Wirtschaft
anders denken.

Systemfehler Nespresso – schädlich, teuer, begehrt

Für den Konsum-Wohlstand hier zahlen andere: in Indien, in Afrika. Soziologe Stephan Lessenich beschreibt in seinem neuen Buch, wie dieses System funktioniert. Was gegen den Kapselkaffee-Giganten Nespresso unternommen werden sollte? Ein Gespräch über irrationalen Konsum.

06.05.2017
Foto: privat
Stephan Lessenich ist seit 2014 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist dort auch Direktor des Instituts für Soziologie. Zudem hat er den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie inne. Er arbeitet unter anderem über Wohlfahrtsstaat und gesellschaftliche Transformation.

Die Kaffeekapsel von Nespresso ist absurd teuer, absurd umweltschädlich, unglaublich begehrt und wird als Luxusprodukt in Konsumtempeln verkauft. Wie erklären Sie solche unethischen Irrationalitäten westlicher Konsumgesellschaften, die weitgehend besserverdienende Schichten zu verantworten haben?

Stephan Lessenich: Nespresso ist für mich in der Tat ein gutes Beispiel, wie letztlich unbegreiflich irrational diese Konsumbräuche geworden sind. Denn die Energiekosten zur Herstellung, der Aluminumverbrauch: der pure Wahnsinn. Dann ist es teuer für den Käufer. Zudem liegt die immense Müllmenge buchstäblich auf der Hand, wie bei anderen Produkten auch, denken Sie nur an die Mini-Snickers. Oder die tausend anderen Miniprodukte, für den Verzehr zwischendurch, andere Kleinstprodukte, die noch vier Mal verpackt sind, wobei jedem Konsumenten klar ist, auf den ersten Blick, Achtung: enorme Müllproduktion. Und für die Kapseln bedarf es wiederum eigener Maschinen, die gekauft werden müssen. Die sind ja keine wirkliche Innovation, die machen dasselbe wie frühere andere Maschinen auch, nämlich Kaffee brühen. Sie sehen nur anders aus. Nespresso ist also ein Symbol: Es steht für die Irrationalität, die auch in einer Gesellschaft wie der deutschen herrscht, der im internationalen Vergleich ja zurecht nachgesagt wird, es herrsche ein recht hohes Umweltbewusstsein. So zeigt Nespresso, wie kraftvoll und wirkmächtig diese Irrationalität ist. Und Nespresso symbolisiert die Zeitstrukturen unserer Gesellschaften. Keine Zeit zu verlieren, schnellschnell, alles zwischendurch. Ein Ex- und Hopp-Produkt für den Ex- und Hopp-Konsum.

Und man kann den Eindruck haben: Auf die Kik-Konsumentin wird herabgeschaut, sie wird kritisiert, weil sie diese verwerflichen Produkte kauft. Der Nespresso-Käufer hat eher einen besonderen Status. Das ist Kult, ist »in«. Also: Die Schuld wird immer denen zugeschrieben, die billige Produkte einkaufen. Und bei den teuren hält sich immer noch das Märchen, es sei irgendwie doch fairer und umweltbewusster produziert.

Für Nespresso wirbt eine Person, George Clooney, die sich in vielen Bereichen des Lebens als politisch gibt. Und auch als tendenziell links gilt. Damit bekommt auch das Produkt einen schicken und zeitgemäßen Anstrich. Rasch, sauber und ohne Rückstände, so konsumiert man heute, vermeintlich. Das suggeriert Nespresso auch. Ein vollkommen überflüssiges Produkt, das unglaublich viel Energie verschwendet und Müll produziert, wird auch noch ins Avantgardistische gewendet. So entsteht die absurde Situation: Es wird exzessiv ökologisch verwerflich konsumiert, aber das auf hohem Wohlfühl-Niveau.

In den 1970er- und 1980er-Jahren sammelte Deutschland nicht nur jeden Joghurtdeckel, sondern wusch ihn auch noch ab, bevor er getrennt deponiert wurde. Wir sind seit langem also die Obermülltrenner der Welt. Und heute sind Nespresso und andere Produkte Erfolgsstories. Wie lässt sich das erklären? Gibt es kein gesellschaftliches Lernen?

Ich denke, ein Grundbewusstsein für Ökologie und Umweltschutz ist in das Alltagsbewusstsein eingesickert. Also: Müll trennen, das gehört dazu. Das ist normal. Ich behaupte, dass dieses Angrünen – und nun sage ich es mal ausdrücklich – des Nach-Nazideutschlands auch deshalb wichtig war, um sagen zu können: Wir sind die weltgrößten Umweltschützer. Wir haben Respekt vor Natur und den natürlichen Grundlagen des Lebens, und das soll uns mal jemand nachmachen. Auch die Energiewende hat damit zu tun. Weltmeister sein in Sauberkeit, das ist uns wichtig. Mein Schluss daraus: Auf der Grundlage dieses angegrünten Fundamentes kann man dann gern auch die Sau rauslassen. Jedes Jahr eine Weltrundreise, den SUV kaufen, zwei bis drei Autos vor dem Haus – aber die beiden Joghurts pro Woche selbstverständlich nur im Bioladen kaufen. Wir halten uns ökologisch gesehen für die Saubermannnation.

Niemand muss diese Produkte kaufen. Es sind freiwillige Entscheidungen von Millionen Menschen. Was ist der Auslöser: die Werbung?

Die Werbung spielt eine Rolle. Und zwar eine Werbung, die für ein besonderes Lebensgefühl wirbt. Und es schafft, dieses zu erzeugen. Der locker-leichte Alltag mit George Clooney. Es spielt aber auch eine wesentliche Rolle, dass dies alles überhaupt gesetzlich erlaubt ist. Wo Staat und Behörden doch sonst so vieles reglementieren. Warum wird denn so ein Produkt überhaupt zugelassen? Warum werden dem Unternehmen nicht wenigstens strenge Auflagen für das Recycling gemacht? Weil das nicht gemacht wird, deshalb haben alle den Eindruck, was soll`s, es ist erlaubt, es ist gewollt, es ist gesellschaftlich akzeptiert. Wir reden von Energiesparen, vom Umweltschutz. Und hier wird einfach so ein Produkt zugelassen, das alles konterkariert, was Politik und Gesellschaft ansonsten in Sachen Energiesparen und Umweltschutz versuchen, auf die Beine zu stellen. Nespressoparty im wärmegedämmten Eigenheim. Absurder geht es nimmer.

Hängt das nicht mit unserem merkwürdigen Freiheitsbegriff zusammen? Jedes verbotene Produkt ein Anschlag auf die Demokratie?

Sobald es darum geht, die Vielfalt der Produktauswahl zu begrenzen, und seien sie noch so unsinnig und schädlich, gehen in dieser Gesellschaft tatsächlich die Alarmlampen an. Als ob die persönliche Freiheit in ihrem Kern bedroht sei. Bei Nespresso kann es nur eine kluge politische Entscheidung geben: Entweder wird wegen mutwilliger Umweltschädigung einfach der Vertrieb in Deutschland und der EU untersagt. Warum denn nicht? Oder das Produkt und ähnliche andere werden so hoch besteuert, dass mindestens der messbare Teil der gesellschaftlichen Kosten wieder reinkommt. Die Politik kann das machen. Oder sagen wir: sie könnte. Es gibt sehr gute Gründe dafür. Das ist das Naheliegendste auf der Welt.

Das Interview ist Teil des OXI-Schwerpunktes »Wer arbeitet für unseren Wohlstand?« in der Mai-Ausgabe 2017. Weitere Artikel zum Thema auf oxiblog.de: Wie leben, wie arbeiten wir? Den Alltag politisieren, Externalisierungsgesellschaft – läuft die denn endlos?, Palmöl – Das Fett im Essen und im Tank und Feuchttücher und Feminismus

Literaturtipp zum Weiterlesen:

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Verlag Hanser, Berlin 2016, 224 Seiten, 20 Euro.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater