Unser Jeff

31.08.2016
Jeff Bezos im Bayerischen Hof in München, 2012.Foto: Victoria Bonn-Meuser / dpaLegt »im Wochentakt mit neuen Ideen nach« (Wirtschaftswoche): Amazon-Chef Jeff Bezos.

Wenn es um erfolgreiche Unternehmer, echte Macher wie den Amazon Chef Jeff Bezos geht, kriegen sich die Redakteure der Wirtschaftswoche kaum ein vor Bewunderung.

»Jeff Bezos arbeitet an der Verwirklichung seines Traums: an einem Konzern, der keine Grenzen kennt. Amazon ist ein Unternehmen im Zustand permanenter Revolution.« So beginnt ein Artikel in der Wirtschaftswoche (Ausgabe 34/2016) mit dem Titel »Jeffs Welt« (Online: »Jeff Bezos‘ ewige Wachstumsformel«). Dieser Titel suggeriert uns Nähe zu einem, der es geschafft hat. Nicht Bezos, nicht Jeff Bezos, wir reden und schreiben über Jeff. Könnte unser Kumpel, Nachbar, Trinkbruder, ziemlich bester Freund sein. Der vielseitige Text verkündet Bewunderung für einen Mann der »mit allen guten Benimmregeln des modernen Managements bricht«. Das täten wir alle auch gern. Mit Benimmregeln brechen. Benimmregeln sind was für ältere Damen, die schwarze Seidenkleider und Perlenketten tragen und nach Lavendel duften. Nicht gut für Erfolg. Aber nett.

Unaufhaltsam, unser Jeff

Auch wenn der Artikel die eine oder andere kritische Anmerkung zu Geschäftsmethoden, Umgangsformen und Größenwahn des Beschriebenen enthält, ist der Tenor des Textes die schiere Bewunderung. Bezos hält »das Umsatzrad in Schwung«, ist »getrieben vom Willen zu Umbruch, Wachstum, Avantgarde und Alleinherrschaft« und »dockt überall da an, wo Menschen (ökonomisch) agieren«. Ein Ende der »Wachstumsstory« ist nicht in Sicht, stattdessen »legt Bezos beinahe im Wochentakt mit neuen Ideen nach, die das Schwungrad antreiben sollen«. Die Geschichte von Amazons Aufstieg »ist die Geschichte eines Unternehmens, das die unternehmerische Revolution institutionalisiert hat«.

Das wird wohl alles stimmen, denn man kann es auf jeden Fall so sehen. Man könnte auch fragen, welche Bedingungen gegenwärtig solche Geschichten, wie die von Amazon ermöglichen. Und ob das gute Bedingungen für viele oder für wenige sind. Wäre jetzt aber nicht zwingend Aufgabe der Wirtschaftswoche. Ungebrochene Bewunderung aber vielleicht auch nicht.

»Jeff Bezos wirkt mit seiner schmalen Statur und dem prägnanten Kahlkopf wie ein asketischer Mönch, sein Reichtum indes ist märchenhaft.« Adjektive, man kann es gar nicht oft genug schreiben, schaden der Gesundheit, vor allem dem Verstand. Prägnant, asketisch, märchenhaft. Wie soll man da noch einen kritischen Geist bewahren? Bei märchenhaftem Reichtum zum Beispiel denken wir doch auch nicht mehr daran, ob der vielleicht auf dem Export von Gerätschaften basiert, mit deren Hilfe anderswo Leute ermordet werden. Das hat jetzt aber nichts mit Amazon zu tun.

Tut alles, weiß alles: Amazon liebt seine Kunden

»Ich bin besessen davon, dass unsere Kunden zufrieden sind.« Das Blatt weiß solche Leidenschaft zu schätzen: »Für ihn (den Kunden, d.R.) tut Amazon alles, und, wichtiger noch: Über ihn weiß Amazon alles. Der Konzern kann mit verblüffender Verlässlichkeit vorhersagen, was für seine Kunden von Interesse ist, weil er deren Surferverhalten ausliest und analysiert und Informationsströme zu Algorithmen verrichtet.« An dieser Stelle wäre ein Adjektiv vielleicht auch mal nett gewesen. Aber nicht unbedingt »großartig«, stattdessen vielleicht »gruselig«. Doch nein, es folgt, dass »Bezos will, dass Amazon wächst, nicht reich wird.« Und selbstverständlich fehlt nicht: »Mit dem Versand von Büchern startete Bezos einst seinen Triumphzug in einer Garage in Bellevue, einem Vorort von Seattle.«

Vielleicht liegt die Erfolglosigkeit so vieler Menschen auf der Welt nur daran, dass sie nicht über eine Garage verfügen. Und vielleicht zählt irgendwann mal irgendjemand all die Garagen in Vororten von Seattle oder anderswo zusammen, in denen Erfolgsgeschichten wie die von Amazon begonnen haben.

Ach so: Um der Wirtschaftswoche nicht Unrecht zu tun. Die Managementmethoden des prägnanten Kahlkopfs Bezos werden als »rigoros-rustikal« beschrieben. Auch zwei hübsche Adjektive und in der Kombination geradezu niedlich. Sie erinnern an Männer, die in ihre Partykellern eine holzverkleidete Bar bauen und den Pirelli-Kalender an die Wand hängen. (Der von 2003 kostet bei Ebay 95 Euro.)

 

Die Redakteure der Wirtschaftswoche sind übrigens nicht die einzigen, die bei Männern wie Jeff Bezos den Verstand verlieren. Es passiert auch zum Beispiel der Süddeutschen Zeitung.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin