Wirtschaft
anders denken.

»Ungleichheit ist gerecht, weil sie leistungsgerecht ist« Wie bitte? Mythen zur sozialen Lage in Deutschland, Teil VI

26.11.2018
Illustration: Marie Geissler

Sind die »Armen« in Deutschland gar nicht arm? Ist Ungleichheit »leistungsgerecht«? Fehlt es Deutschland bloß an Chancengleichheit? Dass Einkommen und Vermögen hierzulande krass ungleich verteilt sind, ist allgemein bekannt. Aber wie läuft die Debatte? Wir haben uns einige der gängigen Rechtfertigungen für die bestehende Ungleichheit und Lösungsargumente angesehen. Eine »Oxi«-Serie.


»Ungleichheit ist tatsächlich auch die Konsequenz unterschiedlicher Bildungs- und Ausbildungsbereitschaft. Sie ist auch die Folge von unterschiedlichem Arbeitseinsatz und von unterschiedlichen Vorstellungen vom eigenen Leben.« (Astrid Freudenstein, CSU-Politikerin)

Was wird gesagt?

Dass Einkommen ungleich sind, ist angemessen. Denn die Menschen sind unterschiedlich leistungsfähig. »Während die Tüchtigen aufsteigen […], werden in einer arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft nach ›unten‹ vor allem jene abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust oder ganz schlicht ein bisschen dümmer und fauler sind.« (Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, 2010)

Was ist dran?

Es handelt sich hier um eine Variante des »Produktivitätsarguments«. Zunächst scheint die Schlussfolgerung einleuchtend – mehr Leistung, mehr Einkommen. Doch was ist »Leistung«, wie misst man sie? Offensichtlich nicht daran, wie wichtig eine Tätigkeit gesellschaftlich ist. Sonst würden absolut notwendige Tätigkeiten wie Altenpflege und Gebäudereinigung nicht so schlecht bezahlt und Jobs wie Aktienhändler nicht so gut. Auch wie anstrengend ein Job ist, scheint kein Maßstab zu sein. Eher gilt: Je anstrengender, »dreckiger« eine Tätigkeit ist, umso schlechter wird sie entlohnt. Auch die Länge des Arbeitstags erklärt nicht die unterschiedlichen Bezahlungen.

Was also ist mit »Leistung« gemeint? Ökonom_innen messen sie an der »Produktivität«. Wie kann man die messen? Gesamtwirtschaftlich, indem man die Wirtschaftsleistung eines Jahres – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – durch die Gesamtzahl der Beschäftigten teilt (BIP je Beschäftigte). Pro Betrieb, indem man den Umsatz oder den Gewinn eines Unternehmens durch die Zahl seiner Beschäftigten teilt. Der Umsatz oder Gewinn je Arbeitnehmer_in entspricht dann ihrer bzw. seiner Leistung.

Das aber bedeutet: Was bei »Leistung« zählt, ist allein der Markterfolg eines Unternehmens. Verkauft sich das Produkt, so erwirtschaftet der Betrieb Umsatz und die Beschäftigten haben etwas geleistet. Nur wenn das Produkt profitabel für den Betrieb ist, fällt ein Gewinn je Mitarbeiter_in an.

Die »Leistung« von Beschäftigten besteht also nicht in ihrer Anstrengung, in ihrem Einsatz, ihrer Motivation. Sondern allein darin, dass der Betrieb rentabel arbeitet. Das wiederum hängt von vielen Dingen ab: der Konjunktur, der Konkurrenz, den Werbemaßnahmen, den Wechselkursen, den Rohstoffpreisen, den Steuern und so weiter.

Daraus folgt erstens: Gerät ein Land in eine Krise, steigt die Arbeitslosigkeit und drückt auf Löhne und Gewinne, und damit sinkt die Leistung der Arbeitnehmer_innen, auch wenn sich ihre Tätigkeit nicht geändert hat.

Zweitens: Selbst wenn Beschäftigte vollen Einsatz bringen, selbst wenn sie 24 Stunden hart arbeiten und ein gutes Produkt herstellen – verkauft sich das Produkt nicht mit Gewinn, haben sie ökonomisch gesehen nichts geleistet.

Und drittens: Lohn und Leistung können sich auch gegensätzlich verhalten: Sinkt der Lohn, produziert der Betrieb billiger, verkauft mehr, erhöht Umsatz und Gewinn. Die »Leistung« der Arbeiter_innen hätte mithin darin bestanden, bei gleicher Tätigkeit weniger zu verdienen.

Die Rede von der »Leistungsgerechtigkeit« ist somit Ideologie. Ihre Vertreter_innen schließen schlicht vom Einkommen eines Menschen (Lohn oder Gewinn) auf seine Leistung nach dem einfachen Muster: Wer viel verdient, muss wohl viel geleistet haben – sonst hätte er ja nicht so viel verdient! Umgekehrt gilt ein geringverdienender Mensch als »leistungsschwach«.

In dieser Sichtweise ist der Markt ein Mechanismus, der die individuellen Unterschiede der Menschen gerecht bewertet. Das Markteinkommen entspricht somit der vermeintlichen «Leistung». Von dieser Leistung wird dann zurückgeschlossen auf angeborene oder erworbene Eigenschaften der Arbeitnehmer_innen – auf ihre Intelligenz, ihre Motivation, kurz: ihre »Leistungsfähigkeit«. Damit ist das Markteinkommen individualisiert.

Der Übergang zum Sozialdarwinismus fällt dann leicht: Wer nichts verdient oder arbeitslos ist, der oder die ist halt zu dumm oder faul – eben »leistungsschwach«. Leicht fällt auch der Übergang zu Nationalismus und Wohlstands-Chauvinismus: Wenn Griechenland in der Krise ist, dann sind die Griech_innen wohl »faul« gewesen.

Leistungsgerechtigkeit ist die Ideologie der Gewinner_innen der Marktkonkurrenz. Sie können sich ihre Erfolge als gerechtes Ergebnis ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit zuschreiben. Die Erfolglosen, die Arbeitslosen, Armen, Geringverdienenden wiederum müssen sich wegen ihrer Leistungsschwäche schämen, sich mehr anstrengen – und vor allem keine Forderungen an die Erfolgreichen stellen.

Anmerkung: Dass der Markt die Leistung der Menschen angemessen vergütet – dies halten viele Menschen nicht für eine Realität: »Der X verdient mehr als ich, obwohl er stinkfaul ist« oder »Die Y verdient weniger, obwohl sie viel tüchtiger ist als die Z.« Hinter solchen Beschwerden steckt die Vorstellung einer Entsprechung von Lohn und angenommener Leistung – eine Entsprechung, die »eigentlich« gelten müsste, gegen die aber immerzu verstoßen wird. Diese Verstöße führen jedoch nicht zu einer Kritik an der falschen Vorstellung, dass der Lohn der Leistung entspreche, sondern bloß zu einer Kritik an den Zuständen, die dieser falschen Vorstellung nicht entsprechen.

Diese Serie behandelt Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland. Sie basiert auf der Publikation »luxemburg argumente«, die 2016 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde. Wo es möglich war, wurden Daten aktualisiert. Illustration Marie Geißler, www.mariegeissler.de. Die Broschüre ist derzeit nur online bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhältlich.

Geschrieben von:

Eva Roth

Stephan Kaufmann

Journalist