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Stirbt das Auto aus?

30.09.2016
Foto: jock+scott / photocase.deSind die Straßen bald autoleer, weil die junge Leute nicht mehr fahren wollen?

Glaubt man den Medien, so gibt es das Auto nicht mehr lange. Eine aussterbende Art, die für die jüngeren Generationen nicht mehr interessant ist. Ist das empirisch belegt?

Seit einigen Jahren geistert die Mär durch die deutsche Medienlandschaft, dass junge Menschen sich vom Auto ab- und eher digitalen Genüssen zuwenden. Basis ist eine eher unspektakuläre Studie der Wirtschaftsfachhochschule Bergisch-Gladbach aus dem Jahr 2010. 1200 Menschen zwischen 18 und 25 durften suggestive Fragen beantworten. Heraus kam, dass eine Mehrheit lieber einen Monat auf das Auto als auf das Handy verzichten würde. Der übliche Mix aus medialer Vereinfachung und Dramatisierung führte dann zur Trendbehauptung vom juvenilen Auto-Ressentiment.

Fakt ist: Eine stabile Datenlage existiert nicht. 2012 untersuchte das Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), einige hundert Quellen und konstatierte zu guter Letzt eine »riesige Forschungslücke«. Bekannt ist, dass die Käufer teurer Neuwagen um die 50 Jahre alt sind, bei Mercedes geht es noch höher in die Frühseniorenliga. Das heißt aber nicht, dass junge Leute nicht Auto fahren. Sie fahren nur nicht immer einen eigenen PKW, sondern so lange es geht den der Eltern. Der Neuwagenkauf ist auch statistisch wenig aussagekräftig, weil etwa zwei Drittel aller Neuwagen hierzulande zunächst gewerblich zugelassen werden. Bei Mittelklasse-Verkaufsrennern wie dem VW Passat liegt die Quote sogar zwischen 80 und 90 Prozent. Da schleichen sich junge Leute sehr oft als Nebennutzer ein. Und später übernehmen sie den Gebrauchten.

Am Führerscheinbesitz lässt sich jedenfalls keine PKW-Müdigkeit erkennen. Etwa 55 Millionen Deutsche besitzen die »Fleppe«, um die 14 Millionen Fahrberechtigte sind Auto-Muffel. Diese Werte sind seit Jahren ziemlich stabil.

Deutliche Unterschiede gibt es je nach Wohnlage: Wer als Spät-Teen in Niedersachsen auf dünn besiedelten und nahverkehrstechnisch schlecht erschlossenem Land lebt, braucht ein Auto und fährt ein Auto. Abnehmend ist die Fahrquote unter den Jüngeren in den echten Großstädten mit mehr als 250.000 Einwohnern und dem berüchtigten Mix aus Staugefahr, Parkplatznot und hohen Abschleppkosten. Seit 2010 nimmt der Anteil der jungen Metropolenbewohner unter den Autobesitzern durchschnittlich um zwei Prozent pro Jahr ab. Das sind Ergebnisse des Deutschen Mobilitätspanels, das regelmäßig vom Karlsruher Institut für Technologie erhoben wird, um Verkehrspolitik und Planern Trends des bundesdeutschen Mobilitätsverhaltens zur Verfügung zu stellen.

Auch diese langsame Schrumpfung des Autofahreranteils spricht nicht für eine explizite Auto-Aversion. Sondern reflektiert einen cleveren Mobilitäts-Mix, bei dem je nach Distanz des Ziels und Verkehrslage Fahrrad, Miet-Rad, Nahverkehr, Car-Sharing und eigener PKW im Wechsel und kombiniert genutzt werden. Weil Metropolen für unterschiedliche Marketingkonzepte bei Mobilitätsdiensten groß genug sind, entwickelt sich hier am ehesten ein verkehrstechnisch reichhaltiges »Ökosystem«. Getrieben wird es aber in erster Linie durch zwei Grundbedürfnisse von Konsumenten: dem Wunsch nach maximierter Bequemlichkeit (Convenience) und dem Geld zu sparen. Aber nicht einen grundsätzlichen Bewusstseinswandel in punkto Auto-Unsinn.

Geschrieben von:

Jo Wüllner

freier Journalist