Wirtschaft
anders denken.

Soziale Vereinzelung, konservative Haltepunkte: eine neue Studie zu den Lebenslagen

06.02.2018
Abbildung aus der Studie

Die erste Studie über Lebenslagen machte 2006 große Schlagzeilen – nicht zuletzt wegen des Begriffs »Abgehängtes Prekariat«. Nun gibt es den Nachfolger über die Werte und Konfliktlinien in der deutschen Wählerschaft im Jahr 2017. Ergebnis: die Gesellschaft teilt sich in drei große Gruppen – die Zufriedenen, die Ver­unsicherten, die Enttäuschten.

Die Studie »Soziale Lebens­lagen« ist am Dienstagabend von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vorgestellt worden. »Die aktuelle gesellschaftliche Lage in Deutschland ist durch eine Ambivalenz wirtschaftlicher Stabili­tät und neuer sozialer und kultureller Unsicherhei­ten geprägt. Wie kommen die Menschen mit die­sen Veränderungen zurecht? Wie bewerten sie die­ se Entwicklung? Welche Werte und Einstellungen teilen die Bürgerinnen und Bürger, worin unter­ scheiden sie sich?«, so lauten die Kernfragen der Untersuchung von Rita Müller-Hilmer und Jérémie Gagné.

»Viele Einstellungsmuster bleiben im Zeitverlauf stabil«, heißt es in der Zusammenfassung. Dies gelte etwa für den hohen Stellenwert »Sozialer Gerechtig­keit«. Die Autoren machten aber »auch deutliche Verschiebungen« aus: »Tendenzen der sozialen Vereinzelung haben zuge­nommen, während zur Kompensation konservative Haltepunkte wie Nationalstolz und Recht und Ord­nung an Bedeutung gewinnen. Dazu zeichnet sich eine neue zentrale Konfliktlinie rund um das Thema Migration sowie den Gegensatz zwischen Welt­offenheit und Abschottung ab.«

Typologie hat sich seit 2006 verändert

Sichtbar wird das in einer Typologie, die auf der Vorgängerstudie von 2006 aufbaut und die Wählerlandschaft entlang unterschiedlicher Wertehorizonte sowie unter­schiedlicher Einstellungen zu zentralen politischen Konfliktlinien einteilt – innerhalb eines politischen Raums »aus einer sozio­ökonomischen und einer kulturellen Achse«. Erfasst werden dabei Ansichten »zu Staat und Gesellschaft, Politik, Parteien und Ge­werkschaften« sowie »konkrete Lebens-­ und Arbeitsbedingungen«.

Drei Gruppen zeigten sich dabei stabil: »die Kritische Bil­dungselite und das Engagierte Bürgertum, die sich im gesellschaftliche Oben sehen, sowie das Abge­hängte Prekariat, das für das Unten steht«. In der Mitte habe es aber »erhebliche Veränderungen« gegeben, »dort nehmen Gesellschaftsferne, Unzufriedenheit, Verunsicherung, Abschottung und das Gefühl mangelnder Wertschätzung deutlich zu«. Die Studie macht eine »Dreiteilung der Gesellschaft in zufriedene, ver­unsicherte und enttäuschte Gruppen« sichtbar, wobei diese Teilung »teils quer zum sozialen Status« verläuft.

Wo die Parteien verloren haben – und wo sie hinzugewannen

Die Debatte dürfte sich zunächst auf die Frage kaprizieren, in welcher der Typen sich welche Parteienorientierung am stärksten zeigt. Auch für die Diskussion in der Linkspartei liegen hier interessante Entwicklungen: So tendiert die kritische Bildungselite mit 31 Prozent am stärksten zur Linkspartei, das »abgehängte Prekariat« neigt am stärksten der Rechtspartei AfD zu. Hier haben sich auch starke Verschiebungen ergeben, die Fragen nach dem Bezugspunkt von Parteipolitik aufwerfen.

»Die beiden großen Volksparteien verloren überdurchschnitt­lich dort, wo sie 2006 noch am stärksten waren und erreichen heute keine ausgeprägte Bindung mehr an bestimmte politische Typen«, heißt es in der Studie weiter. »Die Union verzeichnet ihre stärksten Verluste in der Gruppe, in der sie ehedem ihren weitaus stärksten Rückhalt hatte. Die SPD­-Wählerschaft verteilt sich heute ziemlich gleichmäßig über alle neun politischen Typen, die aber in einigen politischen Grundkon­flikten sehr unterschiedliche Erwartungen an die Partei richten.«

Geschrieben von:

OXI Redaktion