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Warnstreiks bei Tageszeitungen: Der OXI-Überblick zur Tarifrunde für RedakteurInnen

10.03.2018
Pexels / Pixabay

Tarifkonflikte bei Tageszeitungen sind nicht eben die großen Nachrichtenmacher. Oder wussten Sie, dass es am Freitag Warnstreiks gab? Was fordern DJV und dju? Was bieten die Verleger? Und wie ist die Lage in der Branche? Ein OXI-Überblick.

Bei mehreren Zeitungen hat es am Freitag Warnstreiks der RedakteurInnen gegeben, darunter waren KollegInnen der »Augsburger Allgemeinen«, von mehreren Stuttgarter Blättern und der »Neuen Westfälischen«. Bei der Gewerkschaft ver.di heißt es, dies sei »ein erstes Zeichen der Unzufriedenheit mit den derzeit laufenden Tarifverhandlungen für Tageszeitungsredaktionen«. Und der DJV-Verhandlungsführer Kajo Döhring fordert für die auf Montag terminierte dritte Verhandlungsrunde »nach den Ablenkungsmanövern« der Verlegerunternehmen, »dass wir auf den Punkt kommen«. Für die Vertretungen der RedakteurInnen, Volos und Freien bei den Tageszeitungen heißt das: 4,5 Prozent mehr Einkommen, mindestens 200 Euro mehr für Volontäre und Jungredakteure und das bei einer Laufzeit von 12 Monaten.

Die Zeitungsverleger haben bisher für die 13.000 RedakteurInnen und Freie der Zeitungen nur 2,4 Prozent Plus beim Gehalt angeboten – und das zudem in zwei Schritten und für eine Laufzeit von 30 Monaten. Ver.di-Sekretär Rudi Kleiber wird mit den Worten zitiert: »Das Angebot der Zeitungsverleger ist völlig ungenügend, es ist eine Zumutung und ein verheerendes Signal für die Redaktionen.« Grund für die Empörung bei den Gewerkschaften: Dies würde die Zeitungsmacher weiter deutlich von der allgemeinen Einkommensentwicklung abhängen. Das BDZV-Angebot würde laut Lesart der Gewerkschaften eine Tariferhöhung von weniger als einem Prozentpunkt jährlich bedeuten. Unter dem Strich hätten die RedakteurInnen und Freien praktisch wegen der Teuerung weniger im Portemonnaie.

Hinzu kommt: In letzter Zeit sind laut DJV »immer mehr Verlage dazu übergegangen, die Tarifbindung zu umgehen. Zu den genutzten Fluchtwegen gehören das Outsourcen von Redakteuren in eigenständige, nicht tarifgebundene Gesellschaften, der Einsatz von Leiharbeitnehmern in den Redaktionen sowie die so genannte OT-Mitgliedschaft im Verlegerverband« – das heißt »ohne Tarifbindung«. Eine Übersicht dazu gibt es hier.

Was sagen Unternehmerverband und Gewerkschaften?

Der Unternehmerverband lässt sich bisher nicht beeindrucken. Verhandlungsführer Georg Wallraf äußerte stattdessen die Erwartung, dass die Gewerkschaften mehr Kompromissbereitschaft zeigten. Deren Forderungen lägen »über den Möglichkeiten der Unternehmen«. Schon zuvor hatten die Verleger erklärt, das Tageszeitungsgeschäft befinde »sich seit Jahren in einem digitalen Transformationsprozess«. Dabei würde viel investiert, »um die Zukunft guter journalistischer Leistung zu sichern und ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen«. Höhere Löhne wie von den Gewerkschaften gefordert seien da nicht faktisch mehr drin. Und natürlich kann der BDZV auch auf eine eigene Studie verweisen, laut der es vor allem Berufsanfängern gar nicht unbedingt um eine überproportionale Anhebung der Einstiegsvergütungen gehe.

Die Gewerkschaft hält dagegen. »Die Arbeit, mit der das Geld verdient wird in den Verlagen, die Arbeit, die den Kern der Verlagsprodukte darstellt, die Arbeit, die sich in den vergangenen Jahren rasant verändert hat und nun maßgeblich auf diversen Kanälen im Internet stattfindet, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr«, so wird bei ver.di der Job der TageszeitungsmacherInnen geschildert. »Zwar räumen die Verlegervertreter ein, dass die wirtschaftliche Situation in den Medienhäusern sich stabilisiert und bestätigen damit die Beobachtungen der Kolleginnen und Kollegen in den Betriebsräten.« Die Arbeit in den Zeitungsredaktionen müsse attraktiver werden, dies sei nicht zuletzt eine Voraussetzung der Pressefreiheit.

Der Druck in den Redaktionen steige wegen der neuen digitalen Ausspielwege und des Arbeitsplatzabbaus der vergangenen Jahre kontinuierlich. Zu den Warnstreik heißt es, diese Aktionen »sind nur der Anfang«. Auf die von den Gewerkschaften »geforderte Attraktivitätsoffensive für den Nachwuchs gehen die Verleger gar nicht ein. Das erzürnt, denn damit wird billigend in Kauf genommen, dass die Jungen sich Arbeit zu besseren Bedingungen in Pressestellen oder in der Werbung suchen und auch finden. Das erleben unsere Kolleginnen und Kollegen in vielen Redaktionen. Perspektivisch entstehen so ernsthafte Probleme für die journalistische Arbeit, die den maßgeblichen Anteil der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Medienhäuser ausmacht«, sagt dju-Verhandlungsführer Matthias von Fintel.

Wie ist die Lage in der Branche?

Laut BDZV erscheinen zurzeit bundesweit 327 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 14,7 Millionen Exemplaren. Die Umsätze der Zeitungsverlage lag 2016 bei insgesamt 7,56 Milliarden Euro – »im Vergleich mit dem Vorjahr gab es damit einen Rückgang. Allerdings spiegeln die wirtschaftlichen Daten des klassischen Printmarkts auch nur einen Teil der Verlagsumsätze wider. Das achte Jahr in Folge fielen die Einnahmen aus dem Vertrieb der Zeitungen in Deutschland deutlich höher aus als die Einnahmen aus Anzeigen und Werbung«, so der Unternehmerverband. Die Netto-Werbeeinnahmen der Tages- und Wochenzeitungen lagen 2016 bei 2,7 Milliarden Euro.

In den informationsreichen Quartalsberichten zur deutschen Medienwirtschaft, die Gert Hautsch für ver.di regelmäßig zusammenstellt, heißt es: »Die Vertriebsumsätze der Zeitungsverlage nehmen weiter zu. Von 2013 bis 2016 sind sie um 184 Millionen Euro oder um 3,9 Prozent gestiegen – 1,3 Prozent im Jahresdurchschnitt. Angesichts gesunkener Auflagen kann der Grund nur in Preiserhöhungen liegen. Da die Werbeeinnahmen deutlich stärker gesunken sind (minus 13,7 Prozent in drei Jahren), haben auch die Branchenerlöse abgenommen. Der Anteil der Einnahmen aus Reklame hat 2016 nur noch 35 Prozent der gesamten Umsätze der Tageszeitungen betragen.« Die verkauften Auflagen der Zeitungen sind laut IVW auch 2017 weiter im Negativtrend – sie sank gegenüber 2016 um 4,3 Prozent, beim »harten Verkauf«, der nur die wirklich über Abo und Kiosk veräußerten Exemplare summiert, sogar um 5 Prozent.

Das Geschäft mit digitalen Ausgaben aller denkbaren Arten wächst zwar weiter. Laut dem Branchendienst pv Digest haben sich die Erlöse der Presseverlage aus Paid Content in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt – auf rund 320 Millionen Euro. Davon resultieren 80 Prozent aus dem Verkauf von ePapers, aus Online-Bezahlmodelle und Zeitungs-Apps. Doch das digitale Kuchenstück ist immer noch vergleichsweise klein: »Alles in allem steuern die digitalen Angebote 3,3 Prozent zum Branchenumsatz der Zeitungsverlage bei«, so Hautsch. Der Medienexperte Horst Röper formuliert es so: »Die größte Herausforderung der Verlage ist entsprechend, die Unternehmen auf die gesunkenen Einnahmen einzustellen und jenseits des Printmarktes neue Einnahmen zu erschließen.«

Zu berücksichtigen ist, dass es gravierende Unterschiede zwischen Verlagsunternehmen auf dem Zeitungsmarkt gibt. Hinzu kommt, dass sich das Tageszeitungsgeschäft in einem großen Rahmen der Medienproduktion bewegt, welcher natürlich Einfluss auf Entwicklungen nimmt. Einen größeren Fokus auf die gesamte Branche legt der »German Entertainment & Media Outlook 2018 – 2021« der Unternehmensberater von PricewaterhouseCoopers: »Zum einen wächst die deutsche Medien- und Unterhaltungsindustrie insgesamt stärker als es in der öffentlichen Diskussion oftmals den Anschein hat. So stieg der Umsatz in der Branche 2016 um 2,7 Prozent. Bis 2021 rechnen wir mit einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von 2,4 Prozent. Zum zweiten sind die Auswirkungen der Digitalisierung so gewaltig, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die digitalen Erlöse erstmals die analog generierten Einnahmen übertreffen werden.«

 

Geschrieben von:

OXI Redaktion