige Organisation in Athen, die aus Solidarity4All hervorgegangen ist, um sich ganz auf die Förderung von Strukturen solidarischer Ökonomie zu konzentrieren, zum Beispiel mit der Kampagne Früchte der Solidarität.

Im Frühjahr werden innerhalb weniger Wochen Bestellungen gesammelt, das Öl kann dann an einem Wochenende an einem zentralen Ort in Berlin abgeholt werden. Den ErzeugerInnen wird ein fairer Preis bezahlt, auf den – neben den Kosten für Werbung und Logistik – noch 25 Prozent für die Arbeit von Dock und für weitere solidarische Projekte in Griechenland aufgeschlagen werden.

Das SoliOli-Olivenöl stammt von den Kooperativen Greenland und Modousa. Die Gründungsmitglieder von Greenland hatten nicht geplant, in die Landwirtschaft zu gehen, fanden jedoch nach dem Studium keine Arbeit. So zogen sie 2013 von Athen aufs Land, um dort neue Lebens- und Arbeitsformen zu entwickeln. Greenland ist Teil einer größeren Kooperative in Sterna in der Region Messenien auf der Halbinsel Peloponnes, die sich um eine selbstbestimmte Regionalentwicklung bemüht. Das Öl wird aus Koroneiki-Oliven hergestellt, die als beste Oliven Griechenlands gelten. Modousa entstand 2013 aus dem Zusammenschluss von neun Olivenbauern auf der Insel Lesbos, und wuchs mittlerweile auf über 60 Mitglieder an. Das schnelle Wachstum brachte viele Diskussionen mit sich, zum Beispiel um die Beteiligung an der demokratischen Entscheidungsfindung und um die Frage, ob alle Mitglieder ihre Oliven ausschließlich über Modousa vermarkten müssen. Mittlerweile hat die Kooperative sogar eine eigene Ölmühle mit Abfüllanlage.

Mit der Kampagne 2017 konnte SoliOli für mehr als 37.000 Euro Olivenöl und andere Olivenprodukte verkaufen. Überschüsse wurden an das »Beste Hotel Europas« City Plaza, ein selbstorganisiertes Wohnprojekt für Geflüchtete in Athen gespendet, im Vorjahr an das Selbsthilfeprojekt Pervolarides (Die Gärtner) in Thessaloniki.

SolidariTrade (Berlin) und SoliExpo (Athen)

Die Idee für SolidariTrade – Genossenschaft für Solidarisches Handeln entstand Anfang 2017 auf dem Kongress »150 Jahre Kapital von Karl Marx« der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Athen. Die Genossenschaft SolidariTrade ist schnell in Vorleistung gegangen und hat 10.000 Liter Olivenöl von der Kooperative Messinis Gea im Südwesten des Peloponnes eingekauft. Ähnlich wie bei Greenland gingen auch hier die GründerInnen von der Stadt zurück aufs Land. Mehr als 20 LandwirtInnen vermarkten gemeinsam das Öl, das sie aus ihren Koroneiki-Oliven herstellen lassen. Aus den Erträgen möchten sie einen eigenen Edelstahlbehälter finanzieren, damit ihre Oliven in der Mühle noch schneller nach der Ernte gepresst und unnötige Umfüllungen vermieden werden. Dies würde die Qualität des Olivenöls nochmals verbessern.

SolidariTrade führt Kampagnen gemeinsam mit lokalen Initiativen in verschiedenen Städten durch, bisher in Bochum, München und Berlin. Diese Initiativen entscheiden, welches Projekt in Griechenland den Solibetrag von einem Euro pro Liter erhalten soll. Bisher werden das Hotel City Plaza, sowie eine solidarische Praxis und Apotheke in Arta in der Gebirgsregion Epiros und die Flüchtlingshilfe-Initiative Agkalia auf Lesbos unterstützt.

Die Genossenschaftsmitglieder arbeiten unentgeltlich, denken jedoch darüber nach, zumindest für manche Routinetätigkeiten demnächst eine Person zu bezahlen, denn perspektivisch möchte SolidariTrade wachsen und weitere Produkte aus kollektiver Produktion, auch von Kooperativen aus anderen Ländern, solidarisch vertreiben. Bereits jetzt kann das Olivenöl auch online erworben werden. In Griechenland wurde die korrespondierende Genossenschaft SoliExpo gegründet, die sich um Etiketten, Verpackung und den Transport kümmert. Das Olivenöl wird unter dem Label »Mazi« vertrieben, das bedeutet »Gemeinsam«.

Gemeinsam gegen Rassismus und Sparpolitiken

Gemeinsam ist den Direkthandels-AktivistInnen in Deutschland, dass sie mit ihrem Engagement auch ein Zeichen politischer Solidarität setzen möchten, Solidarität mit denen, die unter den Sparprogrammen und Privatisierungen zu leiden haben, die Griechenland von der Troika – unter maßgeblicher Verantwortung der deutschen Bundesregierung – aufgezwungen werden, und Solidarität mit den Opfern der unmenschlichen europäischen Flüchtlingspolitik, die in Massenlagern und auf der Straße ausharren müssen.

Geschrieben von:

Elisabeth Voss

Publizistin