Wirtschaft
anders denken.

Warum wir uns privates Grundeigentum nicht mehr leisten können – der OXI-Filmtipp

08.11.2017
aus dem Trailer

Der Dokumentarfilm »The Property Drama« setzt eine zentrale gesellschaftspolitische Frage auf die Agenda: das private urbane Grundeigentum als Ur-Ungerechtigkeit. Nur wenn hier radikal neue Wege gegangen werden, können Stadtgesellschaften wieder gestaltungsfähig werden.

Von der politischen Ökonomie des Bodens und des Grundeigentums ist mit Blick auf die Agrarfrage, die Nahrungsgüterproduktion und die Landwirtschaft im aktuellen Schwerpunkt der Printausgabe von OXI immer wieder die Rede. Jetzt könnte ein kurzer Dokumentarfilm die Debatte über Grundeigentum in Städten, die Wohnungsfrage und die soziale Verdrängung beleben: »The Property Drama«.

Schon der Trailer zu dem Streifen von Filmemacher Christopher Roth sowie dem Zürcher Architekten und Theoretiker Arno Brandlhuber lässt erahnen, dass es hier nicht bloß um Gentrifizierungsfragen und die Möglichkeiten des sozialen Wohnungsbaus und anderes geht, sondern um eine Kernfrage: Können sich es Gesellschaften überhaupt leisten, dass Boden Privateigentum ist?

Warum schweigt die Gesellschaft dazu?, fragt der Sozialdemokrat Vogel

Das sozialdemokratische Urgestein Hans-Jochen Vogel hat seinen Auftritt in dem Film, er sagt dort Denkwürdiges: Ohne Grund und Boden zu beanspruchen, könne man nicht leben. Daher müsse es gleichgesetzt mit Luft und Wasser sein, was auf öffentliche Güter hinauslaufen könnte. Vogel, Bürgermeister unter anderem in Berlin und München, rechnet in dem Film vor, dass der Bodenpreis in der Isarmetropole von 1950 bis 1972 um 352 Prozent gestiegen sei »und bis heute um etwa 36.000 Prozent«. Und dann frag er: »Warum schweigt die Gesellschaft dazu, warum ist das überhaupt kein Problem, das auf der Tagesordnung erkennbar ist?«

Niklas Maak hat den Film in der »Frankfurter Allgemeinen« zum Thema gemacht, und auch dieser Text ist eine Erwähnung wert. »The Property Drama« habe mit der Bodenpolitik zu tun »und einer daran anknüpfenden Spekulationskultur, die die Stadt als Zivilisationsmodell und als Ort für alle aushöhlt«. Erzählt werde »was passierte, als die öffentliche Hand sich vermehrt von der Kontrolle über den Boden zurückzog und ihn dem Spiel der Marktkräfte überließ und in der Folge die städtische Baupolitik endgültig vor wirtschaftlichen Privatinteressen kollabierte«. Und, auch das sagt Maak: Der Film tue das auf »eine so eindringliche Weise, dass man ihn zum Pflichtprogramm an Schulen und in Behörden erklären möchte«.

Es geht um uns selbst: »De te fabula narratur!«

Im Trailer wird ein Satz aus dem Vorwort von Karl Marx zu seinem ersten Band von »Das Kapital« eingeblendet: »De te fabula narratur!« Das lateinische Zitat steht da nach einem Satz, den der Alte aus Trier direkt an die deutschen Leser richtet, die »pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, daß in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn«. Ihnen müsse er, so Marx, zurufen: »Über dich wird hier berichtet!«

Und so ist es auch mit diesem Film, der etwas zum Thema macht, das schon lange nicht nur die ärmeren Bevölkerungsteile zu spüren bekommen, die von Mietenexplosionen aus den Innenstädten vertrieben werden. Sondern längst auch Besserverdienende, der Handel, ja der ganze politisch-ökonomische Komplex der Urbanität. Gestellt wird, hier kann man noch einmal Maak zitieren, »eine alte, aber ungelöste und wesentliche Frage«: Die »nach Grundbesitz und Bodenspekulation als den eigentlichen politischen Bedingungen von Architektur und Städtebau«. Wenn die materielle Basis von Stadtgesellschaften eine politische Steuerung dessen verhindert, was eine Stadt ausmachen kann, hat demokratisches Gemeinwesen generell ein großes Problem.

Warum nicht Nutzungsrechte statt Eigentumstitel?

»The Property Drama« lässt Verteidiger des Privateigentums an Grund und Boden zu Wort kommen – bringt aber vor allem alternative Ideen (wieder) in die Debatte, Vorstellungen, die von der ganz entgegengesetzten Richtung dessen denken, das man heute das »allgemeine Bewusstsein« nennen könnte. Warum nicht die Idee des privaten Grundeigentums selbst als die Anomalie ansehen, statt »nur« die daraus erwachsenden Spekulationsfolgen? Warum stehen nicht Nutzungsrechte statt Eigentumstitel im Vordergrund, warum können nicht Gemeinwesen Eigentümer bleiben und leidlich Erbbaurechte vergeben?

Maak bringt ein Zitat des Sozialphilosophen und Bodenreformers Henry George in Erinnerung: Die »Aneignung des Grund und Bodens, auf dem und von dem alle leben müssen, als ausschließliches Eigentum einiger weniger«, sei die ursprüngliche, fundamentale Ungerechtigkeit, aus der »alle jene anderen Ungerechtigkeiten« fließen, »welche die moderne Entwicklung hemmen und in Gefahr bringen; welche den Produzenten der Güter zur Armut verdammen und den Nichtproduzenten im Luxus schwelgen lassen; welche neben den Mietskasernen Paläste erbauen, das Bordell hinter die Kirche setzen und uns zwingen, gleichzeitig neue Schulen und neue Gefängnisse zu eröffnen«.

Geschrieben von:

Svenja Glaser