Wirtschaft
anders denken.

Ein Thriller hart an der Realität

02.06.2017
Foto: peripathetic / flickr CC BY-NC-SA 2.0Wo Kapitäne des Kapitalismus schalten und walten.

Was uns in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen und in Verlautbarungen der Politik, in Reden und Abkommen, wissenschaftlichen Untersuchungen und Sachbüchern über Wirtschaft erzählt wird, verhandelt auch die Literatur. Manchmal, nein oft, ist es erhellender, einen Roman zu lesen, um sich darüber klar zu werden, wie sich die Dinge entwickelt haben, worauf wir zusteuern und in welchem Schlamassel wir stecken. Und ob es ernste oder Unterhaltungsliteratur ist, die uns erhellt, sei allen überlassen, die genug haben von den ewig gleichen Wortstanzen. Allemal kann es ein Vergnügen sein. Wenn auch oft ein beängstigendes.

Geiselnehmer haben die 21 reichsten Männer der Welt in ihrer Gewalt. Wer sie sind und was sie eigentlich wollen, sei hier nicht geschrieben. Ihre Forderungen jedenfalls sind politisch begründet und emotional aufgeladen:

Philip Kerr: Der Coup. Thriller, rororo, Reinbek 2004

»Diese verschworene und verschwiegene Bruderschaft des obszönen Reichtums ist mächtig genug, um über wichtige Dinge – Preise, Inflation, Zinssätze, Arbeitsplätze – zu bestimmen, ohne sich an die normalen demokratischen Institutionen zu halten. Inwiefern? Insofern, als sie das Bankenwesen, die Geldmenge und die Märkte kontrollieren. Und während sie immer noch reicher und mächtiger werden, werden die Armen immer ärmer. (…) In der Welthandelsorganisation bestimmen nicht demokratische gewählte Leute die Politik, die dann von gewählten Regierungen umgesetzt wird: Politik in Sachen Umwelt, soziale Programme, Arbeitsplätze, Gesundheit und Drittweltschulden. Die von der WTO zuwege gebrachten Handelsabkommen verleihen jedoch den transnationalen Konzernen, deren oberste Richtschnur der Profit der Aktionäre ist, nur noch mehr Macht. WTO könnte auch für Weltkonzerne tyrannisieren Ohnmächtige stehen. Für jeden Dollar, der an Entwicklungshilfe in die dritte Welt geht, kommen neun Dollar an Zinszahlungen zurück. (…) Business und Kapitalismus haben der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und den sozialen Institutionen den Krieg erklärt. Wir glauben, dass es an der Zeit ist, unsererseits Business und Kapitalismus den Krieg zu erklären.«

Die Sprache der Geiselnehmer ist wahrlich bildhafter, verständlicher und schöner als jedes Wahlprogramm einer linken Partei. Obwohl auch die sich anstrengen, das ist wahr:

»Wir kämpfen für eine Gerechtigkeitswende. Die gibt es nicht zum Nulltarif, nicht für warme Worte und nicht ohne Konflikt mit Konzernen, Superreichen und ihren politischen Verbündeten. Der Einfluss der Reichsten in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist groß: Wer hat, dem wird gegeben. Ihre Interessen und ihre Macht reichen um den Globus, befördern Freihandel und Konkurrenz und Kriege, die zu Flucht und Vertreibung führen. Große Konzerne beherrschen zunehmend das Internet. Der Zugang zu guter Bildung und Arbeit bleibt Vielen verschlossen. Die Kluft zwischen starken und schwachen Regionen, reichen und armen Stadtvierteln vergrößert sich.« (Präambel Entwurf Wahlprogramm DIE LINKE 2017)

Aber wie oft haben wir nun schon von der Kluft zwischen dem und jenem gehört und gelesen? Von der Schere zwischen Arm und Reich, der notwendigen Umverteilung von oben nach unten?

Die Geiselnehmer: »Wir fordern nichts Geringeres als die Auflösung der WTO. Den totalen Schuldenerlass für die Dritte Welt. Die gesetzliche Vierzig-Stunden-Woche (ja, es sind US-amerikanische Geiselnehmer, da ist man mit 40 Stunden schon zufrieden) und einen Mindestlohn von zehn Dollar. Und das Ende der Kuba-Blockade (inzwischen ist Castro tot und Kuba wird eingemeindet). Die Kennzeichnung aller gentechnisch veränderten Lebensmittel. Die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls über die Reduktion der Treibhausgase (das Rahmenabkommen der Vereinten Nationen zum Klimaschutz wurde 1997 beschlossen und von 191 Staaten sowie der EU ratifiziert, die USA gehören nicht dazu, Kanada stieg 2011 aus dem Abkommen aus). Wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden, wird diese schwerwiegendste Folgen für die hier versammelten Kapitäne des Kapitalismus haben.«

In Büchern geht, was im Leben nicht funktioniert. Vielleicht hat Sonneborns Spaßpartei Die Partei bei Kerr geklaut, als sie 2013 auf einer Großfläche versprach: »Wenn Sie uns wählen, lassen wir die hundert reichsten Deutschen umnieten.«

Die Geiselnehmer in Der Coup gehen es ein wenig tiefsinniger an, auch wenn sich recht schnell herausstellt, dass alles ganz anders ist. Und doch ist bei den Überlegungen derer, die dafür zuständig sind, die Geiselnahme unblutig zu beenden der wichtigste Beweggrund die Erkenntnis, dass:

»Aber wenn sie sie nicht rauskriegten, wenn die Geiseln umkamen, dann konnte das der größte Crash aller Zeiten werden – schlimmer als 87, schlimmer als 29.«

Im Buch sagt der Verleger Steve Forbes in einem Interview zur ökonomischen Bedeutung derer, die in Geiselhaft genommen wurden: »Ich glaube, man kann die Bedeutung dieser Männer gar nicht überschätzen. Nicht nur im Kontext der amerikanischen Wirtschaft, sondern für die gesamte Weltwirtschaft. Die einundzwanzig Geiseln in Cloudcraft sind gewissermaßen der Maschinenraum des modernen Kapitalismus und Unternehmertums. Ihre Position auf der Forbes-Liste spiegelt nicht nur die Geldsummen, die sie besitzen, sondern vor allem ihre Tüchtigkeit als Geschäftsleute und somit auch den Wohlstand, den sie für andere produzieren.«

Thriller her oder hin, Unterhaltungsliteratur oder nicht, so denken und sehen es viele: Einige wenige Männer bestimmen in deren Augen darüber, ob der Laden weiterläuft oder nicht, ob Staaten fallen oder nicht, die Megamaschine schnurrt oder nicht. In Wahrheit jedoch wird sich, wenn diese Männer weg sind, nichts ändern, lediglich Namen werden ausgetauscht. Die Spieler sind nicht für die Spielregeln verantwortlich, nur dafür, dass sie mitspielen. Und auf der Ersatzbank sitzen Tausende, die an dem Spiel nichts ändern, stattdessen nur selbst dabei sein wollen.

Philip Kerr hat sich trotzdem ordentlich an der Realität orientiert. Und dreizehn Jahre nach Erscheinen des Buches ist es immer noch so, wie es war, als er diesen Thriller schrieb.

Philip Kerr: Der Coup. Thriller, rororo, Reinbek 2004.

Weitere Buchempfehlungen von Kathrin Gerlof: Der Susan Effekt und Die Filmerzählerin.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin