Wirtschaft
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Sport ist Markt: Die Fitnessstudio-Branche wächst – und macht gegen gemeinnützige Anbieter Front

15.04.2018
www.localfitness.com.au / CC BY-SA 3.0

Über zehn Millionen Menschen sind hierzulande Mitglied in einem Fitnessstudio. Die Branche setzt Milliarden um – und will noch mehr, was die Konkurrenz mit gemeinnützigen Anbietern verschärft. Nun wird sogar nach der Politik gerufen. Ein OXI-Überblick über die Folgen der Kommodifizierung des Freizeitsports.

Wo auf dem Weg zur Redaktion jahrelang eine Sparkasse war, eröffnet jetzt ein Fitnesscenter. Eines dieser Studios, die von dem Versprechen leben, mittels irgendwelcher Geräte den sportlichen Erfolg zu beschleunigen. Oder sagen wir besser: das gesellschaftspolitische Normativ durchzusetzen. Es geht schließlich bei solchen Angeboten nicht nur um gesundheitlich sinnvolle Ertüchtigung oder den Spaß an der Bewegung, sondern auch darum, den eigenen Körper zum Symbol von Leistung zu machen oder entsprechenden der gerade »gültigen« ästhetischen Kriterien per Training zu konfektionieren. Was aber wissen wir über die Branche der Fitnessstudios?

Laut einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte gab es 2017 bundesweit fast 9.000 Studios mit über zehn Millionen Mitgliedern. Der Umsatz lag bei 5,2 Milliarden Euro. Da der Markt aber schon länger stark umkämpft ist und die Konkurrenz über möglichst niedrige Preise für die Mitgliedschaften ausgetragen wird, verschieben sich innerhalb der Fitnessbranche mehr und mehr die Gewichte: »Besonderen Auftrieb verzeichneten dabei vor allem die Formate Discountfitness und Mikrostudios, die im Wesentlichen von Ketten betrieben werden«, so Deloitte. »Dadurch vollzog die Branche eine weitere Konsolidierung.«

Übersetzt: Das Netz der Angebote wird immer dichter, aber die Zahl der Anbieter immer kleiner. Bei einem durchschnittlichen Mitgliedsbeitrag für die Kunden von rund 44 Euro im Monat waren die Ketten mit einem Ertragsplus von 4,2 Prozent die Umsatztreiber. »Insbesondere das Mitgliederwachstum der Discount-Fitnessketten sorgte für weitere Wachstumsimpulse«, so die Beratungsgesellschaft. Beim Statistischen Bundesamt finden sich Zahlen zu Umsätzen, Aufwendungen und so weiter für das Berichtsjahr 2010.

Ketten wachsen, Einzelstudios schrumpfen

Bis 2017 hat die Branche aber demnach stark angezogen. Noch machen Einzelstudiobetriebe mit 54 Prozent zwar über die Hälfte des Branchenumsatzes, allerdings geht dieser Anteil zurück – 2017 um 1,1 Prozent. Das lässt unter dem Strich die Marktmacht der »Großen« zunehmen: »Mittlerweile verzeichnen die Top-Player der Branche einen Anteil von rund einem Drittel aller Mitgliedschaften in Deutschland«, so Deloitte – auf der einen Seite die Billigheimer McFIT, clever fit, FitX, Easyfit und Fit Star, auf der anderen die so genannten »Medium- und Premiumsegment-Anbieter« Fitness First, Kieser Training, Injoy, die Unternehmensgruppe Pfitzenmeier und Mrs.Sporty. Diese Unternehmen kommen zusammen auf über 3,5 Millionen Mitgliedschaften in über 1.400 Anlagen.

Im Europavergleich liegt die Bundesrepublik vorn. Deloitte hat das in einer eigenen Studie untersucht: »Im gesamteuropäischen Fitnessmarkt mit 59.055 Clubs, einem Gesamtumsatz von 26,6 Milliarden Euro sowie 60 Millionen Mitgliedschaften (+ 4,0 Prozent) ist Deutschland mit mehr als 10 Millionen Studiomitgliedern der umsatz- und mitgliederstärkste Einzelmarkt in Europa.« Da aber die »Penetrationsquote« vergleichsweise noch niedrig ist, sieht die Beratungsgesellschaft »weiteres Wachstumspotenzial für den deutschen Fitnessmarkt«. Gingen 2009 12,1 Prozent der 15- bis 65-Jährigen ins Fitnessstudio, waren es 2017 schon über 19 Prozent. Der Anteil der Studiobesucher unter der Gesamtbevölkerung lag vergangenes Jahr bei 12,9 Prozent.

Was sind die Gründe für den Boom bei den Fitnessstudios?

Aber gehen die Leute den wirklich hin? Vor einem Jahr sagte dazu der Sportwissenschaftler Ingo Froböse in der »Welt«, die Mitgliedschaft im Fitnessstudio gehöre zwar »mittlerweile zum guten Ton«, aber viele erlebten nach der Unterzeichnung der Mitgliedschaft »ein Motivationstief, aus dem viele nicht mehr herausfänden«. Seine Vermutung: »Mindestens die Hälfte sind Karteileichen.« Das sieht der DSSV anders, der von einer eher geringen Zahl von inaktiven Mitgliedern spricht. Verwiesen wird auf eine Umfrage aus dem Jahr 2014, laut der lediglich drei Prozent der befragten Mitglieder in Fitnessstudios erklärt hätten, »nie« zum Training gewesen zu sein.

Mal abgesehen von der Frage, wie viele der Mitglieder denn auch wirklich regelmäßig auf die Laufbänder, an die Hanteln und die technischen Geräte gehen, stellt sich die Frage nach den Gründen für den Boom. Waren die Bundesbürger vor 20 Jahren weniger sportlich?

Man kann eher eine andere Vermutung aussprechen: Was sich in dem Boom niederschlägt ist die Kommodifizierung des Freizeitsports, was einst viel eher eine Sache öffentlicher Angebote in Vereinen war, ist heute eine des Sportmarktes. Das lässt sich an einer Zahl gut verdeutlichen, die vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen DSSV selbst kommt: 1980 waren gerade einmal 300.00 Menschen in einem Fitness-Studio angemeldet. 2003 waren es bereits fast 4,4 Millionen. Und heute sind es schon weit mehr als doppelt so viele.

Private gegen gemeinnützige Anbieter

Die »Frankfurter Allgemeine« hat dieser Tage auch über die Deloitte-Studie berichtet und dabei angemerkt, dass der Bun­des­ver­band der Ge­sund­heits­stu­di­os »das wach­sen­de An­ge­bot von Ver­ei­nen mit ei­ge­nen Fit­ness-An­la­gen, die von staat­li­chen Zu­schüs­sen so­wie Steu­er­frei­heit pro­fi­tier­ten«, kritisiere. Auch das spricht für die Kommodifizierungsthese, es geht hier offenbar darum, noch mehr Bewegungsanteile von den öffentlichen oder vereinsorganisierten Angeboten abzuziehen, in dem man deren eigentlich traditionelles Angebot als subventioniert hinstellt. »Auch die Sport­ver­ei­ne tum­meln sich im­mer öf­ter auf die­sem Markt, um wie­der an At­trak­ti­vi­tät zu ge­win­nen«, schreibt die FAZ. Sportvereine würden aber von der Gemeinnützigkeit profitieren, auch gebe es öffentliche Zuschüsse und eine Befreiung von der Mehrwertsteuerpflicht. »Das wollen die privaten Anbieter nicht mehr akzeptieren und bauen auf die Politik.«

Treiber der Entwicklung ist auch eine auf Gesundheitskriterien, Leistung und Fitness als gesellschaftlich geprägtes Normativ hin ausgerichtete Körperpolitik. »Bereits jeder dritte Arbeitgeber bietet seinen Beschäftigten Fitness- oder Sportangebote zu vergünstigten Tarifen an«, hieß es beim vor einiger Zeit schon beim DSSV, die Tendenz sei »stark steigend«. Hierbei gehe es um die »Unterstützung der Beschäftigten hinsichtlich der Ausübung gesundheitsförderlicher Verhaltensweisen« und die »Gestaltung von gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen bis hin zum Demografie- und Fehlzeitenmanagement«. Fitness als Instrument zur Verbesserung der eigenen Arbeitskraft im Interesse derer, die diese Arbeitskraft ausbeuten, die der Träger der Arbeitskraft aber auch noch als eigenes Ziel zum größten Teil selbst bezahlen muss.

Gesundheit, Leistung, Körperpolitik

Zum Wachstum beigetragen hat wohl auch ein Imagewechsel, den die Branche bunt und bilderreich in Szene setzt: Fitness-Studios sind nicht mehr zu allererst Muckibuden für Männer mit eigenwilligem Körperideal mehr, sondern werden als eine Art Gesundheitszentren für die ganze Familie inszeniert. »Gesundheit hat als Wert in den vergangenen Jahren sowohl auf gesellschaftlicher, als auch auf persönlicher Ebene stark an Bedeutung gewonnen«, heißt es beim Branchenverband. »Während in der Vergangenheit Gesundheit vor allem mit der Abwesenheit von Krankheit definiert wurde, ist der Begriff heute deutlich positiver und subjektiver besetzt.« Und lässt sich also auch auf der individuellen Ebene besser ausbeuten.

Und die Beschäftigten in den Studios? Die Zahl der Mitarbeiter wächst, sie liegt inzwischen bei fast 210.000, von denen der größte Teil in Einzelstudios arbeitet. Hier geht die Beschäftigtenzahl aber gemäß dem Konzentrationstrend zurück, die Zahl der Mitarbeiter in Ketten und Microstudios wächst dagegen. Zwar hat das Qualifikationsniveau in den Studios zugenommen, die Gehaltslage ist aber nicht sehr rosig. Einer Übersicht des Portals ausbildung.de zufolge »verdienen Sport- und Fitnesskaufleute ein Durchschnittsgehalt von 1.429 Euro, es liegt damit deutlich unterhalb des Einkommens im öffentlichen Dienst«. Auch machen sich Ost-West-Unterschiede bemerkbar, etwa für die Azubis: Das Verdienst im ersten Lehrjahr liegt »in den alten Bundesländern durchschnittlich bei rund 617 Euro, während sich die Azubis im Osten mit 580 Euro begnügen müssen«. In der Vergangenheit war immer einmal wieder auch von Problemen in Belegschaften die Rede, sich zu organisieren.

Geschrieben von:

Svenja Glaser