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Soziale Städte wachsen nicht

23.06.2017
Foto: Daniel FuhrhopHier wächst was in der Stadt

Bauen! Bauen! Bauen! Diese Forderung ist dreifach falsch: ökologisch, ökonomisch, sozial. Darum wäre es besser, mit dem Bauen aufzuhören.

Selbst wer dem Kapitalismus kritisch gegenübersteht, lässt sich von seinen Mythen verwirren. So ist auch unter Linken der Glaube weit verbreitet, man müsse viel neu bauen, weil nur so genug Wohnraum für alle entstehe. Welch ein Irrglaube das ist, zeigt schon das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen: Neubau erfordert Mieten von etwa zehn Euro je Quadratmeter, werden alle Kosten ehrlich angesetzt und wird nichts schöngerechnet.

Zudem wird meist noch teurer gebaut, weil sich dann mehr verdienen lässt. Günstige fünf Euro je Quadratmeter sind nur in Altbauten zu finden, und darum ist es das Sozialste, diese zu erhalten. Auch die sogenannten Sozialwohnungen sind teuer erkauft und in unserem derzeitigen System oft nur fünfzehn Jahre sozial, dann endet die Mietpreisbindung. Stattdessen sollten öffentliche Wohnungsunternehmen auf Dauer sozialen Wohnraum bereitstellen oder je nach Bedarf Belegungsrechte erwerben.

Ökonomisch ist Neubau nicht optimal, das zeigen auch Prestigeprojekte in Hunderten Provinzstädten, vom neuen Bahnhof Stuttgart 21 bis zum Flughafen BER. Der hohe Energieaufwand des Bauens entwertet alle Bemühungen um einen niedrigen Verbrauch. Denn bevor ein vermeintliches Ökohaus steht, muss es erstmal gebaut werden, und das verbraucht viel Energie und Material. Mit den neuen Häusern werden außerdem die Städte zersiedelter, und weiterer Boden wird versiegelt. Mit dem Bauen vor den Städten werden die Wege weiter. Für das Bauen in den Städten reißt man alte Häuser ab, zerstört damit gebaute Geschichte und vernichtet günstigen Wohnraum. All das ist Grund genug zu sagen: Verbietet das Bauen!

Wir brauchen keine neuen Wohnungen. Wir müssen nur den Wohnraum, den wir haben, richtig nutzen.

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Aber reicht der Platz – auch ohne weitere Neubauten? Dazu ein Blick auf die Zahlen: In den neuen Ländern wurden seit der Wiedervereinigung etwa 300.000 Wohnungen abgerissen, circa 700.000 stehen heute leer. Gleichzeitig wurden dort rund eine Million Wohnungen neu gebaut! Ohne Neubau stünden also weniger Wohnungen leer, und es hätten viele Häuser vor dem Abriss gerettet werden können. Allerdings: Während Wohnungen an manchen Orten leerstehen, fehlen sie andernorts. Könnte man das Bauen auch in Städten wie Berlin, Hamburg und München verbieten? Um das zu schaffen, muss ein ganzer Kasten von Werkzeugen auspackt werden, die helfen können, unsere Häuser besser zu nutzen.

Werkzeuge für anderes Wohnen

Einige von diesen Werkzeugen bekämpfen regionale Ungleichheit. So wirbt das Stadtmarketing von Berlin nach wie vor um neue Touristen, obwohl 2016 über dreißig Millionen Übernachtungen gezählt wurden und die Stadt die vielen Besucher schwer verkraftet. Stattdessen wäre es Zeit für weniger Wachstum im Berlintourismus. Berlin sollte weniger für sich, Brandenburg mehr für seine unterschätzten Gegenden werben. Auf ähnliche Weise sollte die Wirtschaftsförderung von München oder Frankfurt am Main nicht immer noch mehr Firmen in diese bereits übervollen Städte locken; und Frankfurt nicht obendrein nach dem Brexit noch Banken aus London abwerben.

Den Boom bremsen oder zumindest nicht noch mehr anheizen, das würde Wohnungssuchenden helfen. Umgekehrt warten leere Häuser in schon lange schrumpfenden Orten auf neue Nutzerinnen und Nutzer. Für diejenigen Dörfer und Städte, aus denen seit Jahren Menschen wegziehen, brauchen wir nicht nur einzelne Hilfen, sondern ganze Wiederbelebungsprogramme: In einigen Modellstädten sollten Firmengründungen gefördert, Tourismus belebt, kostenloses Probewohnen ermöglicht und mit einem Hundert-Stipendien-Programm Kreative angelockt werden, die sich ein Jahr dort niederlassen und die Orte cool machen.

Es geht nicht mehr um Städtebau, sondern um Stadtwandel.

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Ob schrumpfende oder boomende Orte – überall werden Häuser nicht oder zu wenig genutzt: In Altbauten von 1880 oder 1980 wohnen heute deutlich weniger Menschen als damals. Das liegt am Abschied von den Großfamilien, in denen mehrere Generationen unter einem Dach wohnten. Die vielen Singles von heute wollen aber nicht unbedingt allein wohnen, sondern manche sind offen für gemeinschaftliche Wohnformen, für Wahlverwandtschaften. Das reicht von der klassischen Wohngemeinschaft bis zur Wohnungen-Gemeinschaft, dem sogenannten Clusterwohnen, bei dem es zwar private Wohnräume gibt, die sich aber zu gemeinsam genutzten Wohnzimmern und Küchen öffnen. Gemeinschaftliche Wohnprojekte sollten beraten und gefördert werden, denn wo sich Menschen Räume teilen, benötigen sie weniger Wohnfläche pro Person. Aus eigenem Antrieb teilen aber nur wenige Menschen Räume, Wohnung oder Haus. Darum sind neue Vermittler nötig: Wohnraumagenturen.

Den Wandel der Städte planen

Es gibt bereits erfolgreich angewandte Werkzeuge, mit denen Wohnraum besser genutzt wird und Menschen zusammengebracht werden. Zum Beispiel »Wohnen für Hilfe«: Ältere mit genug Wohnraum nehmen Jüngere auf, etwa StudentInnen oder Auszubildende, die wenig Miete zahlen, aber im Alltag helfen, etwa beim Einkaufen oder im Garten. Dieses Modell gibt es zurzeit in 36 Orten – aber es gibt über 400 Hochschulen in Deutschland! Weil die Studentenwerke damit oft überfordert sind, sollten Städte und Gemeinden Wohnraumagenturen gründen, die auf verschiedene Weisen helfen, Wohnraum besser zu nutzen. So ist für manche älteren Menschen »Wohnen für Hilfe« das Richtige, anderen ist Untermiete zu eng. Eine Alternative: Große Wohnungen lassen sich in kleine aufteilen und Einliegerwohnungen einrichten. Die technische Beratung dafür kann eine Wohnraumagentur vermitteln und einen Zuschuss geben. Manchen wird sie sogar beim Umzug in eine kleinere Wohnung helfen oder beim Wohnungstausch.

Bei jeder einzelnen Vermittlung von Untermiete, Wohnungsteilen und Umzug wird Wohnfläche frei. Gäbe es in jeder Stadt und in jedem Stadtviertel Wohnraumagenturen, dann gewönnen wir Platz für alle, ohne Neubau. Es geht nicht mehr um Städtebau, sondern um Stadtwandel. Dann werden städtische Bauabteilungen zu Umbauabteilungen. Sie helfen beispielsweise Wohnprojekten beim Umbau einer leerstehenden Schule oder Fabrik.

Unsichtbaren Leerstand beseitigen

Die Stadt- und Regionalplanung muss dafür die Ziele ernst nehmen, die bereits zu ihrem Leitbild gehören: Eigentlich sollen alle Gemeinden »die Möglichkeiten der Innenentwicklung nutzen«, steht im ersten Paragrafen des Baugesetzbuches. Bisher wird aber nirgends klipp und klar geschrieben, wie das konkret aussehen soll. Doch der Sachverständigenrat für Umweltfragen schlug der Bundesregierung 2016 vor, dass Kommunen zukünftig zwingend Innenentwicklung betreiben sollen. Dazu gehört nach bisherigem Verständnis zum Beispiel, sichtbaren Leerstand zu erfassen, also leere Büros und leere Wohnungen. Neu wäre nun, auch den unsichtbaren Leerstand zu bekämpfen, also nicht genutzte Räume in großen Wohnungen. Das wären neue Aufgaben für jede Kommune: Wohnraumagenturen gründen, Untermiete mit Programmen wie »Wohnen für Hilfe« vermitteln, den Umbau zu Einliegerwohnungen fördern sowie Umzüge oder Wohnungstausch anbieten. So wird neuer Wohnraum in alten Häusern geschaffen und es beginnt ein sozialer Stadtwandel. Teurer Neubau gehört nicht dazu. Um dessen unheilvolle Konkurrenz zum Altbau zu verhindern, sollte man Bauen verbieten.

Literaturtipp:

Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen. Eine Streitschrift. oekom Verlag, München 2015, 189 Seiten, 17,95 €

Webtipp:

Der Blog verbietet-das-bauen.de ist ein Statement gegen die Bauwut und hat den gleichen Titel wie das Buch des Autors Daniel Fuhrhop. Den Blog betreibt Fuhrhop bereits seit 2013. Es finden sich allerlei Informationen zu Publikationen, Veranstaltungen und besonders skandalösen Vorfällen im Bereich des Bauens.

Dieser Beitrag erschien in OXI Juni 2017.

Geschrieben von:

Daniel Fuhrhop

Autor und Betriebswirt